Zusammenfassung
Der Nutzen von körperlicher Aktivität im Kindes- und Jugendalter mit und ohne Diabetes ist unbestritten. Trotzdem werden aktuelle Empfehlungen kaum erreicht. Einen möglichen Ansatz bietet die Förderung der Physical Literacy bzw. der bewegungsbezogenen Gesundheitskompetenz, die als ganzheitliche Grundlage für ein lebenslanges Bewegen verstanden wird. Dies sollte aber in verhältnispräventive Maßnahmen eingebettet werden, um auch die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen bewegungsfreundlicher zu gestalten.
Abstract
The benefits of physical activity in childhood and adolescence with and without diabetes are undisputed. Nevertheless, current recommendations are hardly achieved. One possible approach is the promotion of physical literacy or physical activity-related health literacy, which is understood as a holistic basis for lifelong physical activity. This should, however, be embedded in measures of community-based prevention in order to establish a healthy and activity-friendly environment.
Einleitung
Der gesundheitliche Nutzen von körperlicher Aktivität ist für jede Altersgruppe inzwischen gut belegt [1]. Aber kaum eine Gruppe profitiert so grundlegend von Bewegung, Spiel und Sport wie Kinder und Jugendliche. Die postulierten Zusammenhänge und Wechselwirkungen auf eine gesunde Entwicklung bzw. die bewegungsbezogene Gesundheitskompetenz („Physical Literacy“) sowie mögliche hemmende bzw. förderliche Einflussfaktoren sind in Abbildung 1 schematisch dargestellt. Dies trifft insbesondere für Kinder mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus zu. Es kommt zu einer Verbesserung der glykämischen Kontrolle sowie einer günstigen Beeinflussung potenzieller Komorbiditäten insbesondere der Lipide, aber auch psychosozialer Faktoren [2]. Neben dem klassischerweise in dieser Altersgruppe häufiger vorkommenden Typ 1 Diabetes mellitus, gilt dies auch für Kinder, die im Kontext von Übergewicht bzw. Adipositas einen Typ 2 Diabetes entwickeln sowie für die Koexistenz von Adipositas und Typ 1 Diabetes. Letztere stellt nicht nur ein wachsendes Problem, sondern eine ernome Herausforderung für ein wirksames Glykämie- und Gewichtsmanagement dar [3]. Im Folgenden wird nun detaillierter die Rolle von Bewegung bzw. körperlicher Aktivität für Kinder und Jugendliche allgemein und im Kontext Diabetes dargestellt.
![Abbildung 1: Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Bewegung, Spiel bzw. Sport und der Entwicklung von Physical Literacy bzw. Gesundheit (aus Graf in [1]).](/document/doi/10.1515/pubhef-2021-0091/asset/graphic/j_pubhef-2021-0091_fig_001.jpg)
Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Bewegung, Spiel bzw. Sport und der Entwicklung von Physical Literacy bzw. Gesundheit (aus Graf in [1]).
Aktuelle Empfehlungen und Status quo
Generell gelten für Kinder und Jugendliche mit bzw. ohne Diabetes (oder auch Übergewicht) die gleichen Empfehlungen. Allerdings ist die Datenlage, welche Form und wie viel Bewegung für eine gesunde Entwicklung notwendig oder gar ausreichend ist, eher spärlich. Zumeist werden Mindestempfehlungen ausgesprochen, bspw. die von der WHO [4] geforderten 60 min pro Tag mit zumindest moderater Intensität (s. u.a. [5]). Die aktuellen deutschen Bewegungsempfehlungen basieren im Wesentlichen auf epidemiologischen Untersuchungen, Expertenmeinungen, der Recherche und Bewertung aller bis zu dem Zeitpunkt erschienenen internationalen Empfehlungen sowie systematischen Reviews unter Berücksichtigung verschiedener Altersgruppen [6] (s. Tabelle 1). Deutlich wird, dass explizit keine Sportarten empfohlen werden. Im Mittelpunkt stehen vor allem der Spaß und die Umsetzung unter Berücksichtung der individuellen gesundheitlichen Ausgangslage.
