Boryano Rickum, der Leiter der Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg, informiert am 11. August 2021 über Twitter, dass im Eva-Maria-Buch-Haus, der Bezirkszentralbibliothek in Tempelhof, zerschnittene Bücher von Mitarbeiter_innen entdeckt wurden. Rickum schreibt, dass es sich dabei um Werke handelt, die sich „kritisch mit rechten gesellschaftlichen Tendenzen oder Biografien aus der Geschichte des Sozialismus auseinandersetzen“. Neben der systematischen Zerstörung dieser speziellen Bestände hat es in der Bibliothek vorher schon Schmierereien und Flyer mit rechtsextremen Inhalten gegeben. Erst mit den zerschnittenen Büchern geht die Bibliothek an die Öffentlichkeit. Ein weiterer Angriff auf den Bestand geschieht erneut am 15. September 2021, wie Boryano Rickum berichtet. Wieder sind es Werke, die sich kritisch mit Rassismus, Faschismus und Rechtspopulismus befassen. Einige Bücher sind ganz verschwunden. Schon der erste Tweet erlangt hohe mediale Aufmerksamkeit. Eine Welle von Solidaritätsbekundungen und Berichte der Presse über die Vorfälle sind die Folge. Verlage spenden Ersatzexemplare, Bibliotheksnutzer_innen Geld. Obwohl es öffentlich bekannt gemacht wird und eine große Solidarität mit der Bibliothek entsteht, werden im Mai 2022 erneut zerstörte Bücher in der Bibliothek gefunden. Solche rechtsextremistischen Angriffe auf eine Bibliothek lassen uns danach fragen, wie können sich Bibliotheken davor schützen und was ist die Rolle von Bibliotheken in einer Gesellschaft, in der Rechtsextreme kritische Bücher in Bibliotheken zerstören?
Die Vorfälle sind für Claudia Lux Anlass, mit dem Leiter der Stadtbibliothek Tempelhof-Schönefeld, Dr. Boryano Rickum, ein ausführliches Gespräch zu rechten Tendenzen gegen Bibliotheken zu führen, danach zu fragen, wie Bibliothekar_innen darauf reagieren sollten und wie politisch Bibliotheken heute sind.
Claudia Lux: Herr Rickum, vielen Dank für Ihre Bereitschaft für ein Interview. Sie haben in Ihrer Bibliothek rechtsextremistische Vorfälle erleben müssen, die die Zerstörung von Büchern, die über den Rechtsradikalismus und über sozialistische Themen handelten, beinhalten. Können Sie Ihre Erfahrungen teilen, insbesondere welche Maßnahmen aus Ihrer Sicht auch für andere Bibliotheken notwendig sind, um sich auf rechtsradikale Angriffe vorzubereiten oder klug zu agieren, wenn ähnliches in anderen Bibliotheken geschieht.
Boryano Rickum: Die oben genannten Vorgänge in der Bibliothek in Tempelhof sind vielfach bekannt und darüber ist in den Medien berichtet worden. Inzwischen gibt es eine verdächtige Person, die mittlerweile auch staatsanwaltschaftlich verfolgt wird. Ich warte eigentlich auf Nachrichten von der Staatsanwaltschaft darüber, wann ein Verfahren eröffnet wird. Da möchte ich gerne anwesend sein, weil ich nach wie vor verstehen möchte, warum ein Mensch so etwas macht – Bücher zerstören?
Hier möchte ich deutlich machen, was wir aus diesen Vorfällen für eine Lehre gezogen und welche Maßnahmen wir ergriffen haben. Vielleicht hilft unser Umgang mit den Vorfällen anderen Bibliotheken. Nach den ersten Vorfällen haben wir sehr schnell Kontakt zu einschlägigen Organisationen gesucht, also zu Einrichtungen, die uns im Umgang mit solchen Vorfällen beraten können. Insbesondere drei Organisationen sind zu erwähnen:
die Polizei, konkret das Landeskriminalamt (LKA) bzw. der Staatsschutz
die Amadeu Antonio Stiftung[1]
die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR)
Alle 3 Organisationen haben uns sehr geholfen. Deshalb rate ich allen, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden, sich sofort an solche Beratungsstellen und natürlich die Polizei zu wenden. Den Staatsschutz einzuschalten ist absolut obligatorisch in einer solchen Situation. In jedem Fall muss eine solche Tat zur polizeilichen Anzeige gebracht werden, ganz gleich wie banal sie für sich erscheinen mag, allein schon, damit sie in die Kriminalstatistiken einfließen und keine Dunkelziffer bleibt. Zudem gibt es in Berlin auch eine Registerinitiative, bei denen man derartige Übergriffe von rechts ebenfalls melden kann.
Ich habe mich damals auch an die Amadeu Antonio Stiftung gewandt. Ich wusste, dass sie ein Team haben, welches die sozialen Medien ständig beobachtet. Sie sind in der Lage zu prüfen, ob sich ein Shitstorm entwickeln könnte. Denn meine Sorge war, dass es nach meinem Tweet einen Shitstorm gegen die Bibliothek, das Team oder mich persönlich geben könnte.
Ich finde das sehr mutig von Ihnen, dass Sie den Tweet abgesetzt haben, denn das genau stellt Sie in den Mittelpunkt und gibt so einem Shitstorm von Rechten ein Ziel. Das war Ihnen bewusst?
Das war mir sehr bewusst und da habe ich persönlich auch echte Befürchtungen gehabt. Aber noch größer war wie gesagt meine Befürchtung, dass sonst meine Kolleg_innen oder die Bibliothek zur Zielscheibe werden könnten. Deshalb habe ich die Amadeu Antonio Stiftung angesprochen und die haben sofort geholfen und ihr Monitoring-Team in die Spur gesetzt. Die wissen recht gut und aktuell über Entwicklungen innerhalb einschlägiger Chat-Gruppen der rechten Szene in diversen sozialen Medien Bescheid und konnten in der Situation sehr gut als Frühwarnsystem fungieren.
Der Berliner Staatsschutz hat ebenfalls einen Blick auf die rechte Szene in den sozialen Medien und auch sie haben es geprüft. Beide Stellen haben sehr schnell reagiert und konnten mir dann sehr frühzeitig mitteilen, dass es Gott sei Dank keine Anzeichen für einen Shitstorm gab. Vielleicht muss man dazu sagen, dass es mein Glück war, dass ich früher bereits eine Weile als Aktivist für Gegenrede zu Hatespeech in den sozialen Medien tätig war. Daher hatte ich schon länger Vorkehrungen für meinen Twitter-Account getroffen, das heißt, ich habe eine aktive Block-Liste mit über 2 000 Accounts, die bekanntermaßen in der rechten Szene unterwegs sind, so dass diese nicht sehen konnten, was ich schreibe. Das war vielleicht der Grund, warum sich kein Shitstorm gegen meinen Tweet entwickelt hat.
Aber die Frage, die mich natürlich trotzdem beschäftigt und die jede andere Bibliothek in so einer Situation aus meiner Sicht auch beschäftigen muss, ist natürlich: Was passiert, wenn doch ein Shitstorm kommt? Und der kann über die sozialen Medien kommen, aber auch über Anrufe in der Bibliothek oder die Kolleg_innen unmittelbar und persönlich als Konfrontation im Thekendienst treffen. Was tun, wenn sowas passiert? Heute weiß ich, man kann sich vorbereiten. In der unmittelbaren Situation damals habe ich nach Rücksprache mit den Kolleg_innen und meinen Vorgesetzten die mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) angesprochen. Diese hat umgehend sehr viele, sehr wichtige und nützliche Hinweise gegeben, zur Frage, wie ich mich beim Shitstorm verhalte oder welche Vorbereitungen im Kontext von Veranstaltungsarbeit getroffen werden sollten. Aus der ganzen Situation haben wir sehr viel von der MBR gelernt. Sie hat im Übrigen auch 2023 diese wichtige Broschüre Alles nur leere Worte? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts in Bibliotheken[2] erstellt, die eben diese wichtigen Handlungsempfehlungen für Bibliotheken enthält.
Derartige Vorfälle zeigen letztlich, dass mittlerweile der Kulturkampf von rechts längst in den Bibliotheken angekommen ist, so wie schon früher bei den Theatern und anderen Kultureinrichtungen. Das zeigen auch etwa die Ereignisse in München, rund um eine Dragqueen-Lesung dort. Die haben wahrscheinlich noch mehr Drohungen bekommen als wir.
Es gibt mittlerweile eine ganze Fülle an Trainings- und Fortbildungsangeboten, die bei einer Vorbereitung auf vergleichbare Situationen helfen können, wie z. B. bei dem Umgang mit Hassrede in sozialen Netzwerken. Eine andere Frage ist zudem: Wie organisiere ich in einer solchen Situation und mit solchen herausfordernden Themen einen Veranstaltungsabend? Es ist sehr schön, dass in den Öffentlichen Bibliotheken mittlerweile sehr viele, sehr diverse Programme entstanden sind, alle zu Themen wie Gesellschaft, Politik und so weiter. Aber da kann es sehr schnell passieren, dass gezielte Störungen oder Ähnliches geschehen. Aber auch hier kann man sich ganz gut vorbereiten.
