Startseite Germanistische Linguistik Nathalie Bauer, Susanne Günthner & Juliane Schopf (Hg.). 2024. Die kommunikative Konstruktion von Normalitäten in der Medizin. Gesprächsanalytische Perspektiven (Linguistik – Impulse & Tendenzen 108). Berlin, Boston: De Gruyter. 282 S.
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Nathalie Bauer, Susanne Günthner & Juliane Schopf (Hg.). 2024. Die kommunikative Konstruktion von Normalitäten in der Medizin. Gesprächsanalytische Perspektiven (Linguistik – Impulse & Tendenzen 108). Berlin, Boston: De Gruyter. 282 S.

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Veröffentlicht/Copyright: 23. Oktober 2025

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Nathalie Bauer, Susanne Günthner & Juliane Schopf (Hg.). 2024. Die kommunikative Konstruktion von Normalitäten in der Medizin. Gesprächsanalytische Perspektiven (Linguistik – Impulse & Tendenzen 108). Berlin, Boston: De Gruyter. 282 S.


Der Sammelband Die kommunikative Konstruktion von Normalitäten in der Medizin von Nathalie Bauer, Susanne Güntnher und Juliane Schopf basiert auf der Tagung zu Normvorstellungen, Normalität(en) und Normativität – Interdisziplinäre Perspektiven auf das ‚Normale‘ in der Medizin, welche 2021 an der Universität Münster stattfand. Sie war Teil des DFG-geförderten Netzwerks Linguistik und Medizin und bildete nach 2019 die zweite Veranstaltung dieser Reihe, eine dritte folgte 2025.

In der Einleitung stellen die Herausgeberinnen die Vielschichtigkeit des Themas vor und führen die besondere Rolle von Normalitätsentwürfen in der Medizin an. Die erkenntnisleitenden Aspekte – die Analyse von interaktiven Praktiken der Normalitätsherstellung, die sequenzielle Rekonstruktion von Kontexten sowie die soziale Handlung an sich – werden inhaltlich beschrieben und die relevanten Konzepte präzise eingeordnet (S. 3). Gemäß des Untertitels werden die Vorzüge der gesprächsanalytischen Betrachtung hervorgehoben und der besondere Mehrwert der medizinischen Konversationsanalyse betont (S. 9).

Aufbauend auf diesen theoretischen Rahmungen gliedern sich die Beiträge in drei thematische Abschnitte: Sie behandeln (1) die kommunikative Konstruktion von Normalität aus kontrastiver Perspektive, (2) in Situationen der Krise und (3) in interprofessionellen Interaktionen.

Die kommunikative Konstruktion von Normalitäten aus kontrastiver Perspektive

Auftakt ist der Beitrag von Alexandra Gross und Karin Birkner über „Formen der sprachlich-interaktiven Bezugnahme auf Normal und ihre Funktionen in psychosomatischen Therapiegesprächen und neurologischen Telekonsultationen“. Sie untersuchen das sprachliche Zeichen Normal in medizinischer Kom­munikation, um die semantischen Bestimmungspraktiken und konversationellen Funktionalisierungen zu identifizieren (S. 23). Anhand von Daten aus telemedizinischen Konsultationen (TMK) und psychotherapeutischen Gesprächen (PTG) werden unterschiedliche Verwendungsweisen analysiert. Die TMK verwendet Normal fast ausschließlich bei der Anamnese, um einen intrapersonellen und temporalen Bezugsrahmen zu erzeugen (S. 30). Dabei zeigen die Autorinnen an Beispielen aus dem Korpus, dass die spezifische Semantik häufig ex negativo entwickelt wird (S. 33). Im Gegensatz dazu stellt die Analyse der PTG einen breiteren Referenzbereich von Normal (als Postulat) dar, um kontrastive Selbstpositionierung und die Normalisierung der eigenen Empfindungen zu erreichen. Die Autorinnen schlussfolgern, dass Normal mit dem konventionell Erwartbaren korreliert. Zusammenfassend wird deutlich, dass Normal fast immer positiv besetzt (S. 43) und stark mit Selbstpositionierung verbunden ist, die im Falle der TMK implizit bleiben kann. Die Analyse ist detailliert, gut nachvollziehbar und zeigt die semantische Dynamik des Lexems Normal in medizinischen Kontexten.

