Home Library & Information Science, Book Studies Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels herausgegeben von der Historischen Kommission. Band 5. Im Auftrag der Historischen Kommission herausgegeben von Christoph Links, Siegfried Lokatis und Klaus G. Saur in Zusammenarbeit mit Carsten Wurm: Deutsche Demokratische Republik. Teil 2: Verlage 2. IX, 592 Seiten. Abbildungen und Tabellen. Berlin, Boston: De Gruyter, 2023. ISBN 978-3-11-056529-4, 169,95 €
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Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels herausgegeben von der Historischen Kommission. Band 5. Im Auftrag der Historischen Kommission herausgegeben von Christoph Links, Siegfried Lokatis und Klaus G. Saur in Zusammenarbeit mit Carsten Wurm: Deutsche Demokratische Republik. Teil 2: Verlage 2. IX, 592 Seiten. Abbildungen und Tabellen. Berlin, Boston: De Gruyter, 2023. ISBN 978-3-11-056529-4, 169,95 €

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Published/Copyright: January 31, 2024

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Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels herausgegeben von der Historischen Kommission. Band 5. Im Auftrag der Historischen Kommission herausgegeben von Christoph Links, Siegfried Lokatis und Klaus G. Saur in Zusammenarbeit mit Carsten Wurm: Deutsche Demokratische Republik. Teil 2: Verlage 2. IX, 592 Seiten. Abbildungen und Tabellen. Berlin, Boston: De Gruyter, 2023. ISBN 978-3-11-056529-4, 169,95 €


„Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist“. Die Fortschritte auf dem Weg zum Abschluss der monumentalen Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert strafen den häufig zitierten Satz aus der Feder Johann Nestroys, des Dramatikers des Alt-Wiener Volksschauspiels, Lügen.[1] Sind die zum Teil aus mehreren Teilen bestehenden Bände zwischen 2001 und 2019 zunächst in größeren Zeitabständen erschienen, so konnten von 2020 an bis 2023 in jährlichem Rhythmus weitere in rascher Folge vorgelegt werden. Bis zum Abschluss des Gesamtwerkes fehlt nur noch der Band 4 über die Nachkriegszeit und ist mit einem Teil 1 „Westzonen“ in Vorbereitung. Teil 3 des Bandes 5 „Deutsche Demokratische Republik“ ist für 2024 angekündigt.[2] Zuletzt rezensiert wurde Band 5 „Deutsche Demokratische Republik“ mit den Teilen 1 und 2. Teil 1 behandelte in zwei Teilbänden „SBZ, Institutionen und Verlage 1“.[3] Nun liegt als Neuerscheinung Teil 2 mit „Verlage 2“ vor und soll im Folgenden vorgestellt werden. Sollte der Leser, falls er durch die Zählweise nach Bänden, Teilen, Teilbänden und Ziffern insbesondere beim Zitieren in Verwirrung geraten, braucht er die Schuld nicht bei sich zu suchen. Der Übersicht halber noch einmal die Aufteilung von Band 5:

Teil 1/1 (2022)

Teil1/2 (2022)

Teil 2 (2023)

Teil 3 (angekündigt für 2024)

Nach einer knappen Einleitung führt Teil 2 das Kapitel 5 „Verlage“ des vorhergehenden Bandes 5.1/2 mit der Darstellung der Verlage nach Sparten fort. Es handelt sich im Einzelnen um die nachstehend aufgeführten Verlagsgruppen:

5.3.2 Kinder- und Jugendbuchverlage

5.3.3 Schulbuchverlag Volks und Wissen

5.3.4 Kunst- und Theaterverlage

5.3.5 Musikverlage in der frühen DDR

5.3.6 Fach- und Sachbuchverlage

5.3.7 Wissenschaftsverlage

5.3.8 Verlage von Parteien und Organisationen

5.3.9 Kirchenverlage

Wie die Einleitung hervorhebt, hat es in der DDR zum Schluss 78 lizenzierte Verlage gegeben, eine Anzahl, angesichts derer es möglich war, auf die einzelnen Häuser einzugehen. Dabei wurde weitgehend Neuland betreten. Die Beiträge stammen von 21 Bearbeiterinnen und Bearbeitern. Wenn mit Teil 3 der Band 5 „DDR“ abgeschlossen sein wird, werden es über 50 sein. Einwerbung und Koordinierung so zahlreicher Expertinnen und Experten machen verständlich, dass die Ausarbeitungszeit sich über 10 Jahre hinzog.