Neben der Kooperation mit Sicherheitsdiensten bei sensiblen Veranstaltungen sollte im Vorfeld zum Beispiel immer auch geklärt werden, wer im Team welche Rolle bei unvorhergesehenen Vorfällen hat, um bei einer Störung direkt reagieren zu können: Wer ruft die Polizei? Wer setzt derweil die Hausordnung durch? Wer spricht den Sicherheitsdienst an? Wenn man sich auf solche Situationen nicht vorbereitet, ist meine Erfahrung, dass die beteiligten Kolleg_innen in dem Moment, wo etwas passiert, in eine Art Schockstarre verfallen, weil ihnen unklar ist, wer nun die Initiative ergreifen sollte: Es ist dann schwierig, spontan zu beurteilen, wer jetzt welche Rolle ergreifen sollte, wer setzt die Hausordnung durch, ich oder die Chefin, die am Abend vielleicht auch da ist. Deshalb hilft bereits eine kurze Abklärung der Rollen am Anfang der Veranstaltung, bevor es losgeht, für den Fall, dass etwas passiert. Dann wissen die Mitarbeiter_innen, was sie tun sollen. In Tempelhof-Schöneberg ist das jetzt für bestimmte Veranstaltungen, bei denen wir denken, es könnte Schwierigkeiten geben, vorab geregelt und die Rollenverteilung wird vorher klar besprochen.
Abschließend vielleicht noch der Tipp, dass man sich auch noch mal die Hausordnung anschaut und fragt, inwiefern ist sie eine Hilfe? Ist sie weiterhin ein gutes Instrument, das für die Störung oder bei politisch motivierten Übergriffen hilfreich ist und einen guten Rahmen bietet? Oder müssen wir sie anpassen und verbessern?
Solchen Situationen begegnen zu wollen, das führt zu einem weiteren Punkt. Wie sieht unser Organisationsleitbild aus, gibt es uns eine klare Richtung für die Argumentation? Haben wir einen Verhaltenskodex oder Ähnliches? In vergleichbaren Situationen können diese Grundlagen helfen, richtig zu agieren. In Tempelhof-Schöneberg haben wir unabhängig von den beschriebenen rechtsradikalen Vorfällen nach einem sehr intensiven und partizipativen Prozess ein Vielfaltskodex für uns entwickelt, sozusagen als anleitende Handlungsmaxime. Das sind Arbeitsgrundlagen, die dann vielleicht auch helfen und die Mitarbeitenden unterstützen.
Die nächste Frage bezieht sich auf Ihr Veranstaltungskonzept „Starke Seiten“. Erläutern Sie bitte Ihr Veranstaltungskonzept „Starke Seiten“: Was ist der genaue Inhalt und wie könnte dies eine noch größere Verbreitung auch in anderen Bibliotheken finden?
Die Starken Seiten haben ihren Ursprung in unserer Reaktion auf die Vorfälle mit den zerstörten Büchern. Es war klar, dass wir uns wehren müssen. Wir sind eine Bibliothek, wir können uns also auch nur mit den Mitteln einer Bibliothek gegen derartige Vorfälle wehren. Deshalb planten wir eine Veranstaltungsreihe, die das Ziel hat, die Motivation hinter den Zerstörungen ins Gegenteil zu verkehren. Wir sind davon ausgegangen, dass die Bücher zerstört worden sind, um zu verhindern, dass sich die Öffentlichkeit kritisch mit den Themen Rechtsextremismus, Nationalsozialismus, sozialistische Geschichte und so weiter auseinandersetzen kann. Das sahen wir als das zentrale Motiv des Täters an. Deswegen haben wir überlegt, die betroffenen Autor_innen mit ihren Büchern einzuladen und bei uns zu Wort kommen zu lassen. So dass wir sowohl ihnen als auch den Menschen im Bezirk die Möglichkeit geben, sich eben doch mit diesen Themen kritisch auseinanderzusetzen. Geschieht das, haben wir die Motivation des Täters in das absolute Gegenteil verkehrt. Und das ist uns tatsächlich gelungen. Im Laufe der Zeit konnten wir nahezu alle betroffenen Autor_innen einladen. Sie sind gekommen und haben ein Programm mit uns gemacht. Einige wenige Ausnahmen konnten wir nicht einladen, weil sie nicht mehr leben. So hätte ich sehr gerne Umberto Eco in der Bibliothek gehabt, dessen Buch Der ewige Faschismus auch zerstört wurde, und ich glaube, er wäre bestimmt als bekennender Bibliotheksfan sofort aus Italien gekommen! Die Reihe mit den Autor_innen der zerstörten Bücher ist mittlerweile aber abgeschlossen. Es sind auch keine weiteren Bücher zerstört worden.
Trotzdem halten wir dieses Veranstaltungsformat für sehr wichtig und haben es von seinem Ursprung emanzipiert und daraus ein gesellschaftspolitisches Format entwickelt. Ein Abendprogramm, das wir nutzen, um immer wieder auch aktuelle gesellschaftspolitische Themen kritisch begleiten zu können. Das können dann Lesungen sein, Diskussionsrunden oder auch Workshops, die dann unter dieser Flagge der Starken Seiten stattfinden. Wir haben mittlerweile auch einen Lesezirkel zum politischen Sachbuch eingerichtet, der an zwei Standorten im Bezirk stattfindet. Dies läuft auch unter der Reihe Starke Seiten und wird dank der Zusammenarbeit mit der Volkshochschule von einem ihrer Dozenten moderiert. Die VHS finanziert diesen Dozenten, was wirklich wunderbar ist und das auf Gegenseitigkeit beruhende sehr gute Verhältnis zwischen unseren beiden Einrichtungen zeigt. Wir sind gespannt, wie sich das Veranstaltungsformat weiterentwickelt. Am 11. April 2024 findet die nächste Großveranstaltung Starke Seiten statt. Das Thema ist die EU-Wahlen und da haben wir Diskutanten aus dem Europäischen Haus und die bezirkliche EU-Beauftragte auf dem Podium. Auch das Jugendparlament des Bezirks ist eingeladen, sich mit den Diskutanten auseinanderzusetzen. Das Ganze findet im BVV-Saal im Rathaus Schöneberg statt. Wenn alle kommen, die zugesagt haben, sind es 140 Jugendliche.
Können Sie sich vorstellen, dass diese Reihe von anderen Öffentlichen Bibliotheken Berlins oder im Bundesgebiet aufgegriffen werden könnte?
Also, wir haben kein Patent auf dieses Veranstaltungskonzept Starke Seiten. Das kann einfach jeder übernehmen und gleichzeitig ist es für sich genommen auch nicht besonders innovativ. Wir haben einfach eine bestimmte Abendreihe entwickelt, die sehr artverwandt zu allen anderen vergleichbaren Veranstaltungen ist. Das kann ich sehr empfehlen, dass Bibliotheken Ähnliches machen, wenn sie es noch nicht tun. Es geht um eine kritische gesellschaftspolitische Thematik, dafür scheint heute die Zeit reif. Eine solche Reihe, die sich etwas von den rein belletristischen Reihen abhebt. Es müssen nicht zwingend Lesungen sein, sondern es kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, wie Podiumsdiskussion oder Workshops. Wir hatten auch schon Workshops zum Thema Klimawandel, ebenfalls unter der Fahne der Starken Seiten.
Ich kann Ihnen sagen, dass die sächsische Bibliotheksgesellschaft SäBiG etwas zum Thema Demokratie in Öffentlichen Bibliotheken machen wollte, aber da gibt es viele Ängste, da sind so viele Rechtsradikale in den kleineren Orten, dass auch einige der Bibliothekar_innen relativ verängstigt sind und nicht darauf eingegangen sind.
Das kann ich gut nachvollziehen. Ich kann mir das selbst gar nicht vorstellen, wie sich das wohl anfühlt, als Bibliotheksleitung in Thüringen oder Sachsen zu agieren. An Orten, wo vielleicht der öffentliche politische Druck ein ganz anderer ist als hier in dem vergleichbar sehr bequemen Berlin.
Und jeder Dritte in der Bibliothek, vielleicht auch schon rechts wählt.
Ja, deswegen halte ich mich mit Ratschlägen an die Kolleg_innen dort auch sehr zurück. Ich blicke mit Spannung auf die nächste BiblioCon und den Austausch dort, vielleicht ergibt sich die ein oder andere kollegiale Begegnung, bei der ich von den Erfahrungen und Überlegungen anderer lernen kann. Aber ich denke, dass man nicht vergessen darf, dass es ja vielleicht auch die gibt, die sich allein gelassen fühlen mit derartigen Fragen. Die sich denken, man muss doch irgendwas tun können. Vielleicht hilft es denen, dass es nicht unbedingt wahnsinnig innovative Ideen sein müssen, dass womöglich altbewährte Programmformate beim Kulturkampf von rechts bereits helfen können, bei denen einfach ein paar organisatorische und inhaltliche Stellschrauben der Situation angepasst werden.
