Die Kriegsverluste Russlands und der Ukraine (Stand Ende Februar 2023)
Es existieren keine präzisen Angaben zu den Verlusten beider Seiten in diesem Krieg, aber es sind zumindest eine Reihe von Trends erkennbar, die zur Einschätzung der künftigen Bedrohungslage wichtig sind:
Nach allen zur Verfügung stehenden Daten sind die russischen Verluste an Menschen und Material deutlich höher als diejenigen der Ukraine.
Die russischen Truppen dürften nach US-Schätzungen vom Oktober 2022 durch Tod, Verletzung, Desertion und Gefangennahme etwa 100.000 Mann verloren haben.[1] Nach Angaben des norwegischen Generalstabschefs vom Januar 2023 seien sogar fast 180.000 russische Soldaten getötet oder verletzt worden. Auf ukrainischer Seite seien vermutlich mehr als 100.000 Soldaten tot oder verwundet und etwa 30.000 Zivilisten wären getötet worden.[2] Angesichts der Tatsache, dass die russischen Invasionstruppen im Februar etwa 200.000 Mann zählten, sind das bedeutende Verluste. Im Gegensatz zu den Ukrainern, wo Verluste durch wirkliche Freiwillige und Reservisten ausgeglichen werden konnten, haben sich die russischen Militärs mit der Rekrutierung von „Freiwilligen“ schwergetan. Von den etwa 50.000 ausgehobenen Gefängnisinsassen, die die Söldnertruppe „Wagner“ angeheuert haben soll, sind nach Angaben einer russischen NGO 40.000 gefallen oder dauerhaft verwundet, lediglich 10.000 seien noch übrig.[3] Die am 21. September 2022 verkündete Teilmobilmachung Russlands hat ebenfalls keinen Begeisterungssturm unter russischen Männern ausgelöst, allerdings sind 250.000 Mann eingezogen worden, die nach erfolgter Ausbildung Defizite der russischen Truppen werden ausgleichen können.
Russland hat große Verluste an gepanzerten Fahrzeugen hinnehmen müssen. Ende Mai lagen diese unabhängigen Quellen zufolge schon bei über 4.000.[4] Mittlerweile dürfte sich diese Zahl erhöht haben – nach ukrainischen Angaben (Stand 26.2.2023) über 3.363 Kampfpanzer und über 6.600 Schützenpanzer.[5] Die unabhängige OSINT-Plattform Oryx ging Ende Februar 2023 davon aus, dass knapp 5.300 gepanzerte russische Fahrzeuge zerstört worden sind, darunter 1.770 Kampfpanzer (siehe Tabelle). Der Rückgriff der russischen Streitkräfte auf die Reserve bestehend aus gepanzerten Fahrzeuge und Artilleriegeschützen aus der Zeit des Warschauer Paktes lässt erkennen, dass die derzeit kursierenden Angaben über hohe Verluste ernst zu nehmen sind. Russland dürfte etwa 40 Bataillone (darunter viele taktische Bataillonsgruppen) in der Ukraine verschlissen haben. Das ist mehr, als Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien zusammen derzeit an Kampfkraft aufbringen könnten.[6]
Die Landstreitkräfte haben erhebliche Probleme, Munition und Nachschub zu bekommen. Auch die Artilleriemunition, von der es früher hieß, diese würde für Jahre ausreichen, scheint nicht auszureichen, denn Russland versucht inzwischen Artilleriemunition aus Nordkorea zu beziehen.[7]
Die Zahl der verloren gegangenen Kampfflugzeuge – darunter auch Su-30, Su-34 und Su-35 – und Hubschrauber dürfte nach Schätzungen des britischen Geheimdienstes bei 280 liegen.[8] Die Angaben von ORYX sind zurückhaltender (siehe Tabelle).
