Rezensierte Publikation:
Hans-Walter Schmuhl, Kur oder Verschickung? Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit. 2023 Dölling und Galitz Verlag GmbH Hamburg, 978-3-86218-163-6, € 28,–
Seit einigen Jahren haben Menschen, die als Kinder in den Jahren nach 1945 zu Kurzwecken in Heimen untergebracht wurden, sich zu Wort gemeldet. Ihre Berichte haben in der Öffentlichkeit für Furore gesorgt. Unzählige bedürftige Mädchen und Jungen haben nach 1945 einige Wochen zur Kur in Heimen verbracht. Die Deutsche Angestelltenkrankenkasse (DAK) betrieb nach 1945 drei eigene und arbeitete mit 26 Heimen anderer Träger zusammen.
Die Kuraufenthalte sollten der Erholung dienen, hinterließen jedoch oft Eindrücke, die sich aus späterer Sicht als Leidensgeschichten darstellten. Der Historiker Hans-Walter Schmuhl, ausgewiesener Experte auf dem weiten Gebiet der Psychiatrie- und Anstaltsgeschichte, ist sich der Bedeutung der Erzählungen Betroffener bewusst. Er hat für diese Studie methodisch fundierte Interviews geführt. Sie respektieren Gefühlslagen und berücksichtigen unterschiedliche, nicht ausschließlich negative subjektive Rückblicke.
Das Buch ist in übersichtliche Abschnitte gegliedert. Nach einleitendem Text mit Hinweisen auf erkenntnisleitende Fragen und Vorgehensweise widmet sich Schmuhl zunächst der Übersicht über das Kinderkurwesen der Angestelltenkrankenkassen seit den 1920er Jahren bis 1945 (Kapitel 1). Es folgt ein Überblick, der die Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 1990er Jahre (Kapitel 2) umfasst. Nach einem methodischen Einschub (Kapitel 3) liegt der Schwerpunkt auf den Aussagen von 19 Befragten (Kapitel 3), welche in Heimen untergebracht waren, die von der DAK in Eigenregie betrieben wurden. Abbildungen ergänzen das dritte Kapitel, die bei einigen Leser*innen Erinnerungen an eigene Erfahrungen wecken dürften. Das Buch schließt mit einer Zusammenfassung, aus der sich weiterführende Fragen entwickeln lassen.
Schmuhl bezieht sich zudem auf die institutionellen Rahmenbedingungen der in der Kritik stehenden Kuren (S. 120–135). Als methodischer Analyserahmen dient ihm das Konzept des kanadischen Soziologen Erving Goffman zur „totalen Institution“. So werden Einrichtungen bezeichnet, in denen Menschen ein intimer Rückzugs- bzw. Privatraum fehlt, in denen sie willkürlichen, vielfach ausgesprochen demütigenden Strafen wehrlos ausgesetzt sind. Sie erleben sich als hilflos; ihr „Selbst“ wurde nachhaltig physisch und psychisch verletzt. (Erving Goffman, Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt am Main 1971 [1961]; ders., Die Territorien des Selbst, in: Ders. [Hrsg.], Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung. Frankfurt am Main 1982, 54–97.)
Erziehungserbschaften, die an Gehorsam und Unterordnung orientiert waren, wirkten in etlichen Kureinrichtungen noch lange nach. Sie bilden den Hintergrund für die Erinnerungen vieler einstiger verschickter Kinder. Oft konnten sie über das Erlebte erst Jahre später im Austausch mit anderen sprechen, die auf vergleichbare persönliche Erfahrungen zurückblicken. Für einige war bereits die Anreise angstbesetzt (S. 149–152). In den großen Schlafsälen gab es oft keinen Nachttisch, in dem sie Persönliches aufbewahren konnten. Briefe wurden kontrolliert und zensiert. Die Mittagsruhe beschrieben Betroffene nicht selten als Qual. Als extrem belastend erinnerten sie Demütigungen während der Nachtstunden (S. 175). Verboten war es beispielsweise, das Bett zu verlassen. Bereits beim Abendessen hätten sie darauf achten müssen, so wenig Flüssigkeit wie möglich zu sich zu nehmen. Man habe ja nachts nicht auf die Toilette gehen dürfen. „Bettnässen“ habe regelmäßig zu Erniedrigungen geführt. Eine Interviewpartnerin beschrieb, ihr Selbstwertgefühl sei langfristig beeinträchtigt gewesen (S. 214).