Als Teilnehmer am „hoch-3 Programm“ der Bundeskulturstiftung haben Sie Überlegungen zu Begegnungen zwischen Menschen in der Bibliothek angestellt. Wie kann man sich diese Begegnungen vorstellen und was ist das Neue, das Sie damit anbieten wollen?
Wir hatten das sehr schöne und spannende Projekt der Medienwerkstatt Encounters, das von der Bundeskulturstiftung bis 2022 gefördert wurde. Es gibt zwei Beweggründe, die zu diesem Projekt geführt haben. Der erste sind die zufälligen Begegnungen von Menschen in der Bibliothek. Die Frage war, wie kann man aus diesen zufälligen Begegnungen sinnhafte Begegnungen entwickeln? Wie können wir als Bibliothek das so stimulieren, dass aus diesen zufälligen Begegnungen nachhaltige und sinnstiftende, also sinnvolle Begegnungen werden, die vielleicht auch zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen, in unserem Fall vielleicht konkreter: zu mehr Zusammenhalt im Kiez.
Und der andere Beweggrund war eine Denkbewegung. Über meinen Bekanntenkreis hatte ich von einem losen Netzwerk gehört, von Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen und Motivationen sich als loses Netzwerk zusammengetan hatten. Sie kamen aus dem Umfeld des Instituts für Ethnologie der Freien Universität. Es waren Lehrende, Schüler_innen und Künstler_innen. Unter ihnen waren auch Menschen mit Fluchthintergrund aus den einschlägigen Ländern, insbesondere, die ab 2015 nach Berlin gekommen sind. Es waren auch viele Wissenschaftler_innen in diesem Netzwerk. Sie hatten im Rahmen ihrer teilhabenden Forschung schon ein ähnliches Projekt gemacht. Dieses lief damals gerade aus und für mich entstand damit die Frage bzw. Denkbewegung: Was passiert eigentlich mit diesem sehr diversen und aktiven Netzwerk, wenn man das aus diesem Elfenbeinturm der Universität rausholt und irgendwo ansiedelt, wo es ein bisschen niedrigschwelliger ist? Zum Beispiel in einer Öffentlichen Bibliothek. Und wenn wir dann dieses Netzwerk vor die Frage stellen, was können wir eigentlich tun, um diese zufälligen Begegnungen zwischen Menschen in Bibliotheken in sinnhafte Begegnungen zu verwandeln. Was wird denen wohl dazu einfallen? Aus diesen beiden Beweggründen haben wir dann diesen Projektantrag der Medienwerkstatt Encounters entwickelt, als eine Idee, der zufolge sich Menschen in der Bibliothek begegnen und gegenseitig voneinander lernen und sich natürlich auch mit unterschiedlichsten Medien auseinandersetzen. Wir haben uns die Stärkung dieser Menschen in Medienkompetenz auf die Fahnen geschrieben.
Aus und mit diesem Netzwerk entwickelten sich eine ganze Fülle an Formaten, wie ein Illustrationsworkshop oder ein Fotografieworkshop für Frauen oder auch ein Safespace für Menschen, die aus der islamischen Religion ausgetreten sind. Einen Illustrationsworkshop fand ich sehr spannend, weil die Idee war, dass sich Leute treffen und immer jeweils ein Illustrator hinzukommt. Die Leute erzählen sich gegenseitig Geschichten darüber, wie sie nach Deutschland gekommen sind oder darüber, wie sie ihr Leben hier in Berlin empfinden. Und der Illustrator hört sich die Geschichten an und illustriert, was er gehört hat. Diese Ergebnisse haben wir dann in der Bibliothek ausgestellt. Es gab in der Zeit auch ein Projektmagazin mit drei Ausgaben, in dem die Ergebnisse dieses Projekts vorgestellt wurden. Im Projektteam gab es einen Art Director, der für eine professionelle Gestaltung sorgte. Für mich war das ganze Projekt fachlich gesehen eine Art Lackmustest für die Frage: Stimmt es eigentlich, was für Öffentliche Bibliotheken behauptet wird, dass sie so niedrigschwellig sind? Bevor wir die Frage beantworten konnten, kam aber die Pandemie dazwischen, und genau der Kern des Projekts, die Begegnung, genau das wurde durch die Coronamaßnahmen radikal eingeschränkt. Für mich persönlich ist dieser Lackmustest also noch offen. Weil man das schon kritisch hinterfragen muss, finde ich: Sind wir so niedrigschwellig wie manchmal mit stolzer Brust gegenüber dem politischen Raum behauptet wird? Ist das so und wenn nicht, wo sind dann eigentlich unsere Baustellen?
Die Frage ist noch offen, aber nichtsdestotrotz übernehmen wir vieles aus den Erfahrungen dieses sehr spannenden Projektes. Eine Weiterentwicklung ist jetzt, dass wir eine Art Makerspace hier bei uns in der Mittelpunktbibliothek in Schöneberg einrichten, der den Schwerpunkt auf Kreativität und auf Weiterentwicklung von Medienkompetenz legt, basierend auf den Erfahrungen aus diesem Projekt. Ein anderes Learning aus dem Projekt war auch, dass wir damals organisationstechnisch schon an die Grenzen gekommen waren, denn es war das erste Mal, dass wir ein so großes Projekt mit mehreren Projektstellen usw. hatten. Da war das Zusammenspiel zwischen dem Projektteam und der Organisation der Stadtbibliothek am Anfang nicht immer reibungslos. Daraus habe ich auch gelernt, was für eine Organisationsentwicklung notwendig ist. Ich würde so ein Projekt immer wieder machen, mit einer Förderung der Kulturstiftung, das war herrlich und wir haben uns noch nie so gut aufgehoben gefühlt wie in diesem Förderkontext.
Als demokratische Institution wollen Bibliotheken ein breites Spektrum anbieten, damit sich Menschen von allen Themen selbst ein Bild machen können. Wie weit können und sollen Bibliotheken nach Ihrer Ansicht gehen? Es geht hier um das Thema Medien an den Rändern, für das Sie sich ja auch engagiert haben.
Das berührt ein Themenfeld, das in der Fachwelt schon seit einigen Jahren intensiv und sehr kontrovers diskutiert wird, weil die Meinungen dazu auseinandergehen. Ich würde mich selbst auf die eine Seite einordnen, die die Meinungsfreiheit hochhält und damit verbunden gemäß Grundgesetz den Zugang nach Informationen. Dass das ein wichtiges Gut ist, muss herausgestellt werden. Außerdem ist es aus verschiedenen Gründen immer sehr problematisch, wenn man den Menschen ein bestimmtes Wissen vorgeben möchte. Ich glaube, so können wir in der heutigen Wissensgesellschaft als Bibliothek nicht erfolgreich funktionieren. Gleichzeitig beschäftigt uns die Frage: Wie gehen wir mit solchen Titeln um, die kontrovers diskutiert werden? Die Erkenntnis ist, dass es dafür keinen Königsweg gibt. Ich bin überzeugt, dass es immer kontextbezogen behandelt werden muss, wie wir etwa mit rechtsradikalen Titeln umgehen.
Es gibt zum Beispiel Titel, die automatisch in die Öffentlichen Bibliotheken kommen, entweder über Standing-Order-Verfahren oder über Bestsellerlisten. Wenn diese Titel es auf eine Bestsellerliste geschafft haben, dann werden sie an viele Öffentliche Bibliotheken automatisch geliefert. Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen: Man kann die Standing Order entsprechend anpassen und klar sagen, dass man von bestimmten Verlagen keine Titel mehr geliefert bekommen möchte. Das ist eine klare Entscheidung. Oder was die Frage der Bestandskuratierung angeht, kann man zu diesem Titel links und rechts daneben andere Titel hinzu kuratieren, zum gleichen Thema, aber aus anderen Perspektiven, um diese Titel kritisch zu begleiten. Und ergänzend zur Kuratierung und bei besonderer Sensibilität zu der Bestandpräsentation kann man noch überlegen, was man über die eigene Programmarbeit ergänzend beitragen kann, um so einen Titel kritisch zu begleiten. Ich glaube, das sind so die drei Möglichkeiten, die man konkret zur Verfügung hat und die aktuell immer wieder diskutiert werden. Welcher der Wege dann aber der ist, für den man sich entscheide sollte, das kann man nicht mit den Kategorien richtig oder falsch diskutieren, sondern immer mit der Frage: In welchem Kontext befindet sich die Bibliothek? Was ist ihr Ziel, ihre Mission, ihre Strategie? Und so kann es sein, dass Mal der eine Weg und mal der andere Weg richtig ist.
