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Nutzungsforschung in der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin: Werkstattbericht zur Beteiligung am internationalen Projekt „Cancelling the Big Deal“

  • Franziska Harnisch

    Franziska Harnisch

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    , Mario Kowalak

    Mario Kowalak

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    and Cosima Wagner

    Dr. Cosima Wagner

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Published/Copyright: November 9, 2022
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Zusammenfassung

Wie haben die Veränderungen beim Zugang zu elektronischen Fachzeitschriften die Forschungserfahrung und Wahrnehmung der Forschenden bezüglich ihrer Universitätsbibliothek beeinflusst? Welche Strategien wenden Forschende an, um sich Zugang zu den betreffenden Inhalten zu verschaffen? Wie können Bibliotheken diese Prozesse analysieren und bewerten? Die Beantwortung dieser Fragen ist nicht nur grundlegend für eine fachspezifische bzw. fachübergreifende Ausgestaltung von Serviceangeboten im Bereich Open Access, sondern auch für das Selbstverständnis von Universitätsbibliotheken als Partnerinnen von Forschung und Lehre. Die Autorinnen und Autoren berichten in Form eines Werkstattberichts über die Durchführung einer qualitativen Studie in Kooperation mit Ithaka S+R sowie die Impulse, die sie für ihre bibliothekarische Arbeit daraus mitgenommen haben.

Abstract

How have changes in access to electronic journals affected researchers’ research experiences and perceptions of their university library? What strategies do researchers use to gain access to the content in question? How can libraries analyze and evaluate these processes? Answering these questions is fundamental for a subject-specific and cross-disciplinary design of service offers in the field of Open Access and also for university libraries as partners of research and teaching. The authors discuss the participation in a qualitative interview study in cooperation with Ithaka S+R and the impulses they have taken away from it for their library work.

1 Einleitung

Wie haben die Veränderungen beim Zugang zu elektronischen Fachzeitschriften die Forschungserfahrung und Wahrnehmung der Forschenden bezüglich ihrer Universitätsbibliothek beeinflusst? Welche Strategien wenden Forschende an, um sich Zugang zu den betreffenden Inhalten zu verschaffen? Wie können Bibliotheken diese Prozesse analysieren und bewerten? Die Beantwortung dieser Fragen ist nicht nur grundlegend für eine fachspezifische bzw. fachübergreifende Ausgestaltung von Serviceangeboten im Bereich Open Access, sondern auch für das Selbstverständnis von Universitätsbibliotheken als Partnerinnen von Forschung und Lehre.

Dieser Fragekomplex hat die Universitätsbibliothek (UB) der Freien Universität Berlin (FU) motiviert, sich an einer internationalen Nutzungsforschungsstudie zu „Cancelling the Big Deal“[1] (2020/2021) zu beteiligen.[2] Ausgangspunkt der Studie war die Frage, wie sich Forschende und Lehrende Zugang zu digitalen Informationsangeboten wie E-Books, E-Journals und Datenbanken verschaffen, wenn diese aufgrund steigender Kosten bzw. nicht zeitgemäßer Geschäftsmodelle gekündigt werden müssen, und welche Erfahrungen mit und Sichtweisen auf alternative Publikationsmodelle bestehen. Für die Interviews in Deutschland, die an der FU geführt wurden, stand dabei insbesondere der Wegfall des Zugangs zu E-Journals des Verlags Elsevier seit Anfang des Jahres 2018 im Kontext der bundesweit geführten DEAL-Verhandlungen[3] im Vordergrund.

