Rezensierte Publikation:
Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Verbindung mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Matthias Erzberger. Für Demokratie und gegen den Obrigkeitsstaat. 2023 Jan Thorbecke Verlag Ostfildern, 978-3-7995-1987-8, € 16,90
Matthias Erzberger steht wie nur wenige gleichsam paradigmatisch für die komplexen Herausforderungen der frühen Weimarer Republik: die Kriegsniederlage, die Kapitulation und der Umgang mit dem lagerübergreifend abgelehnten Versailler Vertrag; die Fragilität der 1918/19 etablierten Demokratie; die Möglichkeiten politischen Gestaltens angesichts eines ökonomisch enorm eingeschränkten Handlungsraums.
Erzberger, 1875 in Württemberg geboren, entstammte einem katholischen Milieu, lernte jedoch von klein auf, sich in einem multikonfessionellen Umfeld zu bewegen. Schon während seiner Ausbildung zum Volksschullehrer schloss er sich dem Zentrum an und wechselte 1896 als Redakteur zum (katholischen) „Deutschen Volksblatt“ in Stuttgart. An der Gründung des Dachverbands christlicher Gewerkschaften 1899 in Mainz beteiligt, gelang im 1903 für den Wahlkreis Biberach der Sprung in den Reichstag. Machte Erzberger im Ersten Weltkrieg zunächst auch als glühender Befürworter einer offensiven Kriegs(ziel)politik von sich reden, trat er 1917 als Mitinitiator der „Friedensresolution“ in Erscheinung – und wies damit bereits in die Zeit der „Weimarer Koalition“ aus Sozialdemokratie, Zentrum und Liberalen, die die Frühphase der Republik gestalten sollte.
Zwei Funktionen, die Erzberger in der kurzen Übergangsphase zwischen 1918 und 1920 bekleidete, sollten sein Bild bis heute prägen: Zum einen die des Reichsfinanzministers, als der er 1919/20 eine strukturprägende Reform des Finanz- und Steuersystems vornahm, die die bis dahin noch staatenbündisch geprägten Finanzbeziehungen zwischen Reich und Ländern überwand. Zum anderen die des Unterzeichners des Waffenstillstands von Compiègne, die ihn insbesondere in rechtsnationalen Kreisen zu einer „negativen Rekurrenzfigur“ (Jörn Leonhard, S. 188), zu einer Projektionsfläche für die empfundene Erniedrigung von „Versailles“ werden ließ. Beide Funktionen waren von Hasstiraden und Hetzschriften begleitet – etwa der des vormaligen Staatssekretärs und Finanzexperten Karl Helfferich („Fort mit Erzberger“, 1919). Am 26. August 1921 wurde er im Schwarzwald von Angehörigen der rechtsterroristischen Organisation Consul ermordet.
Hier knüpft der vorliegende, aus einer vom Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart zum 100. Todestag 2021 veranstalteten Tagung hervorgegangene Sammelband an und stellt die Frage, wie Erzberger zu einer derart übercodierten Hassfigur werden konnte: Nach einer Einführung von Maria E. Gründig und Christopher Dowe (S. 7–19) beleuchten die Beiträge unterschiedliche Aspekte im Wirken Erzbergers zwischen „Obrigkeitsstaat“ und „Demokratie“. Während Gabriele Clemens die Auseinandersetzung mit den Erzberger feindlich gesonnenen „Rechtskatholiken“ in den eigenen Reihen in den Fokus rückt („Ein Verrat an christlich-konservativen Werten? Der Kampf der Rechtskatholiken gegen das ‚Erzbergertum‘“, S. 21–37), nimmt Jörg Zedler in seinem Beitrag Erzbergers Beziehungen zum Vatikan im Kontext des Ersten Weltkriegs in den Blick, trugen sie doch nicht zuletzt zum Zerrbild des illoyalen Ultramontanisten bei („‚Die Seele der ganzen Agitation‘. Matthias Erzberger und der italienische Intervento 1915“, S. 39–78). Christoph Dowe widmet sich sodann zunächst der geschichtspolitischen Auseinandersetzung um die Deutung der deutschen Kriegsniederlage („Kämpfe um die Vergangenheit. Matthias Erzberger und die Deutung der Niederlage im Ersten Weltkrieg“, S. 79–107), schließlich der juristischen Aufarbeitung des Mordes („Grenzen der Ermittlung. Die Erzberger-Mörder, die Organisation Consul, eine Internationale des Rechtsterrorismus und die Polizei“, S. 141–165). Er gelangt dabei unter Rückgriff auf die klassischen Studien von Martin Sabrow (Der Rathenaumord, 1994; Die verdrängte Verschwörung, 1999) zu dem Befund, dass der Anschlag als „Hassverbrechen gegen die Demokratie und Teil einer Terrorserie“ eines international agierenden rechtsterroristischen Netzwerks zu werten sei, das von einer autoritären Reorganisation Mitteleuropas träumte (Dowe, S. 142 f.; 149, 154, 162). Die Beiträge von Anna Karla („Material und Moral. Matthias Erzberger in der Ära des Wiederaufbaus“, S. 109–122) und Stefanie Middendorf („Demokratisches Regieren in außerordentlichen Zeiten. Matthias Erzberger und die Anfänge des Reichsfinanzministeriums“, S. 123–139) nehmen indes die praktische Arbeit Erzbergers als führender Politik der frühen Weimarer Republik in den Blick. Dabei scheint Erzberger ein in gewisser Hinsicht zupackender, „agiler Politikstil“ (Middendorf, S. 131) eigen gewesen zu sein: Die Ausnahmesituation, in der sich das Reich zwischen 1918 und 1921 befand, bot dafür – und hierauf verweist auch der abschließende Beitrag von Jörn Leonhard („Demokratie, Parlament und Republik. Matthias Erzberger und die Krisenerfahrungen der deutschen Geschichte“, S. 167–193) – vielfältige Möglichkeiten: Erzbergers „ausgeprägter Gestaltungswille“ traf hier auf „konkrete Gestaltungsmacht“, die ihn umgekehrt aber auch zum „Feindbild“ machte (Leonhard, S. 176). Überhaupt lenkt Leonhard den Blick auf die Verbindung von Person und Kontext (Leonhard, S. 169): Hier stechen vor allem zwei Prozesse heraus, die die enorme, ja hasserfüllte „Emotionalisierung“ Erzbergers (Gründig/Dowe, S. 10) verstehen helfen: Zum einen der Trend zur Personalisierung der Politik (Leonhard, S. 187–189), die zur „Heroisierung“ Hindenburgs auf der einen und zur Verketzerung Erzbergers auf der anderen Seite führte. Zum anderen ein semantischer „Verratsmechanismus“ (Leonhard, S. 189–191), der sich auf Erzberger in besonders drastischer Weise projizierte.
So bietet der Band nicht nur Einblicke in unterschiedliche Facetten von Leben und Wirken Matthias Erzbergers, sondern auch in die Dynamiken und Belastungen der frühen Weimarer Republik, die sich nicht nur enormen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen gegenübersah, sondern auch grundsätzlicher Ablehnung. Wie sich die Republik nach den Morden an Erzberger 1921 und Rathenau 1922 und dem in jeder Hinsicht katastrophalen Jahr 1923 überhaupt konsolidieren konnte, ist die spannende Frage.
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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