Wie in den vorhergehenden Teilen stammt die überwiegende Anzahl der Autorinnen und Autoren vorwiegend von Universitäten und anderen wissenschaftlichen Institutionen sowie natürlich aus dem Verlagswesen. Einige wenige kommen aus Bibliotheken oder aus der Wirtschaft. Die meisten Beiträge wurden außerdem neu aus den Quellen erarbeitet. Nur für einige konnte auf eigene oder vorliegende bzw. publizierte Forschungsergebnisse aus Dissertationen, Magisterarbeiten oder Studien zum Thema zurückgegriffen werden. Jedem Beitrag folgt wie schon bisher ein Literatur- und Quellenverzeichnis, generell gegliedert nach archivalischen Quellen – gedruckten Quellen – Forschungsliteratur. Fallweise werden Periodika aufgelistet bzw. Zeitzeugen, Internetquellen, literarische Quellen und firmengeschichtliche Eigenpublikationen aufgeführt. Schwieriger als die Aufzählung der Formalien ist es, sich kritisch zum Inhalt zu äußern. Die Neuheit der Forschungsergebnisse macht eine eigene Überprüfung im Rahmen einer Rezension kaum möglich, so dass bestenfalls ihre Interpretation im Rahmen des Gesamtzusammenhanges beurteilt werden kann. Nichtsdestoweniger soll auf einige Fakten hingewiesen werden.

Dass auch ein autoritär herrschendes Regime dem Wandel unterworfen ist, versteht sich von selbst. Unverändert aber bestand die Rivalität zwischen den staatlichen Organen mit den Organisationen der Partei fort. Schon die Unterscheidung zwischen partei-, organisations- und volkseigenen Betrieben barg ein ständiges Konfliktpotenzial. Ein charakteristisches Beispiel sind die Kompetenzstreitigkeiten im Fall der Musikverlage bezüglich Steuerung und Kontrolle „zwischen den Funktionären im Staatsapparat (Verlagsbehörde, Wirtschafts- und Kulturverwaltung)“ (S. 182). Auch in Fragen der Zensur wurde widersprüchlich gehandelt, etwa wenn der Staat, der sich als antikapitalistisch verstand, über seinen Schatten sprang, wenn es um Exportdevisen ging. Devisen wurden auch durch die Lizenznahme westlicher Verlage für große Stückzahlen von Fachbüchern akquiriert. Erwähnung verdient, dass die Luther-Ausgabe des Verlags „Hermann Böhlau Nachf. Weimar“ eine Exportquote von 75 Prozent erwirtschaftete (S. 391). Heiß umstritten blieb immer die Zuweisung von Papierkontingenten, die abgesehen von echten Engpässen zur politischen Steuerung und zu Zensurzwecken eingesetzt wurde. Erhebliche Papiermengen wurden für riesige Auflagen gewünschter, aber nicht absetzbarer politischer Literatur zur Verfügung gestellt, ganze Auflagen wurden eingestampft, wenn eine Instanz der Nachzensur Bedenken gegen ihre Verbreitung hatte. Andererseits konnte zugewiesenes Papier nicht verwendet werden, weil es Engpässe bei der Weiterverarbeitung durch die Druckereien oder andere Zulieferbetriebe gab. Da die Buchpreise künstlich niedrig gehalten wurden, war jedoch „die Herstellung in der Regel erst bei einer Auflage jenseits von 10 000 Exemplaren wirtschaftlich“ (S. 289). Dass sich die Zahl der Verlage ständig verringerte, war in den Anfängen der Abwanderung zahlreicher Firmen in die Bundesrepublik geschuldet. Der Trend setzte sich aber durch Zwangsverkäufe und Geschäftsaufgaben fort. Hinzu kamen Zusammenlegungen oder Verschiebungen im Portfolio der Unternehmen. Die vorgebliche „Schärfung der Verlagsprofile“ bedeutete in der Regel eine Verschärfung der Kontrolle. Für alle diese Veränderungen finden sich in den dargestellten Unternehmen charakteristische Beispiele. Es ist nicht übertrieben, von einer beständigen Unruhe im Verlagswesen zu sprechen.

Nahezu alle Beiträge geben auch kurze Ausblicke über das Schicksal der Verlage nach dem Untergang der DDR, das von der Auflösung bis zur Vereinigung mit den Parallelunternehmen in der Bundesrepublik und in Einzelfällen bis zum Überleben reichte.

Wenn einige Verlagssparten hervorgehoben werden, dann weil sie in gewisser Weise prototypisch sind.

