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Erfüllt die nukleare Abschreckung der NATO ihren Zweck?

  • Brad Roberts

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Published/Copyright: September 7, 2023

Kurzfassung

Nach den nuklearen Drohungen des russischen Präsidenten Putin im Zuge des Ukraine-Kriegs halten viele NATO-Mitgliedstaaten es für notwendig, die Wirksamkeit des Systems der nuklearen Abschreckung zu überprüfen und einen Reformprozess einzuleiten. Dafür wären Natur, Aufgaben und Reformbedarf der erweiterten nuklearen Abschreckung zu untersuchen. Da das gegenwärtige Dispositiv der NATO den Bedrohungsstand der 90er- und frühen 2000er-Jahre reflektiert, muss man zunächst die heutigen Aufgaben erweiterter nuklearer Abschreckung durch die USA in Europa benennen und Kriterien definieren, um beurteilen zu können, ob eine Abschreckungswirkung erreicht wird. Die bestehenden, im Rahmen der nuklearen Teilhabe in Europa stationierten Fähigkeiten erfüllen generell den Zweck der Abschreckung, allerdings nur im Verbund mit den strategischen Kapazitäten der USA, Frankreichs und Großbritanniens. Es gilt, ihre Verwundbarkeit für Präemptivschläge zu verringern und das Spektrum an Nuklearwaffen und Trägermitteln zu verbreitern. So wichtig neben der Hardware die Software der erweiterten Abschreckung ist, so sinnvoll wäre eine höhere Anzahl von NATO-Mitgliedstaaten, die auf die eine oder andere Weise an der nuklearen Teilhabe mitwirken. Auch sollte die NATO vehementer ihre deklaratorische Politik akzentuieren. Ein großes Hindernis für eine angemessene Reform ist indes die Weigerung vieler europäischer Regierungen, sich einer innenpolitischen Debatte über Notwendigkeit und Voraussetzungen nuklearer Abschreckung zu stellen.

Abstract

Following Russian President Putin’s nuclear threats in connection with the Ukraine war, many NATO member states are now acknowledging the need to review the effectiveness of the nuclear deterrent system and to initiate a reform process. To this end, it is necessary to address the nature of extended nuclear deterrence, its essential elements, and political future deficiencies in hardware or software. Since NATO’s current posture reflects the threat level of the 1990s and early 2000s, there is an urgent need to identify the purposes and means of extended nuclear deterrence by the US in Europe and to agree on criteria against which to assess whether a deterrence effect can be achieved. The existing posture deployed in Europe as part of nuclear sharing agreements generally serves the purpose of deterrence, but only in conjunction with the strategic capabilities of the United States, France and the United Kingdom. However, there is an urgent need to reduce the vulnerability of these nuclear capabilities to pre-emptive strikes and to broaden the range of non-strategic nuclear weapons and means of delivery available in Europe – and in Asia as well. In addition to the hardware, the software of the extended deterrence is also important. Thus, it makes sense to expand the number of NATO member states that participate in nuclear sharing in one way or another. NATO’s declaratory policy also needs to be accentuated more strongly. A major obstacle to a much-needed reform is the refusal of many European governments to engage in a domestic debate on the necessity and conditions of nuclear deterrence.

1 Einleitung

Lange Zeit musste die NATO nicht intensiv hinterfragen, ob ihre nukleare Abschreckung den Zweck noch erfüllt. Von 1991 bis 2019 sah sie sich als eine Allianz ohne Feinde. Entsprechend verlor die Bündnisverteidigung, und mit ihr die Abschreckung, als eine der drei Kernaufgaben der Allianz an Gewicht. Dafür rückten Krisenbewältigung (auf dem Balkan, dann in Südwestasien) und kooperative Sicherheit in den Vordergrund. Abschreckung spielte in den Strategischen Konzepten der Allianz von 1991, 1999 und 2010 keine herausragende Rolle mehr, auch wenn durchweg ausdrücklich die Bedeutung von Kernwaffen für die Wahrung des Friedens anerkannt wurde.