Der Gesamt-Abschlussbericht zur Studie „What’s the Big Deal? How Researchers Are Navigating Changes to Journal Access“ wurde im Juni 2021 publiziert[4] und in einem Projektbericht vorgestellt.[5] Kurz zusammengefasst ergab die qualitative Befragung von 89 Forschenden in den USA und Deutschland, dass der Wegfall des Zugangs zu bestimmten Fachzeitschriften die Forschung und Lehre der Befragten bislang kaum negativ beeinflusst habe und sie die Strategie der Bibliothek[6] generell positiv bewerteten und unterstützten. Auf Seiten der Forschenden bestanden jedoch Unklarheiten bezüglich des weiteren Vorgehens und Weges für die Entwicklung alternativer Subskriptionsmodelle sowie der Rolle, die Bibliotheken dabei spielen könnten bzw. sollten. Die Autorinnen der Studie empfahlen, dass Bibliotheken neue Mechanismen für die Bewertung der Auswirkungen von wegfallenden Zugängen zu Fachzeitschriften entwickeln und sich ihrer Rolle für die Veränderung des wissenschaftlichen Publikationssystems stärker bewusst sein sollten. Hierzu könne die Zusammenarbeit mit den Forschenden stärker genutzt werden. Ebenso sollten Bibliotheken deutlicher machen, welchen Wert jeder einzelne (Transformations-)Vertrag habe, durch den es Angehörigen einer Institution schließlich ermöglicht werde, in der Regel unbürokratisch und ohne weitere Kosten im Open Access zu publizieren.[7]

In der Zwischenzeit konnten bekanntermaßen erste bundesweite DEAL-Verträge mit Wiley (2019 ff.) und Springer Nature (2020 ff.) abgeschlossen werden. Diese haben national und international Maßstäbe gesetzt für neue transformative Journal-Verträge. Sie setzen „bei den ehemaligen Subskriptionsausgaben an und widmen sie um für die Finanzierung von frei zugänglichen und nachnutzbaren publizierten Forschungsergebnissen einer Einrichtung oder eines ganzen Landes“.[8] Die FU hat sich in den letzten Jahren vermehrt an konsortialen Transformationsverträgen beteiligt (u. a. mit Cambridge University Press, Royal Society of Chemistry, Walter de Gruyter) und verhandelt ebenso bilateral Transformationsverträge.

Vor diesem Hintergrund der andauernden Debatte eines notwendigen Kulturwandels hin zu mehr Offenheit in der Wissenschaft und der Rolle der Open-Access-Transformation sollen in diesem Beitrag noch einmal Impulse aus den lokalen Interviews mit Forschenden an der FU in den Blick genommen und in Form eines „Follow-up“-Werkstattberichts Einblicke in den Prozess nach der Teilnahme an der Studie gegeben werden. Adressiert werden hierbei die folgenden Fragen:

  • Welche Schlüsse haben wir für unsere Arbeit an der UB gezogen hinsichtlich des Aufgabenbereichs Nutzungsforschung allgemein und der Ergebnisse der lokalen Interviews mit Forschenden zum Thema?

  • Welche Anregungen/Diskussionspunkte haben wir hinsichtlich der für uns insbesondere im Rahmen der Organisationsentwicklung wichtigen Fokusthemen „Open Science“ und Zusammenarbeit mit Forschenden („Liaison Librarianship“) gewonnen?

  • Was hat sich seit der Teilnahme an der Studie bei uns getan (Diskussion mit der Fachcommunity, neue Impulse)?

2 Follow-up Werkstattbericht: Nutzungsforschung und Stimmen von Forschenden an der Freien Universität Berlin

2.1 Nutzungsforschung als Aufgabenbereich

Die aktuelle Strategie der UB gibt als Querschnittsperspektive aus, „gemeinsam mit den Forschenden, Lehrenden und Studierenden […] nachhaltige Infrastrukturen und innovative Lösungen“[9] zu entwickeln. Für einen gezielten und fokussierten Austausch mit Nutzenden ist Nutzungsforschung daher ein optimales Instrument, um als Bibliothek zu erfahren, wie vorhandene Services genutzt bzw. bewertet werden und auch welche neuen Angebote oder Veränderungen für Forschende, Lehrende und Studierende nützlich sind.

