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Clare Rowan, Tokens and Social Life in Roman Imperial Italy. Cambridge, Cambridge University Press 2023

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Published/Copyright: February 1, 2025
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Clare Rowan, Tokens and Social Life in Roman Imperial Italy. 2023 Cambridge University Press Cambridge, 978-1-316-51653-9, € 105,95


„Marken“ aus Blei, seltener Bronze, gehören zu den lange bekannten, aber vergleichsweise wenig erforschten Artefakten der römischen Antike. Die Bezeichnung „Marke“ ist dabei selbst eine Notlösung, weil sie ganz heterogene Objekte umfasst. Ausgangspunkt für eine Untersuchung der Bleimarken sind immer noch Michael Rostovtzeffs monumentale „Tesserarum urbis Romae et suburbi plumbearum sylloge“ von 1903 sowie seine Untersuchung „Römische Bleitesseren“ von 1905. Nach über hundert Jahren hat sich jetzt die Althistorikerin der Universität Warwick Clare Rowan, finanziert durch Projektmittel der EU, erneut und umfassend dem Material gewidmet. Ergebnisse sind ein Sammelband („Tokens. Culture, connections, communities“, London 2019) und zwei Datenbanken („Tokens of the Ancient Mediterranean“ und „Token Specimens of the Ancient Mediterranean“). Das Fundament der Datenbanken bildet Rostovzeffs Sammlung (dessen Lesungen Rowan häufiger korrigieren kann), erweitert um neuere Veröffentlichungen von Museumssammlungen und vor allem die umfassende Auswertung von Grabungsberichten. Nach wie vor virulent bleibt das Problem der Verwendung dieser Marken, auch wenn Rostovtzeffs einflussreiche, aber recht schematische Interpretation der Stücke schon lange aufgegeben wurde. Die Vorschläge reichen von Spielmarken, Eintrittsmarken, Berichtigungen zum Empfang von Spenden, Kleingeldersatz usw. Das gilt nicht nur für die prominenten und viel diskutierten bronzenen spintriae (die notorisch, aber fälschlich so bezeichneten „Bordellmarken“), sondern noch viel mehr für die aberhunderten, häufig deplorabel erhaltenen Bleimarken, die (oft genug ohne Fundkontext) in den Depots von Museen und Grabungen ruhen. Dazu kommen die regionalen und zeitlichen Besonderheiten. Rowan verzichtet folglich auf eine Synthese oder umfassende Diskussion aller möglichen Aspekte und beschränkt sich zweckmäßigerweise auf die Tesseren des kaiserzeitlichen Italien der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte, was ihr eine Abgrenzung zu Außeritalien (Athen, Ägypten, Palmyra u. a.) und spätantiken Stücken (Kontorniaten, sogenannten Isis-Festmünzen u. a.) erlaubt. Die Einleitung behandelt die Herstellung, die Probleme der Identifikation der Emittenden, das erstmalige Auftauchen von Bleimarken in Italien (ab dem 2. Jahrhundert v. Chr.) und ihren „Sitz im Leben“. Die Bilder zeigen eine große Bandbreite, die nicht mit der Ikonographie der Münzen korrespondiert, sondern eher privaten Kunstformen wie der Glyptik nähersteht.

Den Hauptteil des Buches bilden vier Fallstudien. Das erste Kapitel widmet sich der Darstellung der kaiserlichen Familie auf Marken. Sie sind ein Spezifikum der julisch-claudischen Dynastie, reichen aber chronologisch bis etwa in hadrianische Zeit. Sie lassen sich mit verschiedenen Anlässen (privater Euergetismus bei Spielen, Spenden, Triumphe) in Verbindung bringen, an denen private Gruppen (etwa collegia) ihre Verbindung zum Kaiserhaus ausdrücken wollten. Belege für ihren Einsatz bei kaiserlichen Spenden sind kaum zu erbringen. Warum die Kaiserporträts in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. verschwinden, erklärt Rowan recht unkonkret mit einem „Kulturwandel“ zu eher abstrakteren Repräsentationen kaiserlicher Selbstdarstellung.

