Rezensierte Publikation:
Peter Franz Mittag, Geschichte des Hellenismus. Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 51. 2023 Walter de Gruyter GmbH Berlin/Boston, 978-3-11-064859-1, € 24,95
1990 veröffentlichte Hans-Joachim Gehrke im Oldenbourg Grundriss der Geschichte eine „Geschichte des Hellenismus“. Der Band wurde viel gelobt und erlangte im deutschsprachigen Raum große Verbreitung; er erschien 2003 in dritter, überarbeiteter Auflage und wurde 2008 ein viertes Mal aufgelegt. Der hier zu besprechende Band soll an seine Stelle treten. Wie sein Vorgänger soll er ein Mittel der Orientierung für Studierende und Lehrende sein. Der Aufbau ist durch die Reihe vorgegeben – auf eine knappe Darstellung (S. 3‒126) folgt ein Bericht über Grundprobleme und Tendenzen der Forschung (S. 127‒208); am Ende steht eine ausführliche, nicht ganz 90 Seiten umfassende Bibliographie (S. 215‒304), die „vor allem Beiträge des 21. Jahrhunderts berücksichtigt“; für die ältere Forschung wird auf die „unübertreffliche Darstellung“ Gehrkes verwiesen. Man wird also allenfalls moderate Innovationen erwarten.
Wie im alten Grundriss beginnt der Hellenismus auch im neuen mit Alexander und endet mit dem Untergang des Ptolemäerreichs. Das Problem, dass der Anfang der Epoche nach dieser Definition kulturell, das Ende hingegen politisch bestimmt ist, wird nicht verschwiegen, aber auch nicht diskutiert. Natürlich wird in diesem Kontext Johann Gustav Droysen genannt (für den der Hellenismus aber bekanntlich bis zum Aufstieg des Islam andauerte), nicht aber Angelos Chaniotis, der das „lange Zeitalter des Hellenismus“ in seiner brillanten Synthese „Age of Conquests“ (dt.: Die Öffnung der Welt. Eine Globalgeschichte des Hellenismus. Darmstadt 2019) bis zum Tod Hadrians reichen lässt. Gegenüber dem Vorgänger erweitert ist dagegen der räumliche Horizont, denn der neue Grundriss enthält einen Abschnitt über Könige und Reiche „an den Rändern der hellenistischen Welt“, der im Osten bis nach Baktrien und „Indien“ reicht.
Der erste, darstellende Teil beginnt mit einer flüssigen, knappen und klaren Erzählung des Alexanderzugs. Misslungen ist dagegen der Versuch, die verwickelte Ereignisgeschichte der folgenden, fast 300 Jahre auf 30 Seiten darzustellen. Die übermäßige Komprimierung bewirkt nicht nur Monotonie, sondern führt auch zu einer extremen Personalisierung und Banalisierung der politischen Geschichte; die Rhetorik der Darstellung erzeugt den Eindruck der Unvermeidlichkeit („Diese Politik führte unweigerlich dazu …“) und läuft nicht selten auf eine Apologie des Faktischen hinaus. Für Lehrende dürfte diese Tour de force ungenießbar, für Studierende unverständlich sein. Man mag es grundsätzlich begrüßen, dass im neuen Grundriss auch die Königreiche an den Rändern der hellenistischen Welt berücksichtigt werden; da ihnen freilich im Schnitt selten mehr als eine Seite gewidmet wird, bleiben die Ausführungen im Informationsgehalt hinter dem „Lexikon des Hellenismus“ (oder Wikipedia) weit zurück.
