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Aram Mattioli, Zeiten der Auflehnung. Eine Geschichte des indigenen Widerstandes in den USA. Stuttgart, Klett-Cotta 2023

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Veröffentlicht/Copyright: 1. Februar 2025
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Rezensierte Publikation:

Aram Mattioli, Zeiten der Auflehnung. Eine Geschichte des indigenen Widerstandes in den USA. 2023 Klett-Cotta Stuttgart, 978-3-608-98348-7, € 28,–


Aram Mattioli, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Luzern, hat mit „Zeiten der Auflehnung“ den Folgeband zu „Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700–1910“ (2017) vorgelegt. Ging es im ersten Band vor allem um Verluste (Menschenleben, Land, Kulturen, Souveränität), unterstreicht der Verfasser im zweiten Band die Widerständigkeit der US-amerikanischen Indigenen. Das ist ein willkommener Schwerpunkt, da viele Deutsche „die Indianer“ weiterhin nur als Opfer sehen, die bis 1890 vernichtet waren. Der Verfasser hingegen betont, dass die American Indians „Geschichte machten“ (S. 24), indem sie als handelnde Subjekte auf nicht selbst gewählte Bedingungen reagierten und um Selbstbestimmung kämpften und kämpfen. Mattioli bringt also die neueren vor allem englischsprachigen Forschungen einem deutschsprachigen Publikum nahe, verbindet diese Forschung jedoch auch mit Konzepten aus der deutschsprachigen Forschung wie „zivilem Ungehorsam“; zudem hat er selber auch viele Quellen zu Rate gezogen. Dementsprechend enthält die Monographie einen reichen Fußnotenapparat und eine ausführliche, nach Themengebieten gegliederte Bibliographie, ist also sowohl für die breite Öffentlichkeit als auch für die Wissenschaft konzipiert und auch gut in der Lehre einsetzbar.

Mattioli integriert den indigenen Widerstand in den USA, wie schon in seinem ersten Band, in globale Kontexte von Siedlerkolonialismus und antikolonialem Widerstand. Dementsprechend beginnt seine Monographie 1911 mit der indigenen Teilnahme am Universal Races Congress in London und endet mit den Protesten gegen die Feiern zum 500. Jahrestag der „Entdeckung“ Amerikas 1992. Wie bereits in seinem ersten Band macht der Autor seine Darstellung anschaulich an Individuen und Fallbeispielen fest, so dass auch Expert*innen noch Neues erfahren.

Das Buch beginnt mit einer ausführlichen, sensiblen Diskussion der zu benutzenden Bezeichnungen mit Verweisen auf individuelle Vorlieben in den USA für „American Indian“, „Indian“, „Native American“, „Native“ und den UNO-Begriff „Indigenous Peoples“. Mattioli entscheidet sich für sein Buch für „Indigene“, „American Indians“ oder „First Peoples“ und „Indianer“ in Komposita wie „Indianerpolitik“. Nach einem kurzen einleitenden Kapitel mit Erläuterung der ethnozidalen Assimilationspolitik der US-Regierung zur Jahrhundertwende und der Situation auf den Reservationen (Mattioli lehnt die Übersetzung „Reservat“ ab) behandelt Mattioli die beiden Weltkriege und Bemühungen um Anerkennung als souveräne Nationen insbesondere der Haudenosaunee, aber auch Kriegsdienstverweigerung von Hopi oder Yakama aus religiösen oder staatsrechtlichen Gründen. Im Kontext des New Deal in den 1930er Jahren, der zwar mehr Anerkennung indigener Kulturen, aber eine Oktroyierung US-amerikanischer Regierungsformen brachte, fokussiert sich der Autor auf die erzwungene Herdenreduzierung bei den Diné/Navajo. Im folgenden Kapitel (ca. 1945–1961) erläutert der Verfasser den Widerstand unter anderem des National Congress of American Indians und betroffener Stammesgruppen gegen die Terminationspolitik der Regierung, aber auch Proteste von Hopi und Tuscarora gegen Kohleabbau oder Flutungen aufgrund von Dammprojekten. Das vorletzte und bei weitem längste Kapitel thematisiert die bekannte Red Power-Bewegung und ihre Widerstandsaktionen. Das letzte Kapitel beginnt mit der gesetzlichen Zusicherung von mehr indigener Selbstbestimmung 1975 und legt die Schwerpunkte auf eher selten behandelte Themen wie den Aktivismus indigener Frauen gegen Zwangssterilisation und Umweltverseuchung in ihrem Kampf um „persönliche Souveränität“ (S. 260), Proteste gegen Umweltrassismus in Form von Uranabbau und Sondermülldepots auf Reservationen, die Internationalisierung des indigenen Widerstandes sowie die teilweise Integration auch indigener Erinnerung durch ein indianisches Denkmal in Wounded Knee und die in einigen Bundesstaaten erfolgreiche Umbenennung des „Columbus Day“ in „Indigenous Peoples Day“.

