Home History Lino Schneider-Bertenburg, 1873. Der Gründerkrach und die Krisenwahrnehmung der deutschen Sozialdemokratie. (Geschichte in Wissenschaft und Forschung.) Stuttgart, Kohlhammer 2022
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Lino Schneider-Bertenburg, 1873. Der Gründerkrach und die Krisenwahrnehmung der deutschen Sozialdemokratie. (Geschichte in Wissenschaft und Forschung.) Stuttgart, Kohlhammer 2022

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Published/Copyright: December 1, 2025
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Rezensierte Publikation:

Lino Schneider-Bertenburg, 1873. Der Gründerkrach und die Krisenwahrnehmung der deutschen Sozialdemokratie. Geschichte in Wissenschaft und Forschung. 2022 Kohlhammer Stuttgart, 978-3-17-042033-5, € 69,–


Zeit seines Lebens verharrte August Bebel, der große Volkstribun und langjährige Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, bekanntlich in der Erwartung des „Großen Kladderadatschs“, des Untergangs des kapitalistischen Wirtschaftssystems und des deutschen Kaiserreichs als Klassenstaat. Lino Schneider-Bertenburgs Untersuchung, die Buchfassung einer an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf entstandenen Dissertation, geht der Frage nach, welchen Einfluss der „Gründerkrach“ des Jahres 1873, nur zwei Jahre nach der Reichsgründung, auf die Entwicklung der jungen sozialdemokratischen Bewegung ausübte.

Der Gründerkrach von 1873 stellt eine bedeutende Zäsur in der Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs dar, auch wenn die ältere These Hans Rosenbergs, dass diese Krise eine „große Depression“, die bis in die 1890er Jahre andauerte, eingeleitet hat, von der neueren Forschung wenigstens stark relativiert worden ist. Schneider-Bertenburg bemängelt die Tatsache, dass die bisherige Geschichtsschreibung zur deutschen Arbeiterbewegung den Auswirkungen dieser Krise auf die frühe Sozialdemokratie relativ wenig Beachtung geschenkt hat (S. 135). Seiner Arbeit gebührt das Verdienst, Aufmerksamkeit auf diese Problematik zu lenken. Er will auch einen Beitrag zur Ideologiegeschichte der frühen Sozialdemokratie der 1870er Jahre vor dem Sozialistengesetz leisten. Er hält diesen Zeitraum sozialdemokratischer Parteigeschichte für relativ wenig erforscht (S. 9 f., 113), obwohl er sich insbesondere auf die Veröffentlichungen von Thomas Welskopp hierzu stützen kann.

Schneider-Bertenburg erhebt den Anspruch, eine „sinnvolle[] Verknüpfung von Wirtschafts- und Politikgeschichte“ zu leisten (S. 7). Neben einer Einleitung und Schlussbetrachtungen besteht das Buch aus zwei ungleichen Teilen: der erste ist der Darstellung und Analyse der Krise von 1873 gewidmet; der zweite (über 200 Seiten lang, fast ein Buch für sich) einer Diskursanalyse der sozialdemokratischen Presse nach der Krise. Im ersten Teil des Buches wechselt der Verfasser zwischen der Darstellung des Gründerkrachs (worauf der Leser allerdings bis S. 65 warten muss) und einer Auseinandersetzung mit diversen wirtschaftlichen und anderen theoretischen Ansätzen ab. Überhaupt zeichnet sich Schneider-Bertenburgs Arbeit durch eine hohe Bereitschaft aus, auf Diskussionen über eine breite Palette theoretischer Debatten einzugehen, was stimulierend wirken kann. Andererseits verliert man den roten Faden der Darstellung und Argumentation zuweilen aus den Augen.

