Julian Degen / Hilmar Klinkott / Robert Rollinger et al. (Eds.), Ancient Worlds in Perspective. Contextualizing Herodotus. (Philippika – Altertumswissenschaftliche Abhandlungen / Contributions to the Study of Ancient World Cultures, Vol. 150.) Wiesbaden, Harrassowitz 2024
Rezensierte Publikation:
Julian Degen, Ancient Worlds in Perspective. Contextualizing Herodotus. Philippika – Altertumswissenschaftliche Abhandlungen / Contributions to the Study of Ancient World Cultures, Vol. 150. 2024 Harrassowitz Verlag Wiesbaden, 978-3-447-12133-0, € 68,–
Die Herodotforschung hat die Debatte zwischen der sogenannten „Liar School“ und ihren Gegnern inzwischen hinter sich gelassen und bietet nuancierte Interpretationen der „Historien“ an, so dass der Leser Herodot nicht mehr strikt entweder als „researcher and historian or […] a man of letters“ (S. 8) einordnen muss. In die einstige Blütezeit solcher Debatten fiel freilich die Veröffentlichung von Reinhold Bichlers „Herodots Welt“ (Berlin, 2000), zu dessen zwanzigstem Jahrestag eine Tagung stattfand, deren Publikation hier besprochen wird. Während ein Rezensent der damaligen Monographie zu bemängeln schien, dass Bichler kein ausdrückliches Glaubensbekenntnis zu diesem Thema abgab (H.-G. Nesselrath, Bryn Mawr Classical Review, 2001.10.23), beweist dessen Arbeit dennoch Sensibilität sowohl für die wissenschaftlichen als auch für die künstlerischen Qualitäten des historiographischen Projekts des antiken Autors. In einer angemessenen Würdigung Bichlers wenden zehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Art von „kritischer Geschichtswissenschaft“ an, die Kai Ruffing als charakteristisch für den Ehrengast der Konferenz ansieht. Dabei setzen sich die Beiträge mit den relativen Graden historisch-wissenschaftlicher vs. rhetorischer oder literarischer Prägung der „Historien“ und verwandter Texte auseinander.
Die erste Gruppe von fünf Aufsätzen, die im Abschnitt „Herodotus’ World“ zusammengefasst sind, befasst sich hauptsächlich mit mehr oder weniger zeitgenössischen intellektuellen Strömungen, die Herodots Auseinandersetzung mit seinem Thema geprägt haben könnten. Insbesondere berühren viele dieser fünf Aufsätze direkt oder indirekt die Frage eines herodoteïschen Präsentismus, vor allem den impliziten Kommentar zum zeitgenössischen athenischen Imperium. Elizabeth Irwin rekonstruiert einen plausiblen Prozess leichter Überarbeitungen der „Historien“ durch Herodot selbst im Lichte der jeweils jüngsten Ereignisse. Die Leser, so zeigt sie, wurden durch paradigmatische Beispiele orakelhafter Interpretationen innerhalb des Textes darauf vorbereitet, sich durch eine präsentistische Linse mit der historischen Wahrheit auseinanderzusetzen. Für Herodot sei diese auf eine moralische Wahrheit hinausgelaufen, die durch keinen buchstäblich faktentreuen Bericht (S. 42) untermauert, sondern so überarbeitet worden sei, dass sie der sprachlich geformten Sicht des Autors entsprochen habe. Daniel Kiechl vergleicht die Geschichte von Atys und Adrastos mit der zweiten Tetralogie des Antiphon und stellt fest, dass Herodot eher von griechischen tragisch-juristischen Überlegungen zur Schuld in Fällen unbeabsichtigter Tötung als von traditionellen Geschichten des Nahen Ostens beeinflusst wurde. Thomas Harrison zeichnet in nützlicher Weise Herodots Denksystem über die Entwicklung menschlicher Gesellschaften nach, und zwar sowohl im Vergleich mit der zeitgenössischen griechischen Geisteskultur als auch in Bezug auf sein Konzept des Kulturkontakts und des historischen Wandels. Ruffing zeigt, dass Herodot die Seemacht durchweg negativ behandelt, im Gegensatz zu den positiven Erinnerungen an Salamis. Diese Haltung deute auf Herodots präsentistische Sichtweise der Entwicklung der Thalassokratie in Athen hin. Sabine Müller schließlich argumentiert, dass das Stereotyp tyrannischer ausländischer Herrscher, die sich wie ungeschickte Diplomaten verhalten, aus einer Simplifizierung der Rezeption von Herodots komplexer Darstellung ambivalenter Kommunikation in diplomatischen Kontexten in der späteren griechisch-römischen Literatur resultiert.