Insgesamt ist das Buch mit seiner Betonung von (erfolgreicher) Widerständigkeit sehr zu empfehlen. Man hätte noch ein wenig stärker die panindianischen Organisationen der Zeit vor 1944 erwähnen können, aber dafür kommen viele Themen zur Sprache, die oft zu kurz kommen, insbesondere Umweltrassismus und Aktivismus von Frauen. Die Sprache ist gelegentlich ein wenig emotional bzw. umgangssprachlich („scherte sich keinen Deut darum“, S. 23; „Schrottplatz für abgehalfterte Projekte“, S. 81; „herzzerreißenden Aussagen“, S. 282). Beeindruckend ist der Fokus auf der Vielfalt indigener Nationen durch die Vielzahl der plastischen Fallbeispiele, ohne beliebig und verwirrend zu werden durch den wiederholten Rückgriff auf indigene Nationen wie die Haudenosaunee, Diné oder Lakota. Auch innerhalb der Nationen werden die Unterschiede zwischen Traditionals und Progressives immer wieder betont. Insgesamt ist das Buch rückhaltlos empfehlenswert.

Online erschienen: 2025-02-01

© 2025 by Walter de Gruyter, Berlin/Boston

This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License.

Artikel in diesem Heft

  1. Frontmatter
  2. Aufsätze
  3. Wann ist ein Mann ein (Ehe-)Mann? Der Nachweis gleichgeschlechtlicher Ehen und der Geschlechtsfluidität in der römischen Kaiserzeit
  4. Dort schafft man die Kronjuwelen fort ... Objekt-Perspektiven auf die 1848er Revolution
  5. Historische Forschung – Archiv – Verwaltung. Eine zu entdeckende Dreiecksbeziehung als Schicksalsgemeinschaft in digitalen Zeiten
  6. Notker Hammerstein (1930–2024)
  7. Im Blick der Historie
  8. Rezensionen
  9. Thomas Sandkühler / Angelika Epple / Jürgen Zimmerer (Eds.), Historical Culture by Restitution? A Debate on Art, Museums, and Justice. Köln, Böhlau 2023
  10. Aram Mattioli, Zeiten der Auflehnung. Eine Geschichte des indigenen Widerstandes in den USA. Stuttgart, Klett-Cotta 2023
  11. Simon J. Barker / Christopher Courault / Javier Á. Domingo et al. (Eds.), From Concept to Monument. Time and Costs of Construction in the Ancient World. Papers in Honour of Janet DeLaine. Oxford, Archaeopress 2023
  12. Christian Laes / Irina Metzler (Eds.), „Madness“ in the Ancient World. Innate or Acquired? From Theoretical Concepts to Daily Life. Turnhout, Brepols 2023
  13. Jan-Markus Kötter / Maria Osmers / Dorothea Rohde u. a. (Hrsg.), Zum Umgang mit Enttäuschungen in der Antike. Stuttgart, Steiner 2024
  14. Daniel Fallmann, Der Rand der Welt. Die Vorstellungen der Griechen von den Grenzen der Welt in archaischer und klassischer Zeit. (Hypomnemata. Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachbarn, Bd. 220.) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
  15. Irene F. de Jong / Miguel John Versluys (Eds.), Reading Greek and Hellenistic-Roman Spolia. Objects, Appropriation and Cultural Change. Leiden, Brill 2023
  16. Giustina Monti (Ed.), Alexander the Great. Letters: A Selection. Liverpool, Liverpool University Press 2023
  17. Ian Worthington, The Last Kings of Macedonia and the Triumph of Rome. Oxford, Oxford University Press 2023
  18. Christian Marek, Rom und der Orient. Reiche, Götter, Könige. München, Beck 2023
  19. Paul V. Kelly, The Financial Markets of Roman Egypt. Risk and Return. Liverpool, Liverpool University Press 2023
