Home German Linguistics Wolf Peter Klein. 2018. Sprachliche Zweifelsfälle im Deutschen. Theorie, Praxis, Geschichte (De Gruyter Studium). Berlin, Boston: De Gruyter. 359 S.
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Wolf Peter Klein. 2018. Sprachliche Zweifelsfälle im Deutschen. Theorie, Praxis, Geschichte (De Gruyter Studium). Berlin, Boston: De Gruyter. 359 S.

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Published/Copyright: February 12, 2025

Rezensierte Publikation:

Wolf Peter Klein. 2018. Sprachliche Zweifelsfälle im Deutschen. Theorie, Praxis, Geschichte (De Gruyter Studium). Berlin, Boston. De Gruyter. 359 S.


Die Vorlage eines Studienbuches zu sprachlichen Zweifelsfällen im Deutschen ist eine logische Folge der kontinuierlichen Beschäftigung des Autors mit dem Gegenstand: In den letzten 20 Jahren hat Wolf Peter Klein zahlreiche Publikationen zum Thema vorgelegt und damit das Paradigma der Zweifelsfallforschung maßgeblich geprägt, wenn nicht gar begründet. Mit dem vorliegenden Studienbuch bietet Klein eine Synopse der eigenen Arbeiten zum Gegenstand und gleichzeitig eine Bestandsaufnahme zur Zweifelsfallforschung.

Das Buch gliedert sich im Wesentlichen in zwei Hauptteile: einen allgemeinen Teil, der in das Themenfeld der Zweifelsfälle einführt und methodische Fragen der linguistischen Auseinandersetzung mit Zweifelsfällen diskutiert (Kap. 1–3), sowie einen Anwendungsteil, in dem in sechs Kapiteln zentrale Zweifelsfalldomänen in den Bereichen Phonetik, Graphematik, Flexionsmorphologie, Syntax, Semantik und Lexik besprochen werden. Es erfolgt also eine Klassifikation von Zweifelsfällen nach Systemebenen (S. 14). Das Buch bietet somit einerseits einen Überblick über die Grundlagen der Zweifelsfallforschung, andererseits über wichtige Typen von Zweifelsfällen.

Klein nähert sich dem Gegenstand der Zweifelsfälle zunächst im Kapitel „Was sind sprachliche Zweifelsfälle?“ an, das sich mit der Identifikation und Klassifikation von Zweifelsfällen sowie ihren Entstehungsursachen beschäftigt und darüber hinaus grundlegende Fragen von Sprachkompetenz und Norm diskutiert. Als empirische Basis für die Beschäftigung mit Zweifelsfällen benennt er hier u. a. die Befunde der Sprachberatungsstellen sowie Sprachratgeber (vor allem: Duden 9) und weitere Variantensammlungen (u. a. das Variantenwörterbuch des Deutschen (Ammon et al. 2016) und die Variantengrammatik (Dürscheid et al. 2017)).

Eine besonders wichtige und interessante Frage ist, woher die Varianten kommen, warum es also in den entsprechenden Fällen nicht nur eine Möglichkeit gibt, das Auszudrückende zu versprachlichen: „Im Wort Zweifel steckt etymologisch das Zahlwort zwei“ (S. 1) – Zweifelsfälle stehen folglich in systematischem Zusammenhang mit der Existenz von Varianten. Als mögliche Entstehungsursachen für Zweifelsfälle diskutiert Klein:

– Schriftsprachlichkeit,

– Phylogenese und Ontogenese und

– sprachliche Komplexität.

Kurz zusammengefasst bedeutet das: „Schriftsprachlichkeit fördert die Entstehung sprachlicher Zweifelsfälle.“ (S. 12) Daraus folgt für die Ontogenese des Einzelnen: „Erst wenn Kinder schreiben lernen bzw. gelernt haben, werden sie mit dem geballten Zweifelsfallpotenzial einer Sprache konfrontiert.“ (S. 13) Offenbar sieht Klein in einer verschrifteten Sprache ein höheres Komplexitätspotenzial als in einer nicht verschrifteten:

