Rezensierte Publikation:
Ben Kiernan, The Cambridge World History of Genocide. Vol. 1: Genocide in the Ancient, Medieval and Premodern Worlds. 2023 Cambridge University Press Cambridge, 978-1-108-49353-6, € 159,95
Die Idee, das Thema „Genozid“ auch vor dem 20. Jahrhundert einer detaillierten Analyse zu unterziehen, ist nicht neu. Bereits R. Lemkin hatte das in den 1950er Jahren beabsichtigt (S. 3) und einige Kapitel vorgelegt. Es dauerte dann mehr als ein halbes Jahrhundert, bis B. Kiernan u. a. das dreibändige Opus herausgaben, von dem der erste Band zur Vormoderne mit fünf allgemeineren und neunzehn chronologischen Beiträgen hier vorgestellt wird. Weitere gleichzeitig erschienene Bände betreffen die Frühe Neuzeit bis zum 1. Weltkrieg sowie 1914–2020. Die Bände fallen zunächst durch sorgfältige Bearbeitung und tiefgründige Literaturreferate sowie gute Abbildungen auf.
Naturgemäß ist Genozid ein schwer zu definierendes Phänomen; Kiernan hat sich für die Festlegung der United Nations von 1948 („any deliberate act committed with the intent to destroy the language, religion, or culture of a national, racial or religious group on grounds of the national or racial origin or religious beliefs of its members“), erweitert um das Statut des Internationalen Gerichtshofes (1998, Rom) entschieden. Somit geht es hier nicht nur um Genozid im engeren Sinn, sondern auch Exterminierung (das heißt Vernichtung der Lebensgrundlagen) und genozidale Massaker (S. 9 f.). Der „kulturelle Genozid“ werde aber nicht intensiv behandelt. Da Kiernan die Einleitung zum Gesamtwerk (S. 1–30) in Kenntnis aller Beiträge der drei Bände schreiben konnte, finden wir hier bereits sehr nützliche Analysen der Beziehung von Genozid und Rassismus, von Genozid und Geschlecht (S. 19–22, vgl. Kap. 3) und weiterer anthropologischer Konstanten (Kap. 4 u. 5).
Band 1 hat zudem eine eigene Einleitung (S. 31–56), die das Problem der moralischen Bewertung erörtert und sich spezifischen Merkmalen vormoderner Genozide widmet. Es werden vier Bereiche hervorgehoben: Materielle Faktoren wie Klimawandel oder Agrarkrisen werden in den zum allgemeinen Teil zählenden Kapiteln 4 und 5 behandelt; als Beispiele folgen das Alte Israel (T. M. Lemos, Kap. 6), Wilhelms Verwüstung des englischen Nordens (C. P. Lewis, Kap. 15), genozidale Massaker an Juden im Mittelalter (M. Soifer Irisk, Kap. 16), der vietnamesische Genozid an den Champa (G. Dutton, Kap. 20) und die Extermination prähistorischer Andenvölker (D. Kurin, Kap. 22). Die übrigen Kapitel behandeln stärker politische, soziokulturelle und ideologische Faktoren, deren Beispielfälle im Folgenden einbezogen, hier aber nicht aufgelistet werden.
Von den ersten fünf Kapiteln (S. 59–181) wurde „The Religion-Genocide Nexus“ (S. L. Jacobs, S. 86–102) noch nicht angesprochen. Man denkt hier wohl zunächst an die Verfolgung von bestimmten Religionsangehörigen bis zum Genozid oder an Heilige Kriege, die zum Genozid an allen Andersgläubigen führen können. Aber Religion könne auch Genozid verdammen oder zur Bewältigung seiner Folgen führen.
