Home Medicine Kinder mit Typ-1-Diabetes: Elternerfahrungen zur Teilhabe in Kita und Schule
Article Publicly Available

Kinder mit Typ-1-Diabetes: Elternerfahrungen zur Teilhabe in Kita und Schule

  • Brigitte Borrmann EMAIL logo and Nicole Rosenkötter
Published/Copyright: November 30, 2021

Zusammenfassung

Im Rahmen einer Online-Befragung wurden die Erfahrungen der Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes bezüglich der Teilhabe im KiTa- und Schulalltag erfasst. Um die vollständige Teilhabe in KiTa und Schule zu ermöglichen, sind aus Sicht der Eltern vor allem Verbesserungen im Bereich der Schulung von Erzieher/innen und Lehrkräften und der Betreuungssituation in den Einrichtungen sowie mehr Transparenz und Unterstützung bei der Beantragung von Hilfen erforderlich.

Abstract

We used an online survey to assess the experiences of parents of children with type 1 diabetes regarding participation in day-care centres and schools. In order to enable full participation in day-care centres and school, parents believe that improvements are needed, above all, in the training of educators and teachers and the care situation in the facilities, as well as more transparency and support when applying for assistance.

Schlüsselwörter: Diabetes Typ 1; Inklusion; Teilhabe

In Nordrhein-Westfalen leben Ende 2015 mindestens 7.000 Kinder und Jugendliche mit Typ 1 Diabetes [1]. Die Behandlungsmöglichkeiten sind – auch durch viele technische Neuerungen – inzwischen sehr gut. Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit unterscheiden sich daher in der Regel nicht von Kindern ohne eine chronische Erkrankung. Deutschlandweite Studien zeigen jedoch, dass es für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes zum Teil erhebliche Teilhabeprobleme gibt [2], [3], obwohl durch die UN-Behindertenrechtskonvention und das Bundesteilhabegesetz (BTHG) das Recht auf uneingeschränkte Teilhabe gewährleistet sein sollte.

Das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen hat deshalb eine Elternbefragung zu den Erfahrungen der Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes im KiTa- und Schulalltag in Auftrag gegeben. Die Studie wurde vom Landeszentrum Gesundheit NRW im Sommer 2020 in Zusammenarbeit mit einem Befragungsinstitut durchgeführt. 445 Personen (darunter 85% Frauen) haben an der Befragung teilgenommen.

Teilhabe gelingt, wenn alle Beteiligten gut zusammenarbeiten

Die befragten Eltern haben höchst unterschiedliche Erfahrungen bezüglich der Teilhabe ihrer Kinder im KiTa- und Schulalltag gemacht. Knapp die Hälfte (46%) ist grundsätzlich zufrieden mit dem Umgang mit der Diabetes-Erkrankung, ein Viertel ist deutlich unzufrieden und etwa 30% geben einen mittleren Zufriedenheitswert an. Die schriftlichen Aussagen im qualitativen Teil der Studie reichen dementsprechend von „Es ist eine Katastrophe! Es gibt für Eltern und Kinder keinen Ansprechpartner in der Schule. Lehrer sind nicht gewillt, da es nicht ihre Aufgabe ist, man ist einfach verloren“ (TN 633, w, 34 J.) bis „Perfekte Unterstützung, da der Schulleiter unmittelbar betroffen ist.“ (TN 028, m, 48 J.).

Am häufigsten treten Teilhabeprobleme im Zusammenhang mit Klassenfahrten auf. Jedes zweite Grundschul-Kind und jedes vierte KiTa-Kind kann nur mit Einschränkungen an der Gemeinschaftsverpflegung teilnehmen. Zusätzlich können Kinder mit Typ-1-Diabetes häufig nicht an Ausflügen oder anderen schulischen Angeboten teilnehmen (s. Abbildung 1).

Abbildung 1: Zustimmung der Eltern bzw. der primären Bezugspersonen in Prozentbzgl. grundsätzlich vorliegender Teilhabeeinschränkungen in (A) KiTa bzw. (B) Grundschule und weiterführender Schule, Nordrhein-Westfalen, 2020 (LZG.NRW, eigene Darstellung).
Abbildung 1:

Zustimmung der Eltern bzw. der primären Bezugspersonen in Prozentbzgl. grundsätzlich vorliegender Teilhabeeinschränkungen in (A) KiTa bzw. (B) Grundschule und weiterführender Schule, Nordrhein-Westfalen, 2020 (LZG.NRW, eigene Darstellung).

