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Kyrill Kunakhovich, Communism’s Public Sphere. Culture as Politics in Cold War Poland and East Germany. Ithaca, NY, Cornell University Press Services 2023

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Published/Copyright: February 1, 2025
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Rezensierte Publikation:

Kyrill Kunakhovich, Communism’s Public Sphere. Culture as Politics in Cold War Poland and East Germany. 2023 Cornell University Press Ithaca, NY, 978-1-5017-6704-3, € 51,75


Kyrill Kunakhovich beleuchtet die komplexe Rolle der Kultur in den politischen Strukturen der beiden sozialistischen Staaten DDR und Volksrepublik Polen. Der Autor untersucht, wie kulturelle Institutionen und Akteure als Vermittler zwischen Staat, Partei und Gesellschaft fungieren sollten und damit die öffentliche Sphäre im Sinne von Jürgen Habermas veränderten. Kunakhovich möchte zeigen, dass Kultur im Kommunismus nicht nur staatlich gelenkt war, sondern auch als Arena diente, in der Bürger ihre Vorstellungen von Gemeinwohl artikulierten und verhandelten. Als Beispielstädte seiner Untersuchung wählt der Autor die kulturellen Zentren Krakau und Leipzig aus, die außerdem seit 1973 eine Städtepartnerschaft verband.

Ein zentrales Argument des Buches ist die politische Dimension der Kultur: Kulturelle Institutionen dienten demnach nicht nur der Verbreitung sozialistischer Ideologie, sondern boten auch Raum für regimekritische Stimmen. Künstler und Publikum beteiligten sich, so die These des Autors, an einem indirekten politischen Dialog, der durch die Rezeption von Kunstformen wie Theater, Musik und Literatur ausgedrückt wurde.

Der Verfasser teilt sein Buch in acht beschreibende, vergleichende und zugleich (nicht immer stringent geordnete) chronologische Kapitel, in denen er versucht, sowohl die Strömungen der Kulturpolitik Polens und der DDR als auch die künstlerisch-kulturellen Bewegungen und Reaktionen vergleichend zu analysieren. Ein besonderes Augenmerk legt er darauf, dass er seine Analysen in ein charakterisierendes, einem roten Faden folgendes Thema einbettet und seine Beispiele und Rezeptionen kennzeichnender Orte, Kunstwerke oder Szenen dieser Beschreibung unterordnet.

Allerdings wirft Kunakhovichs Darstellung Fragen auf. Seine Betonung der kulturellen Räume als politisch einflussreiche Sphäre erscheint gelegentlich zu vereinfacht, da der Autor die umfassende Kontrolle der Partei in allen Lebensbereichen unterbewertet. In beiden sozialistischen Staaten war die Kulturpolitik streng reglementiert und auch die offizielle Kulturszene hatte enge Grenzen. Es fehlt in der Analyse zu oft die detaillierte Betrachtung der repressiven Maßnahmen, die von Seiten des Staates gegen Künstler und Kulturschaffende ergriffen wurden. Zudem bleibt unklar, inwiefern die Künstler der offiziellen Szene tatsächlich als „Stimme des Volkes“ wahrgenommen werden konnten, da auch sie im Auftrag der kommunistischen Partei handelten.

Ein weiterer kritischer Punkt ist Kunakhovichs Auswahl von Beispielen. Im thematischen Kontext wirken sie oft beliebig oder illustrierend, selten jedoch bilden sie ein analytisches Fundament. Zugleich betrachtet er die Kulturszene beider sozialistischer Staaten häufig zu losgelöst von den staatlichen Vorgaben. Wenn der Autor der Kultur die Funktion einer Gegenöffentlichkeit zuschreibt, dann lässt dies außer Acht, dass Kulturschaffende in den meisten Fällen von der Gnade der Partei und Kultureinrichtungen abhängig waren. Sicher formierten sich unter Künstlern auch dissidente und oppositionelle Meinungen. Aber um wahrgenommen zu werden, mussten sie sich etabliert haben und damit Teil der von den Machthabern geförderten Kulturszene geworden sein.

Positiv hervorzuheben ist freilich Kunakhovichs transnationaler Ansatz, der die kulturelle Verflechtung zwischen der DDR und Polen betont. Die beiden Länder tauschten nicht nur kulturelle Praktiken aus, sondern ihre Kulturszenen nahmen auch gegenseitig Bezug auf politische Entwicklungen. Der Autor stellt dar, wie die polnische Kultur unter dem Einfluss nationaler Unabhängigkeitsbewegungen einen Freiraum für Kritik am Regime schuf, während die DDR-Kulturszene stärker an das staatliche Narrativ gebunden blieb. Diese vergleichende Perspektive ist besonders wertvoll, um die unterschiedliche Entwicklung des Sozialismus in beiden Staaten zu verstehen.