„Die funktionale Kapazität und die Dynamik einer Sprache korrelieren [...] mit dem Potenzial, aus dem Zweifelsfälle hervorgehen. Je komplexer, leistungsfähiger und dynamischer sie ist, desto mehr taucht die Gefahr auf, dass die Sprecher diese Vielfalt nur noch dunkel ahnen, aber nicht mehr produktiv begreifen können. Die Folge: sie zweifeln über den Status von Varianten.“ (S. 13)

An anderer Stelle heißt es: „je komplexer ein Stück Sprache ist, desto wahrscheinlicher wird das Auftauchen sprachlicher Zweifelsfälle.“ (S. 112)

Für die Klassifikation bezieht sich Klein auf sprachliche Systemebenen (S. 14f.); diese Klassifikation liegt dann auch der Gliederung der Diskussion zentraler Zweifelsfallbereiche im zweiten Teil des Buches zugrunde. Wenn ein Variantenpaar auf eine der Systemebenen zurückgeführt werden kann, spricht Klein von einem „konditionierten Zweifelsfall“ (S. 16ff.). Bei freier Variation (gerne/ gern) hingegen liege keine Steuerung und somit keine Konditionierung vor (S. 18f.). Klein schlussfolgert aus den Überlegungen zur Klassifikation:

„Die Klärung eines Zweifelsfalls setzt die empirische Variantenanalyse voraus. Ohne eine genaue, möglichst breit angelegte Sprachgebrauchserhebung kommt man beim Umgang mit sprachlichen Zweifelsfällen nicht weiter. Das bedeutet auch, dass man bei der Erörterung sprachlicher Zweifelsfälle von vornherein die Varietätenvielfalt des Deutschen und ihre Geschichte und Entwicklungstendenzen im Auge haben muss.“ (S. 19)

Aus den Ausführungen zur Sprachkompetenz und zur Norm geht deutlich ein aufklärerischer Impetus hervor: So bezeichnet Klein das alltagssprachliche Bedürfnis der Klärung der richtigen Variante als „Richtig- oder-Falsch-Ideologie“ (S. 25ff.). Es ist ganz offensichtlich zentrales Anliegen des vorliegenden Studienbuches, eine Grundlage für mehr Variantentoleranz zu schaffen. Daraus ergibt sich auch Kleins Vorstoß zur Neukonzeption des linguistischen Zentralbegriffs der Sprachkompetenz. Diese geht von folgender Prämisse aus: „Sprachliche Zweifelsfälle zeugen nicht nur von der Inkompetenz, sondern auch von der Kompetenz der Sprecher.“ (S. 21) Laut Klein ist es also keineswegs der Fall, dass gerade ein nicht zweifelnder Sprecher ein besonders kompetenter Sprecher sei. Er modelliert den „vollkompetenten Sprecher“ wie folgt:

„Ein vollkompetenter Sprecher kennt die Varianten und kann zugleich produktiv mit ihnen umgehen, weil er sie realistisch in der Sprachwirklichkeit verorten und daraus begründete Konsequenzen für seine eigene Sprachproduktion zu ziehen vermag.“ (S. 21)

Hier wird dann auch deutlich, welches Anliegen der Autor verfolgt:

„Die wissenschaftliche Beschäftigung mit sprachlichen Zweifelsfällen, wie sie in diesem Buch konzipiert wird, dient nicht zuletzt dem Ziel, die Ausbildung vollkompetenter, reflektierter Sprecher zu fördern, sei es in Schule, Universität oder schlicht im Alltag [...].“ (S. 22)

Das zweite Kapitel trägt den Titel „Zur Geschichte sprachlicher Zweifelsfälle“. Dabei geht es nicht – wie der Titel vermuten lassen könnte – um einen Abriss über die sprachhistorischen Ursachen und Entwicklungslinien sprachlicher Zweifelsfälle, also nicht um die objektsprachliche Perspektive, das Kapitel bietet vielmehr einen Überblick über den metasprachlichen Zweifelsfalldiskurs in der deutschen Sprachgeschichte. Dabei geht Klein davon aus, dass das Zweifeln von Vornherein ein Motor sprachwissenschaftlicher Forschung ist:

„Dass Sprache schon in alter Zeit systematisch als Erkenntnisobjekt der Wissenschaft begriffen wurde, hat viel mit dem Registrieren von und dem Nachdenken über Formulierungsvarianten zu tun. Damit scheint immer schon ein gewisser Selektionsdruck verbunden gewesen zu sein.“ (S. 39)