In vielen Fällen versuchen die Mütter (bzw. andere Familienangehörige) Teilhabeprobleme durch ihre Anwesenheit oder eine durchgängige Rufbereitschaft abzufangen (s. Abbildung 2). Mit zunehmendem Alter können die meisten Kinder und Jugendlichen den Umgang mit ihrer Erkrankung selbst so gut organisieren, dass sie wenig oder keine krankheitsbedingten Einschränkungen im Schulalltag erleben.

Abbildung 2: Notwendigkeit einer täglichen bzw. täglich mehrstündigen elterlichen Begleitung in KiTa und Schule (Angaben in Prozent). Antworten der Eltern bzw. primären Bezugspersonen von Kindern mit Typ-1-Diabetes, Nordrhein-Westfalen, 2020 (LZG.NRW, eigene Darstellung).
Abbildung 2:

Notwendigkeit einer täglichen bzw. täglich mehrstündigen elterlichen Begleitung in KiTa und Schule (Angaben in Prozent). Antworten der Eltern bzw. primären Bezugspersonen von Kindern mit Typ-1-Diabetes, Nordrhein-Westfalen, 2020 (LZG.NRW, eigene Darstellung).

Eine Integrationskraft kommt bei ca. 10% (KiTa: 23%, Grundschule: 20%, weiterführende Schule: 2%) und ein Pflegedienst bei ca. 8% (KiTa: 12%, Grundschule: 17%, weiterführende Schule: 2%) der Kinder und Jugendlichen (zeitweise) zum Einsatz. Die Organisation dieser externen Unterstützung ist für die Eltern oft mit großen Schwierigkeiten verbunden. 58% der befragten Eltern von KiTa-Kindern und 65% der Eltern von Grundschulkindern bewerteten den Aufbau von Unterstützungsstrukturen als aufwendig bis extrem aufwendig. Auch bei Eltern von Schülerinnen und Schülern an weiterführenden Schulen liegt dieser Anteil noch bei 45%.

Wie gut und umfassend die Teilhabe gelingt, hängt auch von Schulungsangeboten für die pädagogischen Fachkräfte und deren Teilnahmebereitschaft ab. In KiTas finden fast immer (zu 96%) Schulungen statt, wenn ein Kind mit Typ-1-Diabetes aufgenommen wird. Für Lehrkräfte an Grundschulen werden auch noch häufig Schulungen durchgeführt (72%). An weiterführenden Schulen liegt der Anteil bei 42%. In insgesamt 69% der Fälle, bei denen keine Schulung stattgefunden hat, hätten die Eltern diese für notwendig erachtet.

Einige Eltern beklagen mangelndes Verständnis und mangelnde Offenheit der pädagogischen Fachkräfte: „Die Bedingungen sind teilweise sehr schlecht. Das Kind wird komplett allein gelassen mit allen Situationen, bedingt auch durch Unwissenheit der Lehrer.“ (TN 491, w, 43 J.) „Es gibt kein geschultes Personal. Lehrer sind zum Teil überfordert oder genervt.“ (TN 101, w, 43 J.). Im Extremfall wird Eltern schon im Vorfeld der Einschulung der Besuch einer Förderschule angeraten.

Am Ende der Befragung wurden die Teilnehmenden nach positiven Einflussfaktoren und Idealbedingungen gefragt. Die Kategorisierung der Antworten ergab ein breites Spektrum mit einem deutlichen Akzent der elterlichen Prozessbeteiligung:

  1. eigene Einstellung der Eltern, die von Offenheit und Motivation zur Eigeninitiative geprägt sein sollte,

  2. die eigene Kommunikationsbereitschaft, Erreichbarkeit und Unterstützungskraft der Eltern,

  3. ein Arbeitsplatz, der die Unterstützung des Kindes ermöglicht,

  4. die Selbständigkeit des Kindes im Umgang mit der Erkrankung,

  5. organisatorische Aspekte, wie die Nutzung von technischen Möglichkeiten beim Diabetesmanagement,

  6. engagierte, akzeptierende und offene Einstellung der pädagogischen Fachkräfte,

  7. zusätzliche Dienstleister, wie Integrationshilfe oder Pflegedienst,

  8. die fachliche Beratung durch die betreuenden Kliniken, Ambulanzen oder Praxen,

  9. die Schulungen der Kinder, Eltern und der pädagogischen Fachkräfte sowie

  10. die Unterstützung durch Stiftungen, Vereine und Selbsthilfe.

