Rezensierte Publikation:
Matthias Weber, Der Bischof stirbt. Zu Form, Funktion und Vorstellung bischöflicher Sterbeberichte (6.–12. Jahrhundert). 2023 V&R unipress Göttingen, 978-3-8471-1491-8, € 85,–
Während in der Geschichtswissenschaft im breiten Feld von Sterben und Tod lange vor allem Tod, Leichnam und Bestattung im Vordergrund standen, rücken in jüngerer Zeit zunehmend Studien zu Sterbeprozess und Sterbeberichten bestimmter Personengruppen in den Fokus (zum Beispiel Janßen, Kamenzin). In diesen Forschungstrend fügt sich auch die 540 Seiten umfassende Untersuchung von Matthias Weber ein, der ein Register der Bibelstellen, Personen und Orte beigegeben wurde. So richtet er in seiner Dissertation seinen Blick auf die Bischöfe als einer der zentralen Personengruppen des mittelalterlichen Europas und fragt nach den „Formen und Funktionen“, den „literarischen Konstitutionen […] des Bischofstodes und dessen vorstellungsgeschichtlichen Aspekten“ in der Hagio-, vor allem aber der Historiographie des fränkischen Reichs und dessen Nachfolger (S. 20). Der zeitliche Rahmen umfasst das Früh- und Hochmittelalter (6.–12. Jahrhundert). Weber erhebt den Anspruch, mit seiner Arbeit eine der ersten umfassenden Analysen bischöflicher Sterbeberichte vorzulegen und damit eine zentrale Forschungslücke zu schließen. Dabei steht die Arbeit vor der Herausforderung der Verbindung zweier, in ihren Dimensionen schwer zu fassenden Forschungsfelder: der Geschichte von Sterben und Tod sowie der Bedeutung der Bischöfe für die früh- und hochmittelalterliche Gesellschaft.
Diese Forschungsfelder werden zunächst dargestellt (S. 25–47). Weber strukturiert die Vielzahl der Publikationen überzeugend und schlüsselt diese Felder für den Lesenden gewinnbringend auf; auffällig ist, dass der Forschungsüberblick zu Tod und Sterben weiterhin eng an den Thesen von Philippe Ariès orientiert bleibt – auch wenn diese seit Jahrzehnten kritisch diskutiert werden. Daraufhin folgen zwei Kapitel zu den antiken wie frühmittelalterlichen Vorstellungen von Sterben, Tod und Jenseits, die die Grundlagen für die späteren Analysen schaffen (S. 57–96). Im fünften Kapitel (S. 97–129) bietet Weber eine Analyse verschiedener hagiographischer Texte (zum Beispiel Sulpicus Severus, Transitus Mariae) und zeigt die Wirkmacht der darin entwickelten Vorstellungen zum idealen Tod und der Jenseitstopographie auf. Er kann nachweisen, dass diese Gregor von Tours beeinflusst haben, dessen „Decem libri historiarum“ mit den zahlreichen Berichten zum Sterben von Bischöfen dann den logischen Startpunkt der Untersuchung bischöflicher Sterbeberichte darstellt. Etwas überraschend ist, dass die „Dialogi“ Gregors des Großen zwar im patristischen Kapitel 4 intensiv behandelt, in der hagiographischen Analyse aber nicht erneut aufgegriffen werden, obwohl die von Gregor beschriebenen liminalen Sterbesituationen Tugendhafter eine deutliche Nähe zu Webers am „Transitus Mariae“ entwickelten Ergebnissen erkennen lassen.
Die Kapitel 6–9 stellen den Kern der Arbeit dar, in denen neben Gregor von Tours chronologisch die dafür relevante Historiographie des Untersuchungszeitraums nach (narrativen) Funktionalisierungen und vorstellungsgeschichtlichen wie politischen Implikationen der beschriebenen Bischofstode untersucht werden. Dafür analysiert er, um hier nur einige prominente Texte zu nennen, etwa die karolingische Annalistik, die Quedlinburger Annalen, die Chronik des Thietmar von Merseburg, die Chronik Hermanns des Lahmen sowie die Chronik des Berthold von Reichenau (S. 131–532). Besonders hervorzuheben ist dabei Webers interdependente Vorgehensweise, „das Zusammenspiel von Verfasser, Umfeld, Hintergrund, Intention, Wahrnehmung und Intertextualität herauszustellen und zu untersuchen“ (S. 55), ein Selbstanspruch, den er in seinen detailreichen Analysen stets zu erfüllen vermag; die Vielzahl an Ergebnissen kann hier aus Platzgründen nicht im Einzelnen gewürdigt werden. Diese werden aber in der kommenden Forschung zu den einzelnen behandelten Texten sicherlich Anklang finden. Immer wieder – und dies stellt eine weitere Stärke der Studie dar – werden die gewonnenen Ergebnisse mit kurzen Analysen hagiographischer Texte sowie anderer Quellengattungen, die sich für das Episkopat als relevant erwiesen haben, abgeglichen (zum Beispiel S. 206–210, 301–306).
Weber kommt sowohl in Hinblick auf die qualitative wie quantitative Auswertung zu zentralen Erkenntnissen. Einerseits zeigt er die in Wellen deutlich werdende Frequenz als auch Ausführlichkeit des Sujets im Früh- und Hochmittelalter (S. 533–555), andererseits kann er zentrale Autoren und Werke für den Diskurs ausmachen (S. 535–537), etwa Gregor von Tours und Thietmar von Merseburg. Zudem gelingt es ihm, die Vielfältigkeit historiographischer Funktionalisierungen der Bischofstode deutlich zu machen: bischöfliche Selbstvergewisserung, Memoria, Kritik, Paränese sowie Parteiung (S. 538–540). Diese Ergebnisse sind von erheblicher Relevanz; eine ausführlichere Perspektive im Ausblick hätte das Potential der Ergebnisse für breitere Forschungsdiskussionen noch deutlicher sichtbar gemacht, gerade auch methodisch mit Blick auf das genannte Forschungsfeld zu Sterben und Tod (S. 540). Zudem liefert Weber, wenngleich sein Fokus auf historiographischen Quellen liegt, auch wertvolle Ergebnisse zum bisher wenig untersuchten Tod der Heiligen – ein Aspekt, den er in einer vertieften Diskussion noch stärker hätte profilieren können.
Matthias Webers Studie stellt von den Ergebnissen, aber auch durch sein interdependentes methodisches Vorgehen, einen Anknüpfungspunkt für kommende Studien zu zeitlich (Bischofstode im Spätmittelalter) sowie inhaltlich (Todesbeschreibung anderer Gruppen, zum Beispiel Äbte) verwandten Themenbereichen dar. Wie Weber selbst schreibt: „der Bischof und sein Tod halten weiterhin großes Potential bereit“ (S. 540); zugleich zeigt die Studie, dass die Geschichte von Sterben und Tod im Mittelalter trotz jahrzehntelanger Forschung noch längst nicht erschöpft ist, sondern vielmehr nach weiteren neuen methodischen und thematischen Zugängen verlangt.
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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