Zusammenfassung
Zur Früherkennung eines Typ-1-Diabetes und Vorbeugung einer schweren, lebensbedrohlichen Stoffwechselentgleisung (diabetische Ketoazidose, DKA) bei Manifestation im Kindes- und Jugendalter werden im Rahmen einer bundesweiten Präventionskampagne der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Diabetologie (AGPD) Eltern und Familien junger Kinder bei den Vorsorgeuntersuchungen U6 und U7a über die diabetes-typischen Symptome mittels Informationsflyer aufgeklärt. Dadurch soll die DKA-Rate bei Manifestation deutlich reduziert werden.
Abstract
To prevent the potentially life-threatening complication, diabetic ketoacidosis (DKA) at type 1 diabetes onset in children and adolescents, a nationwide awareness campaign of the German Working Group of Pediatric Diabetes (AGPD) inform parents and young families about the typical clinical symptoms of type 1 diabetes at preventive check-ups by information-flyers. As a consequence DKA-rate at diabetes-onset shall reduce significantly.
Ketoazidosen bei Manifestation des Diabetes
Diabetes mellitus Typ-1 ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter in Deutschland. In verschiedenen Studien der letzten Jahre zeigte sich ein deutlicher Anstieg der Häufigkeit in Deutschland und auf der ganzen Welt, besonders jüngere Kinder sind zunehmend betroffen [1], [2]. Nach aktuellen Schätzungen leben in Deutschland ca. 32.500 Kinder und Jugendliche im Alter von 0-19 Jahren mit einem Typ-1-Diabetes. Die vorhergesagte Prävalenz bis Ende 2026 liegt bei 0,27 Prozent, dies bedeutet, dass ca. 3 von 1.000 Kindern an einem Diabetes Typ-1 erkranken [3].
Ketoazidosen bei Manifestation des Diabetes stellen nach wie vor ein großes Problem in der Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes, auch international, dar [4], [5]. In Deutschland ist die Häufigkeit der diabetischen Ketoazidose (DKA) bei Manifestation in den letzten 15 Jahren konstant bei 20-26% geblieben. Gekennzeichnet ist die DKA durch die folgenden 3 Merkmale: Hyperglykämie (Blutzucker >200 mg/dL, 11,1 mmol/L), pH<7,3 oder Bikarbonat <15 mmol/L sowie Ketonämie und Ketonurie. Pathophysiologisch entscheidende Faktoren sind der Insulinmangel, die Dehydratation sowie eine Erhöhung der gegenregulatorischen Hormone. Daraus resultieren ein beschleunigter Katabolismus, eine gestörte periphere Glukoseverwertung mit nachfolgender Hyperglykämie und Hyperosmolarität und eine verstärkte Lipolyse und Ketogenese. Von der Dehydratation sind sowohl der Extra- als auch der Intrazellulärraum betroffen. Mit dem Flüssigkeitsverlust gehen häufig Elektrolytverluste einher [6]. Gerade bei Kleinkindern, die immer häufiger an Typ-1-Diabetes erkranken, kommt es besonders häufig bei Manifestation zu dieser schweren Stoffwechselentgleisung [7].
Während des ersten Lockdowns der Corona-Pandemie ist die Zahl der DKA bei Kindern stark angestiegen: vom 13. März bis 13. Mai 2020 hat sich die DKA-Rate mit 238 Fällen gegenüber den Vergleichszeiträumen der Vorjahre nahezu verdoppelt; insbesondere die Fallzahl der Vorschulkinder mit einer schweren Stoffwechselentgleisung ist deutlich angestiegen. Die Anzahl der Neuerkrankungen von Kindern mit Typ-1 Diabetes hat sich jedoch insgesamt nicht verändert [8], [9]. Und verschiedene Studien konnten nachweisen, dass eine DKA bei Manifestation zu einer verschlechterten Stoffwechseleinstellung im Langzeitverlauf führt und das Risiko von erneuten Ketoazidosen erhöht [10], [11].
Präventive Aufklärungskampagne
Eine systematische Übersicht und Metaanalyse hat vor kurzem gezeigt, dass Aufklärungskampagnen effektiv und signifikant die Rate der Ketoazidosen bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes reduzieren können [12]. In Stuttgart konnte am Olgahospital des Klinikums Stuttgart zusammen mit dem Gesundheitsamt über drei Jahre (2015-2017) ein Ketoazidose-Präventionsprogramm für den Großraum Stuttgart durchgeführt werden. Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen wurden durch die Ärzte alle Eltern über die klassischen Symptome eines Insulinmangels (ständiger Durst, häufiges Wasserlassen, Gewichtsabnahme, stetige Müdigkeit) über Informationsflyer und Plakate mit griffigen Piktogrammen aufgeklärt, zusätzlich alle Kindertageseinrichtungen und die Stuttgarter Kinderärzte. Auch die Öffentlichkeit wurde mehrmals durch Zeitungsberichte über die Kampagne informiert, um eine möglichst breite Bekanntmachung innerhalb der Bevölkerung zu erreichen.
Die Aufklärungskampagne erreichte in den drei Jahren über 17.000 Kinder und ihre Familien. Im Verlauf der Kampagne konnte in Stuttgart die Ketoazidoserate von 28% (durchschnittliche Rate der Jahre 2011-2013) auf 16% signifikant reduziert werden. Die Wirksamkeit der Aufklärungsmaßnahmen konnte somit wissenschaftlich erwiesen und eindrucksvoll dokumentiert werden [13].