Am Anfang stehen die Kinder- und Jugendbuchverlage, denen ein umfangreicher geschichtlicher Abriss gewidmet ist, bevor ihre Geschichte im Einzelnen beschrieben wird. Daraus wird deutlich, welche „zentrale Bedeutung der Kinder- und Jugendliteratur in der DDR für die Erziehung ‚sozialistischer Persönlichkeiten‘ beigemessen wurde“ (S. 23). Entsprechend zahlreich waren die Fördermaßnahmen wie Auszeichnungen, Veranstaltungen und Gremien. Der Kinderbuchverlag Berlin war der bedeutendste und größte auf diesem Gebiet, der besonders für die Buchkunst für Kinder eintrat. Hier sei als Beispiel vor allem an Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm mit den Illustrationen von Werner Klemke erinnert, die weit über die DDR hinaus gerühmt wurden und zahlreiche Preise einheimsten.[4]

Das Kapitel Musikverlage beschränkt sich auf die Zeit in der frühen DDR. Die Entwicklung verlief von den 1950er-Jahren bis zu einer gewissen Konsolidierung 1961 turbulent. Mit den ältesten, traditionsreichsten Verlagen Breitkopf & Härtel und C. F. Peters, dem Friedrich Hofmeister Musikverlag und B. Schott’s und Söhne verfügte die DDR einschließlich Ostberlin zusammen mit weiteren Firmen über drei Viertel der deutschen Musikverlage. Eigentumsverhältnisse, Rechtsträgerschaft und Lizenzierung, Profilierungsprobleme, undurchschaubare Druckgenehmigungsverfahren, Papier- und Fachkräftemangel (Notenstecher!) sowie die eingeschränkten Auslandskontakte führten zu erheblichen Kompetenzstreitigkeiten, juristischen und politischen Auseinandersetzungen in der DDR selbst und mit den in den Westen übersiedelten Parallelverlagen.

Bei den Lexikonverlagen wurden die historisch bedeutenden Firmen F. A. Brockhaus und das Bibliographische Institut Leipzig enteignet und als volkseigene Betriebe weitergeführt, ersteres von 1946 bis 1960 geleitet von Heinrich Becker.[5] Thomas Keiderling, der Autor des Kapitels, hebt hervor, dass „in einer, in der bisherigen deutschen Zensurgeschichte nicht gekannten Weise die allgemeinen Lexika politisch-ideologischen Maßgaben unterworfen“ wurden (S. 269). Ziel war ein neuer Typ des sozialistischen Lexikons nach sowjetischem Vorbild. Das Vorgehen speziell gegen Brockhaus war exemplarisch. 1950 musste die Auslieferung des Halbbandes A–K des Volksbrockhaus eingestellt werden. Alle Exemplare wurden konfisziert und makuliert. Es war dies ein Druckmittel und zugleich Auftakt des harten Vorgehens gegen noch in Privatbesitz befindliche Unternehmen.

Entgegen der Systematik des Inhaltsverzeichnisses lassen sich die weiteren Sparten juristische Verlage, die Militärverlage, die Verlage der Blockparteien, der Dietz Verlag und die Kirchenverlage zu einer Gruppe zusammenfassen. Ihnen galt das besondere Interesse von Staat und Partei. Sie standen unter noch schärferer Kontrolle (wenn das überhaupt noch möglich war) und waren noch stärker der wechselnden Ausrichtung der aktuellen Politik unterworfen. Der Deutsche Zentralverlag, ab 1963 Staatsverlag der DDR, war ein Steuerungsinstrument und Sprachrohr der sozialistischen Gesetzlichkeit mit dem Monopol auf Rechtsmeinungen. Das juristische Publikationswesen der DDR beschränkte sich weitgehend auf den Staatsverlag. Seinen programmatischen Anspruch überschrieb der Cheflektor Karl-Friedrich Gruel mit „Geistige Weite, Wirksamkeit, Aktualität“ (S. 249).

Eine Sonderstellung nahm der Militärverlag der DDR ein, der nach sowjetischem Vorbild gegründet wurde. Er unterstand direkt der Hauptverwaltung der Nationalen Volksarmee (NVA) und sorgte anfänglich für die Ausbildung der neuen Soldaten. Im weiteren Verlauf setzte sich das Verlagsprogramm aus Fachliteratur für die Angehörigen der NVA, aus einem umfangreichen Zeitschriftenprogramm und schließlich aus Sachbuch und Belletristik zusammen.

