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Johannes Luther, Reformer und Vermittler. Bischöfliche Gruppenbildungen und Vernetzungen im burgundischen Raum 1032–1156. Ostfildern, Thorbecke 2023

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Published/Copyright: December 1, 2025
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Rezensierte Publikation:

Johannes Luther, Reformer und Vermittler. Bischöfliche Gruppenbildungen und Vernetzungen im burgundischen Raum 1032–1156. 2023 Jan Thorbecke Verlag Ostfildern, 978-3-7995-6774-9, € 73,–


Das Königreich Burgund, das dem römisch-deutschen Reich unter dem salischen Kaiser Konrad II. im Jahr 1033 eingegliedert worden war, rief innerhalb der Forschung in den vergangenen Jahrzehnten nur ein untergeordnetes Interesse hervor; erst in jüngerer Zeit hat dieser Raum größere Aufmerksamkeit erfahren. In diese gesteigerte Wahrnehmung Burgunds im Hochmittelalter reiht sich auch die vorliegende Züricher Dissertation ein, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die „bischöflichen Gruppenbildungen und Vernetzungen im burgundischen Raum des 11. und 12. Jahrhunderts einer Gesamtbeurteilung zu unterziehen“ (S. 16). Im Mittelpunkt stehen die burgundischen Prälaten der vier Kirchenprovinzen Besançon, Tarentaise, Vienne und Lyon, anhand derer „die verschiedenen regional- und nationalgeschichtlich ausgerichteten Forschungen zur Rolle der Bischöfe im Hochmittelalter am Beispiel eines konkreten Raumes“ (S. 16) überprüft werden sollen. Neben dem bis 1032 und dem Tod Rudolfs III. bestehenden Königreich Burgund tritt über die Suffraganbistümer Lyons auch das gleichnamige französische Herzogtum Burgund in den Fokus der Betrachtung, während die Bistümer der Provence, die zwar nominell dem Königreich Burgund angehörten, sich faktisch aber bereits zum Ende des 10. Jahrhunderts von diesem gelöst hatten, keine Berücksichtigung erfahren.

Methodisch wird der Raum Burgund als sozialer Raum verstanden, „der durch das Handeln von Akteuren konstituiert wurde“ (S. 26). Gebrauch finden dabei die Begriffe „Netz“ und „Gruppe“, während bewusst von der Verwendung des vielfältig definierbaren „Netzwerkes“ abgesehen worden ist; die gegebene Unterscheidung von „Netz“ zu „Netzwerk“ kann jedoch nicht endgültig überzeugen, vor allem wenn den burgundischen Bischöfen sehr überzeugend eine besonders enge Vernetzung untereinander zugeschrieben wird. Die Analysekategorien wiederum werden klar herausgestellt: Ausgehend von der Gruppendefinition Otto Gerhard Oexles wird hinsichtlich der burgundischen Bischöfe nach Attributen wie Herkunft, Verwandtschaft, Ausbildung und Ämtern, nach gemeinsamem Handeln, nach Funktionen in der Gruppe und nach ihrer Wahrnehmung in den Quellen gefragt (S. 31–34).

Nach einem Überblick über die Geschichte Burgunds bis zum 11. Jahrhundert sowie einer Einführung in die Sakraltopographie der zu behandelnden Kirchenprovinzen erfolgt die Analyse der bischöflichen Gruppenbildung anhand von drei Phasen: der frühen Kirchenreform (1032–1073), der Zeit des Investiturstreits (1073–1125) und der Zeit der Mönchsbischöfe (1125–1156). Im Zentrum der einzelnen Phasen stehen Fallstudien zu ausgewählten Bischöfen Burgunds, aus denen dann übergreifende Erkenntnisse zu den bischöflichen Beziehungen gewonnen werden. Ein besonderer Fokus liegt neben den Beziehungen der Bischöfe untereinander, ihrer Anbindung an das (oder ihrer Distanzierung vom) deutschen und französischen Königtum sowie ihrer Interaktionen mit dem Papsttum auf den Auswirkungen der in ganz unterschiedlichen Ausprägungen nachweisbaren Formen der Kirchenreform, die sich gerade in Burgund frühzeitig zu manifestieren begann.

In der ersten Phase bilden die drei der Kirchenreform zugeneigten und diese aktiv verbreitenden Metropoliten Hugo I. von Besançon, Halinard von Lyon und Leodegar von Vienne die Zentren einer engen Vernetzung im burgundischen Episkopat. Geprägt von einer danach nicht mehr zu beobachtenden burgundischen Einigkeit hätten die Bischöfe, begünstigt durch enge Verbindungen sowohl zum Reformpapsttum als auch zu den salischen Kaisern Konrad II. und insbesondere Heinrich III. vielfach als Vermittler, auch über die Grenzen Burgunds hinaus, gewirkt. Diese Einigkeit kann in der zweiten Phase während des Investiturstreits nicht mehr beobachtet werden, vielmehr ist der burgundische Episkopat geteilt in die vornehmlich im Alpenraum beheimateten königstreuen, dennoch auch der Kirchenreform zugeneigten Bischöfe wie etwa Burchard von Lausanne oder Ermenfried von Sitten und denjenigen, die als „gregorianisch“ bezeichnet werden können, repräsentiert besonders durch die auch als päpstliche Legaten tätigen Hugo von Die oder Guido von Vienne. Die dritte Phase schließlich ist geprägt durch das Aufkommen neuer Orden (Zisterzienser, Kartäuser, Prämonstratenser), die bald auch eigene Bischöfe in Burgund stellten. Ab dieser Phase könne von einem burgundischen Episkopat in seiner Gesamtheit nicht mehr gesprochen werden. Ein besonderer Blick gilt hier der Einflussnahme Bernhards von Clairvaux und dessen Bindungen zum burgundischen Episkopat.

Neben den notwendigen Verzeichnissen verfügt die Arbeit über einen reichen Anhang ganz unterschiedlichen Materials, darunter ausgewählte Quellen in Übersetzung, Stammbäume und, dies ist besonders hervorzuheben, prosopografische Listen der Bischöfe von Burgund zwischen 1000 und 1156, die erstmalig einen aktuellen und vollständigen Überblick über die untersuchten Kirchenprovinzen und ihre Vorsteher geben – wenngleich die Listen vergleichsweise klein abgebildet sind und nur eine Auswahl der relevanten Quellen und Literatur zu den einzelnen Bischöfen beinhalten. Ungeachtet dessen hat der Verfasser ein gerade in seinen Fallstudien sehr überzeugendes Werk zum burgundischen Episkopat vorgelegt, dass die weitere Beschäftigung mit diesem so lange vernachlässigten Raum zusätzlich voranzubringen verspricht.

Online erschienen: 2025-12-01

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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