Zu den Rahmenbedingungen, die aus Elternsicht erfüllt sein sollten, gehören erstens verpflichtende Schulungen für pädagogische Fachkräfte oder zumindest eine erhöhte Teilnahmebereitschaft. Zweitens sollte die Betreuungssituation in den Bildungseinrichtungen verbessert werden. Hier wäre aus Sicht der Eltern zum einen spezielles Fachpersonal für Kinder mit Unterstützungsbedarf hilfreich, zum anderen würde auch schon der Abbau von Ängsten, mehr Akzeptanz und eine größere Offenheit im Umgang mit Kindern mit Typ-1-Diabetes eine große Entlastung darstellen. Drittens brauchen Eltern nach eigener Angabe mehr Transparenz und Unterstützung bei der Beantragung von Hilfeleistungen.

Einordnung der Ergebnisse: Persistierende Probleme, erkennbare Fortschritte

Die Ergebnisse der Elternbefragung stimmen im Wesentlichen mit den Erkenntnissen aus vorangegangenen Studien überein. In einer deutschlandweiten Untersuchung wurden erhebliche Inklusionsdefizite festgestellt, die zum Teil durch Einschränkung der elterlichen Berufstätigkeit aufgefangen werden [3]. Auch in der AMBA-Studie zeigte sich, dass Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes erhebliche psychische Belastungen erleben und Mütter ihre Berufstätigkeit signifikant einschränken müssen [2]. Zu beachten ist, dass alle Studien retrospektiv angelegt waren.

In Nordrhein-Westfalen hat ein Runder Tisch zum Thema Typ-1-Diabetes (bestehend aus Expertinnen und Experten aus der Diabetesversorgung) in den letzten Jahren Maßnahmen für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes auf den Weg gebracht. Dazu gehören vom Land geförderte Schulungen für pädagogische Fachkräfte und die Unterstützung bei Ausflügen und Klassenfahrten.

Fazit aus der Public Health Perspektive

Typ-1-Diabetes ist nur eine von vielen chronischen Erkrankungen, unter denen Kinder und Jugendliche leiden können. Der Anteil an Betroffenen in dieser Altersgruppe liegt – je nach Definition bzw. Operationalisierung – bei etwa 10 bis 20% [4], [5].

Hinter den am Beispiel Typ-1-Diabetes geschilderten Teilhabeproblemen stecken verschiedene ressortübergreifende und strukturelle Problemlagen, von deren nachhaltiger Bewältigung auch andere Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen sowie deren Familien profitieren würden.

Mangelnde Teilhabemöglichkeiten sind auch deshalb ein Problem, weil dadurch neue Krankheitsrisiken entstehen (bspw. psychische Folgeerkrankungen) und der Bildungserfolg eine der wichtigsten Gesundheitsressourcen im Lebenslauf darstellt.


*Korrespondenz: Dr. Brigitte Borrmann, Landeszentrum Gesundheit NRW, Fachgruppe Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitscampus 10, 44801 Bochum, Germany

  1. Autorenerklärung

  2. Autorenbeteiligung: Alle Autoren tragen Verantwortung für den gesamten Inhalt dieses Artikels und haben der Einreichung des Manuskripts zugestimmt. Finanzierung: Das Projekt wurde gefördert durch das Ministerium für Gesundheit Arbeit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass kein wirtschaftlicher oder persönlicher Interessenkonflikt vorliegt. Ethisches Statement: In Übereinstimmung mit der Deklaration von Helsinki wurden die Teilnehmer über das genaue Verfahren der Studie informiert und haben freiwillig teilgenommen. Alle Teilnehmer gaben ihre Zustimmung.

  3. Author Declaration

  4. Author contributions: All authors have accepted responsibility for the entire content of this submitted manuscript and approved submission. Funding: The project received funding by Ministry of Labor, Health and Social Affairs of the State of North Rhine-Westphalia. Conflict of interest: Authors state no conflict of interest. Ethical statement: In accordance with the Helsinki Declaration, the participants were informed about the exact procedure of the study and took part voluntarily. All participants gave their approval.