„Aus den verborgenen Massiven des SED-Buchhandels herausgewachsen, überragte ein majestätischer Gipfel die Verlagslandschaft der DDR. Der Dietz Verlag okkupierte eine in mancher Hinsicht erhabene Sonderstellung, u. a. den besten Platz auf der Leipziger Messe und in den Schaufensterauslagen des Volksbuchhandels“. Besser als mit dieser geradezu poetischen Umschreibung von Siegfried Lokatis, lässt sich die Stellung des Dietz Verlages im Verlagsbuchhandel der DDR kaum charakterisieren. Seine Sonderstellung resultierte allein schon daraus, dass er als Abteilung des Zentralkomitees dem Staatsapparat übergeordnet war und außerhalb des staatlich kontrollierten Zensursystems stand. Mit einem Wort „war Dietz der Parteiverlag, das offizielle Sprachrohr der SED“ (S. 451). Lokatis arbeitet seine Privilegien pointiert heraus: seinen Zugriff auf Druckereikapazitäten, seine Kontrolle der Parteiliteratur, Ausnahmeregelungen bei Zensurverfahren, Publikation von Büchern von „grundsätzlicher und allgemeiner Bedeutung“. In den Anfangsjahren unter Ulbricht war unter anderem das Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut des Zentralkomitees als Textlieferant entscheidend wichtig. Für die Funktionäre der Partei lieferte der Verlag Arbeitsunterlagen, Parteiprogramme und aktuelle Beschlüsse, ganz zu schweigen von der Verbreitung der „Klassiker“ des Sozialismus bzw. Kommunismus. Dadurch musste der Verlag schnell auf Veränderungen in der Politik reagieren. Die Entstalinisierung zum Beispiel erwies sich geradezu als Absatzkatastrophe. Nach dem Abtreten Ulbrichts lagen Bände im Wert von 840 000 Mark auf Halde. Überhaupt blieb eine permanente Überproduktion ein Kennzeichen des Verlags, wie der Autor hervorhebt. (S. 467). Krisen führten zu Personalwechseln, wie denn Lokatis feststellt, „dass der Verlag ein einziges Minenfeld war“ (S. 469).

Friederike Röber spricht in ihrem Beitrag den Verlagen der Blockparteien die Rolle eines „Transmissionsriemen[s]“ zu. Einerseits gab ihre Zulassung dem Regime einen quasi-demokratischen Anstrich, weil sie deren Klientel dem Anschein nach entgegenkam, aber nichtsdestoweniger der SED half, ihre Ziele durchzusetzen. Neben dem traditionsreichen Leipziger Verlag Koehler & Amelang verfügte die CDU auch über den Union Verlag. Die Liberal-demokratische Partei betrieb den Buchverlag „Der Morgen“ und den „Verlag der Nation“. Die „Verlage dienten dazu, eine literarische und vor allem politische Vielfalt in der Verlagslandschaft vorzugeben“ (S. 514). In den 40 % der Unternehmen, die zu den partei- und organisationseigenen Verlagen zählten, fanden die Verlage der Blockparteien zwar eine Nische, spielten aber dennoch nur eine marginale Rolle. Röber kommt zu der Schlussfolgerung, dass sie mit zum Teil kontrovers diskutierten Werken die Literaturlandschaft der DDR ergänzten.

In gewisser Weise befanden sich die Kirchenverlage insofern in einer ähnlichen politischen Situation wie die Verlage der Blockparteien, als ihre Existenz eine gewisse Scheintoleranz zum Ausdruck bringen sollte. Das evangelische Buchwesen konnte auf eine bis in die Reformationszeit zurückreichende Tradition zurückblicken, die man nicht so leicht eliminieren konnte. Ein „Vorschlag“ der sowjetischen Militäradministration führte zur Gründung eines evangelischen Zentralverlages, der Evangelischen Verlagsanstalt (EVA), anstelle der bisherigen Privatverlage. Die sich ständig verschärfende Kirchenpolitik, welche „eine Umformung der Gesellschaft hin zum sozialistisch-atheistischen Bewusstsein“ bewirken sollte, wirkte sich durch ihre Repressalien gravierend auf die Arbeit der EVA aus.

Unter religions- bzw. kirchenpolitischen Gesichtspunkten waren die Rahmenbedingungen für die katholische Verlagsarbeit einerseits vergleichbar. Andererseits befand sie sich in einer „doppelten Diasporasituation“: Die katholische Bevölkerung war zahlenmäßig geringer und die Aufspaltung der Diözesen zwischen Ost und West ein zusätzliches Problem. Der 1947 gegründete St. Benno-Verlag fand sich mit dem bereits seit 1819 bestehenden Cordier-Verlag zusammen. Nach 1990 wurde er als St. Benno Buch- und Zeitungsverlagsgesellschaft neu gegründet und gehört heute zu den größten christlichen Verlagshäusern in Deutschland.