Wie bereits in unserem früheren Artikel[10] erwähnt, sind qualitative Interviews eine Möglichkeit, dass Nutzende ihre eigene Sicht erklären und somit potenziell auch Aspekte erkannt werden können, die im Vorfeld noch nicht im Fokus standen. Darüber hinaus kann durch gezieltes Nachfragen direkt auf konkrete Aspekte, die von besonderem Interesse sind, eingegangen werden. Dem Aufwand, den Einzelinterviews in der Vor- und Nachbereitung mit sich bringen, und den Vorgaben im Rahmen der Teilnahme an der Ithaka-Studie ist es geschuldet, dass das Datenkorpus an der FU in diesem Fall elf Interviews umfasst. Eingebettet in die internationale Gesamtstudie von Ithaka S+R, die eine Gesamtsumme von 89 qualitativen Interviews als Datengrundlage nutzen konnten,[11] war das Hauptziel der Beteiligung der UB an der Studie nicht die flächendeckende Erhebung eines Meinungsbildes aller Forschenden der FU, sondern das Erproben einer neuen Methode der Kontaktaufnahme und des Austauschs mittels qualitativer Interviews mit einer Auswahl von Forschenden, die allerdings vom Wegfall des Zugangs zu elektronischen Journals besonders betroffen waren. Im Design und in der Auswertung der Studie durch die Leiter*innen von Ithaka S+R wurde hier ausdrücklich als wichtigstes Ziel formuliert, dass die Teilnahme an der Studie und das direkte Gespräch mit Forschenden die beteiligten Bibliothekarinnen und Bibliothekare befähigen solle, eine Methode zu erproben, mit der sie während der Studie aber auch danach für diesen bibliothekarischen „Hot Topic“ Erkenntnisse für ihre weitere Arbeit an ihrer Institution vor Ort gewinnen können.[12] Die folgenden Abschnitte thematisieren unser diesbezügliches Vorgehen und die Ergebnisse nach Abschluss der Betreuung durch Ithaka S+R.

Aufbauend auf den Ergebnissen der Metastudie wurde eine eigene Datenanalyse der transkribierten Interviews mit Teilen des ursprünglichen Projektteams durchgeführt. Die Analyse wurde mit der Software MAXQDA in der Version MAXQDA Plus 2020 (Release 20.2.1) und MAXQDA Plus 2022 (Release 22.0.1) durchgeführt.

Bei der Auswertung der Daten orientierten wir uns am Konzept der „Thematic Analysis“ nach Braun und Clarke.[13] Der Fokus lag vor allem auf der Arbeit mit In-Vivo-Codes, die sehr nah an der Sprache der Interviewten orientiert ist, sowie mit deskriptiven Codes, die bereits eine Abstraktion des Gesagten beinhalten. Deskriptive Codes wurden sowohl aus dem Forschungsfokus als auch aus der Zusammenfassung von In-Vivo-Codes generiert.

Da der Fokus des Interviewleitfadens auf den Aspekten Open Access, Preprints und alternativen Publikationsformaten sowie auf der Nutzung von Daten und Publikationen anderer lag,[14] spiegeln sich diese Themen in den deskriptiven Codes wider (Abb. 1 „Liste der Codes“). Darüber hinaus erweiterte das Projektteam der UB den Fokus der Analyse auf die Themen „Library-Faculty Liaison“ und „Openness“, da diese die speziellen Arbeitsgebiete von Cosima Wagner als Liaison Librarian und Franziska Harnisch, die sich in ihrer Masterarbeit am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin und derzeit im Bereich Open Science Community Building mit diversen Aspekten von Openness in der Wissenschaft allgemein sowie an der FU im Besonderen auseinandersetzt, betreffen.