Erziehungstraditionen mit Langzeitwirkungen, in deren Mittelpunkt Drill und Gehorsam standen, haben, so lässt sich zusammenfassen, verhängnisvolle Spuren im Leben von Menschen mehrerer Altersgruppen hinterlassen. Abhärtung, Härte gegen sich selbst gehörten dazu. Hans-Walter Schmuhl berücksichtigt diese Langzeitperspektive. Eine der Stärken seiner Studie ist die differenzierte Betrachtung, zu der auch ein historischer Blick auf das Kinderkurwesen in den 1920er Jahren gehört. Traditionen von Kinder- und Jugendschutz sind als geschichtliche Hintergrundfolie einbezogen. Literaturhinweise regen an, diesen intensiver nachzugehen, ohne den Rahmen der ausgesprochen gut lesbaren Publikation zu sprengen. Einige zusätzliche Hinweise, etwa auf eine Untersuchung, in der 1950 Beobachtungen an Kurkindern auf Langeoog zusammengefasst wurden, hätten hier einen Platz finden können. Es handelt sich bei dieser Studie um einen Schlüsseltext: Er zeigt, wie kriegsbedingte körperliche und seelische Folgen belastender Erfahrungen bei Kindern in den ersten Jahren nach 1945 eingeschätzt wurden. (Elisabeth Lippelt/Claudia Keppel, Deutsche Kinder in den Jahren 1947 bis 1950. Beitrag zur biologischen und epochalpsychologischen Lebensalterforschung, in: Schweizerische Zeitschrift für Psychologie und ihre Anwendungen 9/9, 1950, 212–322).
Zur Lektüre eignet sich das vorgestellte Buch für Leser*innen, die sich für Erziehungsfragen im 20. Jahrhundert in einem weiten zeitlichen Bogen interessieren. Zu empfehlen ist sie zudem für Menschen mit „Verschickungs“-Erfahrungen, die ihre eigenen Geschichten historisch einordnen möchten. Aufgaben für Forscher*innen, die sich mit Zeitgeschichte und Psychologie, Kriegskindheiten und deren Folgen sowie institutionellen Bedingungen für Kinderkuren beschäftigen möchten, gibt es genug. Weitere Untersuchungen haben bereits etliche Ergebnisse der Studie von Hans-Walter Schmuhl bestätigt, beispielsweise seine Einsicht, wie lange unterschiedliche Formen von Gewalt gang und gäbe waren und wie schwer sich Veränderungen in der Praxis durchsetzen ließen. (Ballin Stiftung e. V./Sozialbehörde Hamburg [Hrsg.], Hamburger Kinderverschickungen 1945–1980. Erfahrungen und Hintergründe. Abschlussbericht zur Auftragsstudie der Ballin Stiftung und der Sozialbehörde Hamburg. Weinheim/Basel 2024.)
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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- William V. Harris, Dire Remedies. A Social History of Healthcare in Classical Antiquity. Berlin/Boston, De Gruyter 2024
- Hans-Joachim Gehrke, Historische Landeskunde und Geographie. Hrsg. von Christian Mann und Kai Trampedach. (Ausgewählte Schriften, Bd. 4.) Stuttgart, Steiner 2024
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- Johannes C. Bernhardt / Mirko Canevaro (Eds.), From Homer to Solon. Continuity and Change in Archaic Greece. (Mnemosyne Supplements. History and Archaeology of Classical Antiquity, Vol. 454.) Leiden, Brill 2022
- Jaime Curbera (Ed.), Inscriptiones Atticae Euclidis Anno Posteriores consilio et auctoritate academiae scientiarum Berolinensis et Bandenburgensis editae. Editio tertia. Pars VIII: Miscellanea. Fasciculus I: Defixiones Atticae. Berlin/Boston, De Gruyter 2024
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- Peter Henning, Zwischen Opportunismus und Opposition. Kulturschaffende im Nationalsozialismus am Beispiel Erich Ebermayers. Stuttgart, Kohlhammer 2024
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