Literatur

1. Rosenbauer J, Stahl-Pehle A, Castillo K, Kordonouri O, Kiess W, Meissner T, et al. Wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland sind von einem Typ-1-Diabetes betroffen? Diabetologie und Stoffwechsel 2017;12:S75.10.1055/s-0037-1601801Search in Google Scholar

2. Dehn-Hindenberg A, Lange K. Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes: Folgen für Berufstätigkeit, psychosoziale Belastungen und Bedarf an Unterstützungsleistungen – Ergebnisse der AMBA-Studie Diabetologie und Stoffwechsel 2019;14:S69.10.1055/s-0039-1688306Search in Google Scholar

3. Heinrich M, Boß K, Wendenburg J, Hilgard D, Sengbusch von S, Kapellen TM. Unzureichende Versorgung gefährdet Inklusion von Kindern mit Diabetes mellitus Typ 1. Diabetologie und Stoffwechsel 2019;14:380–7.10.1055/a-0970-8886Search in Google Scholar

4. Neuhauser H, Poethko-Müller C. Chronische Erkrankungen und impfpräventable Infektionserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland: Ergebnisse der KiGGS-Studie – Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1). Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitschutz 2014;57:779–88.10.1007/s00103-014-1976-6Search in Google Scholar PubMed

5. Schmidt S, Thyen U. Was sind chronisch kranke Kinder? Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitschutz 2008;51:585–91.10.1007/s00103-008-0534-5Search in Google Scholar PubMed

Online erschienen: 2021-11-30
Erschienen im Druck: 2021-11-25

©2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Articles in the same Issue

  1. Frontmatter
  2. Editorial
  3. Diabetes mellitus – die stille Pandemie
  4. Diabetes-Surveillance am Robert Koch-Institut – Modellprojekt für den Aufbau einer NCD-Surveillance in Deutschland
  5. Aufklärungs- und Informationskampagnen zu Diabetes Mellitus – Systematische Recherche der Literatur und der sozialen Medien
  6. „Mein Wissen über Diabetes ist eigentlich, dass es gar nicht so schlimm ist.“ – Wissen und Awareness für das Typ-2-Diabetes-Risiko unter jungen Erwachsenen
  7. Bundesweite Präventionskampagne zur Früherkennung eines Typ-1-Diabetes im Kindes- und Jugendalter
  8. Digitale Prävention des Typ-2-Diabetes
  9. Diabetes-Aufklärung – Herausforderung für ÄrztInnen und ihre Teams
  10. Kinder mit Typ-1-Diabetes: Elternerfahrungen zur Teilhabe in Kita und Schule
  11. DiaLife – zusammen leben mit Diabetes: Schulungsprogramm für Angehörige
  12. Patient:innen-Coaches als Brücke zwischen medizinischen Behandler:innen und Lebensalltag – Ein Bericht aus der Betroffenheitsperspektive
  13. Schaffung gesunder Ernährungsumfelder: Ergebnisse des Food-EPI
  14. Gesunde Ernährung von Anfang an
  15. Ernährungsbezogener Lebensstil bei Diabetes
  16. Bewegung im Kindes- und Jugendalter
  17. Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung bei Diabetes
  18. Rauchen und Alkoholkonsum als Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes – Konsequenzen für die Prävention
  19. Gestationsdiabetes in Deutschland
  20. Corona-Pandemie: COVID-19 und Diabetes mellitus
  21. Psychosoziale Aspekte und Diabetes
  22. Leistungsinanspruchnahme und Kosten bei Menschen mit Diabetes und komorbider Depression
  23. Ein Scoping Review internationaler Diabetes-Leitlinien
  24. Disease-Management-Programme (DMP): ein Beispiel für erfolgreiches Qualitätsmanagement? Ergebnisse aus dem DMP Typ-2-Diabetes in Nordrhein-Westfalen
  25. Entscheidungshilfe zum diabetischen Fußsyndrom unterstützt Zweitmeinungsverfahren
  26. Nachruf für Beate Blättner
  27. Public Health Infos
Downloaded on 3.2.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/pubhef-2021-0083/html
Scroll to top button