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Editorial

Published/Copyright: March 18, 2022

Der überstürzte Abzug der USA und anderer Staaten aus Afghanistan und der gleichzeitig erfolgte Kollaps der Regierung Präsident Ashraf Ghanis im August 2021 kamen für Viele überraschend. Die Bilder vom internationalen Flughafen Kabul, wo verzweifelte Menschen versuchten, ins Ausland zu flüchten, haben sich tief in die kollektive Erinnerung eingebrannt. Was Anfang 2002 als vielversprechender Versuch begonnen worden war, ein Land zu befrieden, welches mehr als 20 Jahre Krieg, Bürgerkrieg und die Schreckensherrschaft der Taliban hinter sich hatte, entpuppte sich im Nachhinein als riesiger Fehlschlag. Dabei war schon 2008 und 2009 absehbar, dass das von den Vereinten Nationen initiierte Projekt eines politischen und ökonomischen Wiederaufbaus Afghanistans gescheitert war. Die neu geschaffenen staatlichen Institutionen Afghanistans waren korrupt und ineffektiv, die Aufstandsbewegung der Taliban war tief in der ländlichen Bevölkerung verankert und deren effektive Bekämpfung hätte einen hohen militärischen Aufwand erfordert, den keiner im Westen (und erst recht nicht in anderen Staaten) hätte aufbringen wollen. Unter amerikanischer Führung unternahmen die Staaten der westlichen Allianz gemeinsam mit vielen anderen Nationen ab 2010 abermals den Versuch, dem Land eine Chance zu geben. Mit einer erhöhten Militärpräsenz, einer Strategie der Aufstandsbekämpfung, bei der es darum ging, die Bevölkerung zur Unterstützung der Regierung zu bewegen, und mit einer Vielzahl von zivilen Projekten sollte das Ruder noch mal herumgerissen werden. Dieser Versuch war bereits 2014 gescheitert und es sollte noch sieben weitere Jahre dauern, bis sich das Scheitern vollends manifestierte.

Ab Ende August 2021 wurden Rufe nach einer Aufarbeitung des vergeblichen Afghanistan-Engagements der internationalen Gemeinschaft laut. Es geht darum zu ergründen, was falsch gelaufen war und warum so viele Verantwortliche in der Politik das absehbare Scheitern nicht sehen wollten. Der Deutsche Bundestag beabsichtigt, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einzusetzen.

Eine wichtige, in der deutschen Politik regelmäßig unterschätzte Ressource für die Aufarbeitung der Afghanistan Niederlage ist die Wissenschaft. Aus der akademischen Welt erschienen in den vergangenen 20 Jahren eine Vielzahl von Analysen, die sich mit dem internationalen Engagement befassten und die die Defizite und Probleme teilweise deutlich aufzeigten. Das hier vorliegende Schwerpunktheft von SIRIUS stellt Analysen und Kommentare aus dem Bereich der akademischen Welt und auch von früheren Akteuren vor, die den Kontakt zur Wissenschaft hielten und wichtige Beiträge zur Bereicherung der wissenschaftlichen Debatte einbrachten. Die Autoren und Autorinnen kommen aus Deutschland, den USA und Großbritannien.

Das Heft beginnt – etwas ungewöhnlich – mit einer Dokumentation von Forschungsergebnissen des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK), die im vergangenen Jahrzehnt erstellt wurden. Im Rahmen eines Forschungsprojektes für das Bundesministerium der Verteidigung hatte das ISPK Ende 2011 eine ernüchternde Einschätzung der Lage in Afghanistan vorgelegt. Die Studie gelangte zu dem Ergebnis, dass die großen Fehler in der Anfangsphase gemacht worden seien, als ein zentralistischer afghanischer Staat begründet wurde, der sich als ineffektiv und korrupt erwiesen habe. Angesichts des gerade eingeleiteten Politikwechsels beschrieb die Studie Bedingungen, unter denen der Aufwuchs der internationalen Truppen und zivilen Kräfte vielleicht noch erfolgreich werden könne.

Diese Studie wurde im Jahr 2021 freigegeben und wird hier erstmals veröffentlicht. Im Jahr 2014 zog das ISPK im Rahmen eines gemeinsam mit dem Aspen Institut Deutschland durchgeführten (und von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten) Projektes eine Bilanz des Aufwuchses in Afghanistan und stellte das weitgehende Scheitern der internationalen Bemühungen in Aussicht. Dieser Text erschien in englischer Sprache. Wir veröffentlichen beide Papiere in gekürzter bzw. in übersetzter Form, aber ohne dass inhaltliche Änderungen vorgenommen wurden. Die meisten Einschätzungen der hier zusammengefügten Papiere sind heute immer noch gültig. Sie wurden in der deutschen Politik bedauerlicher Weise nicht wahrgenommen.