Dass es in der Bundesrepublik, in Sachsen (in der Lausitz) und in Brandenburg, eine etwa sechzig Tausend Menschen umfassende sorbische Minderheit mit einer über 1 000 Jahren alten Geschichte gibt, ist im öffentlichen Bewusstsein wenig präsent. Ihre offizielle zentrale Interessenvertretung ist die Domowina, was so viel wie „Heimat“ bedeutet. 1958 wurde in der DDR der VEB Domowina Verlag mit Sitz in Bautzen gegründet. Dieser wurde 1990 in eine GmbH umgewandelt und 2000 in die Stiftung für das sorbische Volk eingebracht. Während der drei Jahrzehnte in der DDR brachte er etwa 2 660 Titel heraus. In den ersten Jahren seines Bestehens erschienen auf dem Gebiet der Belletristik vornehmlich Werke des sozialistischen Realismus. Der Beitrag von Anka Greulich beschreibt eindrücklich den ständigen Spagat des Verlags zwischen den ideologischen Vorgaben des Regimes und der Verpflichtung, zum Erhalt der sorbischen Sprache und der Kultur beizutragen. Wie bei vielen Minderheiten ist auch das Sorbische vom Aussterben bedroht.

Die hier vorgestellten Verlagssparten mögen als Beispiele genügen. Sie zeichnen Entwicklungen nach, die weitgehend parallel verliefen. Nicht eingegangen wurde auf die handelnden Personen, seien es die Vertreter des Verlagswesens und des Buchhandels oder die politischen Entscheidungsträger. Nur hingewiesen sei noch auf die Sachbuch- und die Wissenschaftsverlage. Über die Stellung des Sachbuches in der Literaturlandschaft schickt Christoph Links voraus, dass das Sachbuch in der DDR einen schweren Stand hatte. Das begann bereits bei der Terminologie, weil man lange Zeit gegenüber dem Begriff „Sachbuch“ die Bezeichnung „populärwissenschaftliche Literatur“ bevorzugte. Bei der Neulizenzierung 1951/52 wurden die Sachbuchverlage noch stärker als die Belletristikverlage ins Visier genommen. In der Folge waren sie häufig Gegenstand von Debatten in Literaturkonferenzen. Erst in den 1970er-Jahren öffnete man sich vorsichtig neueren Entwicklungen und ging in den 1980er-Jahren eher pragmatisch vor. Was die Wissenschaftsverlage betrifft, war ihre Situation insofern eine besondere, weil die deutsche Wissenschaft eine hohe Reputation besaß, die auch unter den neuen Vorzeichen aufrecht erhalten werden sollte, und weil auch die Konkurrenz mit der Bundesrepublik mitspielte. Dadurch kam es anders als bei den anderen Verlagssparten zu deutsch-deutschen Kooperationen. „Der Deutsche Verlag der Wissenschaften [sollte] als Muster eines sozialistischen Wissenschaftsverlages hauptsächlich nach innen wirken, während der Akademie-Verlag in erster Linie für ein positives wissenschaftliches Renommee nach außen sorgen sollte“ (S. 365). Spezielle Probleme gab es mit den sieben wissenschaftlichen Parallelverlagen, Traditionsnamen wie Barth, Teubner oder Gustav Fischer. Die Eigentumsverhältnisse zwischen den Häusern in der DDR und in der Bundesrepublik schufen Konflikte, die man durch sehr unterschiedliche Strategien auszuräumen versuchte.

Angesichts der großen Zahl der erfassten Verlage und der 21 Autorinnen und Autoren ist es den Herausgebern gelungen, einen zwar nicht geschlossenen, aber in sich stimmigen Überblick über die Situation der einzelnen Verlage in der DDR vorzulegen. Ein abschließendes Urteil kann erst erfolgen, wenn der für 2024 angekündigte Band 5 Teil 3 erschienen ist. Er wird sich mit den nichtlizenzierten und inoffiziellen Verlagen beschäftigen. Überdies soll er sich den Verlagsarchiven, der Buchherstellung und der Buchkunst, dem Zwischenbuchhandel, Sortimentsbuchhandel sowie den Bibliotheken und dem Leseverhalten widmen. Thematisiert werden dann auch noch die Buchgemeinschaften, der Außenhandel, die literarischen Zeitschriften und der Postzeitungsvertrieb.

Published Online: 2024-01-31
Published in Print: 2024-04-30

© 2024 bei den Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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Downloaded on 14.3.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bfp-2023-0089/html
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