Rezensierte Publikation:
Stefan-Ludwig Hoffmann, Der Riss in der Zeit. Kosellecks ungeschriebene Historik. 2023 Suhrkamp Berlin, 978-3-518-29999-9, € 24,–
Pünktlich zum 100. Geburtstag des Historikers Reinhart Koselleck erschienen 2023 verschiedene Werke über den Bielefelder Professor. Dass sie alle eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung verfolgen, zeigt, wie umfassend und einflussreich das Lebenswerk des am 23. April 1923 in Görlitz geborenen Geschichtstheoretikers bis heute ist. (Siehe U. Jureit, Erinnern als Überschritt. Reinhart Kosellecks geschichtspolitische Interventionen. Göttingen 2023; M. Hettling [Hrsg.], Reinhart Koselleck als Historiker. Zu den Bedingungen möglicher Geschichte. Göttingen 2021.) Stefan-Ludwig Hoffmann nimmt in seiner Monographie „Der Riss in der Zeit. Kosellecks ungeschriebene Historik“ dessen Geschichtstheorie in den Blick, die Koselleck nie in einer Monographie zusammengefügt hat. Er zeigt überzeugend, wie der Zweite Weltkrieg und die Schoah Kosellecks Denken prägten. Wie in einem Kaleidoskop wechselt Hoffmann seine Betrachtung zwischen der Biographie Kosellecks, Inhalten seiner Arbeiten und Denkmotiven.
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit Kosellecks intellektueller Biografie, wobei Hoffmann bisher nicht verfügbare Quellen aus dem Familienarchiv zutage fördert. Ist Historie nach dem Holocaust möglich, fragte Koselleck nach seinen Erfahrungen als Soldat und Kriegsgefangener. Die Vergangenheit wollte er aus seiner eigenen Gegenwart heraus erklären. Er verstand Geschichtswissenschaft als Erfahrungswissenschaft.
Kapitel 2 analysiert Kosellecks „Theorie der Bedingungen möglicher Geschichten“, wobei Parallelen zu Hannah Arendt und die Reformierung der Geschichtswissenschaft nach 1945 im Fokus stehen. Kapitel 3 zoomt zurück in Kosellecks Auseinandersetzung mit seiner Kriegserfahrung anhand seiner Texte zu Träumen und Zeitutopien. C. Beradts „Dreams under Dictatorship“ regte Koselleck zum Nachdenken über die Singularität der Zeiterfahrung während des Nationalsozialismus an. In den späten 1960er Jahren verstand er Träume als Manifestation des Terrors – eine in der Geschichtswissenschaft untypische Ansicht. Kosellecks Beschäftigung mit Träumen, heute weitgehend unbekannt, ist ein wesentlicher Fund Hoffmanns. Der Autor offenbart darüber neue Perspektiven auf die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in den Nachkriegsjahren und darauf, über welche Quellen sich Historiker dieser Zeit annähern können.
Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Frage, warum Kosellecks Geschichtstheorie im deutschen und amerikanischen Raum lange marginalisiert wurde. Kosellecks Vorschläge zu einer Historik nach 1945 betrachtet Hoffmann als Ursache für die Unstimmigkeiten zwischen ihm und Hans-Ulrich Wehler. Wehler glaubte nicht an die Möglichkeit einer konsistenten Geschichtstheorie, während Koselleck die Reformierung der Geschichtswissenschaft über eine sozial-wirtschaftliche Ausrichtung nicht weit genug ging. Auch der Einfluss des Denkens C. Schmitts auf Kosellecks Dissertation „Kritik und Krise“ sorgte für Dissens mit Wehler oder etwa mit J. Habermas. Während Kosellecks Begriffsgeschichte zum internationalen Erfolg wurde, sorgte seine Rezeption von Schmitt für eine Vernachlässigung seiner Historik im amerikanischen Raum.
Kapitel 5 geht der Aufwertung von Kosellecks Geschichtstheorie in den vergangenen zwei Jahrzehnten nach. Über seine Vorstellung der Zeitschichten, verschiedener Wiederholungsstrukturen, die sich überlagern, die Risse und Brüche beinhalten, lieferte Koselleck Erklärungsansätze für gegenwärtige Krisen. Als anschlussfähig sieht Hoffmann Kosellecks Zeittheorie in der Globalgeschichte, die mit einem neuen Zeitverständnis arbeite, das die Dreiteilung Vergangenheit/Gegenwart/Zukunft überwindet.
