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Editorial

Published/Copyright: August 26, 2021

Im Schwerpunkt enthält dieses Heft kritische Würdigungen der deutschen Bündnis- und Verteidigungspolitik. Zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Heft erscheint, neigt sich die Amtszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel ihrem Ende zu. Mit 16 Jahren kann sie eine ähnlich lange Amtszeit vorweisen wie seinerzeit Helmut Kohl und damit auch länger als Konrad Adenauer – und nur knapp drei Jahre weniger als Otto von Bismarck. Während ihre Leistungen in vielen Politikbereichen zu Recht gewürdigt werden, steht die Verteidigungs- und Bündnispolitik in ihrer Amtszeit zunehmend in der Kritik. Diese Kritik kommt vornehmlich aus dem Ausland – von unseren engsten Verbündeten (den USA, Frankreich und Großbritannien) aber auch von unseren Nachbarstaaten in Ostmitteleuropa und Skandinavien. Kern dieser Kritik ist: die von Angela Merkel geführte Koalitionsregierung verweigere sich der Erkenntnis, dass eine grundsätzliche Neuorientierung der Verteidigungs- und Allianzpolitik Deutschlands angesichts des fundamentalen weltpolitischen Wandels erforderlich sei. Deutschland halte stattdessen an den Gewohnheiten einer friedvollen, multilateralen und durchgängig militärkritischen Außen- und Sicherheitspolitik fest, was angesichts der Veränderungen der internationalen Politik nicht nur anachronistisch sei, sondern auch die Gefahr mit sich bringe, dass das kooperative internationale Umfeld zerfällt, innerhalb dessen Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten prosperieren konnte.

Die Vorstellung, dass Deutschland eine nach allen Seiten kooperative, primär zivil orientierte und multilaterale Außen- und Sicherheitspolitik verfolgen soll, ist nicht neu und entspricht im Prinzip dessen Interessenlage. Dieses Konzept war nach dem Ende des Ost-West-Konflikts anwendbar, weil Europa nicht mehr Gegenstand einer strategischen Konfrontationslage war. Dieses Konzept war populär, weil es die Gemütslage einer Nation traf, die die möglichst klare Abgrenzung von strategischen Konzepten der Vergangenheit suchte – sei es die des Kaiserreiches und ganz besonders die des „Dritten Reichs.“ Doch dieses Konzept ist nicht mehr in der bisherigen Weise anwendbar, wenn sich das internationale Umfeld ändert. Diese Änderung trat in den Jahren 2013/2014 deutlich zutage, als in China mit Xi Jinping ein Mann an die Spitze von Partei und Staatsapparat trat, der entschlossen ist, die gewachsene wirtschaftliche und militärische Macht Chinas zu einer fundamentalen Neuordnung der internationalen Politik einzusetzen. Mit dieser Politik fordert China die bislang vorherrschende regelbasierte internationale Ordnung heraus, die seit den späten 40er Jahren des 20. Jahrhunderts durch die USA garantiert worden ist – und es fordert die USA zunehmend militärisch heraus. Im Jahr 2014 wurde anlässlich der Annexion der Krim und der hybriden Aggression Russlands gegen die Ukraine deutlich, dass Russland unter Putin die Gelegenheit der Herausforderung der USA durch China ergreift, um revisionistische Ziele auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion mit militärischen Instrumenten zu verfolgen. Auch baut es eine regional begrenzte militärische Bedrohung gegen europäische Nachbarstaaten auf. Diese Drohkulisse betrifft auch Mitgliedstaaten der NATO und der EU. Ein von Russland ausgelöster regionaler Krieg in Europa ist wieder eine reale Möglichkeit – dieses Mal nicht ausgetragen auf dem Territorium Deutschlands, aber dennoch mit realen Bedrohungen (auch nuklear) gegen Deutschland für den Fall eines Konfliktes.