Insgesamt bietet Kyrill Kunakhovich eine interessante Perspektive auf die Rolle der Kultur in den sozialistischen Systemen Polens und der DDR. Trotz einiger Schwächen in der Analyse gelingt es ihm, die Bedeutung der Kultur als eine Spielart politischer Ersatzöffentlichkeit aufzuzeigen und die Interaktion zwischen Künstlern, Publikum und Staat zu beleuchten. Das Buch ist ein gut lesbarer Beitrag zur Erforschung der Kulturgeschichte des Kalten Krieges, könnte jedoch in seiner Darstellung der staatlichen Vorgaben, Kontrolle, Steuerung und der Repression differenzierter sein.

Online erschienen: 2025-02-01

© 2025 by Walter de Gruyter, Berlin/Boston

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  22. Anthony A. Barrett / J. C. Yardley, The Emperor Caligula in the Ancient Sources. Oxford, Oxford University Press 2023
  23. Guy MacLean Rogers, For the Freedom of Zion. The Great Revolt of Jews against Romans, 66–74 C. E. London, Yale University Press 2021
  24. Clare Rowan, Tokens and Social Life in Roman Imperial Italy. Cambridge, Cambridge University Press 2023
  25. Andrew Wilson / Nick Ray / Angela Trentacoste (Eds.), The Economy of Roman Religion. Oxford, Oxford University Press 2023
  26. Heinz Erich Stiene (Bearb.), Die Gründungsgeschichte der Abtei Brauweiler. Fundatio monasterii Brunwilarensis. Köln, Böhlau 2024
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  41. Katja Hoyer, Im Kaiserreich. Eine kurze Geschichte 1871–1918. Hamburg, Hoffmann und Campe 2024
  42. Mischa Suter, Geld an der Grenze. Souveränität und Wertmaßstäbe im Zeitalter des Imperialismus 1871–1923. Berlin, Matthes & Seitz 2024
  43. Benno Gammerl, Queer. Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute. München, Hanser 2023
  44. Horst Möller, Deutsche Geschichte – die letzten hundert Jahre. Von Krieg und Diktatur zu Frieden und Demokratie. München, Piper 2022
  45. Martin Platt (Hrsg.), Auf der Suche nach Sicherheit? Die Weimarer Republik zwischen Sicherheitserwartungen und Verunsicherungsgefühlen. (Weimarer Schriften zur Republik, Bd. 23.) Stuttgart, Steiner 2024
  46. Christhardt Henschel, Jeder Bürger Soldat. Juden und das polnische Militär (1918–1939). Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
  47. Jürgen Court, Deutsche Sportwissenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Bd. 4: Institute und Hochschulen für Leibesübungen 1925–1933. (Studien zur Geschichte des Sports, Bd. 29.) Münster, Lit 2023
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  49. Norman Domeier, Weltöffentlichkeit und Diktatur. Die amerikanischen Auslandskorrespondenten im „Dritten Reich“. Göttingen, Wallstein 2021
  50. Gabriele Anderl / Linda Erker / Christoph Reinprecht (Eds.), Internment Refugee Camps. Historical and Contemporary Perspectives. Bielefeld, Transcript 2022
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  52. Jacob Tovy, Israel and the Question of Reparations from Germany. Post-Holocaust Reckonings (1949–1953). Berlin/Boston, De Gruyter 2023
  53. Jan Ruhkopf, Institutionalisierte Unschärfe. Ordnungskonzepte und Politisches Verwalten im Bundesvertriebenenministerium 1949–1961. Göttingen, Wallstein 2023
  54. Rob Waters, Colonized by Humanity. Caribbean London and the Politics of Integration at the End of Empire. Oxford, Oxford University Press 2023
  55. Habbo Knoch, Im Namen der Würde. Eine deutsche Geschichte. München, Hanser 2023
  56. Kyrill Kunakhovich, Communism’s Public Sphere. Culture as Politics in Cold War Poland and East Germany. Ithaca, NY, Cornell University Press Services 2023
  57. Mathieu Dubois, Die liberale Kraft Europas. Die Soziale Marktwirtschaft in der Europapolitik der Bundesrepublik, 1953–1993. Bielefeld, Transcript 2024
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  60. Eingegangene Bücher
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