Die Studie des ISPK gelangte zu dem Ergebnis, dass es nach der Bonner Afghanistan Konferenz von Ende 2001 sieben Jahre dauerte, bis ein strategisches Konzept für die Aufbauarbeit der internationalen Staatengemeinschaft vorgelegt wurde und welches sich zudem der Bekämpfung des Taliban-Aufstandes widmete. Zuvor sei der Aufbau unkoordiniert und ohne Zielvorgabe verlaufen. Das strategische Konzept war das Ergebnis eines policy-reviews der Obama-Administration, welches später von NATO und ISAF übernommen wurde. Der Beitrag von Christoph Bluth von der Universität Bradford (Großbritannien) setzt sich kritisch mit dem Zustandekommen dieses Konzeptes auseinander. Er gelangt zu dem Ergebnis, dass die strategische Neuausrichtung der amerikanischen Politik den Bedingungen eines innenpolitischen Prozesses unterlag, bei dem sehr unterschiedliche Meinungen und Befindlichkeiten unter einen Hut gebracht wurden. Im Ergebnis sei eine Strategie entwickelt und umgesetzt worden, die viel zu kurzfristig angelegt worden sei und die den Störfaktor Pakistan so gut wie nicht berücksichtig hätte.

Weitere Beiträge betreffen Einzelaspekte. So analysiert Frances Z. Brown von der Carnegie-Stiftung in Washington, D.C., warum die Bemühungen um den Aufbau verantwortlicher Regierungsleistung auf der Ebene der Provinzen, Distrikte und Kommunen in Afghanistan nicht erfolgreich waren. Oz Hassan von der Universität Warwick (Großbritannien) befasst sich kritisch mit der Politik der Europäer, die seiner Meinung nach selten eigene Vorstellungen für den Aufbau Afghanistans entwickelt haben. Die Analyse von Ellinor Zeino von der Konrad-Adenauer-Stiftung fragt nach den Folgen der zwanzig Jahre internationaler Präsenz in Afghanistan für die dortigen Menschen und wie es unter der Herrschaft der Taliban weitergehen soll.

Der Bereich Kommentare ist in diesem Heft ausführlicher als sonst. In ihm schreiben zwei Praktiker der Afghanistan Politik, die gleichzeitig eng mit der akademischen Welt vertraut sind. Barnett Rubin war viele Jahre Berater des amerikanischen Sonderbeauftragten für Afghanistan und auch der Vereinten Nationen. Er hat die verschiedenen Phasen der Afghanistan-Politik aus persönlicher Anschauung miterlebt und legt hier eine sehr persönlich gehaltene Einschätzung der Ursachen und Fehler der amerikanischen Politik vor, in der er mit Kritik nicht zurückhält. Winfried Nachtwei, früherer Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, legt seine persönliche Bilanz vor, die auch sehr viel Selbstkritik enthält. Gerlinde Groitl von der Universität Regensburg zieht eine kritische Bilanz des politischen Umgangs der Deutschen mit dem Afghanistan-Debakel. Es mangele an strategischer Richtung und Urteilskraft, Unliebsames werde ausgeblendet, die Bilanz verzerrt.

Dieses Schwerpunktheft enthält zwei weitere Beiträge, die nicht direkt mit der Bewältigung der Afghanistan Erfahrungen zu tun haben – aber indirekt. Der chaotische Abzug der USA und deren Verbündeter und Partner hat offenbar in Moskau den Eindruck entstehen lassen, dass der Westen geschwächt sei und die Gelegenheit günstig wäre, eine massive Änderung der sicherheitspolitischen Ordnung in Europa einseitig vorzunehmen. Ende 2021 erhielten die USA und die anderen Staaten der NATO die ultimative Aufforderung, die Erweiterung der NATO einzustellen, alle ausländischen Militäreinrichtungen in den neuen Mitgliedstaaten abzuziehen sowie alle amerikanischen Atomwaffen aus Europa zu entfernen. Gleichzeitig wurde die Ukraine durch einen gewaltigen Truppenaufmarsch an deren Grenze gleichsam zur Geisel genommen. Dieses Ultimatum kann als die Eröffnung eines neuen Kalten Krieges betrachtet werden. Wir beabsichtigen in Heft 2/2022, umfassender auf diese Entwicklungen einzugehen. In diesem Heft ist die Kurzanalyse von Hannes Adomeit vom ISPK zu erwähnen, der das russisch-belarussische Militärmanöver Sapad 2021 vom September 2021 analysiert und zum Ergebnis gelangt, dass dieses Manöver bereits der Vorbereitung des Aufmarsches gegen die Ukraine galt. Der Kommentar von Ulrich Blum von der Universität Halle fordert, dass die westlichen Staaten – und insbesondere auch die Bundesregierung – ernsthaft Gedanken anstellen, wie mit einem Gegner wie Russland umzugehen sei, der nicht nur militärisch, sondern auch in anderen Domänen den offenen Konflikt mit dem Westen suche.

Des Weiteren enthält dieses Heft Besprechungen von Studien zum Thema Afghanistan, zur Lage im Westpazifik, zu den sicherheitspolitischen Entwicklungen im Schwarzmeer und im Ostseeraum sowie zum Nahen Osten. Im Buchbesprechungsteil werden vier sehr unterschiedliche Bücher vorgestellt. Neu ist in diesem Heft die Sparte „Bücher von gestern – heute gelesen.“ In ihr sollen Bücher aus vergangenen Jahren vorgestellt werden, die heute noch von Relevanz sind. Den Beginn macht eine Besprechung des Buches von Hanns W. Maull „Strategische Rohstoffe. Risiken für die wirtschaftliche Sicherheit des Westens“ von Jakob Kullik.