Die zweite Hälfte des ersten Teils ist systematisch aufgebaut. Wie im darstellenden Teil stehen die Monarchien im Fokus der Betrachtung. Es geht um den Charakter der hellenistischen Monarchie, den Hof, die „zivile“ Administration, das Militär. Es gehört zu den nicht wenigen Inkonsistenzen des Bandes, dass zwar wiederholt von einer „typisch hellenistischen Monarchie“ die Rede ist, andererseits aber gerade die Unterschiede zwischen den Königreichen betont werden. Die gewählte Perspektive ist die der Imperien; „indigene Bevölkerungen“ werden nicht als soziale und kulturelle Gebilde um ihrer selbst willen, sondern im Verhältnis zu den Imperien betrachtet. Die Juden etwa finden Aufmerksamkeit, weil sie die seleukidische Herrschaft sukzessive abschütteln konnten. Kelten, Armenier, Parther, Baktrer usw. sind Eponyme für Königreiche. Der Autor zeigt sich als Kenner hellenistischer Armeen, aber der Krieg als soziales und kulturelles Phänomen ist für ihn kein Thema. Das muss und sollte heute nicht mehr so sein. Das transkontinentale Netzwerk griechischer Bürgerstaaten, die Polis als Lebensraum, das Koinon als Form föderaler Integration bleiben im neuen Grundriss unterbelichtet; Gymnasium und Ephebie fehlen im Register ebenso wie Stasis oder Sympoliteia. Natürlich lässt sich die Dimension des Lokalen immer nur exemplarisch darstellen, aber sie darf in einer Darstellung der griechischen Welt nicht fehlen. Auch für Siedlungsformen, Familienstrukturen, Lebenszyklen, Geschlechterrollen und Körperbilder ist in diesem Grundriss kein Platz. Subalterne und marginalisierte Gruppen, Unfreie, Fremde, Junge und Alte, Menschen mit Behinderung bleiben außen vor; Frauen interessieren nur, wenn sie königliche Rollen übernehmen. Es gibt zwar einen Abschnitt über Finanzen und Wirtschaft, aber auch hier dominiert wieder die imperiale Perspektive. Es findet sich ein Seitenhieb auf die Bücher-Meyer-Kontroverse (zu Beginn des 20. Jahrhunderts), der wohl Moses Finley und seine Schule treffen soll, aber kein Hinweis auf das fundamentale Werk von Alain Bresson (L’économie de la Grèce des cités [fin VIe–Ier siècle a. C.], 2 vols. Paris 2007/2008). Unbefriedigend sind auch die Abschnitte über Kunst und Wissenschaft sowie Religion. Überregionale Heiligtümer und Feste, das weite Feld der Polis-Religion werden nur nebenbei erwähnt. Der Abschnitt Philosophie ist überwiegend doxographisch angelegt. Wie man es anders (und besser) machen kann, haben etwa Benjamin Gray und Matthias Haake gezeigt. Der Autor betont einerseits das Bestreben nach lokaler Bedarfsdeckung und hebt andererseits hervor, dass Könige versuchten, den Fernhandel zu kontrollieren. Die naheliegende Frage, was die „hellenistische Welt“ zusammenhielt, ob man für sie von einer Art Globalisierung sprechen könne, wird in diesem Grundriss nicht aufgeworfen. Über die Vernetzung der Polis-Welt durch Krieg und Diplomatie, Kulte und Feste, durch mobile Gruppen wie Athleten und Bühnenkünstler, Philosophen oder Söldner erfährt man so gut wie nichts. Am Ende des darstellenden Teils steht ein Abschnitt „Nachwirken“, in welchem zwei sehr verschiedene Themen behandelt werden: Einerseits geht es um das, was der Autor „Hellenisierung“ Roms nennt, andererseits um die antike und moderne Rezeption ausgewählter Herrschergestalten (Alexander, Mithridates VI. und Kleopatra VII.).