Es gibt auch Beispiele, wo Kollegen sich entschieden haben, sämtliche Titel von einem umstrittenen Autor vollständig aus dem Bestand zu verbannen. Das wird dann auch kontrovers diskutiert und ich maß mir da nicht an, diese Entscheidung zu kritisieren, solange ich den Kontext nicht kenne. Was war eigentlich die Lage, in der sich der Kollege bei dieser Entscheidung befunden hat? Warum hat er so entschieden? Und ich finde es jetzt erstmal weder richtig noch falsch, sondern ich finde es eine konsequent getroffene Entscheidung, die dann allerdings auch konsequent verfolgt und öffentlich begründet werden muss.
Und Sie würden es auch nicht als Zensur bezeichnen?
Nein. Ich würde es nicht als Zensur bezeichnen. Weil das über jede Kompetenz einer jeden Bibliotheksleitung hinausgeht, denn dann müsste man ja dafür sorgen, dass in allen Bibliotheken der ganzen Republik diese Titel entfernt werden. Aber wenn ich nur für meine Bibliothek entscheide einen bestimmten Titel rauszunehmen, dann ist das schlicht eine bestandsfachliche Entscheidung, die nicht als Zensur bezeichnet werden kann. Weil man den Titel mit Sicherheit immer noch irgendwo anders, in einer der vielfältigen Bibliotheken dieser pluralen Bibliothekslandschaft in Berlin finden wird.
Es gibt Studien darüber, dass sich die rechtsextreme intellektuelle Szene seit Jahren schon über Publikationen finanziert. Daraus lässt sich das Argument entwickeln, dass wenn man als Bibliothek solche Titel beschafft, man eben diese Strukturen unterstützt, die nichts anderes zum Ziel haben als die Abschaffung der Bundesrepublik und ihres Grundgesetzes. Dagegen kann man aber auch einwenden, dass es doch vielleicht besser ist, wenn Bibliotheken diese Medien anschaffen, damit nicht alle, die das lesen möchten, ungewollt einen rechtsextremistischen Kreis unterstützen und so deren Einkommen größer wird, als wenn nur die Bibliothek es kauft. Der Punkt ist meiner Ansicht nach, dass wir der Leserschaft nicht in den Kopf gucken können. Wir wissen nicht, warum sie sich damit auseinandersetzen möchte. Da sind wir wieder beim Thema Meinungsfreiheit. Da möchte ich mich an der Stelle nicht einmischen. Also kurzum, wie sich eine Bibliothek auch entscheidet, man muss es nachvollziehen können. Hilfreich ist daher auch immer ein klares Bestandsprofil, möglichst veröffentlicht. Da haben wir in Tempelhof-Schöneberg selbst noch Arbeit vor uns.
Ich denke auch an die Vorfälle in einem Potsdamer Hotel und das Schlagwort Remigration. Wenn ein rechtsextremistisches Buch auf einer Bestseller-Liste steht, gibt es auch Leute, die die Ideologie nicht teilen, aber wissen wollen, was in dem Buch steht. Sie sind nicht rechtsradikal, aber wollen sich informieren, wollen einen Zugang zu dem Buch haben und es sich eben nicht selbst kaufen, um die rechtsradikale Szene nicht mitzufinanzieren. Sind da nicht die Bibliotheken in der Pflicht, auch solche Werke zur Verfügung zu stellen?
Das ist eben genau ein möglicher Kontext von vielen, die in der Debatte berücksichtigt werden müssen. Ein anderer könnte aber sein, dass die Bibliothek zunehmend eine Leserschaft hat, die in ihrer Mehrheit ein geschlossenes, rechtsextremes Weltbild vertritt. Das beschreibt das Problem an dieser Stelle.
Aus der Sicht der Praxis haben wir Öffentliche Bibliotheken, jedenfalls jene von uns, die im Grunde keinen speziellen Sammel- und Archivauftrag haben, vielleicht einen echten pragmatischen Vorteil. Wir können uns da geschmeidig aus der Affäre ziehen, weil Bücher, die nicht ausgeliehen und nicht gelesen werden, letztlich doch makuliert werden. So stimmen die Nutzer_innen mit den Füßen oder vielmehr mit ihren Ausleihen ab. Ich vermute, dass streitbare Titel mittelfristig immer aus dem Bestand vieler Öffentlicher Bibliotheken fliegen. Vielleicht für den Moment, wo das Thema brennt, werden sie gelesen. Sobald dann Ruhe ist, leiht sie keiner mehr aus und sie fliegen damit ganz unspektakulär nach allen Regeln der Makulierung aus dem Bestand.
Wann beginnt für Sie Zensur? Was ist Zensur aus Ihrer Sicht und wie stehen Sie zu den Einflüssen von homophoben Elterngruppen auf die Auswahl von Büchern für Kinder und Jugendliche. Haben Sie Tipps für Öffentliche Bibliotheken und Schulbibliotheken, wie man damit umgehen sollte? Das Problem ist schon sehr extrem in den USA und inzwischen ist es auch in Deutschland angekommen.
Das hatten wir ja gerade schon kurz angeschnitten. Witzigerweise habe ich über das Thema noch vor Kurzem mit jemandem gesprochen. Und da habe ich gelernt, dass im juristischen Sinne nur von einer Zensur gesprochen werden kann, wenn es weitflächig zu einer Entfernung von Information oder Wissen kommt. Jurist_innen würden dann von einer Zensur sprechen, wenn etwa der Staat ein Gesetz erlässt mit dem Ziel, die Bibel aus dem Verkehr zu ziehen. Wenn jetzt aber eine Stadtteilbibliothek in Tempelhof-Schöneberg sagt: Die Bibel kommt hier aus dem Bestand raus, dann ist das in diesem Sinne keine Zensur, auch wenn natürlich der Vorwurf sehr schnell kommen könnte. Vielleicht kann es auch außerhalb der juristischen Ebene, sozusagen auf einer ethischen Ebene als eine Zensur diskutiert und verstanden werden. Etwa wenn die Empfindung so ist, dass man ansonsten im Radius von mehreren Kilometern nicht an eine Bibel kommt.
Die Beschwerden von homophoben Elterngruppen sind mir tatsächlich in Deutschland noch nicht so richtig begegnet, wie es in vergleichbarer Art und Weise in den USA passiert. In den USA nehmen zivilgesellschaftliche Gruppierungen Einfluss auf die Arbeit der Bibliothek. Ich habe darüber auch mal mit Kollegen aus Kanada diskutiert und was ich daraus ziehe, ist eine Verstärkung der Gewissheit, dass wir Bibliotheken in unserer Arbeit eine gesetzlich abgesicherte Unabhängigkeit brauchen. Das ist ein Grund, warum mir das Thema Bibliotheksgesetz so sehr am Herzen liegt, weil das aus meiner Sicht da reingehört. Es geht um die juristisch verbriefte Unabhängigkeit der bibliothekarischen Arbeit. Und weil ich mir nicht vorstellen kann, wie wir unsere Mission im Sinne des 5. Artikels[3] sichern können, wenn das nicht gesetzlich verankert ist.
Um unseren Beitrag dazu zu leisten, dass die Meinungsfreiheit in diesem Land gesichert ist, dafür müssen wir aus meiner Sicht unabhängig von Dritten unsere fachlichen Fragen lösen können, gerade auch was die Bestandsauswahl angeht. Unabhängig auch von der politischen Seite, selbst wenn das die geldgebende Seite ist. Es muss auf jeden Fall eine fachliche Unabhängigkeit garantiert sein. Gleichzeitig ist mir auch wichtig, dass aus diesem Recht unabhängig arbeiten zu können, automatisch eine berufsethische Pflicht erwächst. Nämlich sich mit den Forderungen Dritter selbst kritisch auseinanderzusetzen. Wenn Elterngruppen auf die Bestandsarbeit Einfluss nehmen wollen, dann muss man mit einer allumfassenden Perspektive ausgestattet sich überlegen, ob das jetzt Auswirkungen auf meine Bestandsarbeit in der Bibliothek hat: Haben die Eltern einen Punkt oder agieren sie schlicht homophob? Muss ich hier also was anpassen oder nicht? Diese Überlegungen passieren dann aber aus meinen unabhängigen fachlichen Erwägungen heraus, die ich fundiert, also informiert vornehmen muss. Aber es gibt auch andere Beispiele, wo Gruppen aus ganz anderen Motiven versuchen, Einfluss auf die Bestandsarbeit der Bibliothek zu nehmen. Und wo das dann vielleicht dann auch gerechtfertigt ist.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Nehmen wir die berühmten Beispiele, auffällig häufig, immer genau in dem Bereich. Es sind Diskurse über Karl May, Pippi Langstrumpf, Tim und Struppi, wo der Versuch gemacht wurde, Einfluss auf die Bestandsarbeit zu nehmen mit dem Hinweis, sozusagen der Verbreitung von rassistischen Gedanken. Und das sind so Momente, wo ich denke, auch da sollte die Unabhängigkeit der Bibliothek beim Bestandsaufbau gewahrt bleiben. Trotzdem sollte bei allen Kolleg_innen gleichzeitig eine kritische Selbstreflexion einsetzen, inwiefern ist da an der Kritik und an der Forderung etwas dran, und muss ich meine bisherige Arbeitsweise überdenken und überlegen, haben die Recht und wenn ja, was tue ich dann? Es liegt in meiner Hand zu entscheiden, ob ich es rausnehme oder ob ich es drin lasse, ob ich es mit einem Disclaimer versehe, also mit irgendwelchen Aufklebern, ob ich das kontextualisiere mit irgendwelchen Hinweisen oder ob ich von diesen klassischen Kinderbüchern einfach eine überarbeitete Neuauflage beschaffe. Es eröffnen sich da ganz viele Lösungsmöglichkeiten. Wichtig bleibt, dass die Bibliothek das eigenständig macht. Diese Reflektion darf nicht von außen oktroyiert sein, das halte ich für sehr problematisch. Ich möchte nicht den Teufel an die Wand malen. Aber am Ende des Tages sollten wir nicht vergessen: Gerade in Deutschland waren es Kollegen, die den NS-Schergen geholfen haben, Titel zusammen zu tragen, die dann später auf öffentlichen Plätzen verbrannt worden sind.