Die neun Beiträge zum Altertum spannen einen weiten Bogen vom Alten Israel über Mesopotamien zu Griechen und Römern. P. Cartledge verwendet den Begriff des Urbizids, womit er vor allem die Zerstörung griechischer Poleis, also Bürgerstaaten meint (S. 235–256). Englisch „urbicide“ war ursprünglich auf die Belagerung Sarajevos (1992–1996) gemünzt, passt aber ebenso auf die Beispiele Arisba (6. Jahrhundert v.Chr.), Plataiai, Thespiai, Athen, Mykalessos, Melos bis hin zu Persepolis (330 v. Chr.). Noch weitaus detaillierter und quellenreicher als Cartledge geht M. Champion auf Gewalt am Beispiel des Hellenismus ein (S. 257–277), wobei gerade in Mittelgriechenland (und Lyttus, Kreta) im Zeitraum 223–217 v. Chr. etliche Beispiele zu finden sind. Allerdings definiert er Genozid anders als Kiernan und bringt meines Erachtens zu viele verschiedene Faktoren ins Spiel, um Genozid zu erklären. Der erste Beitrag von T. M. Taylor widmet sich der Zerstörung von Karthago, Korinth (146 v. Chr.) und Numantia (133 v. Chr.) und kann – im Gegensatz zu den egalisierenden antiken Quellen – signifikante Unterschiede nachweisen. Sein zweiter Beitrag zu Caesar berücksichtigt bereits neueste archäologische Erkenntnisse zu den Massakern an Tenkterern und Usipetern (55 v. Chr.), wobei der Caesar-Text (BG 4,15,2) aber missverstanden wird. Es geht um die Flucht der wenigen Überlebenden an den Zusammenfluss von Rhein und Maas (lat. Mosa), nicht von Rhein und Mosel; freilich ist das kein bedeutender Punkt. Die wenigen Überlebenden Tenkterer und Usipeter wurden bekanntlich ins Sauerland und Gebiete südlich davon bis an die Lahn deportiert, das ehemalige Siedlungsgebiet der Ubier. G. Gambash kontrastiert Routine und Aufstand in der Provinz Judäa (Kap. 12), wo die Römer die Bedrohung durch aufständische Juden möglicherweise überschätzt haben. Hadrians Maßnahmen mit M. Goodman als eine Endlösung der jüdischen Aufsässigkeit („final solution to Jewish rebelliousness“, S. 350) zu bezeichnen, scheint mir eher eine übertriebene Ausdrucksweise zu sein. Gambash selbst hat auf die Problematik der Opferzahlen in den antiken Quellen hingewiesen, die überhöht sein dürften (S. 348).
Von den zehn Beiträgen zu Mittelalter und europäischer Expansion sei beispielhaft der von H. E. Braun genannt. Dieser befasst sich mit Massakern an den Mittelamerikanern, die von Nicolás de Ovando, Hernán Cortéz und Pedro de Alvarado verübt wurden (S. 622–647). Indigene wie auch spanische Zeugnisse stellen die offizielle Rechtfertigung als Maßnahmen gegen Rebellen, Verräter und Kannibalen infrage. Weitere Beiträge betreffen weniger Westeuropa (Albigenser, Juden), sondern überwiegend globale Beispiele (Jerusalem, Mongolei, Indien, Vietnam, Lateinamerika).
Spätfolgen der Covid-Epidemie mit ihrem Boom der pdf-Publikationen, bei denen die Seitenzahl ökonomisch fast unbedeutend ist, sind auch hier zu spüren. Die entscheidenden Sätze der Genoziddefinition der UN von 1948 findet man gleich fünf mal im Buch zitiert (S. 6, 205, 210, 332, 378). Der Vergleich mit dem Handbuch von D. Bloxham/A. Dirk Moses (Eds.), The Oxford Handbook of Genocide Studies. Oxford u. a. 2010 (Rez. S. Reichardt, HZ 295, 2012, 439–441) liegt nahe. Dort gibt es sechzehn Analysen zu historischen Epochen oder Staaten (davon fünf im Zeitrahmen von Kiernans Band 1) und fünfzehn mit methodischer Perspektive. Somit ist der Oxford-Band stärker theoretisch ausgerichtet. Die Bände der Cambridge-Reihe dürften sich (wie bereits das Oxford-Handbook) als Standardwerke etablieren. Sie sind Musterbeispiele für die globalhistorische Betrachtung eines Problems, das leider bis heute virulent ist.
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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