Stefan-Ludwig Hoffmann betont in seiner gut lesbaren Studie die Aktualität von Kosellecks Geschichtsdenken für unsere Gegenwart. Dass Kosellecks Ansätze für das Verständnis von Zeit in der Globalgeschichte hilfreich sein kann, zeigt er überzeugend. In anderen Bereichen, etwa in geschichtswissenschaftlichen Debatten zum Anthropozän, wäre das zu überprüfen. Hoffmann rekonstruiert jedoch nicht nur Kosellecks Historik, sondern analysiert auch ihre historiographische Vernachlässigung und Aufwertung. So verweist er auf blinde Flecken, aber auch Konjunkturen in der Forschung. Kosellecks Geschichtstheorie in der wissenschaftlichen Praxis stärker anzuwenden, wäre lohnenswert.
© 2025 by Walter de Gruyter, Berlin/Boston
This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License.
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- Frontmatter
- Aufsätze
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- Dort schafft man die Kronjuwelen fort ... Objekt-Perspektiven auf die 1848er Revolution
- Historische Forschung – Archiv – Verwaltung. Eine zu entdeckende Dreiecksbeziehung als Schicksalsgemeinschaft in digitalen Zeiten
- Notker Hammerstein (1930–2024)
- Im Blick der Historie
- Rezensionen
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- Jan-Markus Kötter / Maria Osmers / Dorothea Rohde u. a. (Hrsg.), Zum Umgang mit Enttäuschungen in der Antike. Stuttgart, Steiner 2024
- Daniel Fallmann, Der Rand der Welt. Die Vorstellungen der Griechen von den Grenzen der Welt in archaischer und klassischer Zeit. (Hypomnemata. Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachbarn, Bd. 220.) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
- Irene F. de Jong / Miguel John Versluys (Eds.), Reading Greek and Hellenistic-Roman Spolia. Objects, Appropriation and Cultural Change. Leiden, Brill 2023
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- Christian Marek, Rom und der Orient. Reiche, Götter, Könige. München, Beck 2023
- Paul V. Kelly, The Financial Markets of Roman Egypt. Risk and Return. Liverpool, Liverpool University Press 2023
- Christian Meier, Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Wilfried Nippel und Stefan Rebenich. Bd. 1: Zur römischen Geschichte. Stuttgart, Steiner 2024
- Francisco Pina Polo (Ed.), The Triumviral Period. Civil War, Political Crisis and Socioeconomic Transformations. (Libera Res Publica, Vol. 2. Monografías sobre aspectos institucionales, políticos, sociales económicos, historiográficos, culturales y de género en la Républica romana.) Universidad de Zaragoza 2020
- Anthony A. Barrett / J. C. Yardley, The Emperor Caligula in the Ancient Sources. Oxford, Oxford University Press 2023
- Guy MacLean Rogers, For the Freedom of Zion. The Great Revolt of Jews against Romans, 66–74 C. E. London, Yale University Press 2021
- Clare Rowan, Tokens and Social Life in Roman Imperial Italy. Cambridge, Cambridge University Press 2023
- Andrew Wilson / Nick Ray / Angela Trentacoste (Eds.), The Economy of Roman Religion. Oxford, Oxford University Press 2023
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- Monumenta Germaniae Historica (Hrsg.), Monumenta Germaniae Historica. Cronica Aule regie. Die Königsaaler Chronik. Hrsg. von Anna Pumprová und Libor Jan unter Mitarbeit von Robert Antonín, Demeter Malaťák, Libor Švanda und Zdeněk Žalud. (Monumenta Germaniae Historica. Scriptores, Bd. 40.) Wiesbaden, Harrassowitz 2022
- Anna Paulina Orłowska, Johan Pyre. Ein Kaufmann und sein Handelsbuch im spätmittelalterlichen Danzig. Darstellung und Edition. (Quellen und Darstellungen zur Hansischen Geschichte, Bd. 77.) Köln, Böhlau 2020
- Holger Th. Gräf / Andreas Tacke (Hrsg.), Von Augsburg nach Frankfurt. Der Kupferstecher Johann Philipp Thelott (1639–1671). Marburg, Historische Kommission für Hessen 2022
- Marc A. Forster, Keeping the Peace in the Village. Conflict and Peacemaking in Germany, 1650–1750. Oxford, Oxford University Press 2024