Abb. 1: Liste der Codes der Interviews mit Forschenden an der FU
Abb. 1:

Liste der Codes der Interviews mit Forschenden an der FU

2.2 Ergebnisse der lokalen Interviews mit Forschenden an der Freien Universität Berlin

Im Folgenden wird zunächst dargelegt, wie sich die interviewten Forschenden der FU aus den Fachbereichen Chemie, Geowissenschaften und Psychologie/Neurowissenschaften im Rahmen der Ithaka-Studie zu deren zentralen Fragen äußerten:

  • Wie haben die Veränderungen beim Zugang zu elektronischen Fachzeitschriften die Forschungserfahrung und Wahrnehmung der Forschenden bezüglich ihrer Universitätsbibliothek beeinflusst?

  • Welche Strategien wenden Forschende an, um sich Zugang zu den betreffenden Inhalten zu verschaffen?

  • Wie können Bibliotheken diese Prozesse analysieren und bewerten?

Um den Forschenden eine Stimme zu geben, werden die Analyseergebnisse mit Zitaten belegt.

Die Interviews wurden anonymisiert und mit eindeutigen Identifikatoren bezeichnet (FU_Berlin_1 bis FU_Berlin_12). Das entspricht der ursprünglichen Nummerierung der geplanten Interviews. Interview 8 konnte aus organisatorischen Gründen nicht durchgeführt werden und fehlt darum in der Auflistung.

2.2.1 Wie haben die Veränderungen beim Zugang zu elektronischen Fachzeitschriften die Forschungserfahrung und Wahrnehmung der Forschenden bezüglich ihrer Universitätsbibliothek beeinflusst?

Um bestmöglich analysieren zu können, welche konkreten Veränderungen die Vertragskündigung mit Elsevier für Forschende mit sich bringt, wurden für die Interviewstudie gezielt die Fachbereiche ausgewählt, die bei der Analyse/Akquise 2019 entweder eine erhöhte Herausgeberschaft von Elsevier-Journalen oder ein hohes Publikationsaufkommen in von diesem Verlag veröffentlichten Zeitschriften aufwiesen. Trotz dieser Auswahl wurde deutlich, dass Forschende sowohl zwischen verschiedenen Fachbereichen als auch innerhalb dieser Fachbereiche mit verschiedenen Spezialbereichen generell sehr unterschiedlich von der nicht erfolgten Verlängerung des Vertrags mit Elsevier betroffen waren. Unter den Befragten ergab sich ein heterogenes Bild, was die eigene Forschungserfahrung der letzten Jahre angeht, seitdem der Zugang zu aktuellen Journal-Inhalten von Elsevier unterbunden war.

Die Aussagen reichten von

it did not really impact my work, my scientific work (FU_Berlin_3)

bis zu

We cannot afford not reading Elsevier journals (FU_Berlin_1).

Auf die Lehre schien die Kündigung jedoch nur sehr wenig bis keinen direkten Einfluss zu haben. Im Interviewleitfaden wurde explizit nach dem Zugang zu Fachliteratur für Studierende und der Nutzung von Preprints für die Lehre gefragt. Die Befragten gaben an, dass sie keine Einschränkungen des Zugangs zu Fachliteratur für Studierende befürchten und Preprints in diesem Bereich eher keine Rolle spielen. Das erklärt sich anhand folgender Aussagen:

So most of the stuff that I teach is more kind of the basics where the current literature, and the latest literature is not that relevant. (FU_Berlin_6)

Teaching is so far away from up-to-date research. (FU_Berlin_2)

Den größten Einfluss hatte die Kündigung in Bereichen, in denen aktuelle Forschungsergebnisse, die in Elsevier-Zeitschriften veröffentlicht werden, zeitnah zur Verfügung stehen müssen. Das bestätigt die Vermutung, dass der Zugang zu bestimmten elektronischen Fachzeitschriften auch innerhalb von Fachbereichen in einigen Spezialgebieten mehr Relevanz hat, als in anderen. Abgesehen von den skizzierten unterschiedlichen Situationen der verschiedenen Forschenden ergab sich ein positives Gesamtbild, was die Rolle der Bibliotheken im Rahmen des Journal-Embargos angeht:

