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Carsten Stahn, Confronting Colonial Objects. Histories, Legalities, and Access to Culture. (Cultural Heritage Law and Policy.) Oxford, Oxford University Press 2023

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Published/Copyright: December 1, 2025
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Rezensierte Publikation:

Carsten Stahn, Confronting Colonial Objects. Histories, Legalities, and Access to Culture. Cultural Heritage Law and Policy. 2023 Oxford University Press Oxford, 9780192868121, £ 140,– / open access


„Confronting Colonial Objects“ stellt derzeit die wohl umfassendste Monografie zur kolonialen Aneignung und Restitution von Kulturgütern dar. Schon die elfseitige Übersicht einschlägiger internationaler und nationaler Rechtsinstrumente lässt die systematische Tiefe der Untersuchung erkennen. Zugleich beeindruckt, wie der Autor die interdisziplinäre Methodik, die völkerrechtliche, ethische, historische, kunst- und kulturwissenschaftliche sowie museologische und rechtsgeschichtliche Perspektiven miteinander verknüpft. Es ist daher zu erwarten, dass Carsten Stahns Studie den Fachdiskurs über die nächsten Jahre maßgeblich mitprägen wird.

Das Buch wird anhand von drei Leitideen diskutiert: Erstens der normativen Spannung zwischen kolonialen und nichtkolonialen Kontexten, dann der Bedeutsamkeit von mikrohistorischen Studien und schließlich, drittens, der Ergänzung von Recht als normativer Quelle durch ethische Maßstäbe.

Zum ersten Punkt liefert der Autor mit Kapitel 1 und 2 einen vorbildlich strukturierten Überblick über historische wie methodische Dimensionen kolonialer Aneignungen und Rückgaben; die interdisziplinäre Tiefe der Darstellung beeindruckt. Hervorzuheben sind dabei die zwei chronologisch organisierten Abschnitte zur Geschichte des Kulturimperialismus und der kolonialen Sammlungspraxis. Diese nehmen primär europäische Imperien in den Blick; imperiale Aneignungen außereuropäischer Akteure (mit Ausnahme der USA) bleiben unterrepräsentiert. Auch werden die innereuropäischen Dynamiken, die sich aus den materiellen Zirkulationen ergaben, kaum mit außereuropäischen Aneignungsprozessen in Bezug gesetzt – so etwa Napoleons Beutezüge durch Europa und deren unmittelbare Verbindung mit der Gründung des Louvre. Eine vergleichende Perspektive auf koloniale und nichtkoloniale, europäische und nichteuropäische Kontexte hätte hier zu einer differenzierteren und „globaleren“ Normengeschichte des Rechts beitragen können.

Die Verbindung von globalhistorischen Makroperspektiven mit lokalen Fallstudien – die zweite Leitidee – zählt hingegen eindeutig zu den Stärken der Monografie. Stahn kategorisiert in Kapitel 3 und 4 Aneignungsvorgänge als „Forcible Expeditions“ oder „Other Types of Acquisition“. Diese Klassifikation basiert auf mikrohistorischem Material, bleibt jedoch in ihrer normativen Dimension ambivalent. Die Verwendung des Begriffs „Expedition“ übernimmt koloniale Selbstbeschreibungen unkritisch und reproduziert deren problematische Semantik. Auch die rechtlichen Implikationen solcher Kategorien werden nur implizit verhandelt. Dabei zeigen gerade mikrohistorische Perspektiven, wie kontingent und konflikthaft die rechtlichen Rahmungen kolonialer Aneignungen waren.