Die zweite Gruppe von Aufsätzen („Herodotus and the Others“) erweitert den Horizont der Beiträge sowohl räumlich als auch zeitlich, indem zum einen nichtgriechische Zeugnisse, zum anderen deutlich spätere griechische Literatur einbezogen werden. Sabine Kubisch und Hilmar Klinkott geben einen meisterhaften Überblick über ägyptische, griechische und sogar persische und jehuditische Zeugnisse, um zu zeigen, dass die herodoteïsche Darstellung von Kambyses’ Königtum in Ägypten eine nachweisbare literarische und thematische Funktion in den „Historien“ hat und dass alle anderen Hinweise neben dem berühmten Bericht bestätigen, dass Kambyses nach seiner Eroberung Ägyptens wahrscheinlich den Erwartungen eines einheimischen pharaonischen Königtums entsprach. Andreas Schwab greift auf seine Monographie „Fremde Religion in Herodots ‚Historien‘. Religiöse Mehrdimensionalität bei Persern und Ägyptern“ (2020) zurück, um zu verdeutlichen, wie Herodot religiöse Themen und Materialien sowohl in den ethnographischen als auch in den historischen Abschnitten seines Werks aufgreift und wie vielfältig die darin angesprochenen Erfahrungsaspekte der Religion sind. Julian Degen vertritt die interessante These, dass Herodots Beschreibungen von Ekbatana und Babylon Konstruktionen der Gegenwart sind, die an die langen Mauern von Athen mit all ihren imperialistischen Assoziationen erinnern sollen. Alexander Free untersucht die Verwendung von Herodot als halbironisches, zum Nachdenken anregendes Modell durch Lukian von Samosata, was durch Verweise auf den Geschichtsschreiber und seine Methodik in mehreren Werken des Satirikers belegt wird. Die Analyse zeigt, dass Herodots zweideutiger Status zwischen Berichterstatter und literarischem Gestalter bereits in der Antike erkannt und problematisiert wurde. Jakub Kuciak aktualisiert seinen polnischsprachigen Artikel aus dem Jahr 2017, um zu zeigen, dass Maximos von Tyros in seinen philosophischen Vorträgen („Dialéxeis“) Herodots Bericht sowie auch anderes Material kenntnisreich in sein eigenes Porträt des Tyrannen Polykrates integriert hat.
Insgesamt bietet der Band eine angemessene Würdigung von Bichlers bedeutender Studie.
(Aus dem Englischen übersetzt von Uwe Walter)
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License.
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- William V. Harris, Dire Remedies. A Social History of Healthcare in Classical Antiquity. Berlin/Boston, De Gruyter 2024
- Hans-Joachim Gehrke, Historische Landeskunde und Geographie. Hrsg. von Christian Mann und Kai Trampedach. (Ausgewählte Schriften, Bd. 4.) Stuttgart, Steiner 2024
- Peter Franz Mittag, Geschichte des Hellenismus. (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 51.) Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Johannes C. Bernhardt / Mirko Canevaro (Eds.), From Homer to Solon. Continuity and Change in Archaic Greece. (Mnemosyne Supplements. History and Archaeology of Classical Antiquity, Vol. 454.) Leiden, Brill 2022
- Jaime Curbera (Ed.), Inscriptiones Atticae Euclidis Anno Posteriores consilio et auctoritate academiae scientiarum Berolinensis et Bandenburgensis editae. Editio tertia. Pars VIII: Miscellanea. Fasciculus I: Defixiones Atticae. Berlin/Boston, De Gruyter 2024
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- Theresia Schusser, Christliche religiöse Gewalt im spätantiken Ägypten. Hagiographische Schriften im Fokus kultur- und mentalitätsgeschichtlicher Fragestellungen. Münster, Zaphon 2023
- Michael Hahn, Laici religiosi. Überwachung, soziale Kontrolle und christliche Identität in der Spätantike. München, C. H. Beck 2024