Der Zweifelsfalldiskurs in der deutschen Sprachgeschichte ist relativ jung, denn:

„Erst seit dem 16. Jahrhundert gibt es zögerliche Bewegungen, im Rahmen der lateinischen Wissenschaftskultur die deutsche Sprache ähnliche wie andere Sprachen philologisch-grammatisch wahrzunehmen und zu erforschen.“ (S. 41)

Dabei haben wir es zunächst mit einem „Abwertungsdiskurs“ zu tun, in dem die Mängel des Deutschen herausgestellt wurden (S. 41f.) und die Existenz von Varianten auf die eingeschränkte Stabilität des Deutschen zurückgeführt wurde (S. 44). Klein attestiert dabei Ölinger, einem Vorreiter der Variantenbetrachtung im 16. Jahrhundert, eine ausgeprägte Variantentoleranz. Im 17. und 18. Jahrhundert hingegen sollten sich „die sprachsensiblen Zeitgenossen im Falle eines Falles nicht mehr nur mit der Registrierung von Varianten zufrieden geben“ (S. 47). Zur Sammlung der Varianten kam nun also die Bewertung der Varianten. Dass der Druck zur Variantenselektion gerade im18. Jahrhundert deutlich steigt, erklärt Klein mit der Reichmann’schen „Vertikalisierung des Varietätenspektrums“ (S. 51).

Im Folgenden bietet Klein einen Überblick über verschiedene Ausprägungen der Zweifelsfalldiskurse bis ins 20. Jahrhundert. Dabei wird deutlich, dass die Entwicklung nur unter Rückgriff auf eine soziopragmatische Sprachgeschichte im Sinne von Peter von Polenz verstanden werden kann: Die jeweiligen Perspektiven auf das Variantenreichtum werden durch gesellschaftliche Bedingungen geprägt wie etwa die vereinsgeschichtlichen Hintergründe für den hohen Stellenwert der Sprachgesellschaften im 18. Jahrhundert, der Aufstieg des Bürgertums „zu einer tonangebenden Klasse“ (S. 59) im 19. Jahrhundert sowie die Reichsgründung Ende des 19. Jahrhunderts, die zur politischen Fundierung eines Sprachnationalismus führte: „eine Nation, eine Sprache“ (S. 61). Verfasser von Werken wie „Sprache Sünden“ oder „Sprachschäden“ „sahen in ihren Arbeiten einen Dienst am Vaterland und an der deutschen Sprache.“ (S. 66) Diese Werke – allen voran Gustav Wustmanns „Sprachdummheiten“ – „trafen augenscheinlich einen Nerv der Zeit“ (S. 67).

Für das 20. Jahrhundert verweist Klein zunächst auf die Relevanz der orthographischen Einigung und die zentrale Rolle, die der Dudenverlag im 20. Jahrhundert in diesem Kontext gespielt hat. Für den Zweifelsfalldiskurs sind dabei insbesondere die Sprachberatung der Dudenredaktion und der Zweifelsfallduden (Duden 9) von Bedeutung. Als neuere Tendenzen führt Klein die feministische Sprachkritik und den Diskurs um die political correctness an. Beide sind durchaus folgenschwer, denn sie führen zu einer „Anreicherung sprachlicher Formen mit sozialen Einschätzungen“ (S. 99). Neu gegenüber älteren Zuschnitten des Zweifelsfalldiskurses ist dabei, dass

„die empfohlenen Sprachvarianten nicht selten erst noch geschaffen [werden]. Während sich die normative Diskussion in der Vergangenheit auf (irgendwo) existierende Varianten bezog, kommt es gegenwärtig häufig zur Prägung vollständig neuer sprachlicher Einheiten.“ (ebd.)