Damit kommen wir gleich in die nächste Ebene. Was bedeutet für Sie, Bibliotheken sollen neutral sein, bezieht sich die Neutralität nur auf den Bestand oder auf die Entwicklung in der Gesellschaft im Ganzen? Ist es nur Überparteilichkeit oder ist es mehr? Wo setzen Sie Ihre Kritik am Neutralitätsbegriff der Bibliotheken an? Bitte lassen Sie uns an Ihren Gedanken teilhaben.
Das ist so ein weiteres Thema, das im deutschen Bibliothekswesen in den letzten Jahren intensiv und sehr kontrovers diskutiert wird. Grundsätzlich würde ich dieses Thema immer auf die gesamte Funktion von Bibliotheken beziehen und nicht nur auf Einzelaspekte. Das macht aus meiner Sicht keinen Sinn, weil alle Aspekte bibliothekarischer Arbeit interdependent sind. Ich gehöre zu der Seite, die sehr schnell feststellen würde, dass wir nicht über Neutralität sprechen können, sondern uns über Überparteilichkeit unterhalten zu müssen. Ich gehöre zu dem Lager, das diese Position damit begründet, dass wir per se nicht neutral sind. Weil wir uns immer hier auf einem Boden bewegen, der schon durch das Grundgesetz nicht neutral ist. Und jede Aktion, die wir machen, hat immer eine politische Konnotation, wie die Art und Weise, wie wir unser Bestandsprofil entwickeln. Nehmen Sie die Frage: Gehört ein Bild-Zeitung Abo zum Bestand? Ja oder nein? Wie wird das entschieden? Das ist dann schon einfach klar politisch konnotiert. Auch die Frage: Legen wir unseren Schwerpunkt in der Veranstaltungsarbeit auf Kinder und Jugendliche oder auch auf Erwachsene ist bereits politisch konnotiert. Also es ist nie neutral. Ich halte diese Frage mittlerweile für müßig, auch wenn ich weiß, dass es immer noch Leute gibt, denen es wichtig ist, das Prinzip der Neutralität hochzuhalten. Ich habe allerdings in den letzten 2 bis 3 Jahren kein neues Argument gehört, was mir persönlich eingeleuchtet hätte, warum das so sein sollte. Aber auch hier gibt es Ausnahmen, die ich dann doch verstehe. Ich will ein Beispiel nennen: Wir hatten neulich diese schöne Veranstaltung in der Amerika-Gedenk-Bibliothek anlässlich der Publikation Demokratie und Politik in öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken. In der anschließenden Diskussion sprach die Landesvorsitzende des DBV Thüringen, Milena Pfafferott, als wir wieder über die Frage von Neutralität diskutierten. Wenn ich ihre Position an diesem Abend richtig verstanden habe, hat sie gesagt: Für uns in Thüringen ist die Neutralität sehr wichtig. Weil wir sonst nichts haben, worauf wir uns vor antidemokratischen Agitationen von außen zurückziehen können. Und diese Überlegung kann ich mehr als nur nachvollziehen, diese Position verstehe ich.
Mittlerweile glaube ich aber, dass dieser fachliche Diskurs sich gegenwärtig im Kreis dreht. Es wäre schön, wenn beide Seiten mal mit neuen Argumenten kommen würden. Und was bedeutet die Diskussion für die Praxis? Was bringt sie für das operative Geschäft? Das hilft mir jedenfalls gerade nicht weiter.
Und da denke ich, es ist vielleicht besser, wenn wir mal eine neue Perspektive einnehmen und eine andere Frage stellen: Es gibt die Annahme, dass Bibliotheken eine hohe öffentliche Autorität, Anerkennung und Glaubwürdigkeit genießen. Vielleicht so wie das Bundesverfassungsgericht, also eine hohe öffentliche Autorität. Auch wenn das Bundesverfassungsgericht in seinen Urteilen und in seinem Wirken gerne kritisiert wird. Aber das, was es tut, hat trotzdem eine klare Autorität. Ich verstehe diese Annahme in Bezug auf Bibliotheken ähnlich, auch wenn sie kein Gericht sind, sondern eine Wissenseinrichtung. Als solche genießen wir in der breiten Gesellschaft eine hohe Glaubwürdigkeit und hohe Autorität, so meine Annahme. Wenn das stimmt, dann ist vielleicht eine Frage viel interessanter als die Frage, sind wir neutral oder nicht? Nämlich: Führen die Entscheidungen, die ich bibliotheksfachlich treffe, dazu, dass diese öffentliche Autorität der Bibliothek und damit ihre Glaubwürdigkeit gestärkt oder geschmälert wird?
Das ist ein Gedanke, der mir neulich kam, weil ich glaube, dieser Diskurs über Neutralität und Nicht-Neutralität, der bringt uns im Moment eben nicht weiter. Denn vielleicht ist es genau das, worauf die Befürworter von Neutralität abzielen, nämlich die Sorge, dass diese öffentliche Autorität verloren geht, wenn wir uns als Bibliothek streitbar politisch positionieren. Es ist so vielleicht eine viel entscheidendere Frage, denn diese Glaubwürdigkeit, die wir genießen, ist zweifellos ein hohes Gut. Ich bin sehr gespannt, wie Andere das sehen.
Also das ist schon sehr interessant. Im internationalen Bereich wird Neutralität bei den ethischen Grundlagen für die Bibliotheksfachkräfte behandelt. Ich kenne Beispiele aus Ländern, wo Zensur herrscht. Wo Bibliothekar_innen sich durch die Neutralität eine Öffnung ermöglichen, dass sie sagen, wir müssen auch die anderen Seiten zeigen können. Es gab vor Kurzem einen Bericht über russische Bibliothekar_innen, die die Bücher eines verbotenen Autors trotzdem noch in der Bibliothek behalten und auch ausleihen und das unter dem Aspekt der Neutralität machen. Das gibt es auch in anderen Ländern. Ich glaube, Ihre Frage, stärkt es die Autorität oder die Glaubwürdigkeit der Bibliothek, spielt dabei eine Rolle. Man benutzt die Neutralität, um die Glaubwürdigkeit zu stärken.
Das ist der Punkt, weil man sich ja die Frage stellt, welchen Stellenwert, welche Funktionen haben Bibliotheken im Rahmen von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen? Und die kann man leider nicht messen. Aber wenn wir eine so hohe Glaubwürdigkeit haben über jede Parteilinie und über jedes gesellschaftliche Milieu hinweg, dann ist das ein verdammt hohes Gut, was der Gesellschaft helfen kann. Und dann ist das vielleicht entscheidender. Ich glaube, das müsste man mal tiefer diskutieren und tiefer durchdenken.
Auch Diversität ist ein wichtiges Thema in Abgrenzung zum Rechtspopulismus. Was sollten Bibliotheken aus Ihrer Sicht zu diesem Punkt beitragen? Haben Sie Beispiele?
Diversität ist mittlerweile allgemein ein Thema für die Mehrheit der Öffentlichen Bibliotheken, die ein kritisches und modernes Verständnis von bibliothekarischer Arbeit haben. Ich glaube, es ist längst ein verbreitetes Ziel, dass sich die Diversität der Gesellschaft im Angebotsportfolio der Bibliothek widerspiegelt, in allen Angeboten, dem Bestand wie der Veranstaltungsarbeit. Idealerweise bis hinein ins Team der Bibliothek. Die Pluralität der Gesellschaft sollte sich da auch idealerweise widerspiegeln. Was zuerst da ist, das Angebot für die diverse Gesellschaft oder das diverse Team, was dann das Angebot entwickelt, weiß ich jetzt nicht. Aber das sind die Aspekte, die dafür wichtig sind. Beispiele? Ich erwähnte schon die Entwicklung eines Diversitätskodex für unsere Bibliothek. Das ist sehr aufwendig, weil das nur funktionieren kann, wenn es maximal partizipativ umgesetzt wird. Die Erfahrung zeigt auch, dass nicht alle das unterstützen. Aber man braucht eine kritische Masse, die das mitträgt.