| Altersgruppe | Empfehlung |
|---|---|
| Säuglinge und Kleinkinder | Säuglinge und Kleinkinder sollten so wenig wie möglich in ihrem natürlichen Bewegungsdrang gehindert werden und sich so viel wie möglich bewegen; auf sichere Umgebungsbedingungen ist zu achten |
| Kindergartenkinder (4 bis 6 Jahre) | Für Kindergartenkinder soll eine angeleitete und nichtangeleitete Bewegungszeit von 180 min/Tag und mehr erreicht werden |
| Grundschulkinder (6 bis 11 Jahre) | Für Kinder ab dem Grundschulalter soll eine tägliche Bewegungszeit von 90 min und mehr mit moderater [1] bis intensiver [2] Intensität erreicht werden. 60 min davon können durch Alltagsaktivitäten, z.B. Schulweg, jedoch mindestens 12.000 Schritte/Tag absolviert werden |
| Jugendliche (12 bis 18 Jahre) | Für Jugendliche soll eine tägliche Bewegungszeit von 90 min und mehr mit moderater bis intensiver Intensität erreicht werden. 60 min davon können durch Alltagsaktivitäten, z.B. mindestens 12.000 Schritte/Tag absolviert werden |
| Spezifische Aspekte | Besonderheiten, aber auch Neigungen, Bedürfnisse und mögliche Barrieren der jeweiligen Zielgruppe, z.B. Alter, Geschlecht, soziokulturelle Faktoren, sollen berücksichtigt werden |
| Allgemein soll eine Förderung der motorischen Leistungsfähigkeit alters- und geschlechtsangepasst durchgeführt werden | |
| Ab dem Grundschulalter soll zur Verbesserung von Kraft und Ausdauer an zwei bis drei Tagen pro Woche eine intensive Beanspruchung der großen Muskelgruppen erfolgen, jeweils unter Berücksichtigung des individuellen Entwicklungsstandes. | |
| „Bewegungsarme“ Kinder und Jugendliche sollten schrittweise an das Ziel herangeführt werden, z.B. durch zunächst 30 min Bewegung an ein bis zwei Tagen pro Woche. Anschließend werden der zeitliche Umfang, dann die Intensität gesteigert. | |
| Sitzende Tätigkeiten in der Freizeit/Bildschirmmedien | Vermeidbare Sitzzeiten sollten auf ein Minimum reduziert werden. Neben (motorisiertem) Transport, z.B. in Babyschale oder Kindersitz, oder unnötig im Haus verbrachten Zeiten, betrifft dies insbesondere die Reduktion des Bildschirmmedienkonsums auf ein Minimum |
| Säuglinge und Kleinkinder | 0 min |
| Kindergartenkinder | möglichst wenig, maximal 30 min/Tag |
| Grundschulkinder | möglichst wenig, maximal 60 min/Tag |
| Jugendliche | möglichst wenig, max. 120 min/Tag |
Generell zeigt sich eine deutliche Abnahme der Bewegungszeit im Kindes- und Jugendalter [7]. Aufgrund der negativen Folgen wurde daher vor wenigen Jahren der Begriff „Exercise Deficit Disorder“ [8] eingeführt. Damit wird eine Abwärtsspirale mit weniger Bewegungserfahrung, Abnahme der motorischen und/oder körperlichen Leistungsfähigkeit sowie der weiteren Zunahme von Sitzzeit mit den möglichen gesundheitlichen Konsequenzen beschrieben. Dies betrifft in besonderem Maße Kinder mit chronischen Erkrankungen, die nicht selten aus Sorge vor Zwischenfällen im Sport(unterricht), z.B einer Hypoglykämie, davon ferngehalten werden. Umgekehrt gelten Patientenschulungen als wichtigste Unterstützungsmaßnahme [9].
Bewegungsförderung bzw. Förderung der sogenannten Physical Literacy
Aus diesem Grund sollte neben der Gesundheitskompetenz („health literacy“; HL) auch die „physical literacy“ (PL) als Grundlage für ein aktives Leben berücksichtigt werden [10], [11]. HL wird dem Bereich der Bildung zugerechnet und umfasst neben „reinem“ Wissen vor allem die Dimensionen Motivation und Handlungskompetenz. Im Kontext Typ 1 Diabetes wird allerdings vor allem die HL der Eltern diskutiert, im Kontext Typ 2 liegt der Fokus der HL auf der Perspektive Prävention und Therapie der Adipositas [12]. Im Mittelpunkt der PL steht wie bei der HL der Kompetenzerwerb. Noch gibt es zwar keine einheitliche Definition, generell wird der PL eher philosophisches, allumfassendes Sportverständnis zugrunde gelegt. Das Canadian Assessment für die PL von Acht- bis Zwölfjährigen bewertet vier Domänen: das tägliche inkl. Bewegungsschulung, motorische Fähigkeiten bzw. „physical competence“, Motivation und Zutrauen sowie Wissen und Verstehen [13]. Im Rahmen des Stups Projektes, einem schul- und kommunalbasierten Ansatz zur Bewegungsförderung von Grundschulkindern und deren Familien in Köln, wurde das Modell um zusätzliche Dimensionen ergänzt und für jüngere Altersgruppen erweitert (s. Abbildung 2, [14]). Zugefügt wurden die Dimensionen positive Einstellung zu Bewegung und Sport sowie Selbstwirksamkeit. Auch wenn (noch) keine Untersuchungen im Kontext kindlicher/jugendlicher Diabetes vorliegen, ist ein Transfer in (Diabetes)Schulungen naheliegend. So scheint die Vermittlung einer entsprechenden Haltung bzw. eines Bewusstseins über die Zusammenhänge zwischen Bewegung/Sport und (eigener) Gesundheit, u.a. im Zusammenhang mit einer Diabeteserkrankung, aber auch Selbstwirksamkeit, Motivation und Vertrauen in das eigene Tun im Sinne des Self-Managements essenziell.