Im zweiten Beitrag untersuchen Kristin Bührig und Juliane Schopf, wie in der medizinischen Kommunikation mit uncertainty (Unsicherheit) umgegangen wird, und analysieren „Normalisieren“ als Verfahren. Die Autorinnen verweisen darauf, dass uncertainty ein „allgegenwärtiger und wichtiger Faktor in jeglicher medizinischer Interaktion“ (S. 49) und der medizinische Alltag von Unsicherheiten in allen Bereichen geprägt ist. Eine relevante ärztliche Fähigkeit ist die Anerkennung von Situationen, die durch unvollständige bzw. unbekannte Informationen geprägt sind, und deren Normalisierungen (S. 51). Bührig und Schopf werten eine vielfältige Datengrundlage aus reisemedizinischen Impfsprechstunden sowie gynäkologischen Krankenhausstationen aus (S. 54). An den Daten zeigen sie, dass Normalisieren als Umgang mit uncertainty dient. In den Impfsprechstunden werden die Normalisierungen sowohl projektiv als auch retrospektiv auf angesprochene Unsicherheiten angewandt (S. 65). In den Gesprächen der Gynäkologie betrifft die uncertainty vor allem aktuelle Themen und Beschwerden. Normalisierungspraktiken können sowohl mit dem Begriff ‚normal‘ als auch ohne erfolgen. Dabei nehmen die Ärzt:innen eine epistemische ‚Superior‘-Position ein und teilen ihr Wissen zur entsprechenden Situation (S. 66). Normalisieren erfüllt die zentrale Funktion, Patient:innen zu beruhigen und Momente der uncertainty einzuordnen, was die Autorinnen mit ihrer sehr soliden Untersuchung zeigen.

Die Untersuchung von Valerie Schick zur sprachlichen Darstellung von Normalität durch animierte Szenarien schließt den ersten Abschnitt der kontrastiven Perspektiven auf Normalitäten ab. In der Untersuchung werden Aufklärungsgespräche aus der Onkologie betrachtet, die durch einen sprachlich-interaktiven Aushandlungsprozess geprägt sind (S. 74). Besonders interessant ist die Kombination deutsch- und russischsprachiger Daten, die einen kultur­vergleichenden Blick auf Normalisierungspraxen erlaubt. Eine zentrale Herausforderung ist die Thematisierung eines neuen Behandlungsalltages, der mit den verordneten Maßnahmen einhergeht. Die Autorin verortet Normalität zwischen ärztlicher Routine und dem patientenseitigen Lebenseinschnitt durch die Krebsdiagnose und beschreibt ein flexibles Normalitätsfeld (S. 76), in dem mittels Normalisierungspraktiken eine neue (Lebens-)Normalität entsteht. Als zweites Prinzip analysiert sie animierte Szenarien (sprachliche Modellierungen imaginierter Ereignisse), die im Gespräch szenisch vorgeführt werden und einen mentalen Raum für die Kontextualisierung zukünftiger Situationen eröffnen (S. 80). Die durchgeführten interaktionslinguistischen Analysen von 56 deutschen und 54 russischen onkologischen Aufklärungsgesprächen zeigen, dass generisch animierte Szenarien als musterhafte Normalisierungsmechanismen in Therapieplanungssequenzen dienen (S. 92). Daraus schlussfolgert die Autorin, dass sie flexible Normalitätsfelder eröffnen. Die Herstellung von normbasierten Handlungsoptionen erleichtert den Patient:innen die Adaption der neuen Lebenswelt (S. 93). Die Autorin argumentiert differenziert und methodisch fundiert, wobei insbesondere der Normalitätsbegriff als dynamisches Orientierungsraster überzeugend herausgearbeitet wird.