  20. Christian Meier, Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Wilfried Nippel und Stefan Rebenich. Bd. 1: Zur römischen Geschichte. Stuttgart, Steiner 2024
  21. Francisco Pina Polo (Ed.), The Triumviral Period. Civil War, Political Crisis and Socioeconomic Transformations. (Libera Res Publica, Vol. 2. Monografías sobre aspectos institucionales, políticos, sociales económicos, historiográficos, culturales y de género en la Républica romana.) Universidad de Zaragoza 2020
  22. Anthony A. Barrett / J. C. Yardley, The Emperor Caligula in the Ancient Sources. Oxford, Oxford University Press 2023
  23. Guy MacLean Rogers, For the Freedom of Zion. The Great Revolt of Jews against Romans, 66–74 C. E. London, Yale University Press 2021
  24. Clare Rowan, Tokens and Social Life in Roman Imperial Italy. Cambridge, Cambridge University Press 2023
  25. Andrew Wilson / Nick Ray / Angela Trentacoste (Eds.), The Economy of Roman Religion. Oxford, Oxford University Press 2023
  26. Heinz Erich Stiene (Bearb.), Die Gründungsgeschichte der Abtei Brauweiler. Fundatio monasterii Brunwilarensis. Köln, Böhlau 2024
  27. Monumenta Germaniae Historica (Hrsg.), Monumenta Germaniae Historica. Cronica Aule regie. Die Königsaaler Chronik. Hrsg. von Anna Pumprová und Libor Jan unter Mitarbeit von Robert Antonín, Demeter Malaťák, Libor Švanda und Zdeněk Žalud. (Monumenta Germaniae Historica. Scriptores, Bd. 40.) Wiesbaden, Harrassowitz 2022
  28. Anna Paulina Orłowska, Johan Pyre. Ein Kaufmann und sein Handelsbuch im spätmittelalterlichen Danzig. Darstellung und Edition. (Quellen und Darstellungen zur Hansischen Geschichte, Bd. 77.) Köln, Böhlau 2020
  29. Holger Th. Gräf / Andreas Tacke (Hrsg.), Von Augsburg nach Frankfurt. Der Kupferstecher Johann Philipp Thelott (1639–1671). Marburg, Historische Kommission für Hessen 2022
  30. Marc A. Forster, Keeping the Peace in the Village. Conflict and Peacemaking in Germany, 1650–1750. Oxford, Oxford University Press 2024
  31. Georg B. Michels, The Habsburg Empire under Siege. Ottoman Expansion and Hungarian Revolt in the Age of Grand Vizier Ahmed Koeprulu (1661–76). Montreal, QC, McGill-Queen’s University Press 2021
  32. Jane Webster, Materializing the Middle Passage. A Historical Archaeology of British Slave Shipping, 1680–1807. Oxford, Oxford University Press 2023
  33. Manja Quakatz, Osmanische Kriegsgefangene im Römisch-deutschen Reich im 17. und 18. Jahrhundert. Leipzig, Leipziger Universitätsverlag 2023
  34. Martin Biersack, Geduldete Fremde. Spaniens Kolonialherrschaft und die Extranjeros in Amerika. (Campus Historische Studien, Bd. 82.) Frankfurt am Main, Campus 2023
  35. Martin Jeske, Ein Imperium wird vermessen. Kartographie, Kulturtransfer und Raumerschließung im Zarenreich (1797–1919). Berlin/Boston, De Gruyter 2023
  36. Boris Ganichev, Integrating Imperial Space. The Russian Customs System in the 19th Century. (Schnittstellen. Studien zum östlichen und südöstlichen Europa, Vol. 26.) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
  37. Anne-Marie Kilday / David Nash, Beyond Deviant Damsels. Re-evaluating Female Criminality in the Nineteenth Century. Oxford, Oxford University Press 2023