So one thing I would say, I can happily, for the time being and for the next year, live without those subscriptions. So I wouldn’t want the dealmakers project DEAL to think that there is growing pressure. (FU_Berlin_5)

So the DEAL with Wiley and with Nature has created pressure and you just have to wait it out and they’re going to bow at some point. So the bigger the number of universities get, the more likely this will succeed and I’m happy to wait it out. (FU_Berlin_5)

2.2.2 Welche Strategien wenden Forschende an, um sich Zugang zu den betreffenden Inhalten zu verschaffen?

Forschende wenden sich in der Regel nicht an die Bibliothek, wenn sie auf eine Bezahlschranke stoßen, sondern organisieren sich Zugriff auf Inhalte über ihre Netzwerke bzw. setzen sich unter Umständen über rechtliche Regelungen hinweg, beispielsweise durch die Nutzung von Sci-Hub:

In the beginning, I started launching through the ResearchGate and other things, but it takes so much time that in the end, one doesn’t even go the legal route any more. You just always go to Sci-Hub. (FU_Berlin_5)

But honestly, Sci-Hub is just the most convenient way. (FU_Berlin_4)

Im Gesamtbericht der Studie wird an dieser Stelle auf einen auffälligen Unterschied in der Nutzung von Sci-Hub in Europa vs. den USA verwiesen. Die Anzahl der Forschenden in Europa, die angaben, Sci-Hub zu nutzen, war in der Ithaka-Studie höher als in den USA. Neue Studien zur weltweiten Verteilung von Nutzenden von Sci-Hub legen aber dar, dass auch in den USA die Nutzung von Sci-Hub hoch ist und die USA weltweit die fünfthöchsten Downloadzahlen aufweisen.[15]

Andere Wege des Zugangs bezogen sich mehrheitlich auf die Nachfrage bei Kolleginnen und Kollegen:

Yeah, there’s actually another opportunity for some journals. I have, for example, colleagues who can access it because they did reviews for certain journals, and then they get access to especially Elsevier journals. So yeah, sometimes, I need to bother my colleagues to get something. So this is another way. (FU_Berlin_12)

I have never experienced that an author refused to send a PDF copy of his article. (FU_Berlin_3)

2.2.3 Wie können Bibliotheken diese Prozesse analysieren und bewerten?

Ein wichtiges Fazit aller am Projekt beteiligten Bibliothekarinnen und Bibliothekare der UB war, dass Nutzungsforschung sich als ein geeignetes und wertvolles Instrument darstellt, um den Kontakt zu Forschenden aufzubauen und zu pflegen – insbesondere zum Thema Open Scholarship/Open Access, aber auch als Instrument eines Liaison Librarian allgemein, dessen Tätigkeitsprofil eng(er) mit der Fachdisziplin verknüpft ist und sich auf Services in den Bereichen Publizieren, Forschungsdatenmanagement, Digital Humanities, Digital-Literacy-Schulungen und weiterer seit längerem unter dem Thema der Veränderung des Fachreferats genannter Aufgaben bezieht.[16]

Als besonders hilfreich wurde hierbei das Interview-Training in mehreren Online-Sessions mit den Studienleiterinnen von Ithaka S+R empfunden, das für bislang noch nicht in der Nutzung von empirischen Methoden geschulten Interviewteam-Mitgliedern eine willkommene Chance der Weiterbildung in diesem Bereich bzw. für bereits erfahrenere Mitglieder eine Möglichkeit der Auffrischung und Vertiefung war. Lehrreich war an dieser Stelle zudem die Klärung von Fragen des Datenschutzes vor, während und nach den Interviews, die einen guten Anwendungseinblick in das Themenfeld „Management von qualitativen, sensiblen Forschungsdaten“ gab.