Die kommunikative Konstruktion von Normalitäten in Situationen der Krise

Der erste Aufsatz des zweiten Schwerpunktes des Sammelbandes von Susanne Günthner: „Kategorische Formulierungen als Praktiken der Rekalibrierung von Normalität in ‚brüchigen Zeiten‘“ untersucht, wie Ärzt:innen in hochsensiblen onkologischen Aufklärungsgesprächen spezifische sprachliche Muster verwenden, um die von Patient:innen erlebte „Normalität des Alltags“ (S. 102) zu rekalibrieren. Sie analysiert an 56 onkologischen Aufklärungsgesprächen kategorische Formulierungen, die für die Verbalisierung von erlebten Grenz­erfahrungen und gesetzte Normalitätsangebote verwendet werden. In den Ergebnissen zeigt sich, dass es ist (immer/halt/einfach) so-Konstruktionen zur initiierten Wissensübermittlung verwendet werden und Ärzt:innen damit normalitätsindizierend Tatsachen betonen, die den konkreten Einzelfall überragen (S. 114). Die bildliche Vergleichsprädikation es ist (halt) wie-Konstruktion wird hingegen eingesetzt, um die erfahrene Extremsituation der Patient:innen bildlich zu veranschaulichen und Intersubjektivität und Verständnis herzustellen (S. 118). Konditionale wenn ... dann-Konstruktionen dienen zur Normativitäts­zuweisung als unhinterfragbare Tatsache und postulieren damit generalisierte, apodiktische Weisheitsansprüche (S. 122). Schließlich werden je ... umso bzw. je ... desto-Konstruktionen als weitere kategorische Formulierungen zur Normalitätskonstitution und Präsentation fraglosen Wissens eingesetzt (S. 125). Günthners Beitrag ist ein methodisch starker und inhaltlich vielschichtiger Baustein zur medizinischen Gesprächsforschung.

Der nächste Aufsatz von Nathalie Bauer beschäftigt sich mit Empathiedarstellungen mit natürlich und klar in onkologischen Aufklärungsgesprächen. Zunächst werden die interaktionale Perspektive auf Empathie und der berufliche Professionalitätsanspruch von Ärzt:innen in komplexen Rollen- und Beteiligungsstrukturen betrachtet (S. 134). Die Autorin beleuchtet, dass in den untersuchten Gesprächen Empathie nicht über Selbsterfahrungen, sondern über die Bezugnahme auf fremdes Erleben ausgedrückt wird – ein zentraler Aspekt der metapositionierenden Bezugnahme im Anschluss an Du Bois (2007). Die untersuchten 56 onkologischen Aufklärungsgespräche machen deutlich, dass natürlich und klar als Metapositionierung zur Darstellung von Empathie und verstehender Bezugnahme verwendet werden kann (S. 143). Im zweiten Abschnitt betrachtet die Autorin die Verwendung beider Lexeme in prospektiv orientierten Empathieangeboten:

„Das dargestellte bzw. zugeschriebene Erleben wird von Gesprächsbeteiligten mittels ‚natürlich‘ und ‚klar‘ nicht nur als eine individuell nachvollziehbare, sondern auch als eine überkontextuell erwartbare, selbstverständliche und somit normale Erlebensalternative behandelt bzw. ausgeflaggt.“ (Bauer 2024: 148)

Der Beitrag zeigt, dass die Adverbien zur Normalisierung des patientenseitigen Erlebens genutzt werden, die das Nachvollziehen des fremden Erlebens und ein Empathieerleben ermöglichen, ohne dabei eigene affektive Beteiligung zu signalisieren. Der Beitrag ist analytisch scharf und hebt eindrücklich hervor, wie sprachlich codierte Normalität zur Bewältigung krisenhafter Situationen beiträgt.

