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Haglund David A. The US “Culture Wars” and the Anglo-American Special Relationship Cham, Switzerland Palgrave Macmillan 2019 1 254

David Haglund behandelt in diesem Buch ein Thema, das lange Zeit wenig Beachtung erfuhr: der kulturelle Ursprung der sogenannten speziellen Beziehung zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Zentral in Haglunds Werk ist eine Untersuchung des von ihm als „Kulturkriege“ (culture wars) bezeichneten Zeitabschnitts vor dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg (1914–1917), in welchem Amerikaner unterschiedlicher ethnischer Gemeinschaften die Kriegspolitik der USA diskutierten. Haglund plädiert dafür, dass durch das in dieser Zeit intensive Lobbyieren mit oftmals anti-britischem Unterton seitens Deutsch- und Irisch-Amerikaner ein umgekehrter Effekt entstand, nämlich, dass Amerikaner mit britischen Wurzeln (England, Wales, Schottland) – die Mehrheit der Bevölkerung – sogar stärker geneigt waren, eine Sicherheitsunion mit Großbritannien einzugehen. Dies war ein wesentlicher Schritt im Prozess, der dazu führte, dass Großbritannien und die USA ihre langjährige Feindschaft (die in der US-Innenpolitik eine treibende Kraft war) ablegten und eine langfristige, strategische Beziehung aufbauten, die seit den 1940er Jahren bis heute andauert.
Im ersten Teil des Buchs entwickelt Haglund einen kontextuellen und theoretischen Rahmen. Darin behandelt er die Rolle von Ethnie und Identität in der Grand Strategy, die Gründe für das Fehlen eines angloamerikanischen Bündnisses zwischen 1898 und 1914, sowie unterschiedliche Erklärungen für die Entscheidung von Woodrow Wilson im Jahr 1917, vom Kongress die Kriegserklärung zu verlangen. Im zweiten Teil untersucht Haglund drei Fallstudien: die Existenz einer ethnischen Mehrheit von Britisch-Amerikanern – oder dessen, was Haglund „die Hawthornsche Mehrheit“ nennt –, die Rolle von deutsch- und irischstämmigen Amerikanern bei der Propagierung einer anti-britischen Stimmung, sowie die Auswirkungen des kulturellen Konflikts zwischen der Hawthornschen Mehrheit und den Herausfordern der Hawthornschen Identität.
Haglund schreibt schwungvoll und fundiert. Das Buch ist gespickt mit faszinierenden Leckerbissen. Seine Erörterung ist weithin überzeugend. Tatsächlich spielten die Kulturkriege von 1914 bis 1917 eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung der Hawthornschen Mehrheit und damit für diesen großen Schritt in der Entwicklung der speziellen amerikanisch-britischen Beziehung. Haglunds Buch verdient einen Platz unter den Klassikern dieses Genres, wie etwa das Werk von Bradford Perkins: The Great Rapprochement: England and the United States, 1895–1914 (New York: Atheneum, 1968).
Dennoch gibt es eine Lücke in Haglunds Erörterung. Zwar erreichten die von ihm beschriebenen Kulturkriege in den Kriegsjahren ihren Höhepunkt, waren aber bereits über ein Jahrzehnt früher erkennbar. Haglund behandelt die Venezuelakrise von 1895/1896 sowie die umfassende britische Unterstützung, welche die USA im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 erfuhren, doch die zwei folgenden Jahrzehnte überspringt er weitgehend. Daraus entsteht der Irrtum, die Kulturkriege hätten die US-Politik bereits um 1900 beeinflusst. Haglund schreibt: “By and large, though, German-America had been relatively uncontentious from the point of view of America’s foreign policy, and above all its grand strategy, until the culture wars of the neutrality years” (178). Diese Aussage lässt eine komplexere Realität außen vor, in der Deutsch-Amerikaner wütend waren über die britisch-deutsche-US-amerikanische Beziehung und diesbezüglich einen inneren Konflikt ausfochten. Gleichzeitig waren sie besorgt darüber, was eine engere angloamerikanische Beziehung für sie und ihr angestammtes Heimatland bedeuten könnte.
Diese Existenzangst zeigte sich während der Venezuelakrise 1902/1903, als Großbritannien und Deutschland eine Marineexpedition lancierten, um venezolanische Schulden einzutreiben. Die Öffentlichkeit in den USA stand der Sache schnell ablehnend gegenüber und viele Amerikaner sahen die Mission als Angriff auf die Monroe-Doktrin, die damals ein Eckpfeiler der US-Strategie war. Dennoch wurde Großbritannien im öffentlichen Diskurs weniger harsch angegangen als Deutschland. Auf diese Verteufelung reagierten die Deutsch-Amerikaner negativ und beschwerten sich bei Politikern wie Theodore Roosevelt. Aus Angst davor, im Hinblick auf die Wahl 1904 die Unterstützung dieser wichtigen Wählerschaft zu verlieren, kämpfte der US-Präsident unermüdlich (und erfolgreich) dafür, ihr Vertrauen zurückzugewinnen.
Gleichzeitig erkannte Roosevelt ganz klar die Existenz einer Hawthornschen Mehrheit an und zog seinen eigenen Nutzen daraus – sowohl zugunsten des politischen Vorteils seiner Republikanischen Partei als auch zur Förderung einer engeren angloamerikanischen Beziehung. Letzterer widmete er im Laufe seiner Karriere einen beachtlichen Teil seiner Energie. Bei einer Rede anlässlich der Eröffnung der Jamestown Exposition sagte er: „the nation was founded by Englishmen, the Cavalier and the Puritan. Their tongue, law, and literature were an inheritance, which all of us share and marked deep the lines along which we have developed. It was the men of English stock which did most in casting the mould into which our national character was formed.”
Wenn man die Problematik um die Zeit von 1898 bis 1914 beiseitelässt, ist Haglunds Buch ein klarer und frischer Beitrag zu einem klassischen Thema. Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich für die transatlantischen Beziehungen, die Zusammenhänge zwischen Identität und Strategie oder die US-Außenpolitik interessieren.
© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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