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Deutschlands Afghanistan-Amnesie

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Published/Copyright: March 18, 2022

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan im August 2021 hat Deutschland einen Schockmoment und eine heftige öffentliche Diskussion beschert. Moralisten, Linke, Realpolitiker und Amerikakritiker dominierten die Nachlese. Obwohl sie die Ereignisse völlig unterschiedlich deuten, ist allen gemein, dass sie eklatante Blindstellen aufweisen. Diese Afghanistan-Amnesie ist gefährlich: Sie verleitet zu falschen Lehren und lädt wahlweise zu Selbstdemontage oder Selbstgerechtigkeit ein.

Ein Gutteil der Afghanistan-Debatte beschränkte sich auf bequemen Moralismus. Viele beklagten das Schicksal der Frauen, der Menschenrechtsaktivisten, Journalisten, Künstler und Freunde einer freien Gesellschaft in Afghanistan, die vom Westen „verraten“ und „im Stich gelassen“ wurden. Sie empörten sich über das „schändliche“ Verhalten der Bundesregierung. Sogar von „Staatsversagen“ war die Rede – wohlgemerkt vom Versagen des deutschen Staates, das immer leichtfertiger beschworen wird, um der eigenen Empörung Nachdruck zu verleihen. Die Moralisten wittern Inkompetenz oder gar Verderbtheit, wenn die Verantwortlichen Werte predigen und trotzdem den Rückzug antreten. Der Westen schulde den Menschen in Afghanistan etwas für all die „enttäuschten Hoffnungen.“ Wer möchte da widersprechen, die Lage ist schlimm.

Und doch taugt Entrüstung nicht als Analyse. Schuldet eigentlich auch Afghanistan dem Westen etwas? Für den Terrorismus, der dort bis 2001 eine Heimstatt hatte? Für die vergebenen Mühen der letzten zwei Jahrzehnte? Für die Korruption der Eliten, das Versagen der Zentralregierung, den gesellschaftlichen Rückhalt der Taliban? Sicherheitspolitik als Schuldenrechnung moralischer Verbindlichkeiten zu fassen, führt in die Irre. Ebenso verkehrt ist es, die Rückkehr der Taliban schlicht als „Scheitern des Westens“ zu verbuchen. Selbstverständlich soll keiner wertfreien Politik das Wort geredet werden. Allerdings müssen Werte zusammen mit Interessen, Zwängen, den Chancen und Grenzen des Machbaren gedacht werden. Hätte der Westen auf unabsehbare Zeit militärisch in Afghanistan bleiben sollen, um die Regierung am Leben zu erhalten? Um die Taliban fernzuhalten? Um Frauenrechte zu sichern? Was wäre möglich, was wäre nötig, was wäre es uns wert gewesen? Vergessen scheint, dass man sich schon lange vor dem endgültigen Abzug notgedrungen damit arrangiert hatte, die Taliban nicht aus der politischen Realität des Landes verbannen zu können. Zur Wahrheit gehört auch, dass der Einsatz in Deutschland seit jeher ein weithin beschwiegenes, notdürftig schöngefärbtes, oftmals leidiges Thema war. Afghanistan wirft viele schwierige Fragen auf. Doch folgt man den Moralisten, habe der Westen mit allen Karten in der Hand sein Blatt achtlos verspielt.

Auch die pazifistische Linke blickt moralisierend und selbstbezogen auf Afghanistan, wenngleich sie nicht zu wenig, sondern viel zu viel Aktivismus moniert. Ihre Heimat ist da, wo man traditionell Friedens- statt Sicherheitspolitik macht und die NATO als Kriegsbündnis diffamiert. Die Linke lehnte den Afghanistaneinsatz, so wie alle Militäreinsätze, schon immer ab. Dass die Intervention als Selbstverteidigung begann und Entwicklungsperspektiven statt Besatzung bot, während die Taliban mit ihren Anschlägen und Attacken das Gros der Opfer verantworteten und die internationale Präsenz an der Seite der afghanischen Regierung in einen Krieg zwangen, ging in ihrer ideologischen Erzählung einer westlichen Verheerung des Landes unter. Unverantwortlich habe man die Menschen letztlich ihrem Schicksal unter den Taliban überlassen, sagten trotzdem selbst die, die deren Herrschaft nie in Frage gestellt hätten.