Diese Tatsachen führten zu dem Entschluss der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Diabetologie (AGPD), eine bundesweite DKA-Präventionskampagne (https://diabetes-kinder.de) durchzuführen. Vergleichbar mit den Schuleingangsuntersuchungen sind Vorsorgeuntersuchungen eine gute Gelegenheit, Eltern und Familien von kleinen Kindern über die möglichen Symptome des Typ-1-Diabetes zu informieren. In Kooperation mit dem Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) werden seit Anfang des Jahres 2021 bundesweit Informationsflyer für niedergelassene Kinder- und Jugendärzte zur Schulung von Eltern während den Vorsorgeuntersuchungen U6 (1 Jahr) und U7a (3 Jahre) zur Verfügung gestellt. Die Informationsflyer über die 4 diabetes-spezifischen Symptome sind einfach, aber einprägend mittels Icons gestaltet und passen von ihrer Größe sehr gut in das U-Heft des jeweiligen Kindes (Abbildung 1). Dafür hat die AGPD bisher 1 Mio. Flyer, die erste Charge für 2021, gedruckt und an ca. 6.300 Kinder- und Jugendärzte (je 150 Flyer pro Ärztin/Arzt) verschicken lassen. Die Kampagne ist gut angenommen worden und es besteht eine große Nachfrage, so dass ein erneuter Versand von 1 Mio. Flyer für Oktober geplant ist. Darüber hinaus wird regelmäßig per Newsletter und auf Tagungen über die Kampagne informiert. Mit häufiger Öffentlichkeitsarbeit soll die Gesamtbevölkerung erreicht werden. Geplant ist die Fortführung des Projektes für mindestens drei Jahre, die wissenschaftliche Auswertung erfolgt über das Diabetes Patienten Verlaufsdokumentation (DPV) Programm der Universität Ulm (Prof. Dr. R. Holl).

Informationsflyer über die 4 typischen Symptome des Typ-1-Diabetes.

Fortsetzung
Ausblick
Wir erwarten, mit dieser wissenschaftlich begleiteten Vorsorgekampagne das Wissen über die Symptome des Typ-1-Diabetes zu verbessern und damit nachhaltig die Zahl der diabetischen Ketoazidosen durch eine frühzeitige Erkennung der Erkrankung bei Kindern signifikant zu reduzieren.
Autorenerklärung
Autorenbeteiligung: Der Autor trägt Verantwortung für den gesamten Inhalt dieses Artikels. Finanzierung: Der Autor erklärt, dass er keine finanzielle Förderung erhalten hat. Interessen-konflikt: Der Autor erklärt, dass kein wirtschaftlicher oder persönlicher Interessenkonflikt vorliegt. Ethisches Statement: Für die Forschungsarbeit wurden weder von Menschen noch von Tieren Primärdaten erhoben.
Author Declaration
Author contributions: The author has accepted responsibility for the entire content of this submitted manuscript. Funding: The author states no funding involved. Conflict of interest: The author states no conflict of interest. Ethical statement: Primary data neither for human nor for animals were collected for this research work.
Literatur
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©2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Artikel in diesem Heft
- Frontmatter
- Editorial
- Diabetes mellitus – die stille Pandemie
- Diabetes-Surveillance am Robert Koch-Institut – Modellprojekt für den Aufbau einer NCD-Surveillance in Deutschland
- Aufklärungs- und Informationskampagnen zu Diabetes Mellitus – Systematische Recherche der Literatur und der sozialen Medien
- „Mein Wissen über Diabetes ist eigentlich, dass es gar nicht so schlimm ist.“ – Wissen und Awareness für das Typ-2-Diabetes-Risiko unter jungen Erwachsenen
- Bundesweite Präventionskampagne zur Früherkennung eines Typ-1-Diabetes im Kindes- und Jugendalter
- Digitale Prävention des Typ-2-Diabetes
- Diabetes-Aufklärung – Herausforderung für ÄrztInnen und ihre Teams
- Kinder mit Typ-1-Diabetes: Elternerfahrungen zur Teilhabe in Kita und Schule
- DiaLife – zusammen leben mit Diabetes: Schulungsprogramm für Angehörige
- Patient:innen-Coaches als Brücke zwischen medizinischen Behandler:innen und Lebensalltag – Ein Bericht aus der Betroffenheitsperspektive
- Schaffung gesunder Ernährungsumfelder: Ergebnisse des Food-EPI
- Gesunde Ernährung von Anfang an
- Ernährungsbezogener Lebensstil bei Diabetes
- Bewegung im Kindes- und Jugendalter
- Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung bei Diabetes
- Rauchen und Alkoholkonsum als Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes – Konsequenzen für die Prävention
- Gestationsdiabetes in Deutschland
- Corona-Pandemie: COVID-19 und Diabetes mellitus
- Psychosoziale Aspekte und Diabetes
- Leistungsinanspruchnahme und Kosten bei Menschen mit Diabetes und komorbider Depression
- Ein Scoping Review internationaler Diabetes-Leitlinien
- Disease-Management-Programme (DMP): ein Beispiel für erfolgreiches Qualitätsmanagement? Ergebnisse aus dem DMP Typ-2-Diabetes in Nordrhein-Westfalen
- Entscheidungshilfe zum diabetischen Fußsyndrom unterstützt Zweitmeinungsverfahren
- Nachruf für Beate Blättner
- Public Health Infos
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- Frontmatter
- Editorial
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- Diabetes-Surveillance am Robert Koch-Institut – Modellprojekt für den Aufbau einer NCD-Surveillance in Deutschland
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