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- Elizabeth Harding / Joëlle Weis (Hrsg.), Gelistete Dinge. Objekte und Listen in der Frühen Neuzeit. (Ding, Materialität, Geschichte, Bd. 6.) Köln, Böhlau 2024
- Ute Frietsch, Epistemischer Wandel. Eine Geschichte der Alchemie in der Frühen Neuzeit. Paderborn, Fink 2023
- Susangeline Yalili Patrick, Art as a Pathway to God. A Historical-Theological Study of the Jesuit Mission to China, 1552–1773. Leiden, Brill 2024
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- Arunima Datta, Waiting on Empire. A History of Indian Travelling Ayahs in Britain. Oxford, Oxford University Press 2023
- Edward J. Gillin, An Empire of Magnetism. Global Science and the British Magnetic Enterprise in the Age of Imperialism. Oxford, Oxford University Press 2023
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- Carsten Stahn, Confronting Colonial Objects. Histories, Legalities, and Access to Culture. (Cultural Heritage Law and Policy.) Oxford, Oxford University Press 2023
- Arvid Schors / Fabian Klose (Hrsg.), Wie schreibt man Internationale Geschichte? Empirische Vermessungen zum 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main, Campus 2023
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- Michael Buddrus / Angrit Lorenzen-Schmidt, Ärzte in Mecklenburg im Dritten Reich. Biographisches Lexikon sowie Studien zu Gesundheitsverhältnissen und Medizinalpolitik 1929 bis 1945. 2 Bde. Bremen, Edition Temmen 2023
- Pierre Pfütsch (Hrsg.), Die Rolle der Pflege in der NS-Zeit. Neue Perspektiven, Forschungen und Quellen. (Medizin, Gesellschaft und Geschichte, Bd. 83.) Stuttgart, Steiner 2023
- Michael Grüttner, Talar und Hakenkreuz. Die Universitäten im Dritten Reich. München, C. H. Beck 2024; Michael Grüttner, Ausgegrenzt. Entlassungen an den deutschen Universitäten im Nationalsozialismus. Biogramme und kollektivbiografische Analyse. Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Peter Henning, Zwischen Opportunismus und Opposition. Kulturschaffende im Nationalsozialismus am Beispiel Erich Ebermayers. Stuttgart, Kohlhammer 2024
- Frédéric Bonnesoeur / Hannah Wilson / Christin Zühlke (Eds.), New Microhistorical Approaches to an Integrated History of the Holocaust. Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Felix Bellaire, Augsburg 1939–1945. Eine Stadt im Kriegszustand. (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft, Reihe 1: Studien zur Geschichte des bayerischen Schwaben, Bd. 46.) Friedberg, Likias 2020
- Christoph Schneider, Der Kalmenhof in Idstein. NS-„Euthanasie“ und ihre Nachgeschichte. (Schriftenreihe der Gedenkstätte Hadamar, Bd. 2.) Leiden, Brill 2024
- Klaus H. Schmider, Hitler’s Fatal Miscalculation. Why Germany Declared War on the United States. (Cambridge Military Histories.) Cambridge, Cambridge University Press 2021
- Dan Stone, The Liberation of the Camps. The End of the Holocaust and Its Aftermath. London, Yale University Press 2023
- Paolo Heywood, Burying Mussolini. Ordinary Life in the Shadows of Fascism. Ithaca, NY, Cornell University Press 2024
- Hans-Walter Schmuhl, Kur oder Verschickung? Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Hamburg, Dölling und Galitz 2023
- Norbert Frei, Im Namen der Deutschen. Die Bundespräsidenten und die NS-Vergangenheit. München, C. H. Beck 2023
- Reginald Elias Kiray, Memories of German Colonialism in Tanzania. (European Colonialism in Global Perspective, Vol. 2.) Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Klaus Neumann, Blumen und Brandsätze. Eine deutsche Geschichte 1989–2023. Hamburg, Hamburger Edition 2024
- Omer Bartov, Genocide, the Holocaust and Israel-Palestine. First-Person History in Times of Crisis. New York, Bloomsbury Academic 2023
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