Das zweite Kapitel entwickelt die zentrale These der Verfasserin: Marken dienten der Identitätsstiftung und waren Ausdruck der Identität bestimmter Gruppen (städtische Vereine, Kultgruppen). Räumlich konzentriert sich die Verfasserin zunächst auf Rom und Ostia. Für Ostia spiegeln Tesseren die „maritime Identität“ der Hafenstadt wider. Grabungskontexte legen nahe, in ihnen „Bezahlmarken“ für Bäder (als Ausfluss des privaten Euergetismus) oder „Zahlungsmittel“ innerhalb von Bädern zu sehen. Unterstrichen wird sicherlich mit Recht, dass die Tesseren nur in einem kleinen Kreis zirkulierten und deswegen auch nur dort „verständlich“ sein mussten. Obwohl die meisten der namentlich erwähnten Emittenden nicht bekannt und sozial nicht immer eindeutig zuzuordnen sind, so erscheinen doch zahlreiche curatores, lokale Priester usw., mithin nicht immer Personen von „humble origin“. Besonders aufschlussreich ist in dieser Beziehung der Abschnitt über die Marken der saccarii, der Hafenarbeiter in Ostia und Portus, deren Selbstbewusstsein als Gruppe Rowan hervorhebt.

Das dritte Kapitel führt die These weiter und behandelt die Ikonographie der Feste (Isis/Anubis, Saturnalien) und verschiedener Spiele. Wie häufiger lassen selbst bekannte Fundorte keinen Rückschluss auf die konkrete Verwendung im Kult zu. Zahlreich sind Marken, deren Ikonografie mit Spielen verbunden war. Dass die Marken dort bei Spenden oder als Eintrittstickets verwendet wurden, ist plausibel, aber wie so häufig nicht belegbar.

Das letzte Kapitel beleuchtet die Rolle der Marken in der Wirtschaftsgeschichte. Wichtig ist die Feststellung, dass Marken keine „Ersatzwährung“ oder „Notgeld“ (insbesondere als Ersatz für Quadranten) darstellten. Dagegen sprechen nicht nur die von den Münzbildern differierende Ikonografie und das Gewicht, sondern auch der Umstand, dass Marken nie mit Münzen vergesellschaftet gefunden wurden. Sie zirkulierten nicht (Funde von italischen Marken außerhalb Italiens existieren, sind aber selten) und wurden nach Gebrauch auch wieder eingeschmolzen. Eine gewisse Rolle scheinen die Marken dennoch in der „small scale economy“ etwa von Bädern oder tabernae zu spielen, wie Grabungsfunde besonders aus Ostia nahelegen.

Das heterogene und oftmals schlecht erhaltene Material macht es keinem Bearbeiter leicht. Die Stärken des Buches liegen zweifellos in der Diskussion konkreter, zum Teil aber sehr unterschiedlicher Stücke. Für die Interpretation der Tesseren als Dokumente der Sozialgeschichte bemüht die Autorin regelmäßig deren identitätsstiftende Rolle, ohne dass Sender und Adressat immer klar zu benennen wären. Mechthild Overbeck beschloss im Jahr 1995 ihre Publikation der Münchener Sammlung von Tesseren mit der Bemerkung, dass „mehr offene Fragen als Antworten“ blieben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Dennoch bilden Clare Rowans Beitrag und die Datenbanken einen willkommenen Ausgangspunkt, diese lange vernachlässigten Objekte erneut in den Blick zu nehmen.