Wir haben den Kodex zusammen mit einer öffentlich geförderten Beratung entwickelt, die uns dabei sehr kompetent begleitet hat. Die haben in mehreren Phasen für das gesamte Team der Stadtbibliothek verschiedenste Workshops gemacht. Erstmal mit dem Ziel, für das Thema Diversität und Vielfalt zu sensibilisieren. Deutlich zu machen, wo dieses Thema beginnt und wo es endet. Vorher gab es sehr unterschiedliche Vorstellungen zum Thema Diversität unter den Kolleg_innen im Fachbereich der Bibliothek. Und der erste Punkt ist natürlich, eine gemeinsame Vorstellung zu entwickeln. Im Weiteren findet darauf aufbauend die Entwicklung des Kodexes statt. Eine der wenigen Vorgaben, die ich gemacht habe, war, dass dieser Kodex zwingend auf eine Seite passen sollte. Mein Wunsch waren fünf knackige Sätze. Das ist uns nicht ganz gelungen, aber der Kodex wurde erarbeitet. Es hat ein ganzes Jahr gedauert, weil ein solcher Prozess sehr aufwendig ist, denn wir haben ja nicht den Betrieb der Bibliotheken dafür angehalten.
Und dieser Prozess war auch schmerzvoll. Ist halt genauso vergleichbar, wie das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Allein durch die Tatsache, dass alle mit eigenen Vorstellungen kommen, ergeben sich Konflikte. Aber der springende Punkt ist ja, dass es im Prozess nicht darum gegangen ist, was jemand persönlich für richtig hält, sondern am Ende sollte etwas stehen, was für die Stadtbibliothek insgesamt gelten kann. Was für die Stadtbibliothek Schöneberg-Tempelhof die Idee von Diversität ist und was ein davon abgeleiteter Verhaltenskodex sein kann. Was man dann privat tut oder nicht tut, bleibt davon unbenommen.
Nun muss sich in der Praxis zeigen, wie belastbar dieser Kodex ist. Dann nun kommt der nächste Schritt. Jetzt muss es Eingang finden in alle Abläufe, angefangen beim Einstellungsverfahren, also Stellenbeschreibungen, dem Anforderungsprofil, es muss neben die Hausordnung in den Publikumsbereichen plakatiert werden und so weiter und das muss jetzt überall sukzessive umgesetzt werden. Wir haben jetzt eine neue Diversity-Managerin im Haus, die uns alle hoffentlich immer wieder an das Thema erinnert und deutlich macht, falls sie das Gefühl hat, wir machen zu wenig.
Wie politisch sollten Bibliotheken aus Ihrer Sicht sein?
Ich glaube, dass es noch nie so wichtig war wie heute, sich genau diese Frage selbst für die eigene Bibliothek zu stellen. Wir leben in einer Zeit, in der alle Auguren vorhersagen, dass wir in den Bundesländern bei der nächsten Wahl antidemokratische Parteien verstärkt in den Parlamenten haben werden. Da kann man nicht genug betonen, wie groß und ernst dieses Problem ist. Bibliotheken sollten ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Es ist so wichtig, uns bewusst zu sein, dass wir uns als öffentliche Einrichtung immer im demokratischen Kontext positionieren. Wir sind immer, und zwar an jedem Tag, mit jedem Angebot, in jedem Bestandsprofil – überall sind wir politisch, bei jeder Entscheidung, die wir im Vorfeld dazu getroffen haben, wurde sie auch politisch konnotiert getroffen. Entweder bewusst in einem demokratischen Sinn oder zumindest unbewusst, in einem Sinn, der sich dezidiert nicht gegen Demokratie wendet. Wie bewusst ist man dabei, also mit welcher Intensität tut man das? Vielleicht mal mehr, mal weniger bewusst. Aber das ist etwas, was viel zu lange einfach vorausgesetzt wurde. Und da bin ich sehr dankbar, dass diese Frage und diese Diskussion in den letzten 10 Jahren sehr intensiv in Deutschland geführt wird. Und ich finde, dass wir hier als Bibliotheken auch ruhig noch etwas mutiger sein können und sollten.
Es gibt diesen berühmten Satz von Willy Brandt, „mehr Demokratie zu wagen“. Weitläufig verstehen wir darunter die Aufforderung, noch demokratischer zu werden. Aber man kann diesen Satz auch so verstehen, dass es Willy Brandt sehr bewusst war, dass es eben ein Wagnis ist, noch demokratischer zu werden. Vielleicht hat er das auch so gemeint, weil er wusste, dass Demokratie das große Problem hat, dass sie sich selbst abschaffen kann. Nach meinem Empfinden fürchten viele Kolleg_innen bei uns im Bibliothekswesen dieses Wagnis, die sich dann zurückziehen, weil sie meinen, sie könnten politisch nicht einfach so Positionen beziehen, das sei Sache ihres Bürgermeisters und so weiter.
Aber manchmal frage ich mich: Was passiert denn eigentlich, wenn ich trotzdem Position beziehe, also als Leiter einer Bibliothek? Kann ich mit den Konsequenzen leben? Und dann muss man noch unterscheiden. Es darf nicht um meine persönliche Position gehen, sondern ich muss ja als Leiter eine politische Position, im Sinne meiner Einrichtung beziehen und die sollte wohl abgewogen sein. Diese sollte man mit seinen Vorgesetzten, mit seiner politischen Leitung besprechen. Aber es hält einen aus meiner Sicht grundsätzlich nicht davon ab, eine politische Position zu beziehen. Es wäre zu bequem, wenn man von vornherein meint, sich nicht zu positionieren und zu sagen, dass sei Sache des Bürgermeisters. Man sollte es zumindest versuchen. Gerade im aktuellen Kontext mit Fragen zu Russland, zur Ukraine. Oder als die Hamas Israel im Oktober 2023 überfiel. Oder als der Anschlag auf Charlie Hebdo im Januar 2015 war. Solidaritätsbezeugungen sind wichtig oder Solidaritätismus wie bei David Solski. Man fragt sich, gehe ich über meine Kompetenzen hinaus, wenn ich jetzt eine ukrainische Flagge aufhänge. An Rathäusern hängen doch auch solche Flaggen. Ich glaube, dass es wichtig ist, diesen Fragen nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sich zu überlegen – und da sind wir wieder an dem: Würde es die Autorität meiner Bibliothek stärken, wenn ich diese Flagge aufhänge? Wenn ich der Ansicht bin, ja, das ist so, dann würde ich es versuchen und mich dafür einsetzen. Das muss nicht zwingend im Alleingang sein, aber in Absprache mit meinem Team auf der einen Seite und Absprache mit meiner politischen Leitung auf der anderen Seite, sollte man es versuchen. Dann erreicht man viel. So würde ich mich positionieren. Das denke ich, ist an der Stelle wichtig und zunehmend unverzichtbar. Hannah Arendt hat sich in ihrem berühmten Interview mit Günther Gaus auch auf dieses Wagnis bezogen und Folgendes gesagt: „Wir fangen etwas an, wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. Wir sind alle darauf angewiesen zu sagen: Herr vergib ihnen, was sie tun, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das gilt für alles Handeln.“
Es ist immer ein Wagnis und besonders in der aktuellen Situation, in der wir hier in der deutschen Gesellschaft leben. Es führt dazu, dass wir uns dem stellen sollen, und ich habe auch sehr viele Sorgen und finde diese Themen wirklich nicht einfach. Aber welche Alternative haben wir denn, auch als Bibliotheken, nicht nur als Privatpersonen?
Ihr Beitrag im oben genannten Buch Demokratie und Politik heißt Von Öffentlichkeit, Demokratie und Bibliotheken und enthält Vorstellungen, wie demokratische Arbeit von Bibliotheken heute aussehen sollte. Können Sie bitte kurz die Kernaussage Ihres Artikels erläutern?
Im Kern möchte ich mit meinem Beitrag zeigen, dass wir Bibliotheken als Wissens- und Kultureinrichtung eine wichtige Rolle im Strukturwandel der Öffentlichkeit einnehmen können und sollten, also in jener Sphäre, die Jürgen Habermas als herrschaftsfreien Raum definiert, in dem uns allen der egalitäre Austausch von Argumenten und Perspektiven möglich ist, oder besser gesagt, sein sollte. Eben jenen Raum, von dem auch Hannah Arendt meint, dass wir ihn brauchen, um die „Gegenwart anderer“ erfahren zu können, „die sehen, was wir sehen, und hören, was wir hören“, denn sie „versichert uns der Realität der Welt und unser selbst.“[4] Ich wünsche mir manchmal, dass wir nicht mehr nur vom Dritten Ort, sondern vielmehr von der Öffentlichkeit sprechen, wenn wir uns über die Ziele bibliothekarischer Arbeit unterhalten.