Der zweite Teil des Grundrisses folgt in seiner Gliederung dem ersten, darstellenden Teil. Hier werden zahlreiche Forschungsbeiträge kurz referiert, auch solche, die eher nebensächlichen Detailproblemen (die Todesart der Kleopatra!) oder Datierungsfragen gewidmet sind. Der Informationswert dieses Forschungsüberblicks wird durch zwei Vorentscheidungen erheblich beeinträchtigt: zum einen dadurch, dass die vor der Jahrtausendwende erschienene Literatur mit wenigen, eher willkürlichen Ausnahmen nicht berücksichtigt wird. Daher fehlen nach wie vor grundlegende Werke wie etwa die „Histoire politique du monde hellénistique“ von Édouard Will oder Philippe Gauthiers „Les cités grecques et leurs bienfaiteurs“. Natürlich kann man diese im Vorgängerband finden, aber sollen Studierende in Zukunft etwa beide Grundrisse zusammen benutzen? Zum anderen hält sich der Autor mit seinem Urteil über die referierte Literatur bewusst zurück. Wer nach Orientierung sucht, erfährt hier eben gerade nicht, welches Werk für ein bestimmtes Thema grundlegend ist, welche Autoren und Autorinnen neue Konzepte und Themen formuliert und die Diskussion bestimmt haben. Bezeichnenderweise werden nicht nur die Arbeiten von Angelos Chaniotis, sondern auch die von John Ma nur beiläufig erwähnt. Dessen große Synthese (Polis. A New History of the Ancient Greek City-State from the Early Iron Age to the End of Antiquity. Princeton, NJ u. a. 2024) erschien zwar erst nach dem Grundriss; sie fußt aber auf Forschungen, deren Ergebnisse seit mehr als zwanzig Jahren in Monographien und Aufsätzen vorgelegt wurden. Nicht besser ergeht es vielen frankophonen Kolleginnen und Kollegen aus der Schule von Philippe Gauthier – ich nenne nur Pierre Fröhlich, Anna Heller, Ivana Savalli-Lestrade und Denis Rousset – oder der vor allem in den Vereinigten Staaten, seit einiger Zeit aber auch hierzulande betriebenen Forschung über Ancient Empires. Der neue Grundriss verweigert die Diskussion mit den herausragenden Arbeiten der internationalen Forschung. Dementsprechend enthält auch die Bibliographie von Quellen und Literatur trotz ihres Umfangs empfindliche Lücken. Was soll man dazu sagen, dass unter der Rubrik Inschriften und Papyri die heutzutage für Forschung und Lehre unverzichtbaren Datenbanken nicht vorkommen?
Das Fazit kann nach alldem kein positives sein. Die Neubearbeitung verfehlt die selbstgesetzten Ziele; an gedanklicher Durchdringung und sprachlicher Genauigkeit bleibt sie hinter dem Vorgänger weit zurück, gemessen am internationalen Forschungsstand wirkt sie antiquiert und provinziell. Der darstellende Teil vermittelt ein einseitiges und verkürztes Bild des Hellenismus, das dem internationalen Forschungsstand in keiner Weise gerecht wird. Wesentliche Aspekte werden marginalisiert oder ausgeblendet, neuere Ansätze der Sozial- und Kulturgeschichte nicht aufgegriffen, theoretische Probleme übergangen oder überspielt. Stichwörter wie Gender, Identität und Ethnizität, Konnektivität und Globalisierung, Autokratie, Imperium und Kolonialismus kommen im Register nicht vor. Der Forschungsbericht folgt in seiner Anlage dem darstellenden Teil und beschränkt sich häufig auf extrem verkürzte Inhaltsangaben. Studierende werden die versprochene Orientierung hier nicht finden. Ob Mitforschende, zumal jüngere, im Zeitalter digitaler Auskunftsmittel gerne und häufig auf selektive und nicht aktualisierbare Bibliographien zurückgreifen werden, darf zumindest bezweifelt werden.
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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- Felix Bellaire, Augsburg 1939–1945. Eine Stadt im Kriegszustand. (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft, Reihe 1: Studien zur Geschichte des bayerischen Schwaben, Bd. 46.) Friedberg, Likias 2020
- Christoph Schneider, Der Kalmenhof in Idstein. NS-„Euthanasie“ und ihre Nachgeschichte. (Schriftenreihe der Gedenkstätte Hadamar, Bd. 2.) Leiden, Brill 2024
- Klaus H. Schmider, Hitler’s Fatal Miscalculation. Why Germany Declared War on the United States. (Cambridge Military Histories.) Cambridge, Cambridge University Press 2021
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- Paolo Heywood, Burying Mussolini. Ordinary Life in the Shadows of Fascism. Ithaca, NY, Cornell University Press 2024
- Hans-Walter Schmuhl, Kur oder Verschickung? Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Hamburg, Dölling und Galitz 2023
- Norbert Frei, Im Namen der Deutschen. Die Bundespräsidenten und die NS-Vergangenheit. München, C. H. Beck 2023
- Reginald Elias Kiray, Memories of German Colonialism in Tanzania. (European Colonialism in Global Perspective, Vol. 2.) Berlin/Boston, De Gruyter 2023
- Klaus Neumann, Blumen und Brandsätze. Eine deutsche Geschichte 1989–2023. Hamburg, Hamburger Edition 2024
- Omer Bartov, Genocide, the Holocaust and Israel-Palestine. First-Person History in Times of Crisis. New York, Bloomsbury Academic 2023
- Eingegangene Bücher
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