Eine derart neue Lage erfordert eine Antwort, die auf der einen Seite die Besinnung auf Allianzen und militärische wie ökonomische Machtmittel beinhaltet und die, auf der anderen Seite, eine gemeinsam mit den Alliierten betriebene Politik der Kooperationsangebote zum Gegenstand hat. Sie bedeutet in erster Linie einen Multilateralismus, der sich auf die NATO konzentriert und den Ausbau militärischer Machtmittel betreibt. Tatsächlich hat die Bundesregierung seit 2014 Zusagen innerhalb der NATO für einen begrenzten Aufbau der Bundeswehr innerhalb eines gemeinsamen Verteidigungskonzeptes für Nordosteuropa gemacht. Diese Zusagen werden aber nicht eingehalten und stattdessen eine Politik des Multilateralismus betrieben, die primär auf die Vereinten Nationen und die Zivilmacht EU setzt. Anstelle einer gemeinsamen NATO-Politik gegenüber Russland werden Sonderbeziehungen zu Russland aufrechterhalten und laut der Bundeskanzlerin solle sich Deutschland nicht in einen Konflikt zwischen China und den USA hineinziehen lassen. Außerdem könne man politische Probleme nicht mit militärischen Mitteln lösen. Die Bundeswehr bleibt schlecht ausgerüstet und ist zu einer ernsthaften Verteidigungsleistung in absehbarer Zeit nicht fähig. Die immer wieder als Beweis für deutsche Bündnisorientierung angeführten Auslandseinsätze der Bundeswehr haben – das hat das Ende des Afghanistan-Einsatzes gezeigt – nichts erbracht außer der weitgehenden Abnutzung von Bundeswehrmaterial – und über 50 gefallenen Soldaten.

Dieses Schwerpunktheft widmet sich der Frage, was geschehen muss, damit Deutschland eine Verteidigungs- und Allianzpolitik einschlägt, die den internationalen Veränderungen gerecht wird. Der Beitrag von Sebastian Giegerich und Maximilian Terhalle zieht eine kritische Bilanz deutscher Verteidigungs- und Bündnispolitik. Beide Autoren leben in Großbritannien und sehen die deutsche Politik aus einer distanzierten Perspektive. Zu einem Zeitpunkt, wo die USA zunehmend durch den Aufstieg Chinas in Asien absorbiert sind (wobei ein Krieg zwischen China und den USA nicht ausgeschlossen werden kann), müsse Europa in der Lage sein, sich im Rahmen der NATO gegen eine konventionelle Aggression Russlands weitgehend alleine zu verteidigen. Dafür seien substantielle Beiträge Deutschlands unersetzlich. Jahre der Vernachlässigung und der strukturellen Unterfinanzierung hätten jedoch die deutschen Streitkräfte ausgehöhlt und die politische Führung in Berlin tue sich schwer, diese neue Lage zu akzeptieren. Notwendig sei eine strategische Neubesinnung.

Der Beitrag von Elbridge Colby betont, wie sehr die Umstellung der amerikanischen Verteidigungspolitik auf die Möglichkeit eines Krieges mit China in Ostasien dazu beitrage, dass die Sicherheitsgarantien der USA für seine Bündnispartner in Europa nur noch dann Gültigkeit beanspruchen können, wenn die Europäer – und das betrifft in erster Linie Deutschland – mehr für ihre Verteidigung aufbringen. Der Aufstieg Chinas zur Supermacht habe, was in Berlin immer noch nicht in aller Klarheit wahrgenommen werde, die amerikanische und damit transatlantische Verteidigungsplanung grundlegend verändert. Gleichzeitig habe der Aufstieg Chinas nicht die Bedrohung beseitigt, die von Russland für die europäischen NATO-Staaten ausgehe. Diese Entwicklungen könnten sehr dramatische Folgen für die Sicherheit Europas haben. Deutschland müsse eine Führungsrolle bei der konventionelle Verteidigung Europas – insbesondere der östlichen NATO-Staaten und Skandinaviens – einnehmen.

Weitere Beiträge dieses Heftes nehmen die kritische Würdigung der deutschen Verteidigungs- und Allianzpolitik auf. In ihrem Kommentar einer Millenia zeigt Ulrike Franke auf, wie sehr die Generation der nach 1980 geborenen in dem Bewusstsein aufgewachsen ist, dass das „Ende der Geschichte“ eine politische Realität sei. Gerade dieser Generation falle es besonders schwer, zu akzeptieren, dass sich die Dinge grundlegend geändert hätten. Der Beitrag von Michael Paul und Göran Swistek befasst sich mit einem kleinen, aber nicht unwesentlichen Seitenaspekt der deutschen Bündnis- und Verteidigungspolitik: der Entsendung der Fregatte Bayern in indopazifische Seegebiete. Trotz der Ankündigung, wonach die Entsendung der Fregatte ein bündnispolitisches Signal senden solle, sehe die Realität anders aus. Deutschland drücke sich darum, gemeinsam mit einem britischen Verband aufzutreten und versuche durch einen Besuch in Shanghai eventueller Kritik aus China zuvorzukommen.