Der unrühmliche Ausgang wird als Beleg für die eigene Weitsicht verkauft. Was wäre also der richtige Umgang mit einem Regime wie dem der Taliban? „Wandel durch Annäherung“ in der Tradition der deutschen Ostpolitik müsse man wieder praktizieren, antwortete Gregor Gysi, als hätte dieser Vergleich irgendetwas mit der Realität zu tun. Friedenspolitik, so der Sirenengesang von links, tut niemandem weh, fordert keine Anstrengungen, spart Geld, dient den Menschen und löst durch Ausgleich und Abrüstung Konflikte in Wohlgefallen auf. Es ist die simple Rhetorik selbstgerechter Verantwortungslosigkeit. Dennoch könnte dieses Denken gefährlich populär werden.

Dann sind da die Realpolitiker, die im Rückblick die liberale Hybris vergangener Jahre anprangern. Die Terrorbekämpfung sei der Ausgangspunkt und das richtige Ziel des Einsatzes gewesen, der Schwenk zur Nations- und Staatsbildung der Sündenfall. Eine Umgestaltung der afghanischen Gesellschaft „nach westlichem Vorbild“ sei weder den eigenen Interessen dienlich noch realisierbar gewesen. Stattdessen habe man eine korrupte Regierung und einen sich verselbstständigenden zivil-wohlwollenden Komplex aus staatlicher Entwicklungshilfe und Nichtregierungsorganisationen subventioniert. Wäre es also ein Leichtes gewesen, den Einsatz eng zu begrenzen?

Selektive Militärschläge auf al-Qaida-Ausbildungslager galten nach 9/11 als unzureichend. Der Sturz der Taliban legte wiederum den Grundstein für ein kaum kontrollierbares Engagement. Zwar lehnte die George W. Bush-Administration Nation Building ab, doch vor Mission Creep feite das nicht. Ab Ende 2001 nahm mit Hilfe der UN ein innerafghanischer Friedens- und Regierungsbildungsprozess Gestalt an. Die ISAF-Schutztruppe zur Unterstützung der Interimsregierung war anfangs auf Kabul beschränkt und knapp bemessen. Während allerdings der Aufbau von Staatlichkeit immer weitere Kreise zog, änderte die Rückkehr der Taliban den Rahmen. Realpolitiker mögen monieren, dass die Notbremse nicht früher gezogen wurde. Doch mit neokonservativem Eifer begann die Intervention nicht. Für Deutschland war kühle Interessenpolitik, erinnern wir uns auch daran, nie eine Option. Von Anfang an versuchte Berlin eine Brandmauer zu errichten zwischen der guten ISAF-Stabilisierungsmission und der Terrorismusbekämpfung der USA. Die humanitäre und entwicklungspolitische Dimension war immer genehmer, im Einsatz vor Ort wie zur Legitimation daheim. Deutschland müsste wohl sicherheitspolitisch umgepolt werden, um seinen liberalen Instinkt mit Realpolitik zu versöhnen.

Zuletzt sind die Amerikakritiker zu nennen. Deutschland und Europa müssten sich emanzipieren. Auf die USA sei kein Verlass mehr, zumal nicht nur der Krieg gegen den Terror und das Afghanistan-Debakel Washingtons Verirrungen zeigten. Von Beginn an hätten die Amerikaner keinen Plan gehabt, wie Afghanistan zu befrieden sei. Sie seien (anders als die auf Aufbau fokussierten und im Land beliebten Deutschen) viel zu militärlastig aufgetreten und schließlich überhastet und ohne Rücksicht auf die Partner abgezogen. Müssen wir also zuvorderst an der transatlantischen Partnerschaft zweifeln?

