Rezensierte Publikation:
Klaus H. Schmider, Hitler’s Fatal Miscalculation. Why Germany Declared War on the United States. Cambridge Military Histories. 2021 Cambridge University Press Cambridge, 9781108792547, £ 26,99
War Adolf Hitler verrückt? Waren die Entscheidungen, die er traf, nicht rationalem Kalkül, nicht wohlüberlegter Berechnung, sondern wirrer Autokratenlaune geschuldet? Aus naheliegenden Gründen galt Hitlers Anordnung, auf dem Höhepunkt des Krieges gegen die Sowjetunion auch noch den Vereinigten Staaten den Krieg zu erklären, lange als Beleg für die groteske Irrationalität, die der Diktator gerade auf diplomatischem Gebiet an den Tag legte. Klaus H. Schmider, in Sandhurst lehrender Militärhistoriker, widerspricht dieser Ansicht. In „Hitler’s Fatal Miscalculation“ setzt Schmider an zu klären, ob die fatale Entscheidung nicht doch durch „rationale Abwägung der Vor- und Nachteile, welche nicht ideologisch geprägt war, bestimmt gewesen sein könnte“ (S. 9). Zu diesem Zweck sollen solche – und nur solche – Quellen herangezogen werden, die nachweislich Hitlers Schreibtisch im Laufe des Jahres 1941 erreichten. Was ist nun das Ergebnis dieser Untersuchung?
In zehn thematischen Kapiteln nähert sich der Autor aus wechselnder Perspektive seiner Fragestellung. Dabei zeigt sich zunächst eine bemerkenswerte Unbekümmertheit des Diktators. Besorgt war Hitler Anfang Dezember 1941 weder über die Schwäche der eigenen Kriegswirtschaft noch den Zustand der Luftverteidigung, ja nicht einmal die Aussicht auf U-Boot-Beute im Atlantik konnte ihn zum Krieg mit den USA bewegen. Persönliche Faktoren – Hitlers Furcht vor dem eigenen körperlichen Verfall – spielten ebenso wenig eine Rolle wie ideologische Überzeugungen. Weder unterschätzte Hitler die Vereinigten Staaten aus rassistischer Verbohrtheit, noch stand die Kriegserklärung im Zusammenhang mit dem Holocaust: „Es gibt“, so die wohl kontroverseste These des Autors, „keine Belege für die Annahme, dass der deutsche Diktator zu irgendeinem Zeitpunkt im Jahr 1941 seine antisemitischen Ansichten seine Gesamtstrategie beeinflussen ließ – geschweige denn, dass sie seine Überlegungen zum Kriegseintritt der USA bestimmt hätten“ (S. 541). Statt ideologischem Wahn hält Schmider militärische Berechnung für ausschlaggebend. Überzeugt, den Krieg im Osten bereits so gut wie gewonnen zu haben, sah Hitler in der Aufweichung der amerikanischen Neutralitätsgesetze den sicheren Vorboten für die unvermeidliche Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten. In dieser Situation schien nun die Kriegserklärung an die USA das geeignete Mittel, um den unsicheren japanischen Verbündeten endgültig ins eigene Lager zu ziehen. Wenn Krieg schon sein müsse, so „Hitler’s Fatal Miscalculation“, dann sei jetzt die beste Gelegenheit.
In der detaillierten, quellengesättigten und in ihrer Synthese durchaus innovativen Bearbeitung der einzelnen Themenfelder liegt zweifellos die Stärke der Arbeit, der es gelingt, die Verästelungen von Hitlers strategischen Überlegungen überzeugend nachzuzeichnen. So ist es kein Zufall, dass Brendan Simms und Charlie Laderman sich in den deutschen Abschnitten ihrer international angelegten Studie „Hitler’s American Gamble“ weitgehend auf die Ergebnisse von „Hitler’s Fatal Miscalculation“ stützen können. Gleichzeitig hat die analytische Struktur jedoch auch ihre Schwächen. In zehn Kapiteln wird der Leser zehnmal immer wieder von Neuem zum verhängnisvollen 11. Dezember geführt. Durch solche gleichsam zyklische Erzählweise verzichtet Schmider – anders als Simms und Laderman – nicht nur auf die Dramatik des chronologischen Ablaufs, sondern verschenkt auch dessen erklärendes Potenzial. Was immer an irrationalen Elementen vorhanden gewesen sein mochte, zeigte sich vornehmlich im konkreten Verlauf der Ereignisse und wird von einer strukturellen, nach ökonomischen oder strategischen Einschätzungen fragenden Untersuchung nur bedingt erfasst. Zudem geht des Autors These, die Entscheidung sei „ausschließlich durch militärische Einschätzungen, nicht durch ideologische Paradigmen bestimmt“ (S. 459), von einer strikten Trennung zwischen Militär und Ideologie, zwischen rationalen und irrationalen Faktoren aus, die dem Rezensenten eine künstliche zu sein scheint. Gibt es überhaupt Entscheidungen, die nur durch Kalkulation und so gar nicht durch persönliche, emotionale oder ideologische Elemente geprägt sind? Was suchte Hitler eigentlich in Russland? Was war es denn, das die USA zum Gegner Deutschlands machte? Sollte hier Ideologie, und sei es auch in Form der berühmten unspoken assumptions, so gar keine Rolle gespielt haben? Die kalkulierende Dimension von Hitlers fataler Entscheidung hat Schmider vorzüglich herausgearbeitet, was fehlt, ist deren subjektive Komponente.
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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