Den Übergang zwischen dem allgemeinen Überblick über sprachliche Zweifelsfälle und der Diskussion ausgewählter einschlägiger Zweifelsfallbereiche bildet Kapitel 3 „Methodologische Vorbemerkungen“. Dabei handelt es sich nicht etwa – wie man in einem Studienbuch vermuten könnte – um methodische Grundlagen zur Untersuchung von Zweifelsfällen (wie etwa Korpusanalysen und Informantenbefragungen), sondern um sprachtheoretische Grundlagen der Zweifelsfallbetrachtung. Die Grundsatzfrage lautet: „Wie kommen die Varianten in ihrer Koexistenz zustande und wie lässt sich also erklären, dass die Varianten bei den Sprechern Zweifel verursachen?“ (S. 111) Zentrale Konzepte zur Auseinandersetzung mit dieser Frage sind für Klein Komplexität, Gradualität und Prototypik. Komplexität hatten wir bereits oben im Zusammenhang mit den Entstehungsursachen für Zweifelsfälle angesprochen. Klein schlussfolgert im Sinne einer methodologischen Grundlage:

„Wer Zweifelsfälle verstehen möchte, sollte stets mit der Möglichkeit rechnen, dass im jeweiligen Fall aus irgendwelchen Gründen (über-)komplexe Strukturen entstanden sind, die an relevanten Punkten von den normalen, einfachen Strukturen abweichen und so Zweifelsfälle generieren,“ (S. 112)

Darüber hinaus ist aus seiner Sicht „das Denken in Übergangszonen und Skalen zu kultivieren“ (S. 113). Solche Übergangszonen und Graubereiche seien „konstitutiv an Gradualitäten gebunden“ (ebd.). So lasse sich „häufig mit graduierenden Befunden herausschälen, was das Zweifelhafte eines Zweifelsfalls ausmacht“ (ebd.). Einen sprachtheoretischen Hintergrund für das „Denken in Gradualitäten“ (ebd.) bildet die Prototypentheorie; Klein geht davon aus, dass die Peripherie „Brutstätte sprachlicher Zweifelsfälle“ ist (S. 114): „Der Grundgedanke liegt darin, dass an den Ausgangspunkten (= Zentren) für ein spezifisches sprachliches Phänomen kein Anlass für Sprachzweifel besteht, in den Übergangsfeldern (= Peripherie), also zwischen den Polen schon.“ (ebd.). Als relevante Bereiche der Gradualität stellt er die diatopische, die diachronische, die varietätenlogische sowie die sprachsystematische Gradualität heraus. Auch hier besteht also wieder ein enger Zusammenhang mit den Entstehungsursachen für Zweifelsfälle. In Bezug auf diese Dimensionen führt Klein aus, wie Zweifelsfälle mit dem Prototypenansatz begriffen werden können: So können als diatopische Zentren bspw. eine Region A und eine Region B bestimmt werden. Der Übergang zwischen diesen Regionen bildet einen Peripherbereich, der Nährboden für Zweifelsfälle sein kann. In Bezug auf die sprachsystematische Gradualität bilden sprachliche Kategorien die prototypischen Zentren, die Bezugspunkte für Zweifelsfälle sein können. Zum Zweifelsfall heute A/abend bemerkt Klein, dass das „Irritationspotenzial“ darin wurzele, „dass der Ausdruck Abend in der fraglichen Formulierung an der Peripherie der Wortart Substantiv angesiedelt“ sei (S. 120).

Aus dem zweiten Hauptteil, der zentrale Zweifelsfallbereiche vorstellt, sei hier exemplarisch das Kapitel zu syntaktischen Zweifelsfällen herausgegriffen. Auch hier greift Klein auf Komplexität als Erklärungsansatz zurück:

„Generell lassen sich syntaktische Zweifelsfälle zunächst unter der Perspektive betrachten, dass ein Zuwachs an struktureller Komplexität von Fall zu Fall syntaktische Abstimmungsprobleme hervorbringen kann. [...] In Sätzen, in denen lediglich einfache Satzglieder auftauchen, ist das Zweifelsfallpotenzial gering. Besteht ein Satzglied dagegen aus mehreren oder gar vielen Wörtern, die womöglich untereinander in einer undurchsichtigen syntaktischen Relation stehen, so wächst die Gefahr, dass es zu Zweifelsfällen kommt [...]“ (S. 249).

Wichtig ist Kleins Hinweis darauf, dass „[h]inter diesem Komplexitätsaufbau [...] oft syntaktische Koordinationen“ stecken (ebd.), Komplexität also nicht an Subordination gebunden ist.