Deutschland und die europäischen Verbündeten zeigten keineswegs die Kompetenz und Verlässlichkeit, die Amerikakritiker ihnen gerne attestieren würden. In den 2000ern, als die US-Truppen im Irak gebunden waren, verwalteten sie hilflos die Lageverschlechterung am Hindukusch. Ab 2009 ergriff die Administration von Barack Obama die Initiative mit einer umfassenden Strategieüberprüfung. Mit einer erneuten Kraftanstrengung zur Aufstandsbekämpfung (COIN) wollte sie das Blatt wenden, um 2011 den Abzug einleiten zu können. Die Europäer sehnten da längst das Ende der unpopulär gewordenen Mission herbei. Entsprechend ungleich verteilt waren die Lasten. Das betraf nicht nur Mannstärken, sondern auch innenpolitisch motivierte nationale Einsatzschranken (caveats), wie Deutschland sie nutzte. US-Verteidigungsminister Robert Gates geißelte 2011 die Spaltung der NATO, die sich in Afghanistan offenbarte. Deutschland engagierte sich zwar im Unterschied zu anderen nach dem Ende der ISAF-Mission 2014 substanziell in der NATO-Folgemission Resolute Support. Doch bis zur letzten Evakuierungsmission hing alles an den USA, die zehn Jahre den gesichtswahrenden Ausweg suchten und sich schlussendlich für das Ende mit Schrecken entschieden. Eine Verklärung der eigenen Rolle steht Deutschland und Europa ungeachtet der amerikanischen Versäumnisse nicht gut zu Gesicht.

Strategie statt Amnesie

Die deutsche Afghanistan-Debatte nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 veranschaulichte, dass weithin Kompass und Urteilskraft fehlen, den Einsatz sowie dessen Ende richtig einzuordnen. Unliebsames wird ausgeblendet, die Bilanz verzerrt. Diese Amnesie ist gefährlich. Moralisten und Linke delegitimieren Deutschland und den Westen und befördern eine außenpolitische Unmündigkeit. Realpolitiker und Amerikakritiker wiederum gaukeln vor, es sei mit ein paar mahnenden Worten zu bescheideneren Zielen und mehr europäischer Eigenständigkeit getan. Sie irren.

Deutschland muss Außen- und Sicherheitspolitik endlich als politische Prioritäten begreifen und lernen, in den Kategorien von Interesse und Strategie zu denken, zu handeln und zu kommunizieren. Bei Afghanistan ist das in den vergangenen 20 Jahren nicht gelungen. Auf eine schnelle Besserung sollten Beobachter allerdings nicht wetten: Die Auseinandersetzung mit dem Einsatz in Afghanistan erwies sich als ein Strohfeuer. Nach wenigen Wochen hitziger Diskussion war das Thema wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Im Bundestagswahlkampf 2021 blieb die Außen- und Sicherheitspolitik fast vollends außen vor. Insofern ist die Afghanistan-Amnesie symptomatisch für das, woran es grundsätzlich krankt.

Published Online: 2022-03-18
Published in Print: 2022-03-28

© 2022 Gerlinde Groitl, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.

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  24. Chris Dougherty/Jennie Matuschak/Ripley Hunter: The Poison Frog Strategy. Preventing a Chinese Fait Accompli Against Taiwanese Islands. Washington, DC: Center for a New American Security, 2021
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  30. Anika Binnendijk/Marta Kepe: Civilian-Based Resistance in the Baltic States. Historical Precedents and Current Capabilities, Santa Monica, Calif.: The RAND Corporation, 2021
  31. Uwe Halbach: Russlands Einflussmacht im Kaukasus. Konkurrenz und Kooperation mit Regionalmächten und globalen Akteuren. Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP-Studie 2021/S 10), Juli 2021
  32. Naher Osten
  33. Jim Townsend/Andrea Kendall-Taylor/David Shullman/Gibbs McKinley: A Limited Partnership Russia-China Relations in the Mediterranean. Washington, D.C.: Center for a New American Century (CNAS), September 2021
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  39. Wladimir M. Grinin: Russlands Botschafter. Meine Jahre in Berlin (übersetzt von Hartmut Hübner). Berlin: Eulenspiegel Verlagsgruppe 2020, 223 Seiten
  40. Bücher von gestern – heute gelesen
  41. Hanns W. Maull: Strategische Rohstoffe. Risiken für die wirtschaftliche Sicherheit des Westens. München: R. Oldenbourg Verlag 1987 (Schriften des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V., Bonn, Reihe: Internationale Politik und Wirtschaft, Band 53), 301 Seiten.
  42. Bildnachweise
  43. Bildnachweise
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