Carolin Schweglers Beitrag „Normalisieren als Copingstrategie in Angehörigeninterviews. Linguistische Betrachtungen der kommunikativen Einordnung von Demenzrisiken“ untersucht aufschlussreich, wie Angehörige von Personen mit Demenzrisiko kommunikative Praktiken des Normalisierens anwenden, um die fortschreitende oder mögliche Krankheit ihres Familienmitglieds in narrativen Interviews einzuordnen und zu bewältigen. Das zugrundeliegende diskursiv- und prozessbetonende Normalitätsverständnis (S. 160) wird auf Gespräche über eine Alzheimerdiagnose angewendet. Die untersuchten Normalisierungspraktiken werden als Copingstrategien verstanden, die dem „Bewältigungscharakter“ narrativer Interaktionen entsprechen und zur Überprüfung, Einordnung und Verarbeitung von erfahrenen und antizipierten Abweichungen von Normalität dienen (S. 162). Trotz des schleichenden Verlaufs der Alzheimer-Erkrankung zeigt Schwegler, dass Erzählungen auch ohne klaren Schlüssel­moment als Copingstrategie dienen können. Exemplarisch analysiert Schwegler drei aufeinanderfolgende Gespräche, in denen nicht die klassische Normalisierungsgeschichte erzählt wird, sondern verschiedene Kommunikationspraktiken angewendet werden. Dabei wird ein Wechselspiel aus Relativierung, Umbenennung und prospektiver Normalisierung als kommunikative Strategien im Umgang mit Anormalität (S. 176) sichtbar. Insgesamt zeigt die Studie eindrucksvoll, wie kommunikative Routinen in krisenhaften Lebenslagen psychische Belastungen abfedern und ein Stück Normalität zurückgewinnen lassen.

Der Aufsatz von Kati Hannken-Illjes, Sara Honegger, Ina Völker und Tanja Giessler analyisiert die interaktive Herstellung und Nutzung von Normalität in Gesprächen der Schwangerenberatung. Zentrales Konzept ist das „Schwangerschaftsnormal“, das im Spannungsverhältnis zwischen dem „natürlichen“ Prozess der Schwangerschaft und der medizinischen Dimension steht und zur Einordnung von Empfindungen dient (S. 186). In den untersuchten 37 video­graphierten Schwangerenberatungsgesprächen zeigt sich, dass die Gesprächsteilnehmenden Normalität kollaborativ herstellen (S. 190), indem Schwangerschaftsnormalität konstituiert bzw. Abweichungen vom Normal thematisiert werden (S. 198). Beschwerden, die außerhalb der Schwangerschaft als nicht normal gelten würden, werden dem „Schwangerschaftsnormal“ zugeordnet und relativiert. Dabei behaupten Hebammen Normalität oft knapp und autoritativ, während Schwangere ausführlich auf Erfahrungs-, Körperwissen oder externe Quellen zurückgreifen (S. 203). Die Autorinnen zeigen in ihrer Untersuchung, dass die Aushandlungen von Normalität in der Schwangerenberatung essenziell sind und dazu dienen, die Zuversicht der Schwangeren zu stärken.