Da Klein also eine komplexe Satzgliedbinnenstruktur als Zweifelsfallauslöser betrachtet, ist es folgerichtig, dass er in diesem Kapitel die Nominalphase als einen zentralen Zweifelsfallbereich bespricht. In diesem Teilkapitel widmet sich Klein u. a. den Bereichen Monoflexion und Nominalklammer, partitive Konstruktionen sowie Parallel- und Wechselflexion bei mehreren attributiven Adjektiven. Als weitere Zentralbereiche diskutiert er Kongruenz- und Rektionsphänomene. Folglich handelt es sich hier nicht etwa um eine vollständige Bestands­aufnahme oder etwa um eine umfassende Zweifelsfallsyntax, sondern um eine Konzentration auf besonders zweifelsfallaffine Bereiche.

Für einen genaueren Eindruck sei der Bereich der Kongruenz herausgegriffen. Klein bespricht hier den naheliegenden Phänomenbereich Numerus­kongruenz zwischen Subjekt und Prädikat, das etwas peripherere Problem der Kongruenz von Subjekt und Prädikat in der Person (bei der Koordination verschiedener Personalpronomen) sowie den Problembereich der Genus-Sexus-Kongruenz. Am Beispiel der Numeruskongruenz sei seine Vorgehensweise erläutert: Im Mittelpunkt der kursorischen Besprechung von einigen Beispieltypen steht der Versuch, allgemeine Erklärungen für die Zweifelsfallaffinität des Phänomenbereichs bereitzustellen. So weist Klein hier auf die besondere Bedeutung der Semantik hin: In Das Sterben der Schafe und der Wölfe berührt/berühren uns sprechen zwar die syntaktischen Verhältnisse für den Singular (wobei Klein allerdings auch die Ellipsenlesart Das Sterben der Schafe und das Sterben der Wölfe als plural-auslösend ins Spiel bringt), „semantisch-kognitiv“ stehen aber „zwei Entitäten im Raum [...], nämlich auf der einen Seite eben das Sterben der Schafe, auf der anderen Seite das Sterben der Wölfe“ (S. 253). Ähnliches lässt sich zu einem Subjekt Eine Herde Schafe sagen: syntaktisch klar Singular, semantisch eine Mehrheit. Als einen weiteren Faktor, der einen Einfluss auf die Variantenwahl in Kongruenzzweifelsfällen ausübt, bespricht Klein den Faktor Wortstellung/Nähe (vgl. etwa Viele Wölfe und kein Schaf stirbt. vs. Kein Schaf und viele Wölfe sterben.; S. 256).

Unter der Überschrift „Kongruenzregeln“ bekennt Klein Farbe zu seiner Einschätzung zum Umgang mit dem Problembereich in der Grammatik (mit exemplarischem Verweis auf die Dudengrammatik). Er steht ganz offensichtlich den „immer feineren Differenzierungen“ (S. 259) kritisch gegenüber und warnt davor, mit den „heutigen digitalen Möglichkeiten“ in eine „Kongruenz-Kasuistik“ zu verfallen (ebd.): „Dadurch gewinnt man den Eindruck, dass die Grammatiker die Sache im Griff haben und man ihnen wie einzelfallbewussten Rechtsanwälten trauen kann.“ (ebd.). Klein kritisiert explizit die Regel-Terminologie der Dudengrammatik und formuliert als Gegenthese, „dass die deutsche Sprache für die oben aufgegriffenen komplexen Kongruenzkonstellationen gar keine Regeln besitzt – schon gar keine ‚strengen‘ oder ‚eindeutigen‘“ (ebd.).

Im Schlusskapitel wiederholt Klein noch einmal seine zentralen Positionen: „Wer Zweifelsfälle tilgen will, beschädigt die Sprache.“ (S. 326) oder auch „Der Schlüssel für ein Gegenkonzept zur Variantentilgung liegt im Begriff der Sprachvariation.“ (ebd.) oder „Das Schönste, was diesem Buch widerfahren könnte, wäre eine Rezeption, die einen Beitrag zur Versöhnung zwischen der Begeisterungs- und der Belästigungshaltung liefern würde.“ (S. 329)

