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Michael Paul: Der Kampf um den Nordpol Die Arktis, der Klimawandel und die Rivalität der Großmächte, Freiburg Herder 2022 286 Seiten

Der hohe Norden hat in den vergangenen Jahren phasenweise immer wieder großes Interesse auf sich gezogen, auch wenn dieses im deutschsprachigen Raum nicht selten auf das Phänomen des beschleunigten Klimawandels reduziert blieb. Gegenwärtig überlagert Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine den Blick auf die Geschehnisse in der Arktis. Allerdings bestätigt er, worauf die jüngere Forschung mehrfach hingewiesen hat: Ein spill out von arktischen Konflikten auf die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen findet nicht statt. Denkbar bleibt aber das Gegenteil, und es ist sicher wahrscheinlicher geworden, dass der erneuerte Konflikt zwischen Moskau und dem Westen auch zu Konfrontationen in der Arktis führen könnte. Vor diesem Hintergrund überrascht der etwas reißerische Titel „Der Kampf um den Nordpol“ von Michael Pauls neuem Buch ein wenig, stellt er sich doch damit (scheinbar) in die Tradition ähnlich zugespitzter Werke, die schon vor vielen Jahren einen „Kampf um die Rohstoffe der Polarregion“ ankündigten, der bislang ausgeblieben ist. Demgegenüber bleibt festzuhalten: Alles ist ruhig im hohen Norden, und es könnte womöglich sogar so bleiben, sofern der Ukrainekrieg nicht erheblich eskalieren sollte.
Aber was ist geopolitisch los in der Arktis, und bedurfte es zu dessen Beschreibung eines neuen Arktis-Buchs? Fest steht: Der hohe Norden steht in keiner Weise für Forschungslücken der internationalen Politikwissenschaft und der ihr verwandten Disziplinen. So gesehen, birgt der Band keine Erkenntnisse, die nicht schon irgendwo in der Fachliteratur zu finden gewesen sind. Wenn das Urteil nun dennoch lautet „uneingeschränkt empfehlenswert“, dann liegt das vornehmlich an zwei Gründen: Nur wenige Menschen dürften die Zeit finden, sich die von Forschenden in aller Welt in den jüngsten eineinhalb Jahrzehnten ausgebreiteten Erkenntnisse zur Geopolitik des hohen Nordens selbstständig anzueignen. Und zweitens, ist es ein großer Schritt, dies alles in einer sehr gut aufbereiteten und ebenso gut erzählten Weise zu präsentieren. Genau dies leistet das Buch von Michael Paul. Damit schließt der Band eine Lücke auf dem Gebiet der deutschsprachigen Veröffentlichungen zur Thematik, die auch durch den ein Jahr früher veröffentlichten, thematisch ähnlichen, aber klar selektiver angelegten Band des Rezensenten nicht geschlossen worden ist. Hier nun ist wirklich alles Relevante zur Arktis in gut lesbarer Form als Monographie, mithin aus einem Guss, zusammengefügt. Und das sichert dem Band seinen Eigenwert.
Der sehr umfassende Aufbau stellt zunächst den Naturraum Arktis und das Phänomen des dort erheblich dynamisierten Klimawandels in den Vordergrund der Betrachtung; dies ist in der Tat der Hauptantrieb des ubiquitären arktischen Ehrgeizes vieler Akteure. Sodann werden die wichtigsten Akteure und die Art und Weise ihres Auftretens einzeln vorgestellt. Der Untertitel des Bandes verweist zu Recht darauf, dass es sich hierbei vor allem um die arktische Nation Russland, die widerwillige Arktismacht USA und das arktisch hochambitionierte China Xi Jinpings handelt, das auch in dieser Region auf mehr Einfluss und Teilhabe pocht. Allerdings China kann nur Ansprüche auf Teilhabe stellen und keine territorialen. Das können nur die Anrainer mit ihren Anträgen zur Erweiterung ihrer Ausschließlichen Wirtschaftszonen, und vielleicht wird die zuständige UN-Kommission in New York, die CLCS (Commission on the Limits of the Continental Shelf), in einigen Jahren darüber entscheiden. Der „Kampf um den Nordpol“ findet nicht statt. Doch ein Streit um Ressourcen und Seewege und vieles mehr wird zwischen den größeren (und kleineren) Mächten der Welt schon jetzt geführt, erkennbar auch im arktischen Ozean. Viele kleinere Akteure werden daher zumindest in knappen Skizzen abgehandelt.
Stärken hat der Band auch dort, wo er weit verstreutes Wissen in Exkursen darbietet. So sind die Seiten zur besonderen Bedeutung Grönlands im arktischen Macht- und Ressourcenpoker das Beste, was der Rezensent dazu bisher gelesen hat. Wo immer man mehr wissen will, helfen die reichlich vorhandenen und gut belegten Endnoten sowie die (begrenzt übersichtliche) Auswahlbibliographie, abgerundet durch das Verzeichnis der Akronyme, was zusammengenommen dieser solide aufgemachten und nahezu fehlerfreien Narration zur Arktis der Gegenwart einen wissenschaftlichen Platz sichert. Karten zur Abrundung wären bei diesem Thema hilfreich gewesen.
Abschließend kehrt der Band zu seinen Anfängen zurück und der Autor versucht die Beschreibung oder Vision einer „neuen Arktis“. Mit Recht stellt Michael Paul dabei auch die sich schon jetzt ankündigenden Folgen eines durchaus dramatischen Klimawandels im hohen Norden in den Mittelpunkt: „Die Arktis war nie ein Raum fernab aller Konflikte, nun wird sie zunehmend zum Raum widerstreitender Interessen; der Kampf um den Nordpol hat viele Facetten.“ Welche das sind, kann man aus diesem gelungenen Buch erfahren.
About the author
Senior Visiting Fellow
© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.
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