  38. Andrea Pühringer / Martin Scheutz (Hrsg.), Die Kurstadt als urbanes Phänomen. Konsum, Idylle und Moderne. (Städteforschung. Reihe A: Darstellungen, Bd. 104.) Köln, Böhlau 2023
  39. Andreas Bohne, Studenten und Alte Herren im kolonialen Rausch. Burschenschaften und Kolonialismus vom Vormärz bis zur Gegenwart. (Global- und Kolonialgeschichte.) Bielefeld, Transcript 2024
  40. Heinrich August Winkler, Die Deutschen und die Revolution. Eine Geschichte von 1848 bis 1989. München, Beck 2023
  41. Katja Hoyer, Im Kaiserreich. Eine kurze Geschichte 1871–1918. Hamburg, Hoffmann und Campe 2024
  42. Mischa Suter, Geld an der Grenze. Souveränität und Wertmaßstäbe im Zeitalter des Imperialismus 1871–1923. Berlin, Matthes & Seitz 2024
  43. Benno Gammerl, Queer. Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute. München, Hanser 2023
  44. Horst Möller, Deutsche Geschichte – die letzten hundert Jahre. Von Krieg und Diktatur zu Frieden und Demokratie. München, Piper 2022
  45. Martin Platt (Hrsg.), Auf der Suche nach Sicherheit? Die Weimarer Republik zwischen Sicherheitserwartungen und Verunsicherungsgefühlen. (Weimarer Schriften zur Republik, Bd. 23.) Stuttgart, Steiner 2024
  46. Christhardt Henschel, Jeder Bürger Soldat. Juden und das polnische Militär (1918–1939). Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
  47. Jürgen Court, Deutsche Sportwissenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Bd. 4: Institute und Hochschulen für Leibesübungen 1925–1933. (Studien zur Geschichte des Sports, Bd. 29.) Münster, Lit 2023
  48. Manfred Görtemaker, Rudolf Hess. Der Stellvertreter. Eine Biographie. München, Beck 2023
  49. Norman Domeier, Weltöffentlichkeit und Diktatur. Die amerikanischen Auslandskorrespondenten im „Dritten Reich“. Göttingen, Wallstein 2021
  50. Gabriele Anderl / Linda Erker / Christoph Reinprecht (Eds.), Internment Refugee Camps. Historical and Contemporary Perspectives. Bielefeld, Transcript 2022
  51. Sebastian Rojek, Entnazifizierung und Erzählung. Geschichten der Abkehr vom Nationalsozialismus und vom Ankommen in der Demokratie. Stuttgart, Kohlhammer 2023
  52. Jacob Tovy, Israel and the Question of Reparations from Germany. Post-Holocaust Reckonings (1949–1953). Berlin/Boston, De Gruyter 2023
  53. Jan Ruhkopf, Institutionalisierte Unschärfe. Ordnungskonzepte und Politisches Verwalten im Bundesvertriebenenministerium 1949–1961. Göttingen, Wallstein 2023
  54. Rob Waters, Colonized by Humanity. Caribbean London and the Politics of Integration at the End of Empire. Oxford, Oxford University Press 2023
  55. Habbo Knoch, Im Namen der Würde. Eine deutsche Geschichte. München, Hanser 2023
  56. Kyrill Kunakhovich, Communism’s Public Sphere. Culture as Politics in Cold War Poland and East Germany. Ithaca, NY, Cornell University Press Services 2023
  57. Mathieu Dubois, Die liberale Kraft Europas. Die Soziale Marktwirtschaft in der Europapolitik der Bundesrepublik, 1953–1993. Bielefeld, Transcript 2024
  58. Stefan-Ludwig Hoffmann, Der Riss in der Zeit. Kosellecks ungeschriebene Historik. Berlin, Suhrkamp 2023
  59. Detlev Brunner, Einheit und Transformation. Deutschland in den 1990er Jahren. Stuttgart, Kohlhammer 2022
  60. Eingegangene Bücher
  61. Eingegangene Bücher
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