Nur: Rezeption durch wen? Das Buch ist in der Reihe ‚Studium‘ des Verlags De Gruyter erschienen, also offenbar als Studienbuch konzipiert. Explizite Hinweise darauf, inwiefern die vorliegende Darstellung dieser Zielsetzung folgt, finden sich nicht. Leider fehlt ein Vorwort mit Angaben zur Zielgruppenorientierung. Den kurzen Ausführungen auf der Buchrückseite können wir entnehmen, dass das Buch als Einführungsbuch in die sprachwissenschaftliche Analyse derartiger Fälle konzipiert ist. Darüber hinaus „werden auch die Orientierungsbedürfnisse von Sprechern berücksichtigt, die mit solchen Zweifelsfällen konfrontiert sind und Empfehlungen für ihren Sprachgebrauch erwarten“. Dadurch entsteht der Eindruck: Klein wünscht sich eine breite Rezeption auch außerhalb von Germanistikstudium und Linguistik. Er bemüht sich deshalb um eine verständliche Darstellung, die als tendenziell essayistisch gekennzeichnet werden kann. Klein ordnet seine Zitationspraxis der Zielsetzung einer guten Lesbarkeit unter:

„[...] auch bei den weiteren Analysen werden in der Regel zunächst die einschlägigen Klärungen und Befunde der letzten Auflagen von Duden 9, aufgegriffen, ohne dass diese Bezüge hier immer im Details und bei jedem Wort bibliographisch nachgewiesen werden“ (S. 107); „Die folgenden Überlegungen schließen locker an einschlägige und ausführlichere Stellungnahmen und Untersuchungen zum Problemkreis an“ (S. 252).

Für die potentielle Zielgruppe sprachlich Interessierter außerhalb universitärer Zusammenhänge mag diese Strategie sinnvoll sein (wenngleich sich erst zeigen wird, wie realistisch es ist anzunehmen, man könne diese Zielgruppe mit einem Studienbuch erreichen). Für die primäre Zielgruppe eines Studienbuchs, nämlich Studierende der Germanistik, ist diese Strategie nicht unproblematisch, denn für sie kann es gerade von Bedeutung sein, genaue Quellenangaben für das vertiefte Studium ausgewählter Detailbereiche zu erhalten. Allerdings ist ohnehin – wie bereits angedeutet – die Studienbuchkonzeption nicht transparent. Für diese potentielle Zielgruppe fehlen insbesondere explizite Hilfestellungen zur eigenständigen Untersuchung sprachlicher Zweifelsfälle. Dass der Autor offenbar Vorbehalte gegenüber korpuslinguistischen Methoden hegt, ist hier wenig hilfreich.

Als an Zweifelsfallforschung interessierte Linguistin hätte ich mir mehr Präzision und Innovation gewünscht. So wäre es beispielsweise bei dem hohen Stellenwert, den der Autor der Komplexität als Erklärungszusammenhang einräumt, aus Sicht der Rezensentin sinnvoll gewesen, den Erklärungsansatz durch eine Anknüpfung an Theoriebausteine der jüngeren Komplexitätsforschung auszubauen. Für eine genauere Begründung einer zweifelsfallgenerierenden Rolle von Komplexität ist ein Komplexitätsbegriff m. E. unerlässlich. Auch die Einordnung von Peripherie als „Brutstätte sprachlicher Zweifelsfälle“ bietet noch keinen ausreichenden Erklärungszusammenhang. Es fehlt ein Verweis auf den Erklärungsansatz der „konfligierenden Teilsysteme“ (Ágel 2008, Hennig 2017). Schließlich hätte man von einer umfassenden Aufarbeitung des Themengebiets der sprachlichen Zweifelsfälle eine ausführliche und differenzierte Diskussion zum Verhältnis von Zweifelsfall und Fehler erwarten können.

Zusammenfassend sei festgehalten: Das Buch bietet insgesamt einen gut lesbaren Überblick über sprachliche Zweifelsfälle und hat seine Stärken insbesondere in der historiographischen Aufarbeitung der Geschichte des metasprachlichen Zweifelsfalldiskurses. In Bezug auf die Zweifelsfallerklärung bietet es hingegen keine wesentlichen Neuerungen gegenüber den früheren Schriften des Autors.

Literatur

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Online erschienen: 2025-02-12
Erschienen im Druck: 2025-11-25

© 2025 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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