Schließlich adressiert der dritte Punkt den normativen Pluralismus und die ethische Reflexion, die für Stahns monumentales Werk eine große Rolle spielen. Kapitel 8 und 9 analysieren unterschiedliche normative Ordnungen, die im Kontext der Restitution kolonialer Objekte zur Anwendung gelangen. Neben völkerrechtlichen Kodifikationen diskutiert der Autor explizit auch ethische, gerechtigkeitstheoretische und menschenrechtliche Ansätze. Diese normative Vielfalt erlaubt eine kontextsensible Betrachtung der Rückgabefrage. Zugleich konstatiert er, dass das Völkerrecht strukturell ungeeignet sei, Restitutionsansprüche wirksam zu unterstützen – es habe koloniale Kontinuitäten eher kaschiert als aufgelöst. Die Verpflichtung zur Provenienzforschung eröffne dabei neue Handlungsräume. Doch auch hier stellt sich die Frage, nach welchen Maßstäben rechtliche Bewertungen erfolgen sollen – und wessen Recht dabei maßgeblich ist.

Ausgehend von dieser Beobachtung lässt sich auch ein Ausblick für künftige Forschungen zu diesen Themen formulieren. Denn ein künftiger normativer Paradigmenwechsel in der Restitutionsfrage von Kulturgütern mit kolonialer Provenienz könnte darin bestehen, Rechtsvorstellungen und Gerechtigkeitskonzepte der Herkunftsgemeinschaften und indigenen Völker systematisch in den Diskurs einzubeziehen. Dies würde nicht nur eine Revision des völkerrechtlichen Bezugsrahmens erfordern, sondern auch die Grundlagen normativer Autorität im globalen Rechtskontext neu zur Disposition stellen.

Online erschienen: 2025-12-01

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License.

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  25. Julian Degen / Hilmar Klinkott / Robert Rollinger et al. (Eds.), Ancient Worlds in Perspective. Contextualizing Herodotus. (Philippika – Altertumswissenschaftliche Abhandlungen / Contributions to the Study of Ancient World Cultures, Vol. 150.) Wiesbaden, Harrassowitz 2024
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  39. Béatrice Bakhouche / Evelyne Berriot-Salvadore / Daniel Le Blévec (Eds.), Gui de Chauliac et sa Grande Chirurgie. Turnhout, Brepols 2023
  40. Elise Boillet / Ian Johnson (Eds.), Religious Transformations in New Communities of Interpretation in Europe (1350–1570). Bridging the Historiographical Divides. (New Communities of Interpretation, Vol. 3.) Turnhout, Brepols 2023
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  42. Wolfgang Behringer, Der große Aufbruch. Globalgeschichte der Frühen Neuzeit. München, C. H. Beck 2023
  43. Elizabeth Harding / Joëlle Weis (Hrsg.), Gelistete Dinge. Objekte und Listen in der Frühen Neuzeit. (Ding, Materialität, Geschichte, Bd. 6.) Köln, Böhlau 2024
  44. Ute Frietsch, Epistemischer Wandel. Eine Geschichte der Alchemie in der Frühen Neuzeit. Paderborn, Fink 2023
  45. Susangeline Yalili Patrick, Art as a Pathway to God. A Historical-Theological Study of the Jesuit Mission to China, 1552–1773. Leiden, Brill 2024
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  48. Arunima Datta, Waiting on Empire. A History of Indian Travelling Ayahs in Britain. Oxford, Oxford University Press 2023
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  52. Hartmut Kaelble, Das soziale Europa. Europäische Sozialpolitik und nationale Wohlfahrtsstaaten, 1883–2020. Frankfurt am Main, Campus 2024
  53. Carsten Stahn, Confronting Colonial Objects. Histories, Legalities, and Access to Culture. (Cultural Heritage Law and Policy.) Oxford, Oxford University Press 2023
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  56. Michael Buddrus / Angrit Lorenzen-Schmidt, Ärzte in Mecklenburg im Dritten Reich. Biographisches Lexikon sowie Studien zu Gesundheitsverhältnissen und Medizinalpolitik 1929 bis 1945. 2 Bde. Bremen, Edition Temmen 2023
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  63. Klaus H. Schmider, Hitler’s Fatal Miscalculation. Why Germany Declared War on the United States. (Cambridge Military Histories.) Cambridge, Cambridge University Press 2021
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  71. Eingegangene Bücher
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