Wir wünschen allen Lesern ein frohes Neues Jahr und eine interessante Lektüre.

Die Herausgeber

Published Online: 2022-03-18
Published in Print: 2022-03-28

© 2022, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.

Articles in the same Issue

  1. Titelseiten
  2. Editorial
  3. Editorial
  4. Dokumentation
  5. Das zweifache Scheitern der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan – Studienergebnisse des ISPK aus dem vergangenen Jahrzehnt
  6. Aufsätze
  7. Die US-Intervention in Afghanistan: Die Politik der Obama-Regierung
  8. Förderung des lokalen Regierens in Afghanistan: Was ging schief?
  9. Kurzanalysen und Berichte
  10. Eine kritische Bewertung der europäischen Strategie in Afghanistan ist überfällig
  11. Afghanistans ewiges Versprechen
  12. Russisch-belarussisches Manöver Sapad-2021: Teil der Kriegsvorbereitungen gegen die Ukraine
  13. Kommentare
  14. Die ewige Niederlage in Afghanistan
  15. Afghanistan: Unser Scheitern im Großen – Bilanz eines Mitauftraggebers
  16. Deutschlands Afghanistan-Amnesie
  17. Si vis pacem para bellum
  18. Ergebnisse strategischer Studien
  19. Lehren aus Afghanistan
  20. Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR): What we need to learn. Lessons of twenty years of Afghanistan Reconstruction. Washington, D.C.: SIGAR, August 2021
  21. Anthony H. Cordesman: Learning the Right Lessons from the Afghan War. Washington, D.C.: CSIS, September 2021
  22. Sicherheitslage Westpazifik
  23. Gregory B. Poling/Tabitha Grace Mallory/Harrison Prétat: Pulling Back the Curtain on China’s Maritime Militia. Report. Washington, DC: Center for Strategic and International Studies (CSIS), November 2021
  24. Chris Dougherty/Jennie Matuschak/Ripley Hunter: The Poison Frog Strategy. Preventing a Chinese Fait Accompli Against Taiwanese Islands. Washington, DC: Center for a New American Security, 2021
  25. Jacob Stokes: Tangled Threats. Integrating U.S. Strategies toward China and North Korea. Washington, D.C.: Center for a New American Security, Oktober 2021
  26. Sicherheitslage Schwarzes Meer und Ostseeraum
  27. Gustav Gressel: Waves of Ambition: Russia’s Military Build-Up in Crimea and the Black Sea. Berlin: European Council on Foreign Relations (ECFR), Policy Brief, September 2021
  28. Ben Hodges/Edward Lucas, mit Carsten Schmiedl: Close to the Wind. Baltic Sea Regional Security. Washington, D.C.: Center for European Policy Analysis (CEPA), September 2021
  29. Keir Giles: What deters Russia? Enduring principles for responding to Moscow. London: Royal Institute of International Affairs, Chatham House, September 2021
  30. Anika Binnendijk/Marta Kepe: Civilian-Based Resistance in the Baltic States. Historical Precedents and Current Capabilities, Santa Monica, Calif.: The RAND Corporation, 2021
  31. Uwe Halbach: Russlands Einflussmacht im Kaukasus. Konkurrenz und Kooperation mit Regionalmächten und globalen Akteuren. Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP-Studie 2021/S 10), Juli 2021
  32. Naher Osten
  33. Jim Townsend/Andrea Kendall-Taylor/David Shullman/Gibbs McKinley: A Limited Partnership Russia-China Relations in the Mediterranean. Washington, D.C.: Center for a New American Century (CNAS), September 2021
  34. Nicole Grajewski: The Evolution of Russian and Iranian Cooperation in Syria, Washington, DC: Center for Strategic and International Studies (CSIS), November 2021
  35. Buchbesprechungen
  36. David W. Kearn, Jr.: Reassessing U.S. Nuclear Strategy. Amherst, NY: Cambria Press, 2019, 268 Seiten
  37. Ofer Fridman (Hrsg): Strategiya – The Foundations of the Russian Art of Strategy. Oxford und New York: Oxford University Press, 2021, 336 Seiten
  38. Steven Wills: Strategy Shelved. The Collapse of Cold War Naval Strategic Planning. Annapolis: US Naval Institute Press, 2021, 292 Seiten
  39. Wladimir M. Grinin: Russlands Botschafter. Meine Jahre in Berlin (übersetzt von Hartmut Hübner). Berlin: Eulenspiegel Verlagsgruppe 2020, 223 Seiten
  40. Bücher von gestern – heute gelesen
  41. Hanns W. Maull: Strategische Rohstoffe. Risiken für die wirtschaftliche Sicherheit des Westens. München: R. Oldenbourg Verlag 1987 (Schriften des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V., Bonn, Reihe: Internationale Politik und Wirtschaft, Band 53), 301 Seiten.
  42. Bildnachweise
  43. Bildnachweise
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