Die Frage, wie demokratische Arbeit aussehen sollte und könnte, das ist ein Thema, was mich weiterhin beschäftigt.
Eine Frage etwa, die ich im Aufsatz selbst gar nicht angesprochen habe: Was ist denn eigentlich das Alleinstellungsmerkmal von Bibliotheken, mit Blick auf unsere politische Bildungsarbeit? Weil wir sehr viele Einrichtungen im diesem Kontext haben, die sich dieser Frage annehmen. Da ist die Bundeszentrale für politische Bildung, die Landeszentralen für politische Bildung, die Schulen selbstverständlich und eine unfassbar große Landschaft von Nichtregierungsorganisationen, von zivilgesellschaftlichen Netzwerken und Bewegungen, die sich mit diesen Fragen befassen. Und deren Einsatz und Engagement halte ich natürlich für sehr richtig und wichtig.
Insofern nochmal anders gefragt: Was können wir Bibliotheken in der politischen Bildungsarbeit beitragen, was die vorhin genannten Einrichtungen im Kern nicht leisten können oder wollen? Ich denke es ist kein Alleinstellungsmerkmal von uns, politische Bildungsarbeit im Sinne von Systembildung anzubieten, also Fragen zu beantworten wie: Wie funktioniert der Bundestag? Was ist Demokratie? Wie funktioniert die Bezirksverordnungsversammlung? Was sind eigentlich Rechte und Pflichten eines Bundeskanzlers? Hier erfüllen Bibliotheken natürlich wichtige Funktionen im Sinne der Bestandsarbeit und Bereitstellung von entsprechend nötigen Medien. Aber pädagogische Angebote können Schulen und viele der vorhin genannten Einrichtungen im Kern sicher besser machen. Da macht es dann für uns Sinn, mit diesen bei unserer Programmarbeit zu kooperieren, wenn wir als Bibliotheken auch solche politischen Systemfragen aufnehmen und anbieten möchten.
Vielleicht ist unsere Stärke an dieser Stelle vielmehr die Kompetenz, Urteilsfähigkeit zu stärken. Oder wie wir es nennen würden: Stärkung von Medien und Informationskompetenz. Also die Frage, wie komme ich eigentlich zu einem fundierten, also informierten politischen Bewusstsein? Der Weg muss unweigerlich über eine Wissenseinrichtung gehen, bei der ich auch lernen kann, mich kritisch mit Informationsquellen auseinanderzusetzen. Ich glaube, dass hier ein Punkt ist, ich weiß nicht, ob man das als Alleinstellungsmerkmal bezeichnen kann oder sollte, aber es ist aus meiner Sicht unzweifelhaft eine Stärke, die wir im Kontext von politischer Bildungsarbeit mit einbringen können.
Ich habe mich über derlei Fragen auch mal mit anderen Kolleg_innen ausgetauscht. Tenor unserer Diskussion war: Politische Bildungsveranstaltungen haben ein Problem: Sie sind für viele extrem langweilig. Und das ist auch meine Erfahrung. Veranstaltungen dieser Art können mal sehr gut besucht sein und manchmal haben wir ein super Thema, sehr spannend, aber es kommen trotzdem nur wenige Teilnehmer_innen. An der Stelle haben wir das Feld der Möglichkeiten noch nicht ausgereizt, wenn es um unsere politische Bildungsarbeit geht. Wir müssen umdenken, über Bande spielen.
Da komme ich wieder auf das Beispiel mit der Medienwerkstatt Encounters zurück und auf die These, dass es zunehmend an gemeinsamer Öffentlichkeit fehlt oder mit Habermas gesprochen an dieser „gemeinsamen Lebenswelt“.
Die Frage, die daraus entsteht, ist, wie wir Begegnung über die die vorhandenen gesellschaftlichen Barrieren hinweg stimulieren können. Da kommen dann vielleicht wieder wir Bibliotheken ins Spiel. Indem wir zunächst ganz banale Dinge anbieten: regelmäßige Brettspielnachmittage, oder Fantasy-Pen-&-Paper-Rollenspiele. Das ist alles jetzt nichts wahnsinnig Innovatives, aber vielleicht hilft es Menschen, die sich grundsätzlich erstmal fremd sind, dazu zu bewegen, sich zu begegnen und sich miteinander auseinanderzusetzen, in eine gemeinsame Lebenswelt einzutauchen. Dabei sind solche Formate vielleicht ganz zielführend und es entsteht daraus etwas Politisches. Stellen Sie sich mal vor, Sie lernen über die Bibliothek das Thema Fantasy-Rollenspiele kennen und schätzen, und dann bildet sich so ein harter Kern an Leuten oder Sie haben in der Bibliothek regelmäßig Leute, die zusammen an der Nähmaschine sitzen oder häkeln. Es ist erstmal hoch unpolitisch. Man trifft sich zu gemeinsamen Hobbys. Aber wer weiß, vielleicht entsteht dadurch irgendwann eine Verbindung, die zu dezidiert politischen Fragestellungen und Handlungen führt. Sei es, gemeinsam eine Petition für Mobilitätsfragen im Kiez zu verfassen oder sich zu Demos für die Demokratie zu verabreden. Das ist so meine Hoffnung.
Gleichzeitig sind Öffentlichen Bibliotheken darauf angewiesen, dass viele andere Einrichtungen, Institutionen, Organisationen und nicht zuletzt die politischen Gremien, wie der Bundestag, weiterhin gut funktionieren. Ich bin sicher, dass wir als Bibliotheken einen guten Teil dazu beitragen können, dass wir am Ende des Tages eine gemeinsame Öffentlichkeit haben, eine gemeinsame Lebenswelt empfinden, dadurch auch eine gemeinsame Vorstellung von Wirklichkeit haben, die uns hilft, für politische Probleme Lösungen zu finden. Es müssen nicht immer dezidiert politische Veranstaltungen sein, sondern es kann auch eine sein, die auf den ersten Blick unpolitisch aussieht, wie Stricken, Sprachcafés, Brettspielnachmittage, Schachclubs. Hauptsache es sind Aktivitäten, die Menschen dazu animieren, sich zu begegnen und regelmäßig zusammenzukommen.
Das ist fast ein schönes Schlusswort für dieses Interview. Aber eine Frage habe ich noch: Gibt es weitere Anregungen von Ihnen zum Thema Bibliothek und Politik? Sehen Sie Themen, die Bibliotheken bisher nicht angepackt haben, erwarten Sie mehr von den Bibliotheksverbänden oder von einzelnen öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken?
Da möchte ich eine Sache nennen. Wir hatten jetzt schon verschiedentlich die Situation in Thüringen, Sachsen und anderen Orten angesprochen. Und ich hatte auch erwähnt, dass wir aus deren Perspektive eine sehr bequeme Situation hier in Berlin haben. Oder auch in anderen Teilen im westlichen Teil von Deutschland, weil die Situation sich da noch nicht so darstellt. Ich glaube aber, dass wir nicht warten dürfen. Wir müssen uns auf solche Szenarien vorbereiten. Das ist fundamental wichtig, dass wir jetzt nicht in einer Art Schockstarre verharren, wie so ein Reh nachts auf der Straße, sondern dass wir uns jetzt schon überlegen, was sind die Dinge, die wir tun können und vorbereiten müssen. Wo haben wir unsere Themenfelder? Wo sind Lücken in unserer Struktur, die dazu führen, dass Demokratie Schaden nimmt. Und ich glaube, dass man sich darauf vorbereiten kann, auch von der Verwaltung her gäbe es da Möglichkeiten.
Oder durch interne Aktionen. Dass wir bestimmte Simulationen oder Planspiele entwickeln, denen man sich stellt und sagt: OK, wir gehen mal von diesem Szenario aus. Zum Beispiel: Die Bibliothek ist betroffen von einem fokussierten und gezielten Kulturkampf von rechts. Sie erfährt dezidiert bewusste Angriffe. Wie reagieren wir? Ich glaube, dass man gut beraten ist, solche Situationen nicht nur in der Theorie zu durchdenken, sondern auch ganz praktisch durchzuspielen, um zu sehen: Wo habe ich Handlungsbedarf, um entsprechende Maßnahmen daraus abzuleiten? Denn die antidemokratische Seite, die schläft nicht. Das sollte uns nicht erst seit diesem Treffen in Potsdam deutlich geworden sein, sondern das ist ja nur quasi das Ergebnis einer Reihe von Entwicklungen, die immer öfter dazu führen, dass antidemokratische Weltbilder aus der Mitte der Gesellschaft entstehen.
Welche Frage zu diesem Thema, die ich Ihnen heute nicht gestellt habe, würden Sie gerne noch gestellt bekommen?
Danke, da gibt es keine mehr.