![Abbildung 2: Modell der bewegungsbezogenen Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter/Physical literacy (adaptiert aus dem STUPS-Projekt (mod. nach [14]).](/document/doi/10.1515/pubhef-2021-0091/asset/graphic/j_pubhef-2021-0091_fig_002.jpg)
Modell der bewegungsbezogenen Gesundheitskompetenz im Kindes- und Jugendalter/Physical literacy (adaptiert aus dem STUPS-Projekt (mod. nach [14]).
Diskussion und Fazit
Unstrittig ist der Nutzen von Bewegung bzw. körperlicher Aktivität sowie die ungünstigen Auswirkungen des überwiegend sitzenden Lebensstils gerade im Kontext Typ 1 sowie Typ 2 Diabetes/Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Die zunehmende Detektion möglicher (patho)physiologischer Wirkungsweisen kann Aufschluss darüber geben, wie viel Bewegung für eine gesunde Entwicklung und/oder den Gesunderhalt notwendig sind. Zunehmend wird dabei die Integration von PL in Konzepte und Maßnahmen oder zumindest ein ganzheitliches Verständnis hinter entsprechenden Strategien angestrebt. Bislang gibt es aber kaum Studien, die die Effekte einer solchen komplexeren Herangehensweise auf gesundheitliche Parameter allgemein bzw. bei an Diabetes erkrankten Kindern und Jugendlichen prüfen [15]. Postuliert wird, dass ein solches Verständnis möglicherweise entscheidend zur Förderung von körperlicher Aktivität und Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden, aber auch zum gelungenen Self-Management beitragen kann. Auf diese Weise können mögliche Barrieren, insbesondere die Vermeidung von Risiken wie z.B. einer Hypoglykämie über die Anpassung der Insulindosierung bzw. Kohlenhydratzufuhr, vermittelt werden. Der begleitende Einsatz neuer Technologien wie Akzelerometer, Smartwatches und/oder mobiler Applikationen kann dazu beitragen, die Umsetzung von Bewegungsprogrammen zu verbessern [16]. Dies betrifft allerdings eher das einzelne Individuum. Unter Berücksichtigung der aktuellen Adipositaspandemie und der Diskussion um den sogenannten „dual diabetes“ sollten verhältnispräventive Maßnahmen, z.B. die Gestaltung von bewegungsfreudigen Lebenswelten mit Radwegen, Grünflächen und Parkanlagen etc. fokussiert werden. Denn um langfristig eine Trendwende der eher inaktiven Lebensweise von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Diabetes, aber auch Erwachsenen und damit Familien zu erreichen, muss dies als gesamtgesellschaftliche und v.a. auch politische Aufgabe verstanden werden.
Autorenerklärung
Autorenbeteiligung: Alle Autoren tragen Verantwortung für den gesamten Inhalt dieses Artikels und haben der Einreichung des Manuskripts zugestimmt. Finanzierung: Die Autoren erklären, dass sie keine finanzielle Förderung erhalten haben. Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass kein wirtschaftlicher oder persönlicher Interessenkonflikt vorliegt. Ethisches Statement: Für die Forschungsarbeit wurden weder von Menschen noch von Tieren Primärdaten erhoben.
Author Declaration
Author contributions: All authors have accepted responsibility for the entire content of this submitted manuscript and approved submission. Funding: Authors state no funding involved. Conflict of interest: Authors state no conflict of interest. Ethical statement: Primary data neither for human nor for animals were collected for this research work.
Literatur
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©2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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