Online erschienen: 2025-02-01

© 2025 by Walter de Gruyter, Berlin/Boston

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  10. Aram Mattioli, Zeiten der Auflehnung. Eine Geschichte des indigenen Widerstandes in den USA. Stuttgart, Klett-Cotta 2023
  11. Simon J. Barker / Christopher Courault / Javier Á. Domingo et al. (Eds.), From Concept to Monument. Time and Costs of Construction in the Ancient World. Papers in Honour of Janet DeLaine. Oxford, Archaeopress 2023
  12. Christian Laes / Irina Metzler (Eds.), „Madness“ in the Ancient World. Innate or Acquired? From Theoretical Concepts to Daily Life. Turnhout, Brepols 2023
  13. Jan-Markus Kötter / Maria Osmers / Dorothea Rohde u. a. (Hrsg.), Zum Umgang mit Enttäuschungen in der Antike. Stuttgart, Steiner 2024
  14. Daniel Fallmann, Der Rand der Welt. Die Vorstellungen der Griechen von den Grenzen der Welt in archaischer und klassischer Zeit. (Hypomnemata. Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachbarn, Bd. 220.) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
  15. Irene F. de Jong / Miguel John Versluys (Eds.), Reading Greek and Hellenistic-Roman Spolia. Objects, Appropriation and Cultural Change. Leiden, Brill 2023
  16. Giustina Monti (Ed.), Alexander the Great. Letters: A Selection. Liverpool, Liverpool University Press 2023
  17. Ian Worthington, The Last Kings of Macedonia and the Triumph of Rome. Oxford, Oxford University Press 2023
  18. Christian Marek, Rom und der Orient. Reiche, Götter, Könige. München, Beck 2023
  19. Paul V. Kelly, The Financial Markets of Roman Egypt. Risk and Return. Liverpool, Liverpool University Press 2023
  20. Christian Meier, Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Wilfried Nippel und Stefan Rebenich. Bd. 1: Zur römischen Geschichte. Stuttgart, Steiner 2024
  21. Francisco Pina Polo (Ed.), The Triumviral Period. Civil War, Political Crisis and Socioeconomic Transformations. (Libera Res Publica, Vol. 2. Monografías sobre aspectos institucionales, políticos, sociales económicos, historiográficos, culturales y de género en la Républica romana.) Universidad de Zaragoza 2020
  22. Anthony A. Barrett / J. C. Yardley, The Emperor Caligula in the Ancient Sources. Oxford, Oxford University Press 2023
  23. Guy MacLean Rogers, For the Freedom of Zion. The Great Revolt of Jews against Romans, 66–74 C. E. London, Yale University Press 2021
  24. Clare Rowan, Tokens and Social Life in Roman Imperial Italy. Cambridge, Cambridge University Press 2023
  25. Andrew Wilson / Nick Ray / Angela Trentacoste (Eds.), The Economy of Roman Religion. Oxford, Oxford University Press 2023
  26. Heinz Erich Stiene (Bearb.), Die Gründungsgeschichte der Abtei Brauweiler. Fundatio monasterii Brunwilarensis. Köln, Böhlau 2024
  27. Monumenta Germaniae Historica (Hrsg.), Monumenta Germaniae Historica. Cronica Aule regie. Die Königsaaler Chronik. Hrsg. von Anna Pumprová und Libor Jan unter Mitarbeit von Robert Antonín, Demeter Malaťák, Libor Švanda und Zdeněk Žalud. (Monumenta Germaniae Historica. Scriptores, Bd. 40.) Wiesbaden, Harrassowitz 2022
  28. Anna Paulina Orłowska, Johan Pyre. Ein Kaufmann und sein Handelsbuch im spätmittelalterlichen Danzig. Darstellung und Edition. (Quellen und Darstellungen zur Hansischen Geschichte, Bd. 77.) Köln, Böhlau 2020
  29. Holger Th. Gräf / Andreas Tacke (Hrsg.), Von Augsburg nach Frankfurt. Der Kupferstecher Johann Philipp Thelott (1639–1671). Marburg, Historische Kommission für Hessen 2022
  30. Marc A. Forster, Keeping the Peace in the Village. Conflict and Peacemaking in Germany, 1650–1750. Oxford, Oxford University Press 2024
  31. Georg B. Michels, The Habsburg Empire under Siege. Ottoman Expansion and Hungarian Revolt in the Age of Grand Vizier Ahmed Koeprulu (1661–76). Montreal, QC, McGill-Queen’s University Press 2021
  32. Jane Webster, Materializing the Middle Passage. A Historical Archaeology of British Slave Shipping, 1680–1807. Oxford, Oxford University Press 2023
