Rezensierte Publikation:
Michael Sommer, Mordsache Caesar. Die letzten Tage des Diktators. 2024 C. H. Beck München, 978-3-406-82133-2, € 26,–
Michael Sommer arbeitet mit der Prämisse, dass ein punktuelles Geschehen wie „Die Iden des März“ sowohl struktur- als auch ereignisgeschichtlich die gesamte Res publica ausleuchten kann. Der Untertitel „Die letzten Tage des Diktators“ ist strenggenommen etwas irreführend. Denn bei der Lektüre begegnet dem Leser vom Beginn der Republik bis zur Gründung des Prinzipats – teils ausführlicher, teils knapp skizziert – eine enorme Fülle von Entwicklungen und Begebenheiten. Kennern der römisch-republikanischen Geschichte mag dies in der Regel vertraut sein, aber einem interessierten, jedoch nicht so versierten Publikum dürfte die Lektüre teilweise wie eine Informationsflut vorkommen. Der erste Teil setzt den Rahmen und schildert zunächst den Mythos der Republikgründung und befasst sich danach mit der Szene vom 10. Januar 49 v. Chr. am Rubikon, der – mit hervorgehobener Alliteration – für die „Republik zum river of no return“ wurde (S. 74). Sommer hält sich im Fortgang nicht an eine stringente Chronologie, sondern unternimmt angelegentlich bestimmter Begriffe oder Personen weitreichende Ausflüge in die Geschichte der Republik. Dies wird vor allem in Teil II „Diktatur“ deutlich. Im Fokus stehen wichtige Persönlichkeiten in den Jahren 46 und 45. Die Protagonisten dienen aber auch als Sprungbrett in die Vorgeschichten der Personen, Familien sowie deren Verknüpfung mit wichtigen Ereignissen der römischen Geschichte. Münzen bieten erhellendes Quellen- und Anschauungsmaterial. Die Ausführungen zu Cato dem Jüngeren stechen positiv hervor. Ab Teil 3 (S. 175 ff.) geht es konkret um die Verschwörung gegen Caesar.
Caesars Tod war kein Kriminalfall. Wenn auch nicht die gesamte Gruppe, so sind die maßgeblichen Verschwörer sowie Mörder bekannt. Es gibt keine Schuldfrage. Die im Titel enthaltene Vokabel „Mord“ verschiebt die Diskussion, ob es eine Art politisches Befreiungsattentat gewesen ist, auf ein Nebengleis (vgl. S. 14). Der Verfasser lehnt sich, wie auch die Anmerkungen nachweisen, an die Quellen an, aber er nimmt sich die Freiheit, bestimmte Begebenheiten plastisch und phantasievoll auszuerzählen. Er versetzt sich dabei in die Köpfe der Protagonisten, der Erzählstil ist auf Lebendigkeit ausgerichtet. Die Verwendung des Präsens als Erzählzeit bewirkt eine durchaus mitreißende Unmittelbarkeit. Die Formulierungen scheinen gezielt Gelehrtenprosa vermeiden zu wollen, wenn der römischen politischen Klasse „Ehrpusseligkeit“ (S. 48) attestiert wird oder die Verschwörer „das Rad der Geschichte […] mit Schmackes“ weiterdrehten (S. 16). Moderne Begrifflichkeit begegnet: Fulvia habe „Street Credibility“ (S. 210) – was man anzweifeln kann. An den Iden des März spricht Caesar in der Erzählung zu sich selbst: „Hokuspokus! Meine Vorzeichen mache ich mir immer noch selbst“ (S. 257). Die orthographische Präsentation ist ausgezeichnet, allerdings fallen einige sachliche Ungereimtheiten auf: Der Triumphzug habe mit dem Triumphator geendet (S. 36), Caesar habe den Kalender durch Einschaltung von zwei Monaten korrigiert (S. 113, 167), Cicero sei an den Iden des März nicht im Senat gewesen (S. 264). Wer in den Anmerkungen nachschauen möchte, worauf diese Aussagen beruhen, stellt fest, dass es kaum Hinweise auf einschlägige Forschungen gibt. Das Literaturverzeichnis gliedert sich nach sachlichen Punkten. Die Studie von Mischa Meier (Caesar und das Problem der Monarchie in Rom. Heidelberg 2014) und die große Biographie von Robert Morstein-Marx (Julius Caesar. New York 2021) werden nicht erwähnt.
Im Text sind regelmäßig optisch abgesetzte „Aktenvermerke des Historikers“ notiert, die Optionen bzw. Variationen des Geschehens in den Raum stellen. Das führt zu einer grundsätzlichen Frage: In welchem Verhältnis stehen bei einer historischen Studie die Suche nach belegbaren Spuren und die Weite des berechtigten Fragehorizonts angesichts nur weniger Indizien (S. 13)? Jedes Kapitel wird durch eine lebendige, anregende Szene eingeleitet. Zur Entstehung der Verschwörung präludiert Sommer mit einem Geheimtreffen als Keimzelle der Coniuratio. In der dazugehörigen Fußnote macht der Autor transparent: „So oder ähnlich könnte sich die Szene […] zugetragen haben. Antike Quellen stehen uns hierfür leider keine zur Verfügung“ (S. 291).
Insgesamt gelingt Michael Sommer eine packende, vielschichtige Erzählung. Das Buch stellt der Leserschaft die damalige Lage in ihrer Komplexität vor Augen und kommt den handelnden Figuren in all ihrer Unterschiedlichkeit möglichst nahe.
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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