3 Welche Anregungen/Diskussionspunkte haben wir hinsichtlich der für uns insbesondere im Rahmen der Organisationsentwicklung wichtigen Fokusthemen „Open Science“ und „Liaison Librarianship“ gewonnen?

Neben den Erkenntnissen zur unmittelbaren Fragestellung der Studie boten die Transkripte der Gespräche zudem die Möglichkeit, sie auf Aussagen zu den im Rahmen der Organisationsentwicklung der UB aktuell fokussierten Themenbereichen „Openness“ und „Liaison Librarianship“ zu befragen.

In den Interviews mit Forschenden der FU wurden unter dem Stichwort „Openness“ insbesondere zwei Aspekte thematisiert. Zum einen der kostenlose Zugang zu Veröffentlichungen von öffentlich geförderten Forschungen, zum anderen ein Verlag ohne kommerzielle Ausrichtung in öffentlicher Hand.

Der Aspekt öffentlich bezahlter Forschung wurde wie folgt auf den Punkt gebracht:

Because money has been spent on the research by everyone, everyone should have access to it. (FU_Berlin_06)

Der Wunsch nach einem Universitätsverlag bzw. Verlag in öffentlicher Hand wurde deutlich artikuliert, die zusätzliche Arbeit, die in so einem Fall auf die Bibliothek zukommen könnte, hierbei allerdings klar gesehen:

But if they would be – or they can share it under the universities […]. I would say not an individual university. That cannot be done reasonably well. But Germany-wide, why not? A public publisher. Of course, they have to take probably some money because they have to finance it somehow, but at the end, they have not to make profit. I think the question is, how much work would be the step from a repository to setting up an online publishing? (FU_Berlin_2)

Bezüglich der Frage, wie die Bibliothek in regelmäßigem Kontakt mit den Forschenden stehen könnte, wurde auch die Notwendigkeit von mehr Sichtbarkeit und Außenkommunikation angesprochen, sowohl was die deutlichere Hervorhebung dessen angeht, was die UB an elektronischen Ressourcen bezahlt, als auch regelmäßige Informationsformate, die vom klassischen Newsletter eher in Richtung Video-Briefings gehen.

And yes, about the advertisement. I mean, sometimes you do something like that, but if every time I clicked on article and it would be saying ‘funded by FU’, we’re already here. It’s like if you go around and you see that this was funded by FU. If you go around your city. The European Union lives partly also from putting up a sign what it has paid for in Germany. People do perceive that and if you’re telling me every time this was paid by FU, then I say, ‘Okay, someone paid for this, finally I know.’ Otherwise, I will not. (FU_Berlin_05)

Yeah, I’m − like nobody reads newsletters. There’s too many. I don’t think this is useful. I would say something like on the YouTube channel or on a video lecture or so, but then also the information in a very dense and fast way. (FU_Berlin_07)

In something like a very short and condensed version so we all know there’s problem, A, B, C, D, 3, and so on. The following numbers are around the current statuses, and this you’re allowed, and this you’re not allowed to do, 15 minutes, 20 minutes video lecture, very dense in information, target group professors who want to have like a briefing, not as a lecture, but a briefing, a video briefing that I can watch while I’m in the train to university […]. (FU_Berlin_07)

4 Fazit: Was hat sich seit der Teilnahme an der Studie bei uns getan?

Es war uns ein Anliegen, über die Studienergebnisse mit der bibliothekarischen Fachcommunity in den Austausch zu kommen. So konnten diese auf dem Bibliothekskongress 2022 in Leipzig im Rahmen der Session „Open Access im Dienstleistungsportfolio“ der Fachcommunity vorgestellt werden.[17] Dabei wurde insbesondere zum Thema der „Ein-Klick-Lösung“ der Nutzenden nach einem „einfachen“ Zugang zu elektronischen Ressourcen kontrovers diskutiert.