Die Arbeit „Konzeptualisierung von (A-)Normalität in Gesprächen über psychische Gesundheit und Krankheit“ von Yvonne Ilg analysiert die Referenzen auf und Konzeptualisierung von Normalität und Anormalität in Gesprächen außerhalb des engen klinischen Kontextes. Dabei wird vor allem das alltagssprachliche Verständnis von normal als „der Norm entsprechend“ oder „das Übliche“ in das Zentrum der Untersuchung gesetzt (S. 208). Im Kontext psychischer Gesundheit fungiert normal oft als Synonym für „gesund“, wobei eine klare Abgrenzung zu „krank“ schwierig ist (S. 209). Die ausgewählten elf Gespräche umfassen sowohl Einzelinterviews als auch Gruppengespräche und werden hinsichtlich der Konzeptualisierung von Normalität und der kommunikativen Funktionen der Darstellungen untersucht (S. 212). Teilnehmende sprechen über die Frage der Normaldefinition und bewerten die Gesprächskontexte selbst (S. 215). Dabei zeigt sich, dass normal als diskursives Werkzeug fungiert und zur Beschreibung eigener Krankheitserfahrungen und zur Abgrenzung gegenüber gesellschaftlichen Erwartungen dient (S. 226). Die kommunikative Funktion der Normalität kann also variieren (S. 226). Ihr Fazit unterstreicht die Relevanz, außerfachliche Normalitätsvorstellungen in die psychiatrische Praxis einzu­beziehen. Der Beitrag ist theoretisch reflektiert und bringt eine wichtige gesellschaftliche Perspektive in den Band ein.

Die kommunikative Konstruktion von Normalitäten in interprofessionellen Interaktionen

Den ersten Beitrag zum dritten Schwerpunkt des Sammelbandes liefert Isabella Buck unter dem Titel: „‘des IS ja auch schlImm;=ne,‘: Verstehensanzeigen beim Sprechen über Dritte als Mittel des Normalisierens von abweichendem Patientenverhalten in interdisziplinären Teambesprechungen auf der Palliativstation“. Der Beitrag zeigt, wie in Palliativ-Teambesprechungen emotional auffälliges Patientenverhalten sprachlich bearbeitet wird, wobei Verstehensanzeigen zentral für die Herstellung intersubjektiven Verständnisses sind (S. 237). Die untersuchten interdisziplinären, palliativen Teambesprechungen kennzeichnen einen besonderen Fokus auf Wissenstransferprozesse, um gemeinsam an Lösungen für Probleme zu arbeiten (S. 239). Auf der lexikalisch-syntaktischen Ebene zeigt die Autorin anhand der Betrachtung der Partikeln auch und ja sowie dem Kommentaradverb natürlich den verallgemeinernden, objektivierenden Charakter der Gespräche (S. 245). Die Sprecher:innen argumentieren über den Zustand und das Verhalten der Betroffenen und stellen so einen Konsens her. Sequenziell-interaktiv zeigt sich ein hohes Bemühen um eine intersubjektiv geteilte Auffassung der Nachvollziehbarkeit des Krankheitserlebnisses. Zudem verfügen normalisierende Verstehensanzeigen über ein themenabschließendes Potenzial, da kein Handlungsbedarf erkannt wird (S. 249). Insgesamt sind sie für die Herstellung geteilter Perspektiven auf Verhalten von zentraler Bedeutung (S. 251).

Den Abschluss bildet Ulrich v. Wedelstaedts Beitrag „‚Normales Piepen‘ und ‚kritische Werte‘ – Die Herstellung klinischer Normalität als körperliche Praxis in der Anästhesie“, der die Aushandlung von klinischer Normalität von medizinischen Personals thematisiert. Darunter versteht der Autor das „Abgleichen und Abstimmen der situativ präsenten Körperlichkeit [...] mit einem externen, idealisierten Referenzrahmen von Körperlichkeit“ (S. 257). Besonders im betrachteten Bereich der Anästhesie ist dieser Prozess von besonderer Bedeutung, da die verschiedenen Bereiche (Patient:in, Operation, medizinisch-technischer Diskurs usw.) in Einklang gebracht werden müssen (S. 258). Für die multimodale Analyse wurde eine 23-sekündige Sequenz aus einer Narkoseeinleitung gewählt. Die präzise Videoanalyse macht deutlich, wie Blickverhalten, Gesten und Bewegungen zur Herstellung von Transparenz und geteiltem Verständnis besonders in zeitlich knappen Momenten beitragen. Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass Teamkompetenz wesentlich in abgestimmter (non-)verbaler Kommunikation liegt (S. 273). Wedelstaedts Beitrag ist ein wertvoller Einblick in die Dynamiken von Interaktion in technologisch durchdrungenen und hochanspruchsvollen Arbeitsumgebungen.