  33. Manja Quakatz, Osmanische Kriegsgefangene im Römisch-deutschen Reich im 17. und 18. Jahrhundert. Leipzig, Leipziger Universitätsverlag 2023
  34. Martin Biersack, Geduldete Fremde. Spaniens Kolonialherrschaft und die Extranjeros in Amerika. (Campus Historische Studien, Bd. 82.) Frankfurt am Main, Campus 2023
  35. Martin Jeske, Ein Imperium wird vermessen. Kartographie, Kulturtransfer und Raumerschließung im Zarenreich (1797–1919). Berlin/Boston, De Gruyter 2023
  36. Boris Ganichev, Integrating Imperial Space. The Russian Customs System in the 19th Century. (Schnittstellen. Studien zum östlichen und südöstlichen Europa, Vol. 26.) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
  37. Anne-Marie Kilday / David Nash, Beyond Deviant Damsels. Re-evaluating Female Criminality in the Nineteenth Century. Oxford, Oxford University Press 2023
  38. Andrea Pühringer / Martin Scheutz (Hrsg.), Die Kurstadt als urbanes Phänomen. Konsum, Idylle und Moderne. (Städteforschung. Reihe A: Darstellungen, Bd. 104.) Köln, Böhlau 2023
  39. Andreas Bohne, Studenten und Alte Herren im kolonialen Rausch. Burschenschaften und Kolonialismus vom Vormärz bis zur Gegenwart. (Global- und Kolonialgeschichte.) Bielefeld, Transcript 2024
  40. Heinrich August Winkler, Die Deutschen und die Revolution. Eine Geschichte von 1848 bis 1989. München, Beck 2023
  41. Katja Hoyer, Im Kaiserreich. Eine kurze Geschichte 1871–1918. Hamburg, Hoffmann und Campe 2024
  42. Mischa Suter, Geld an der Grenze. Souveränität und Wertmaßstäbe im Zeitalter des Imperialismus 1871–1923. Berlin, Matthes & Seitz 2024
  43. Benno Gammerl, Queer. Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute. München, Hanser 2023
  44. Horst Möller, Deutsche Geschichte – die letzten hundert Jahre. Von Krieg und Diktatur zu Frieden und Demokratie. München, Piper 2022
  45. Martin Platt (Hrsg.), Auf der Suche nach Sicherheit? Die Weimarer Republik zwischen Sicherheitserwartungen und Verunsicherungsgefühlen. (Weimarer Schriften zur Republik, Bd. 23.) Stuttgart, Steiner 2024
  46. Christhardt Henschel, Jeder Bürger Soldat. Juden und das polnische Militär (1918–1939). Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
  47. Jürgen Court, Deutsche Sportwissenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Bd. 4: Institute und Hochschulen für Leibesübungen 1925–1933. (Studien zur Geschichte des Sports, Bd. 29.) Münster, Lit 2023
  48. Manfred Görtemaker, Rudolf Hess. Der Stellvertreter. Eine Biographie. München, Beck 2023
  49. Norman Domeier, Weltöffentlichkeit und Diktatur. Die amerikanischen Auslandskorrespondenten im „Dritten Reich“. Göttingen, Wallstein 2021
  50. Gabriele Anderl / Linda Erker / Christoph Reinprecht (Eds.), Internment Refugee Camps. Historical and Contemporary Perspectives. Bielefeld, Transcript 2022
  51. Sebastian Rojek, Entnazifizierung und Erzählung. Geschichten der Abkehr vom Nationalsozialismus und vom Ankommen in der Demokratie. Stuttgart, Kohlhammer 2023
  52. Jacob Tovy, Israel and the Question of Reparations from Germany. Post-Holocaust Reckonings (1949–1953). Berlin/Boston, De Gruyter 2023
  53. Jan Ruhkopf, Institutionalisierte Unschärfe. Ordnungskonzepte und Politisches Verwalten im Bundesvertriebenenministerium 1949–1961. Göttingen, Wallstein 2023
  54. Rob Waters, Colonized by Humanity. Caribbean London and the Politics of Integration at the End of Empire. Oxford, Oxford University Press 2023
  55. Habbo Knoch, Im Namen der Würde. Eine deutsche Geschichte. München, Hanser 2023
  56. Kyrill Kunakhovich, Communism’s Public Sphere. Culture as Politics in Cold War Poland and East Germany. Ithaca, NY, Cornell University Press Services 2023
  57. Mathieu Dubois, Die liberale Kraft Europas. Die Soziale Marktwirtschaft in der Europapolitik der Bundesrepublik, 1953–1993. Bielefeld, Transcript 2024
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  60. Eingegangene Bücher
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