[Interviewer: Claudia Lux]
Über den Autor / die Autorin

Boryano Rickum
© 2024 bei den Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
Artikel in diesem Heft
- Titelseiten
- Editorial
- Editorial: Bibliotheken und Politik
- Themenschwerpunkt: Bibliotheken und Politik
- Engagement für Bibliotheken fördern und sichtbar machen
- Politische Interessenvertretung für Bibliotheken: Themen, Forderungen, Methoden
- WEITER WISSEN. Mit uns! Mit der Kampagne WEITER WISSEN machen wissenschaftliche Bibliotheken ihre Leistungen für eine offene Wissenschaft und Forschung sichtbar
- „Es ist die Aufgabe der Verwaltung, das sachlich Notwendige möglich zu machen.“
- „Hexenjagd im Bayern-Staat“: Die Universitätsbibliothek der LMU München und die Holzer-Affäre 1974
- Eine Chronik laufender Ereignisse – Über die Bibliothek der ukrainischen Literatur in Moskau
- Interview mit Boryano Rickum über die rechtsextremen Vorfälle in der Bezirkszentralbibliothek Tempelhof in Berlin und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind
- Über Bibliotheken als Werkstätten der Demokratie
- Argumente gegen Stammtischparolen – auch für Bibliothekarinnen und Bibliothekare
- Bibliotheken: Die fünfte Gewalt im Staat?
- Bibliotheken aus systemtheoretischer Sicht. Eine Skizze
- Kommunal geschützt? – Trägerschaftsmodelle schwedischer Öffentlicher Bibliotheken auf dem Prüfstand. Einblicke in eine Debatte
- Kulturgutschutz und Bekämpfung von Desinformation – Aufgaben internationaler Bibliothekskooperation in Zeiten des Krieges
- Decolonising the Library – in Deutschland?
- Koloniale Kontexte in der Bibliothek. Vernetzen, Erschließen, Bereitstellen
- Subprime Impact Crisis. Bibliotheken, Politik und digitale Souveränität
- Thesen zur Zukunft des wissenschaftsgeleiteten Open-Access-Publizierens – Entwicklung und Diskussion in einem partizipativen Prozess
- Sie stehlen unsere Aufmerksamkeit!
- Was ist eine wissenschaftliche Bibliothek heute?
- Sonstige Beiträge
- Serendipität und Open Data. Richtlinien für die Implementierung von Empfehlungssystemen auf Entdeckungsplattformen
- Analyse der Abdeckung wissenschaftlicher Publikationen auf Semantic Scholar im Kontext von Open Access
- Chancen und Herausforderungen der E-Preferred-Strategie für die monografische Erwerbung in wissenschaftlichen Bibliotheken
- Der Berg ruft und ein Reiseunternehmen will geführt sein, wo steckt der Fehlerteufel? Ein Interview mit Markus Walter
- Rezensionen
- Pettegree, Andrew: The Book at War. Libraries and Readers in a Time of Conflict. London: Profile Books, 2023. 474 S., s/w-Abb. im Text, 31 Farbabb., ISBN: 978-1-80081-493-6, eISBN: 978-1-80081-495-0. Hardcover ₤ 30, Paperback ₤ 12,99
- Anne Baillot: From Handwriting to Footprinting: Text and Heritage in the Age of Climate Crisis. Cambridge: Open Book Publishers, 2023, 179 Seiten, ISBN 978-1-80511-089-7, https://doi.org/10.11647/OBP.0355
- Hassan Soilihi Mzé: Geöffnet – Gelenkt – Umgebaut. Universitätsbibliothek Leipzig, Deutsche Bücherei und Leipziger Stadtbibliothek zwischen institutioneller Reorganisation und politischer Instrumentalisierung (1945–1968/69). Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2023. 266 S., ISBN 978-3-96023-555-2. Hardcover € 33,–
- Madeleine C. Fombad, Collence Takaingenhamo Chisita, Omwoyo Bosire Onyancha und Mabel K. Minishi-Majanja (Hrsg.): Information Services for a Sustainable Society: Current Developments in an Era of Information Disorder. Berlin, Boston: Walter de Gruyter, 2023. VII, 369 Seiten: Illustrationen, 129,00 €, ISBN 978-3-11-077268-5. Auch als PDF & EPUB
- Stefan Alker-Windbichler, Axel Kuhn, Benedikt Lodes, Günther Stocker (Hrsg.): Akademisches Lesen. Medien, Praktiken, Bibliotheken. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, V&R unipress 2022. 370 S.
- Verena-Christin Schmidt: Digitale und hybride Lernraumgestaltung in Wissenschaftlichen Bibliotheken, Wiesbaden: b.i.t. verlag gmbh, 2023, 118 Seiten, 24,50 €, ISBN 978-3-9824425-5-6
Artikel in diesem Heft
- Titelseiten
- Editorial
- Editorial: Bibliotheken und Politik
- Themenschwerpunkt: Bibliotheken und Politik
- Engagement für Bibliotheken fördern und sichtbar machen
- Politische Interessenvertretung für Bibliotheken: Themen, Forderungen, Methoden
- WEITER WISSEN. Mit uns! Mit der Kampagne WEITER WISSEN machen wissenschaftliche Bibliotheken ihre Leistungen für eine offene Wissenschaft und Forschung sichtbar
- „Es ist die Aufgabe der Verwaltung, das sachlich Notwendige möglich zu machen.“
- „Hexenjagd im Bayern-Staat“: Die Universitätsbibliothek der LMU München und die Holzer-Affäre 1974
- Eine Chronik laufender Ereignisse – Über die Bibliothek der ukrainischen Literatur in Moskau
- Interview mit Boryano Rickum über die rechtsextremen Vorfälle in der Bezirkszentralbibliothek Tempelhof in Berlin und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind
- Über Bibliotheken als Werkstätten der Demokratie
- Argumente gegen Stammtischparolen – auch für Bibliothekarinnen und Bibliothekare
- Bibliotheken: Die fünfte Gewalt im Staat?
- Bibliotheken aus systemtheoretischer Sicht. Eine Skizze
- Kommunal geschützt? – Trägerschaftsmodelle schwedischer Öffentlicher Bibliotheken auf dem Prüfstand. Einblicke in eine Debatte
- Kulturgutschutz und Bekämpfung von Desinformation – Aufgaben internationaler Bibliothekskooperation in Zeiten des Krieges
- Decolonising the Library – in Deutschland?
- Koloniale Kontexte in der Bibliothek. Vernetzen, Erschließen, Bereitstellen
- Subprime Impact Crisis. Bibliotheken, Politik und digitale Souveränität
- Thesen zur Zukunft des wissenschaftsgeleiteten Open-Access-Publizierens – Entwicklung und Diskussion in einem partizipativen Prozess
- Sie stehlen unsere Aufmerksamkeit!
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- Sonstige Beiträge
- Serendipität und Open Data. Richtlinien für die Implementierung von Empfehlungssystemen auf Entdeckungsplattformen
- Analyse der Abdeckung wissenschaftlicher Publikationen auf Semantic Scholar im Kontext von Open Access
- Chancen und Herausforderungen der E-Preferred-Strategie für die monografische Erwerbung in wissenschaftlichen Bibliotheken
- Der Berg ruft und ein Reiseunternehmen will geführt sein, wo steckt der Fehlerteufel? Ein Interview mit Markus Walter
- Rezensionen
- Pettegree, Andrew: The Book at War. Libraries and Readers in a Time of Conflict. London: Profile Books, 2023. 474 S., s/w-Abb. im Text, 31 Farbabb., ISBN: 978-1-80081-493-6, eISBN: 978-1-80081-495-0. Hardcover ₤ 30, Paperback ₤ 12,99
- Anne Baillot: From Handwriting to Footprinting: Text and Heritage in the Age of Climate Crisis. Cambridge: Open Book Publishers, 2023, 179 Seiten, ISBN 978-1-80511-089-7, https://doi.org/10.11647/OBP.0355
- Hassan Soilihi Mzé: Geöffnet – Gelenkt – Umgebaut. Universitätsbibliothek Leipzig, Deutsche Bücherei und Leipziger Stadtbibliothek zwischen institutioneller Reorganisation und politischer Instrumentalisierung (1945–1968/69). Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2023. 266 S., ISBN 978-3-96023-555-2. Hardcover € 33,–
- Madeleine C. Fombad, Collence Takaingenhamo Chisita, Omwoyo Bosire Onyancha und Mabel K. Minishi-Majanja (Hrsg.): Information Services for a Sustainable Society: Current Developments in an Era of Information Disorder. Berlin, Boston: Walter de Gruyter, 2023. VII, 369 Seiten: Illustrationen, 129,00 €, ISBN 978-3-11-077268-5. Auch als PDF & EPUB
- Stefan Alker-Windbichler, Axel Kuhn, Benedikt Lodes, Günther Stocker (Hrsg.): Akademisches Lesen. Medien, Praktiken, Bibliotheken. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, V&R unipress 2022. 370 S.
- Verena-Christin Schmidt: Digitale und hybride Lernraumgestaltung in Wissenschaftlichen Bibliotheken, Wiesbaden: b.i.t. verlag gmbh, 2023, 118 Seiten, 24,50 €, ISBN 978-3-9824425-5-6