Resümee

Der Sammelband bietet eine fundierte und facettenreiche Untersuchung der kommunikativen Konstruktion von Normalitäten mit beeindruckender methodologischer Stringenz in unterschiedlichen medizinischen Kontexten. Versammelt werden empirisch und sequenzanalytisch ausgerichtete Beiträge, die Normalität als dynamisches, kontextabhängiges und interaktiv hergestelltes Phänomen beleuchten. Allerdings basieren mehrere Beiträge auf ähnlichem Datenmaterial, was zu inhaltlichen Überschneidungen führt. Zudem liegt der Fokus stark auf diagnostisch geprägten Sprechstundengesprächen, während andere medizinische Handlungsfelder wie therapeutische oder pflegerische Interaktionen kaum berücksichtigt werden. Trotz dieser Einschränkungen liefert der Band einen wichtigen Beitrag zur interaktionslinguistischen Forschung. Er bietet tiefgehende Einblicke in die kommunikative Aushandlung von Normalität im medizinischen Alltag und eröffnet Anschlussmöglichkeiten für künftige Untersuchungen zu Normalitätsentwürfen in weiteren klinischen Handlungsfeldern.

Literatur

Du Bois, John W. 2007. The stance triangle. In: Robert Englebretson (Hg.). Stancetaking in Discourse: Subjectivity, evaluation, interaction (Pragmatics & Beyond New Series). Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins, 139–182. https://doi.org/10.1075/pbns.164.07du.10.1075/pbns.164.07duSuche in Google Scholar

Online erschienen: 2025-10-23
Erschienen im Druck: 2025-11-25

© 2025 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Artikel in diesem Heft