It’s more like, don’t be like Windows, be more like Apple, right? You want to be easily accessible with one click and that’s where all the efforts should go. If you then, in addition, have to do a course and need people through something, people are lazy, they just won’t do it. They will go for the product which is easier even if it’s worse, even if it has less functionality. (FU_Berlin 05)

Der Wunsch nach einer Ein-Klick-Lösung unter den Forschenden ist bekannt, die Hürden bei der Umsetzung dieses Wunsches ebenfalls. Eine Umsetzung scheint bislang in keiner Bibliothek in Aussicht. Beim Bibliothekskongress in Leipzig wurde zudem noch die provokative Frage aufgeworfen, ob Sci-Hub die Grundlage für die Vertragskündigung mit Elsevier geschaffen habe, indem die Plattform beispielhaft die technische Umsetzbarkeit bewiesen hatte.

Im Bereich der OA-Transformation des Publikationssystems ist die FU an verschiedenen Punkten aktiv. Wie oben bereits erläutert, werden die Ziele von DEAL weiterhin unterstützt und Transformationsverträge geschlossen. Eines der aktuellen Fokus-Projekte ist darüber hinaus die Etablierung eines nicht-kommerziellen Open-Access-Verlages Berlin Universities Publishing (BerlinUP) gemeinsam mit allen Partneruniversitäten der Berlin University Alliance.[18] Hinzu kommen weitere Projekte, die die OA-Transformation fördern, wie z. B. die Unterstützung der KOALA-Initiative.[19] Die UB beteiligt sich hier am Paket für die Sozialwissenschaften mit folgenden Zeitschriften: GENDER, sub\urban, Open Gender Journal sowie Forum Qualitative Sozialforschung. Für die beiden letztgenannten Zeitschriften hostet die UB eine Open Journal System-Instanz.[20]

Weiterhin bleibt festzuhalten, dass die Zusammenarbeit mit Ithaka S+R motiviert hat, auch künftig noch mehr als bisher einen „Blick über den Tellerrand“ zu werfen und die in regelmäßigen Abständen in den USA (und ggf. anderen Ländern) publizierten weiteren Studien als Anregung für die Bearbeitung eigener Fragestellungen an der UB zu verwenden, insbesondere da Interviewleitfäden von Ithaka S+R publiziert und somit nachnutzbar eingesetzt werden können.[21]

Einschränkend muss am Ende jedoch angeführt werden, dass die Organisation und Durchführung qualitativer Interviews einen hohen Arbeitsaufwand darstellt und als „Nebenbei-Aufgabe“ für Bibliothekar*innen und Bibliotheken sehr herausfordernd sein kann, entsprechend längere Zeiträume werden vor allem für die Analyse der Daten benötigt. Zwar geben die strukturierten Gespräche mit Forschenden bzw. Nutzenden der wissenschaftlichen Bibliotheken als Probandinnen und Probanden allgemein bereits wertvolle Rückmeldungen zu deren bibliothekarischen Bedürfnissen, eine umfassende Analyse benötigt jedoch die Expertise und volle Arbeitszeit eines ausschließlich damit befassten Mitarbeitenden. An der UB konnte hier seit dem Jahr 2020 glücklicherweise eine hauptamtliche Kollegin, Sina Menzel, für die Nutzungsforschung in der UB gewonnen werden. Neben ihrer eigenen Forschung leitet sie auch themenspezifische Projektteams mit Kolleginnen und Kollegen der UB (Zentralbibliothek und Fachbibliotheken), aktuell ist eine weitere Kooperation mit Ithaka S+R zu Streamingdiensten in Bibliotheken in Arbeit.[22]

About the authors

Franziska Harnisch

Franziska Harnisch

Mario Kowalak

Mario Kowalak

Dr. Cosima Wagner

Dr. Cosima Wagner

Published Online: 2022-11-09
Published in Print: 2022-11-08

© 2022 bei den Autorinnen und dem Autor, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 2.2.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/abitech-2022-0045/html
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