Der Beitrag von Hannes Adomeit stellt zwei wissenschaftliche Publikationen vor (eine aus Großbritannien, eine aus Deutschland), die die wichtigsten Irrtümer und Fehleinschätzungen zur Politik Russlands analysieren und dekonstruieren. Der Beitrag zeigt auf, wie sehr die meisten Fehleinschätzungen Kernelemente der deutschen Russlandpolitik darstellen.

Bei den Buchbesprechungen werden ebenfalls mehrere Bücher aufgeführt, die sich kritisch mit der Verteidigungs- und Bündnispolitik der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten befasst haben.

Aber dieses Heft enthält auch andere Themen, die nicht oder nur teilweise dem Schwerpunktthema entsprechen. In ihrem Aufsatz zum Thema Governance vulnerabler strategischer Wertschöpfungsketten im Zeichen der Deglobalisierung befassen sich Ulrich Blum und Inéz Labucay mit der Frage, wie nach der COVID-Pandemie in der Wirtschaft mit der Vulnerabilität international strukturierter Wertschöpfungsketten umgegangen wird. Während in der politischen Diskussion oft sehr holzschnittartige Vorstellungen herrschen, zeigen die Verfasser auf, wie komplex das Problem ist.

Der Beitrag von Stefan Hansen resümiert den Krieg um Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan. Der Beitrag zeigt auf, dass die Formel, wonach man mit militärischen Mitteln keine politischen Probleme lösen könne, im Kaukasus offensichtlich wenig Resonanz findet.

Die Besprechungen der Thinktankstudien befassen sich im Schwerpunkt mit Untersuchungen zu den Entwicklungstendenzen der Großmachtkonflikte und Konflikt und Kooperation in der Arktis. Weitere Schwerpunkte sind der Indo-Pazifik sowie das russische Militär.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern eine interessante Lektüre.