Die russische Marine hat trotz ihres Übergewichts im Schwarzen Meer schwere Verluste erlitten, darunter den Kreuzer Moskwa, und operiert nur noch aus sicheren Räumen im Osten des Schwarzmeers heraus,
Russland scheint den Großteil seiner luft- oder seegestützten Präzisionswaffen (Marschflugkörper, Raketen) verbraucht zu haben, wenngleich noch immer Vorräte vorhanden sind. Der Import von iranischen Drohnen und Kurzstreckenraketen ist ein Indikator dafür.[9]
Vergleich der Verluste Russland/Ukraine bei einigen ausgesuchten Waffensystemen nach Angaben des Oryx-Blogs, Stand 23.1.2023
|
Waffensystem |
Verluste RUS |
davon Zulauf UKR |
Verluste UKR |
davon Zulauf RUS |
|
Kampfpanzer |
1.770 |
547 |
468 |
143 |
|
Schützenpanzer |
2.911 |
859 |
759 |
189 |
|
Gepanzerte Mannschaftstransporter |
522 |
158 |
556 |
208 |
|
Artillerie auf Selbstfahrlafette |
348 |
105 |
116 |
27 |
|
Kampfflugzeuge |
74 |
59 |
1 |
|
|
Helikopter |
78 |
1 |
30 |
3 |
https://www.oryxspioenkop.com/, Zugang 26.2.2023, unter „Schützenpanzer“ wurden gerechnet: Armoured Fighting Vehicles und Infantry Fighting Vehicles; unter „gepanzerte Mannschaftstransporter“ wurden gerechnet: Armoured Personel Carrier, Mine-resistent Ambush Protected Verhicles und Infantry Mobility Vehicles.
(Redaktion)
© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.
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- Analysen zum Verlauf des Ukraine-Kriegs
- Mykhaylo Zabrodskyi/Jack Watling/Oleksandr V. Danylyuk/Nick Reynolds: Preliminary Lessons in Conventional Warfighting from Russia’s Invasion of Ukraine, February–July 2022. London: Royal United Services Institute (RUSI), November 2022
- Lieutenant Colonel Amos C. Fox: Reflections on Russia’s 2022 Invasion of Ukraine. Combined Arms Warfare, the Battalion Tactical Group and Wars in a Fishbowl. Washington, D.C.: Association of the United States Army (AUSA) Oktober 2022
- Justin Bronk with Nick Reynolds and Jack Watling: The Russian Air War and Ukrainian Requirements for Air Defence. London: Royal United Services Institute (RUSI), November 2022
- Jon Bateman: Russia’s Wartime Cyber Operations in Ukraine. Military Impacts, Influences, and Implications. Washington, D.C.: The Carnegie Endowment for International Peace, 2022
- Hlib Parfonov: Russia Struggles to Maintain Munition Stocks, Jamestown Foundation Eurasia Daily Monitor, 19 (180), und 19 (186), Dezember 2022
- Michael Kofman/Richard Connolly/Jeffrey Edmonds/Andrea Kendall-Taylor/Samuel Bendett: Assessing Russian State Capacity to Develop and Deploy Advanced Military Technology. Washington, D.C.: Center for a New American Security, Oktober 2022
- Russlands Grand-Strategy und Militärstrategie in Europa
- Samuel Charap/Dara Massicot/Miranda Priebe/Alyssa Demus/Clint Reach/Mark Stalczynski/Eugeniu Han/Lynn E. Davis: Russian Grand Strategy. Rhetoric and Reality. Santa Monica: The RAND Corporation 2021
- Clint Reach/Alexis A. Blanc/Edward Geist: Russian Military Strategy. Organizing Operations for the Initial Period of War. Santa Monica: Cal.: The RAND Corporation, April 2022
- Margarete Klein/Nils Holger Schreibe: Der Angriff auf die Ukraine und die Militarisierung der russischen Außen- und Innenpolitik. Stresstest für Militärreform und Regimelegitimation. Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik, November 2022
- Aufgaben der NATO
- Stacie L. Pettyjohn/Becca Wasser: No I in Team. Integrated Deterrence with Allies and Partners. Washington, D.C.: Center for a New American Security (CNAS), Oktober 2022
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- Susan L. Shirk: Overreach. How China Derailed Its Peaceful Rise. Oxford und New York: Oxford University Press 2022, 424 Seiten
- Susanne Schröter: Global gescheitert? Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass, Freiburg im Breisgau: Herder Verlag 2022, 234 Seiten
- Marie-Agnes Strack-Zimmermann: Streitbar. Was Deutschland jetzt lernen muss. München: dtv Verlagsgesellschaft 2022, 134 Seiten
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