Home History Béatrice Bakhouche / Evelyne Berriot-Salvadore / Daniel Le Blévec (Eds.), Gui de Chauliac et sa Grande Chirurgie. Turnhout, Brepols 2023
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Béatrice Bakhouche / Evelyne Berriot-Salvadore / Daniel Le Blévec (Eds.), Gui de Chauliac et sa Grande Chirurgie. Turnhout, Brepols 2023

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Published/Copyright: December 1, 2025
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Béatrice Bakhouche, Gui de Chauliac et sa Grande Chirurgie. 2023 Brepols Publishers Turnhout, 978-2-503-60286-8, € 70,–


Der 17. August 1220 markierte mit der Anerkennung der Statuten der Gemeinschaft der Mediziner die Geburtsstunde der medizinischen Universität von Montpellier. Die Gemeinschaft war bestimmt durch ein kollektives Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, das sich noch erhielt, als Nikolaus IV. das Studium generale von Montpellier einführte, das für die Mediziner aber nur auf dem Papier bestand. Ihre bewusste Abgrenzung schuf ihr eigenes Selbstverständnis, das auch über die Nähe des Papsthofes in Avignon im 14. Jahrhundert an Prestige gewann, wie Thierry Lavabre-Bertrand betont. Das 800-jährige Jubiläum war somit Anlass, um die lange Tradition dieser Universität, zugleich die erste Universitas medicorum im Westen, in Buchform zu feiern.

Im Zentrum steht der Arzt Gui de Chauliac als identitätsstiftende Persönlichkeit mit seinem Werk, dem „Inventarium“ bzw. der „Chirurgia Magna“, das 1363 fertiggestellt wurde. Der erste Abschnitt des Buchs verortet zunächst Gui de Chauliac in seiner Zeit. Die wenigen Eckpunkte seines Leben ergeben sich vor allem aus seinem Werk. Dabei ist er einer der bekanntesten Ärzte, nicht zuletzt, weil er den Ausbruch der Pest 1348 und der Epidemie von 1361 als Zeitzeuge in Avignon miterlebte. Weitere Berühmtheit erlangte er aufgrund seiner Beziehungen zum Papsthof, zunächst als Arzt des Bruders des Papstes und dann als Teil der ärztlichen Entourage um Clemens VI., Innozenz VI. und Urban V. Als solcher war er wohl auch einer der Adressaten, auf die Petrarcas Kritik an den Ärzten im Umfeld des Papstes als Vertreter der (veralteten) Scholastik zielte. Gui genoss Privilegien und Benefizien, die vor allem seinen Netzwerken und der Bindung an den Papsthof zu verdanken waren, wie Daniel Le Blévec aufzeigt. Jacques Verger zeichnet entlang der Statuten von 1340 das Bild der medizinischen Universität in Montpellier, die an ihrer Autonomie festhielt – nicht zuletzt Zeichen ihrer institutionellen Einzigartigkeit als einzige rein medizinische Universität des Mittelalters. Die Statuten ergeben das Bild einer Elite, wenig zahlreich und kohärent; zugleich zeigen sich aber auch innere Spannungen vor allem gegenüber der Autorität der Magister, deren Nepotismus und häufige Absenzen kritisiert wurden, was aber keineswegs allein typisch für diese Universität war. Michael McVaugh skizziert die Hypothese, dass Aldebaldi und Gui de Chauliac vielleicht sogar gemeinsam in Montpellier studierten und extracurriculare Kurse zur Chirurgie besuchten. Ähnliche Passagen in ihren Werken stützen die These einer frühen chirurgischen Schule dort, deren Einfluss sich auch in der städtischen Chirurgie zeigt (Geneviève Dumas).

Der zweite Abschnitt widmet sich der „Chirurgia Magna“. Gui präsentiert sein Werk als Endpunkt einer langen Tradition mit Galen als Hauptreferenz, eine Mischung aus Buch- und Erfahrungswissen (Caterina Manco). Das Werk weist zudem arabisches Wissen und dessen Transfer auf (Jean-Louis Bosc). Dabei gibt sich die Schrift konservativ und rückwärtsgewandt, gegen die „mecanichi“ und gegen die „Modernen“ ausgerichtet (Béatrice Bakhouche). Nach Fragen der Restaurierung der Handschrift 184 in der Universitätsbibliothek von Montpellier steht die einzigartige farbige Abbildung der Sektion einer Frauenleiche in dieser Schrift im Fokus (Béatrice Beys). Im Abschnitt drei werden die Weitergabe und Nachwirkung des Werks durch das Mittelalter, die Renaissance bis herauf in die Gegenwart beleuchtet. Hervor sticht hier besonders der Beitrag zu den bei Rabelais prominent vertretenen „cagots“, einer Sondergruppe von Leprakranken, deren Ausgrenzung sich in der Verwendung der Bezeichnung als Schimpfwort niederschlägt. Die Krankheit selbst wie ihre negativen Konnotationen des Betrugs lassen sich bereits bei Gui finden (Marie-Luce Demonet).

Insgesamt illustriert das Buch die Bedeutung Montpelliers in langer Sicht, dargelegt an Gui des Chauliac und seinem Werk, mit dem die Chirurgie theorie- und praxisbezogen gleichberechtigt neben die Medizin gestellt wurde. Hier verdichten sich Wissensstränge, deren Echo bis zur Gegenwart und auf benachbarte Felder, etwa die Literatur, ausstrahlt.

Online erschienen: 2025-12-01

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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