- Georg B. Michels, The Habsburg Empire under Siege. Ottoman Expansion and Hungarian Revolt in the Age of Grand Vizier Ahmed Koeprulu (1661–76). Montreal, QC, McGill-Queen’s University Press 2021
- Jane Webster, Materializing the Middle Passage. A Historical Archaeology of British Slave Shipping, 1680–1807. Oxford, Oxford University Press 2023
- Manja Quakatz, Osmanische Kriegsgefangene im Römisch-deutschen Reich im 17. und 18. Jahrhundert. Leipzig, Leipziger Universitätsverlag 2023
- Martin Biersack, Geduldete Fremde. Spaniens Kolonialherrschaft und die Extranjeros in Amerika. (Campus Historische Studien, Bd. 82.) Frankfurt am Main, Campus 2023
- Martin Jeske, Ein Imperium wird vermessen. Kartographie, Kulturtransfer und Raumerschließung im Zarenreich (1797–1919). Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Boris Ganichev, Integrating Imperial Space. The Russian Customs System in the 19th Century. (Schnittstellen. Studien zum östlichen und südöstlichen Europa, Vol. 26.) Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
- Anne-Marie Kilday / David Nash, Beyond Deviant Damsels. Re-evaluating Female Criminality in the Nineteenth Century. Oxford, Oxford University Press 2023
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- Andreas Bohne, Studenten und Alte Herren im kolonialen Rausch. Burschenschaften und Kolonialismus vom Vormärz bis zur Gegenwart. (Global- und Kolonialgeschichte.) Bielefeld, Transcript 2024
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- Mischa Suter, Geld an der Grenze. Souveränität und Wertmaßstäbe im Zeitalter des Imperialismus 1871–1923. Berlin, Matthes & Seitz 2024
- Benno Gammerl, Queer. Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute. München, Hanser 2023
- Horst Möller, Deutsche Geschichte – die letzten hundert Jahre. Von Krieg und Diktatur zu Frieden und Demokratie. München, Piper 2022
- Martin Platt (Hrsg.), Auf der Suche nach Sicherheit? Die Weimarer Republik zwischen Sicherheitserwartungen und Verunsicherungsgefühlen. (Weimarer Schriften zur Republik, Bd. 23.) Stuttgart, Steiner 2024
- Christhardt Henschel, Jeder Bürger Soldat. Juden und das polnische Militär (1918–1939). Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2023
- Jürgen Court, Deutsche Sportwissenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Bd. 4: Institute und Hochschulen für Leibesübungen 1925–1933. (Studien zur Geschichte des Sports, Bd. 29.) Münster, Lit 2023
- Manfred Görtemaker, Rudolf Hess. Der Stellvertreter. Eine Biographie. München, Beck 2023
- Norman Domeier, Weltöffentlichkeit und Diktatur. Die amerikanischen Auslandskorrespondenten im „Dritten Reich“. Göttingen, Wallstein 2021
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- Sebastian Rojek, Entnazifizierung und Erzählung. Geschichten der Abkehr vom Nationalsozialismus und vom Ankommen in der Demokratie. Stuttgart, Kohlhammer 2023
- Jacob Tovy, Israel and the Question of Reparations from Germany. Post-Holocaust Reckonings (1949–1953). Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Jan Ruhkopf, Institutionalisierte Unschärfe. Ordnungskonzepte und Politisches Verwalten im Bundesvertriebenenministerium 1949–1961. Göttingen, Wallstein 2023
- Rob Waters, Colonized by Humanity. Caribbean London and the Politics of Integration at the End of Empire. Oxford, Oxford University Press 2023
- Habbo Knoch, Im Namen der Würde. Eine deutsche Geschichte. München, Hanser 2023
- Kyrill Kunakhovich, Communism’s Public Sphere. Culture as Politics in Cold War Poland and East Germany. Ithaca, NY, Cornell University Press Services 2023
- Mathieu Dubois, Die liberale Kraft Europas. Die Soziale Marktwirtschaft in der Europapolitik der Bundesrepublik, 1953–1993. Bielefeld, Transcript 2024
- Stefan-Ludwig Hoffmann, Der Riss in der Zeit. Kosellecks ungeschriebene Historik. Berlin, Suhrkamp 2023
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- Eingegangene Bücher
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