  1. Frontmatter
  2. Frontmatter
  3. Vorwort
  4. Anja Stehfest. 2024. Die Briefe Christiana von Goethes. Studien zur Sprach- und Kulturgeschichte um 1800 (Studia Linguistica Germanica 142). Berlin, Boston: De Gruyter. 536 S.
  5. Beate Baumann. 2024. Sprache, Kultur, polyphone Narration: Entwicklungen im postmigrantischen Deutschland (Sprache lehren – Sprache lernen 14). Berlin: Frank & Timme. 242 S.
  6. Bettina Lindner-Bornemann & Sebastian Kürschner (Hg.). 2024. Die Sprache wissenschaftlicher Objekte. Interdisziplinäre Perspektiven auf die materielle Kultur in den Wissenschaften (Lingua Academica. Beiträge zur Erforschung historischer Gelehrten- und Wissenschaftssprachen 8). Berlin, Boston: De Gruyter. 238 S.
  7. Diana Nacarlı. 2024. Leichte Sprache und Schule. Zum Einfluss der morphologischen und lexikalisch-semantischen Regeln der Leichten Sprache auf das mentale Lexikon und auf Wortschatzkompetenz (Philologische Studien und Quellen). Berlin: Erich Schmidt. 214 S.
  8. Florian Busch & Christian Efing. 2024. Sprachliche Variation (Linguistik und Schule. Von der Sprachtheorie zur Unterrichtspraxis. LinguS 12). Tübingen: Narr Francke Attempto. 170 S.
  9. Isabelle Thormann. 2024. Tatort Syntax. Authentizitätsfeststellung in der forensischen Linguistik (Narr Studienbücher). Berlin, Boston: De Gruyter. 544 S.
  10. Kersten Sven Roth & Steffen Pappert (Hg.). 2024. Ost-West-Konflikte. Interdisziplinäre Perspektiven auf den Diskurs über Deutschland und die Welt (Sprache – Politik – Gesellschaft 33). Hamburg: Buske. 294 S.
  11. Maria Fritzsche. 2024. Sprachlich konstruierter Extremismus.Mehrdimensionale Textanalyse von Propagandamagazinen des sogenannten Islamischen Staates (Linguistik – Impulse & Tendenzen 113). Berlin, Boston: De Gruyter. 395 S.
  12. Nathalie Bauer, Susanne Günthner & Juliane Schopf (Hg.). 2024. Die kommunikative Konstruktion von Normalitäten in der Medizin. Gesprächsanalytische Perspektiven (Linguistik – Impulse & Tendenzen 108). Berlin, Boston: De Gruyter. 282 S.
  13. Nikolas Koch & Claudia Maria Riehl. 2024. Migrationslinguistik. Eine Einführung (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr Francke Attempto. 324 S.
  14. Rolf Bergmann. 2024. Namen (Kurze Einführung in die germanistische Linguistik 32). Heidelberg: Winter. 100 S.
  15. Simon Meier-Vieracker. 2024. Sprache ist, was du draus machst! Wie wir Deutsch immer wieder neu erfinden. München: Droemer. 256 S.
  16. Simon Meier-Vieracker, Heidrun Kämper & Ingo H. Warnke (Hg.). 2024. Invective Discourse (Diskursmuster / Discourse Patterns 34). Berlin, Boston: De Gruyter. 232 S.
  17. Theresa Verena Maas. 2024. Ostdeutsch reloaded. Ostmitteldeutsche Dialekte in den sozialen Medien (Sprachwissenschaft 66). Berlin: Frank & Timme. 176 S.
  18. Ursula Bredel. 2024. Das Schriftsystem des Deutschen. Graphetik – Graphematik – Orthographie – Erwerb (Grundlagen der Germanistik 67). Berlin: Erich Schmidt. 361 S.
  19. Verena Sauer. 2024. Hochdeutsch. Eine framesemantische Analyse historischer Spracheinstellungen zum Deutschen vom 16. bis 18. Jahrhundert (Studia Linguistica Germanica 145). Berlin, Boston: De Gruyter. 272 S.
  20. Wolfgang Imo & Jörg Wesche (Hg.). 2024. Sprechen und Gespräch in historischer Perspektive. Sprach- und literaturwissenschaftliche Zugänge (LiLi: Studien zur Sprach- und Literaturwissenschaft 7). Berlin: J. B. Metzler. 234 S.
  21. Angela Schrott, Johanna Wolf & Christine Pflüger (Hg.). 2023. Textkomplexität und Textverstehen. Studien zur Verständlichkeit von Texten (Linguistik – Impulse & Tendenzen 106). Berlin, Boston: De Gruyter. 364 S.
  22. Anthony R. Rowley. 2023. 2., durchgesehene Auflage. Boarisch. Boirisch. Bairisch. Eine Sprachgeschichte. Regensburg: Friedrich Pustet. 269 S.
