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Jesse Millek, Destruction and Its Impact on Ancient Societies at the End of the Bronze Age. Atlanta, Lockwood Press 2023

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Published/Copyright: December 1, 2025
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Jesse Millek, Destruction and Its Impact on Ancient Societies at the End of the Bronze Age. 2023 Lockwood Press Atlanta, 9781948488839, € 89,95


Um 1200 v. Chr. kam es im östlichen Mittelmeerraum zu tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die einen markanten Einschnitt der Weltgeschichte darstellen. Einige Hochkulturen der Späten Bronzezeit gingen unter – etwa die Mykener und die Hethiter –, andere – wie Ägypten – überstanden die Krise nur mit Mühe. In fast allen Regionen setzte anschließend ein kultureller Niedergang ein. Als sichtbares Kennzeichen dieser Transformation galten lange Zeit großflächige Zerstörungen zahlreicher Siedlungen, die in der wissenschaftlichen Literatur mit Naturkatastrophen oder militärischen Angriffen erklärt wurden. Jesse Millek unterzieht diese Annahmen in seinem Buch einer kritischen Prüfung.

Nach einer einleitenden Übersicht über Forschungsstand und Problemstellung (Kap. 1, S. 1–21) widmet sich Millek im methodischen Grundkapitel (Kap. 2, S. 23–51) der Frage, wie sich „Zerstörung“ archäologisch überhaupt fassen lässt, welche Indikatoren verlässlich sind und welche Arten von Zerstörungen voneinander zu unterscheiden sind. Das umfangreiche dritte Kapitel (S. 53–129) liefert die eigentliche Revision, die zu einem frappierenden Ergebnis führt: Weit weniger Orte wurden tatsächlich zerstört als bislang angenommen. Von 153 in der Literatur genannten Zerstörungen der Zeit um 1200 v. Chr. scheiden nach Milleks Analyse 94 aus – das sind ganze 61 Prozent! Der Ausschluss beruht auf drei Gründen: fehlerhafte Datierungen (zum Beispiel Lefkandi, Knossos, Koukounaries), unzureichende archäologische Nachweise (etwa Orchomenos, Chania, Alişar Höyük) oder unbelegte Behauptungen, die lediglich durch Wiederholung in der Sekundärliteratur tradiert wurden (so Korakou, Quatna, Aschkelon, Kition). Millek erklärt die Fehleinschätzungen durch mangelnde methodische Reflexion, unpräzise Terminologie, die unkritische Rezeption von Sekundärliteratur, verbunden mit der Vernachlässigung der ursprünglichen Grabungspublikationen, sowie einen zu weit gefassten chronologischen Rahmen, der Ereignisse zusammenführte, die mitunter ein Jahrhundert auseinanderliegen.

In den folgenden Kapiteln untersucht Millek die gesicherten Befunde in Griechenland (Kap. 4, S. 131–170), Anatolien (Kap. 5, S. 171–197), Zypern (Kap. 6, S. 199–218) und der Levante (Kap. 7, S. 219–270). Eine zusammenfassende Gesamtschau und den Versuch einer historischen Auswertung bietet schließlich Kapitel 8 (S. 271–288). Es zeigt sich dabei, dass das Bild deutlich differenzierter ist, als ältere Synthesen nahelegen: Auf den Kykladen sind keinerlei Zerstörungen belegt, auf Kreta nur in Gouves und Kannia, auf Zypern lediglich in Maa Palaiokastro. Der Übergang vom 13. zum 12. Jahrhundert verlief in all diesen Regionen offenbar weitgehend ungestört. Auch in der zentralen Levante fehlen Zerstörungshorizonte völlig, während im Norden (unter anderem Ugarit, Tell Kazel) und Süden einzelne Städte gewaltsam zerstört wurden. Anatolien verzeichnet nur 13 betroffene Fundstätten, fast alle östlich und südlich des Halys; lediglich Troia bildet eine Ausnahme. Deutlich stärker betroffen war Griechenland, wo zahlreiche Paläste und Siedlungen wie Pylos, Tiryns, Midea, Gla oder Dimini durch kriegerische Zerstörungen und/oder Brandstiftung untergingen. Doch auch hier lassen sich externe Invasionen (etwa durch die sogenannten Seevölker) nicht zwingend nachweisen; interne Konflikte und lokale Dynamiken sind ebenso plausibel. Hinweise auf Erdbeben finden sich so gut wie keine. Auffällig ist, dass die Zerstörungen in Abfolge und Datierung stark variieren, sodass eine einheitliche Erklärung kaum möglich ist.

Die zentrale Erkenntnis lautet daher: Um 1200 v. Chr. gab es im östlichen Mittelmeerraum deutlich weniger Zerstörungen als bisher angenommen. Offenbar lag deren Zahl nicht höher als in früheren Jahrhunderten. Wo Zerstörungen archäologisch gesichert sind, waren sie kaum von Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen verursacht, sondern gehen auf kriegerische Auseinandersetzungen zurück. Wer an diesen beteiligt war, muss aber unklar bleiben.

Jesse Millek hat mit diesem Buch einen grundlegenden und wichtigen Beitrag vorgelegt. Die akribische Neubewertung des Materials und die methodisch überzeugende und kritische Vorgehensweise machen die Studie zu einem unverzichtbaren Ausgangspunkt für jede künftige Forschung zum Epochenwandel um 1200 v. Chr. im östlichen Mittelmeerraum.

Online erschienen: 2025-12-01

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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