Rezensierte Publikation:
Thilo Scholle, Hermann Heller, die Weimarer Demokratie und der soziale Rechtsstaat. 2024 J. H. W. Dietz Nachf. Bonn, 978-3-8012-4291-6, € 36,–
Der von dem Historiker Mike Schmeitzner und dem Mitherausgeber der Zeitschrift Kritische Justiz Thilo Scholle herausgegebene Sammelband ist ein neues Zeugnis des seit einiger Zeit wieder erwachten Interesses am Weimarer Staatsrechtler und Sozialdemokraten Hermann Heller (1891–1933) (vgl. unter anderem V. Frick/O. Lembcke, Hermann Hellers demokratischer Konstitutionalismus. Wiesbaden 2022; auch bereits T. Scholle, Hermann Heller. Begründer des sozialen Rechtsstaates. Berlin 2023). Der Band geht auf eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden organisierte Tagung zurück, die am 17. Juni 2022 stattfand. Anlass war der 90. Jahrestag des sogenannten „Preußenschlags“ von 1932 und des anschließenden Prozesses, in dem Heller die abgesetzte preußische Regierung vertrat. Neben den Beiträgen der Teilnehmer enthält der Band einen Aufsatz des Philosophen Grégoire Chamayou und ein Gespräch mit der ehemaligen Verfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff.
Wie die Herausgeber in der Einleitung erklären, sollen im Gegensatz zu Publikationen, deren Schwerpunkt auf staatstheoretischen Aspekten liegt, mehrere, teilweise unterbeleuchtete Facetten von Heller – wie der Praktiker und Theoretiker der Volkshochschulbewegung – beleuchtet werden (S. 15). Auch möchte man die Figur Hellers einem breiteren Publikum zugänglich machen, indem nicht zuletzt auf seine Relevanz für aktuelle Debatten über die Demokratie eingegangen wird. Es wird deutlich, dass die Autoren bei aller kritischen Würdigung den Urheber des „sozialen Rechtsstaates“ auch gegen Lektüren in Schutz nehmen wollen, die bei ihm eine Nähe zu rechtsautoritären Strömungen erkennen (siehe unter anderem S. 99 f.,126 u. 131).
Nach der Einleitung (Sektion I) ist der Band in vier thematische Schwerpunkte gegliedert: In Sektion II („Hermann Heller – Anwalt des sozialen Rechtsstaates“) bietet Thilo Scholle einen guten Überblick über Hellers Laufbahn und Wirken in der Weimarer Republik. Ingo Müller beschäftigt sich mit Heller als Anwalt der Demokratie im „Preußenschlag-Verfahren“ (wobei es mehr um den Preußenschlag im Allgemeinen als um Hellers Rolle geht) und Grégoire Chamayou mit seiner Kritik des „autoritären Liberalismus“ als Antwort auf Carl Schmitt. In Sektion III („Diktaturenvergleich, wehrhafte Demokratie und politische Bildung“) untersuchen Mike Schmeitzner Hellers Deutungen des Faschismus und Nationalismus und Frank Schale dessen Konzept der Volksbildung. In Sektion IV („Zum materiellen Fundament einer demokratischen Verfassung“) befassen sich Ridvan Cifti und Cara Röhner jeweils mit der unterschiedlichen Verwendung der Begriffe „Homogenität“ und „Nation“ bei Heller und Schmitt und mit Hellers Auffassung von Wirtschaftsdemokratie und demokratisch-sozialer Kultur als materiellem Fundament einer Verfassung. In der Sektion V („Hermann Heller weitergedacht“) geht es um Aktualisierungen von Hellers Denken, von dessen Weiterentwicklung bei Wolfgang Abendroth nach 1945 (Uli Schöler) bis zu Gedanken über soziale Ungleichheit und Demokratie in der Gegenwart (Tamara Ehs). Der Band schließt mit dem Gespräch mit Gertrude Lübbe-Wolff ab.
