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Johannes C. Bernhardt / Mirko Canevaro (Eds.), From Homer to Solon. Continuity and Change in Archaic Greece. (Mnemosyne Supplements. History and Archaeology of Classical Antiquity, Vol. 454.) Leiden, Brill 2022

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Published/Copyright: December 1, 2025
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Rezensierte Publikation:

Johannes C. Bernhardt, From Homer to Solon. Continuity and Change in Archaic Greece. Mnemosyne Supplements. History and Archaeology of Classical Antiquity, Vol. 454. 2022 Brill Leiden, 978-90-04-51362-4, $ 175,–


Der vorliegende Sammelband zur griechischen Archaik ist das Resultat einer Konferenz aus dem Jahr 2014; Literatur ist bis 2022 berücksichtigt. Inhaltlich spüren die Beiträge Kontinuitäten und Veränderungen innerhalb der griechischen Archaik nach (eben „From Homer to Solon“). Die Herausgeber legen in ihrem Vorwort dar, dass keine neue Meistererzählung der Archaik beabsichtigt ist. Stattdessen sollen anhand von Fallstudien gängige Narrative hinterfragt und eine teleologische Herangehensweise vermieden werden. Die Entwicklungen in der Archaik sollten daher als ergebnisoffen betrachtet werden und nicht vor dem vermeintlichen Ergebnis der sogenannten „klassischen Epoche“, was freilich schon aufgrund der besser belegten Strukturen des 5. und 4. Jahrhunderts sicherlich eine Herausforderung darstellt.

Im ersten Teil („Approaching Early Archaic Greece“) mit fünf Einzelbeiträgen wird sich der früharchaischen Epoche durch archäologische und komparative Zeugnisse und im Besonderen durch die Homerischen und Hesiodischen Texte zugewandt. Im zweiten Teil („Citizens and City-States“) mit vier Einzelbeiträgen soll die Entstehung der Poleis als genuine politische Einheiten mit genuinen Bürgern erörtert werden. Im dritten Teil („Leaders and Reformers“) widmen sich fünf Beiträge schließlich der Stellung von Oikisten und Tyrannen sowie dem Reformer Solon. Den Abschluss bilden zusammenfassende Bemerkungen von Johannes Bernhardt. Darüber hinaus verfügt der Band über ein hilfreiches Quellenregister sowie ein Verzeichnis von Personen- und Ortsnamen. Im Folgenden soll aus jedem Teil des Bandes jeweils ein Beitrag exemplarisch genauer betrachtet werden. Die Auswahl folgt dabei individuellen Interessen des Rezensenten.

Sara Zanovellos („Homer and the Vocabulary of Manumission“) will durch eine präzise begriffsgeschichtliche Untersuchung herausfinden, ob und gegebenenfalls welche Formen von Sklavenfreilassungen in den Homerischen Texten geschildert werden. Für die „Ilias“ kommt Sie dabei zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass Männer wie Frauen als Beute in die Unfreiheit gelangten und durch Lösegeld ihre Freiheit zurückbekommen konnten. Spannender sind dann die Überlegungen zur Odyssee, da in diesem Text bekanntlich Gemeinwesen im Frieden beschrieben werden. Die Verfasserin führt überzeugend aus, dass Eumaiosʼ Erwartung, bei der Rückkehr des Odysseus für seine Treue mit einem Oikos, mit Land und einer Ehefrau belohnt zu werden (vgl. Hom. Il. 14,61–66), keine formale Freilassung konstituiere. Diese erfolge erst mit seiner Anerkennung als einer seiner ἑταῖροι durch Odysseus selbst. Verstärkt wird dies durch Odysseusʼ Benennung von ihm als κασίγνητος, als Bruder des Telemachos. Dieser Akt sollte laut Verfasserin nicht als Adoption missverstanden werden, sondern als eine Form der rechtlichen Gleichstellung.

Im zweiten Teil geben Edward M. Harris und David M. Lewis („What Are Early Greek Laws About? Substance and Procedure in Archaic Statutes, c. 650–450 BC“) einen groben, geographisch gegliederten Überblick über die inschriftlich überlieferten Gesetze zur inneren Verfasstheit der griechischen Gemeinwesen. Dabei stammen die kurz besprochenen Gesetze vornehmlich aus der spätarchaischen Zeit. Aus diesem Überblick leiten die Verfasser die Warnung davor ab, die archaische Gesetzgebung primär als einen elitären Regelungsversuch innerelitärer Konkurrenzkämpfe zu betrachten. Vielmehr sei, würde man von den bekannten Gesetzen aus Dreros und Gortyn einmal absehen, bereits in der archaischen Gesetzgebung die fundamentale Bedeutung des Demos klar erkennbar. Dieser Befund reihe sich in den Befund für die literarischen Quellen sowohl aus der früharchaischen Zeit wie vom Ende der archaischen Epoche ein, in welchen ebenfalls für den Demos ein entscheidendes politisches Gewicht vorausgesetzt werde.

Aus dem dritten Teil des Bandes soll der Beitrag des Mitherausgebers Bernhardt („A Failed Tyrant? Solon’s Place in Athenian History“) diskutiert werden. Dem Verfasser ist zuzustimmen, dass Solon kein protodemokratischer Reformer gewesen sei. Auch hat er öffentlich mit dem Gedanken gespielt, dass er selbst hätte Tyrann werden können, wenn er es denn nur gewollt hätte (vgl. Fr. 23 Diehl). Des Weiteren ist sicherlich denkbar, dass Solon sich mittels seiner sozialen Reformen eine Anhängerschaft unter den sozial benachteiligten athenischen Bürger verschaffen konnte. Dass er sich eine solche Anhängerschaft aber primär für seine eigenen Tyrannisaspirationen geschaffen haben sollte und dass seine anderen Gesetze primär der Legitimierung seiner persönlichen Alleinherrschaft dienen sollten, ist eine spannende Idee, geht vielleicht aber doch einen Schritt zu weit. Letztendlich scheint es am plausibelsten zu sein, dass Solon mittels seiner Reformen eine oligarchische Ordnung rechtlich institutionalisierte und dies mit gewissen ökonomischen und politischen Zugeständnissen an den Demos erkaufte.

Online erschienen: 2025-12-01

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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