  23. Eckhard Meineke. 2023. Studien zum genderneutralen Maskulinum. Heidelberg: Winter. 358 S.
  24. Elke Hentschel. 2023. Deutsch typologisch. Eine Einführung. Stuttgart: J. B. Metzler. 255 S.
  25. Ermenegildo Bidese. 2023. Sprachkontakt generativ. Eine Untersuchung kontaktbedingten syntaktischen Wandels im Zimbrischen (Linguistische Arbeiten 582). Berlin, Boston: De Gruyter. 234 S.
  26. Grit Nickel. 2023. Nominale Flexionsmorphologie in den ostoberdeutschen Dialekten (Open Germanic Linguistics 6). Berlin: Language Science Press. 380 S.
  27. Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik, Kristin Kuck, Lars Bülow & Robert Mroczynski (Hg.). 2023. Sprachliche Grenzziehungspraktiken. Analysefelder und Perspektiven (Studien zur Pragmatik 5). Tübingen: Narr Francke Attempo. 373 S.
  28. Mark Dang-Anh (Hg.). 2023. Politisches Positionieren. Sprachliche und soziale Praktiken (Akademiekonferenzen 33). Heidelberg: Winter. 309 S.
  29. Matthias Meiler & Martin Siefkes (Hg.). 2023. Linguistische Methodenreflexion im Aufbruch. Beiträge zur aktuellen Diskussion im Schnittpunkt von Ethnographie und Digital Humanities, Multimodalität und Mixed Methods (Linguistik – Impulse & Tendenzen 107). Berlin, Boston: De Gruyter. 351 S.
  30. Michael Beißwenger et al. (Hg.). 2023. Korpusgestützte Sprachanalyse. Grundlagen, Anwendungen und Analysen (Studien zur deutschen Sprache 88). Tübingen: Narr Francke Attempto. 438 S.
  31. Nadine Bieker & Kirsten Schindler. 2023. Deutschdidaktik und Geschlecht (Aktuelle Perspektiven der Deutschdidaktik 1, utb). Bielefeld: wbv. 136 S.
  32. Nina-Maria Klug & Sina Lautenschläger (Hg.). 2023. True Love. Sprache(n) der Liebe in Text und Gespräch (Europäische Studien zur Textlinguistik 23). Tübingen: Narr Francke Attempto. 322 S.
  33. Ramón Boldt. 2023. Aspekte der vergleichenden Phraseologie. Untersucht und dargestellt am Beispiel der ältesten germanischen Rechtstexte (Münchener Studien zur Sprachwissen-schaft 34). Dettelbach: J. H. Röll. 343 S.
  34. Samuel Felder. 2023. Individuelle sprachliche Variation in WhatsApp-Chats. Stil, Akkommodation und Real-Time-Change (Sprache – Medien – Innovationen 13). Berlin et al.: Peter Lang. 457 S.
  35. Sarah Kwekkeboom, Birgit Herbers & Simone Schultz-Balluff (Hg.). 2023. Klaus-Peter Wegera: ‚Sprachwandeln‘. Kleinere Schriften zur deutschen Sprachgeschichte und Grammatikographie. Berlin: Erich Schmidt. 405 S.
  36. Sören Stumpf. 2023. Wortbildung diamedial. Korpusstudien zum geschriebenen und gesprochenen Deutsch (Reihe Germanistische Linguistik 329). Berlin, Boston: De Gruyter. 459 S.
  37. Tamara Bodden. 2023. Kunst und Geld. Eine diskurslinguistische Untersuchung zur documenta 14 (Sprache und Wissen 59). Berlin, Boston: De Gruyter. 394 S.
  38. Theresa Schweden. 2023. Personenreferenz im Dialekt. Grammatik und Pragmatik inoffizieller Personennamen in Dialekten des Deutschen (Empirische Linguistik 18). Berlin, Boston: De Gruyter. 288 S.
  39. Juliane Schröter (Hg.). 2022. Politisches Argumentieren in der Schweiz (Sprache – Politik – Gesellschaft 31). Hamburg: Buske. 228 S.
  40. Klaas-Hinrich Ehlers. 2022. Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg. Varietätenkontakt zwischen Alteingesessenen und immigrierten Vertriebenen. Teil 2: Sprachgebrauch und Sprachwahrnehmung (Regionalsprache und regionale Kultur. Mecklenburg-Vorpommern im ostniederdeutschen Kontext 5). Berlin et al.: Peter Lang. 685 S.
  41. Matthias Bau et al. (Hg.). 2022. Vergessene Klassiker der Sprachwissenschaft?Zur Einführung und Erinnerung. Weilerswist: Velbrück. 312 S.
  42. Wolf Peter Klein. 2018. Sprachliche Zweifelsfälle im Deutschen. Theorie, Praxis, Geschichte (De Gruyter Studium). Berlin, Boston: De Gruyter. 359 S.
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