Grundsätzlich neue Erkenntnisse oder Deutungen wird man im Band nicht finden. Der bereits mit Heller vertraute Leser wird auf bekannte Konzepte (Nation, Homogenität), Texte (wie „Rechtsstaat oder Diktatur?“) und Kontroversen (mit Schmitt) stoßen. Auch die Frage nach Hellers „Aktualität“ ist nicht neu (vgl. Frick/Lembcke, s. o., 1 ff.). Der Wert des Bands liegt in der Vielfalt der besprochenen Aspekte, die den Zusammenhang zwischen dem öffentlichen Intellektuellen Heller und seinen theoretischen Überlegungen über Demokratie und sozialen Rechtsstaat herausstellen. Dabei stößt man auf anregende Ansätze wie Scholles Vorschlag, Heller im austromarxistischen Kontext zu lesen (S. 45). Besonders lesenswert ist Schmeitzners Aufsatz, der über Hellers Schrift „Europa und der Faschismus“ hinaus dessen öffentliche Tätigkeit in der Faschismusdebatte und die Grenzen seiner Deutung des Nationalsozialismus als Faschismus beleuchtet. Hervorzuheben ist auch Schales Beitrag, der Hellers Volksbildungskonzept kontextualisiert und seine Ambivalenzen herausarbeitet: „Nicht die Elemente eines irrationalen Vitalismus, Nationalismus und Elitismus bei Heller“ seien erklärungswürdig, sondern dass sie ihn im Gegensatz zu anderen „zu einem Votum für die demokratische Republik“ gebracht hätten (S. 127). Anregend sind auch manche Überlegungen zur „Aktualität“ Hellers: Die zentrale Ansicht, dass eine demokratische Verfassung eine gerechte Wirtschaftsordnung brauche, so die Rechtsprofessorin Röhner, sei noch relevant; aus heutiger Sicht müsse die soziale Demokratie jedoch „intersektional gedacht“ werden (S. 153).
Der Sammelband leidet jedoch unter einer gewissen Heterogenität: Manche Beiträge (Röhner, Ehs und Müller) fallen mit weniger als 10 Seiten etwas knapp aus. Neben klassischen wissenschaftlichen Aufsätzen enthält das Buch eher essayistisch verfasste, engagierte Beiträge – so bezieht Röhner Stellung gegen den Neoliberalismus und für eine Reformulierung demokratischer Kultur im Sinne Hellers (S. 154, siehe auch Ehs, S. 181 ff.). Dass man bei den Themenschwerpunkten nicht herumkommt, auf Hellers Auseinandersetzungen mit Schmitt einzugehen, steht fest; stärkere Bezugspunkte zu anderen sozialdemokratischen Juristen (wie Radbruch, Kelsen, Fraenkel oder Neumann) hätten aber auch die Perspektive erweitern können. Etwas irritierend ist es zudem, wenn Cifti in Schmitts Ausführungen über die notwendige „Vernichtung des Heterogenen“ in der Demokratie in der zweiten Auflage von „Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus“ (1926) die „argumentative Vorarbeit für die ab 1933 durch die Nazis durchgeführte Vernichtungspolitik“ (S. 137) erkennt und dabei einer vereinfachenden teleologischen Lektüre zu verfallen scheint. Bezüglich der „Aktualität“ Hellers gibt Lübbe-Wolff zu, dass man bei ihm keine konkreten Rezepte für den Umgang mit aktuellen Herausforderungen wie Globalisierung und Digitalisierung (S. 193) finden werde – im Vergleich dazu wirkt Tamara Ehs’ Fazit, dass Heller eine Anleitung zu einem „neuen Gesellschaftsvertrag“ (S. 190) bieten könnte, etwas zu pauschal.
Insgesamt ist es das Verdienst des Bandes, in einer zugänglichen Form vielfältige Einblicke in Hellers Denken und Wirken zu bieten und die Bedeutung eines tief im Weimarer Kontext verwurzelten Denkens für unsere heutige Demokratie herauszustellen.
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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- Omer Bartov, Genocide, the Holocaust and Israel-Palestine. First-Person History in Times of Crisis. New York, Bloomsbury Academic 2023
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