Der zweite Hauptteil des Buches, in elf thematische Unterkapitel untergliedert, behandelt die Entwicklung der Ideengeschichte der frühen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung im Schatten der Wirtschaftskrise. Schneider-Bertenburg geht hier diskursanalytisch vor, indem er ein Korpus von etwa 500 Artikeln aus den Zeitungen „Neuer Social-Demokrat“ (die lassallesche Linie) und „Der Volksstaat“ (die Eisenacher Linie) untersucht, sortiert nach bestimmten Schlagwörtern. Diese Quellengrundlage wird durch Briefe, Parteitagsprotokolle, Broschüren usw. ergänzt. Über weite Strecken findet der Leser in diesem Teil längere Zitate aus den Zeitungsartikeln, worauf meistens eine oder zwei Seiten Kommentar folgen. Zuweilen hätte man sich etwas mehr Synthesen gewünscht, auch wenn der Kommentar eine breite Kenntnis zumindest der deutschsprachigen Forschungsliteratur offenbart.

Durchaus zu begrüßen ist das Bestreben des Verfassers, „auch de[n] ‚einfache[n]‘ Arbeiter oder Handwerker, dessen Worte immer wieder auch Eingang in die Seiten des ‚Volksstaat‘ und des ‚Neuen Social-Demokraten‘ fanden, als eigenständige[n] Akteur“ ernstzunehmen (S. 11 f.). Wo dies Schneider-Bertenburg gelingt, wird der Text lebendig und aufschlussreich zugleich.

Schneider-Bertenburg hebt hervor, dass die „frühe Sozialdemokratie [sich] vornehmlich auf die Handwerkerschaft als Kernklientel“ stützte (S. 213). Das ist keine neue Erkenntnis, aber der Verfasser führt manche einleuchtenden Beispiele aus seinen Quellen dafür an, wie das Bewusstsein der Handwerkerschaft auf den Diskurs der frühen sozialdemokratischen Presse abgefärbt hat, so etwa mit dem Rückgriff auf den Begriff der Ehre. Schneider-Bertenburg betont den oft stark moralisierenden Tenor der sozialdemokratischen Berichterstattung über die Gründerkrise (zum Beispiel S. 236).

Es ist auch gut belegt, dass sich die frühe sozialdemokratische Arbeiterbewegung durch „Eklektizismus“ oder, wie der Autor formuliert, „ideologische Pluralität“ gekennzeichnet hat (S. 298 f., 274). Schneider-Bertenburg unterscheidet sich aber von vielen Historikern der Arbeiterbewegung dadurch, dass er diesen „Eklektizismus“ durchaus positiv bewertet. Er spricht „von einer beeindruckenden Integrationsleistung unterschiedlicher sozialistischer Konzeptionen [...], die erst in den Jahrzehnten danach zu einer ideologischen Erstarrung gelangten“ (S. 241). Die „eklektizistische Sichtweise“, ideologische Pluralität und „Flexibilität“ der frühen Sozialdemokratie betrachtet der Verfasser sogar als „Merkmal einer modernen Partei“ (S. 343). Dagegen wird die Marx-Rezeption, die in das Erfurter Programm 1891 Eingang fand, mit Dogmatismus und „ideologischer Verbohrtheit“ gleichgesetzt. Kontrafaktisch denkend, sieht Schneider-Bertenburg in den 1870er Jahren „revisionistisches Potenzial“, das erst durch das Sozialistengesetz von 1878 verloren ging. Schneider-Bertenburg hat sich nicht mit denjenigen neuen Arbeiten zum Marxismus der Zeit der Zweiten Internationale auseinandergesetzt, die ältere Lesarten von einem deterministischen und attentistischen „Kautskyanismus“ in Frage gestellt haben und die die mobilisierende Wirkung des marxistischen Erfurter Programms herausstreichen. Diese Literatur führt freilich über den Zeitraum dieser Studie hinaus.

Wer sich für die Geschichte der frühen Sozialdemokratie interessiert, wird dieses Buch mit Gewinn lesen. Manches jedoch hätte gestrafft werden können – eine starke redaktionelle Hand wäre von Vorteil gewesen. Bei einem relativ umfangreichen Buch ist das Fehlen eines Registers auch etwas irritierend, was vielleicht dem Verlag anzulasten ist.

Online erschienen: 2025-12-01

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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