Die Herausgeber

Published Online: 2021-08-26
Published in Print: 2021-08-24

© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Articles in the same Issue

  1. Titelseiten
  2. Editorial
  3. Editorial
  4. Aufsätze
  5. Verteidigung ist Pflicht – Deutschlands außenpolitische Kultur muss strategisch werden – Teil 1
  6. Deutschland am Scheidepunkt – eine aktive Verteidigungs- und Bündnispolitik ist überfällig
  7. Governance vulnerabler strategischer Wertschöpfungsketten im Zeichen der Deglobalisierung
  8. Kurzanalysen und Berichte
  9. Deutsche Sicherheitspolitik im Indo-Pazifik zwischen Anspruch und Realität
  10. Der Krieg um Bergkarabach – Folgen für die deutsche und europäische Sicherheitspolitik
  11. Kommentar
  12. Betrachtungen einer Millennial über das „Neue Deutsche Problem“ nach 30 Jahren Frieden
  13. Literaturbericht
  14. Westliche Russlandpolitik: Mythen, Fehlbeurteilungen und Strategien
  15. Ergebnisse strategischer Studien
  16. Großmächtekonkurrenz
  17. Andrea Kendall-Taylor/David Shullman: Navigating the Deepening Russia-China Partnership. Washington, DC: Center for a New American Security, Januar 2021.
  18. Miranda Priebe/Bryan Rooney/Nathan Beauchamp-Mustafaga/Jeffrey Martini/Stephanie Pezard: Implementing Restraint. Changes in U.S. Regional Security Policies to Operationalize a Realist Grand Strategy of Restraint. Santa Monica, CA: RAND Corporation, 2021.
  19. Stephanie Segal/Dylan Gerstel: Degrees of Separation. A Targeted Approach to U.S.-China Decoupling – Interim Report. Washington, DC: CSIS, Februar 2021.
  20. Paul Scharre/Ainikki Riikonen: Defense Technology Strategy. Washingon, D.C.: Center for a New American Security (CNAS), November 2020
  21. Konflikt und Kooperation in der Arktis
  22. Paul Stronksi/Grace Kier: A Fresh Start on U.S. Arctic Policy Under Biden. Moskau: Carnegie Moscow Center, 17. Mai 2021
  23. Jim Townsend/Andrea Kendall-Taylor: Partners, Competitors, or a Little of Both? Russia and China in the Arctic. Washington, D.C.: Center for a New American Security, März 2021
  24. Eugene Rumer/Richard Sokolsky/Paul Stronski: Russia in the Arctic – A critical examination. Washington, DC: Carnegie Endowment for International Peace, März 2021
  25. Russische Streitkräfte
  26. Estonian Foreign Intelligence Service: International Security and Estonia − Report on Russia. Tallinn: Estonian Foreign Intelligence Service, März 2021
  27. Dmitry (Dima) Adamsky: Moscow’s Aerospace Theory of Victory: Western Assumptions and Russian Reality. Washington, D.C.: Center for Naval Analyses, February 2021
  28. Europa
  29. Alice Billon-Galland/Richard G. Whitman: Towards a strategic agenda for the E3. Opportunities and risks for France, Germany and the UK. London: Chatham House, April 2021
  30. Wolfram Lacher: Unser schwieriger Partner: Deutschlands und Frankreichs erfolgloses Engagement in Libyen und Mali. Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), SWP-Studie 3, Februar 2021
  31. Stephen Tankel/Lisa Curtis/Joshua Fitt/Coby Goldberg: Positive Visions, Powerful Partnerships. The Keys to Competing with China in a Post-Pandemic Indo-Pacific. Washington, D.C.: Center for a New American Security, März 2021
  32. Cleo Paskal: Indo-Pacific strategies, perceptions and partnerships. The view from seven countries. London: Chatham House, März 2021
  33. Hiroyuki Suzuki: Building Resilient Global Supply Chains. The Geopolitics of the Indo-Pacific Region. Washington, DC: Center for Strategic & International Studies (CSIS), Februar 2021
  34. Indo-Pazifik
  35. Stephen Tankel/Lisa Curtis/Joshua Fitt/Coby Goldberg: Positive Visions, Powerful Partnerships. The Keys to Competing with China in a Post-Pandemic Indo-Pacific. Washington, D.C.: Center for a New American Security, März 2021
  36. Cleo Paskal: Indo-Pacific strategies, perceptions and partnerships. The view from seven countries. London: Chatham House, März 2021
  37. Hiroyuki Suzuki: Building Resilient Global Supply Chains. The Geopolitics of the Indo-Pacific Region. Washington, DC: Center for Strategic & International Studies (CSIS), Februar 2021
  38. Jason Bartlett: Exposing the Financial Footprints of North Korea’s Hackers. Washingon, D.C.: Center for a New American Security (CNAS), November 2020
  39. Globale Klimapolitik
  40. Christian Schaller: Der Meeresspiegelanstieg als Herausforderung für die maritime Ordnung. Kann das Seevölkerrecht Stabilität gewährleisten? Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP-Studie 1, Januar 2021
  41. Buchbesprechungen
  42. Wilfried von Bredow: Armee ohne Auftrag. Die Bundeswehr und die deutsche Sicherheitspolitik. Zürich: Orell Füssli Verlag, 2020, 200 Seiten
  43. Andreas Lutsch: Westbindung oder Gleichgewicht? Die nukleare Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland zwischen Atomwaffensperrvertrag und NATO-Doppelbeschluss. Berlin: DeGruyter Oldenbourg 2020, 878 Seiten
  44. Jochen Maurer/Martin Rink (Hrsg.): Einsatz ohne Krieg? Die Bundeswehr nach 1990 zwischen politischem Auftrag und militärischer Wirklichkeit. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2021, 432 Seiten
  45. Gregor Schöllgen/Gerhard Schröder: Letzte Chance. Warum wir jetzt eine neue Weltordnung brauchen. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2021, 256 Seiten
  46. Klaus Schwab/Thierry Malleret: COVID-19: The Great Reset. Genf: World Economic Forum 2020, Edition 1.0, 280 Seiten
  47. Alex S. Wilner/Andreas Wenger (Hg.): Deterrence by Denial. Theory and Practice. Amherst, NY: Cambria Press, 2021, 294 Seiten
  48. Bildnachweise
  49. Bildnachweise
Downloaded on 1.2.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/sirius-2021-3001/html
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