Antje Nötzold: Entscheidung zur Denuklearisierung. Eine Prozessanalyse der nuklearen Abrüstung in Südafrika – Implikationen für die Non-Proliferationsforschung und -politik. Baden-Baden: Nomos Verlag 2023, 782 Seiten
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Nötzold Antje Entscheidung zur Denuklearisierung. Eine Prozessanalyse der nuklearen Abrüstung in Südafrika – Implikationen für die Non-Proliferationsforschung und -politik Baden-Baden Nomos Verlag 2023 1 782

In der umfangreichen internationalen Literatur zur Nicht-Verbreitung (Non-Proliferation) von Kernwaffen kommt der Frage nach den Möglichkeiten des freiwilligen Verzichts von Staaten auf ihre Kernwaffen oder bestehende Kernwaffenprogramme eine zentrale Bedeutung zu. Bislang kam es nur in wenigen Fällen effektiv zu einer Abrüstung oder Beendigung eines Kernwaffenprogramms: In den 60er-Jahren war es der Verzicht der Schweiz und später auch Schwedens auf die weitere Verfolgung bestehender Kernwaffenprogramme, im Jahr 1990 Südafrikas Verzicht auf seine Kernwaffen, 1995 die Abgabe der Ukraine von ehemals sowjetischen Kernwaffen an Russland, 2003 Libyens Verzicht auf Fortführung seines (allerdings nicht sehr weit gediehenen) Kernwaffenprogramms. In der wissenschaftlichen Diskussion wird intensiv darüber debattiert, was die Ursachen und Bedingungsfaktoren derartiger Verzichte waren und sind. Dabei zeigt sich, dass es eine Zweiteilung in der wissenschaftlichen community gibt. Die eine Seite geht davon aus, dass allgemeingültige Variablen erklären können, weshalb Staaten Kernwaffen anstreben und diese wieder abgeben. Die Forscherinnen und Forscher der anderen Seite vertreten die Auffassung, dass es keine generalisierbaren Gründe für den Verzicht auf Kernwaffen oder entsprechende Beschaffungsprogramme gibt, sondern in jedem einzelnen Fall individuelle Gründe den Verzicht erklären.
Das vorliegende Buch – die überarbeitete Fassung einer Habilitationsschrift – nimmt diesen Diskurs zum Ausgangspunkt der Untersuchung. Es fokussiert sich auf Südafrikas Verzicht auf Kernwaffen und deren Abrüstung in den Jahren zwischen 1989 und 1994. Diese Konzentration ist nachvollziehbar, weil der Ausstieg Südafrikas aus der Kernwaffenrüstung relativ gut dokumentiert ist.
Das Kapitel zum Analyserahmen lässt erkennen, wie eingehend sich die Verfasserin mit den theoretischen und methodischen Voraussetzungen der Thematik befasst hat. Ihr theoretischer Ansatz besteht aus einer Mischung von Kongruenz- und Prozessanalyse. Mittels der Kongruenzanalyse will die Autorin für den Fall Südafrika 18 Kernhypothesen überprüfen, die sie aus der einschlägigen Literatur destilliert hat. Diese 18 Hypothesen reflektieren theoretische Grundannahmen zu der Frage, warum Staaten entweder den Weg der Nuklearrüstung gehen oder nicht und welche Motive dafür verantwortlich gemacht werden.
Das Buch liefert zunächst einen knappen historischen und faktischen Überblick über die Anfänge, die Entwicklung und das Ende des südafrikanischen Nuklearwaffenprogramms. Dieses Kapitel ist sehr gut gelungen und stellt die verschiedenen Phasen des Prozesses sowie die daran beteiligten Akteure vor dem Hintergrund der Abschaffung des Apartheid-Systems dar. Alle wesentlichen Fakten sind hier aufgeführt.
Die Auseinandersetzung mit den 18 Hypothesen soll erschließen, welche Gründe für den Erwerb und den späteren Verzicht auf Kernwaffen verantwortlich waren. Am Ende eines langen Kapitels kommt die Verfasserin zu dem Ergebnis, dass die 18 Variablen zwar generell hilfreich seien, aber zu keinem einheitlichen Bild einer kongruenten Entwicklung führen. Vielmehr bedürfe es einer Analyse der konkreten Umstände.
Die folgende Prozessanalyse von Südafrikas Entscheidungsweg zur nuklearen Abrüstung ist deutlich ergiebiger. Die Verfasserin versucht, jene Faktoren zu identifizieren, die im komplexen Entscheidungsprozess maßgeblich richtungsgebend waren. Es geht ihr um die Herausarbeitung der kausalen Mechanismen im Rahmen der Entscheidungsprozesse. Sie geht davon aus, dass Regimestabilität und Machterhalt, Sicherheit, der Wechsel der politischen Führung, Erwartungen an die künftige Rolle des ANC und die Auswirkungen der internationalen Isolation eine Rolle gespielt haben. Im Ergebnis stellt sie fest, dass der Verzicht auf Kernwaffen unbedingte Voraussetzung war für den danach einsetzenden Transformationsprozess hin zu einer Machtübernahme durch den ANC. Durch diesen Verzicht wurde zum einen Südafrikas internationale Isolation aufgebrochen und vor allem die Kooperation mit den USA ermöglicht. Zum anderen sollte so verhindert werden, dass der ANC nach der Machtübernahme Geschmack an den Kernwaffen findet, was vor allem das Weiße Südafrika als Bedrohung empfand. Alles in allem ein kluges, aber wegen der sehr theoretischen und methodisch anspruchsvollen Vorgehensweise nur einem kleinen Leserkreis vermittelbares Buch.
Über den Autor / die Autorin
Non-resident fellow
© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.
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