Entsprechend kümmerten sich die politischen Führer der Allianz immer weniger um nukleare Abschreckung. In den 1990er- und 2000er-Jahren trafen sich die Verteidigungsminister der Nuklearen Planungsgruppe immer seltener und die Treffen wurden immer kürzer. Die Vernachlässigung wirkte sich auf die Abschreckungsfähigkeit aus. 2008 resümierte eine vom damaligen US-Verteidigungsminister Robert Gates eingesetzte Untersuchungskommission, bei der NATO sei es „in Bezug auf den Auftrag von Kernwaffen zu einer gravierenden Erosion der Aufmerksamkeit auf höchster Ebene, der Fokussierung, der Expertise, der Einsatzbereitschaft, der Ressourcen und der Disziplin“ gekommen.[1]

Als die NATO in den Jahren 2009 und 2010 ein neues Strategisches Konzept erarbeitete, stellte sie fest, dass ihre Mitglieder in Fragen der Abschreckung unterschiedlicher Meinung waren. Die neueren Mitglieder traten entschieden für eine stabile und wirksame nukleare Abschreckung ein, während einige der älteren Partner beseitigen wollten, was sie für „Relikte aus der Zeit des Kalten Krieges“ hielten.[2] Daher beschloss die NATO, die Abschreckungsagenda getrennt von ihrem Strategischen Konzept zu behandeln. Ihre daraus resultierende Deterrence and Defense Posture Review von 2012 war die erste Bestandsaufnahme, die das gesamte Spektrum an Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten umfasste. Sie befand die bestehende Mischung an Fähigkeiten für hinreichend. Allerdings erläuterte sie die Grundlagen dieser Einschätzung nicht. Sie stellte – soweit erforderlich – weitere Anpassungen der Strategie in Aussicht, um sicherzustellen, dass diese in einem sich wandelnden sicherheitspolitischen Umfeld „ihren Zweck erfüllt.“[3] Im Anschluss an Russlands mit militärischer Gewalt durchgesetzte Annexion der Krim im Jahr 2014 bekannten sich die Staats- und Regierungschefs der Allianz klar dazu, „die Abschreckung als ein Kernelement unserer Bündnisverteidigung zu stärken“, wobei Anpassungen überwiegend im konventionellen Abschreckungsrepertoire vorgenommen werden sollten.[4]

Präsident Wladimir Putin flankierte seinen – auch klar gegen die NATO gerichteten – Angriffskrieg gegen die Ukraine mit nuklearen Drohgebärden, was die Allianz vor völlig neue Tatsachen stellte. Das Strategische Konzept, das die Verbündeten im Juni 2022 in Madrid verabschiedeten, erkennt Russland als direkte Bedrohung für die Sicherheit der Mitgliedsländer an.[5] Oberste Priorität unter den drei Kernaufgaben der Allianz räumt es nun wieder der kollektiven Sicherheit ein und versteht darunter explizit auch Abschreckung („die drei Kernaufgaben der NATO sind Abschreckung und Verteidigung, Krisenprävention und -bewältigung und kooperative Sicherheit“).[6] Ebenso enthält es das ausdrückliche Bekenntnis der Bündnispartner, „unser Abschreckungs- und Verteidigungsdispositiv deutlich zu verstärken“.[7] Bezüglich der strittigen nuklearen Fähigkeiten der Allianz bekräftigt es nochmals „die einzigartige und eigenständige Rolle der nuklearen Abschreckung“ und versichert, dass „das Bündnis über die Fähigkeiten und die Entschlossenheit verfügt, jedem Gegner unannehmbare Kosten aufzuerlegen, die weit schwerer wiegen würden als die Vorteile, die er zu erzielen erhoffen könnte“.[8] Zugleich verpflichtet es die Bündnispartner dazu, „alle erforderlichen Schritte zu unternehmen, um die Glaubwürdigkeit, die Wirksamkeit und die Sicherheit des Auftrags der nuklearen Abschreckung zu gewährleisten.“[9]

Blickt man zehn Jahre in die Zukunft, so dürfte die NATO vor noch größeren nuklearen Herausforderungen stehen. Wenn Russland eines Tages aus dem Ukraine-Desaster herauskommt, steht ihm eine lange Phase des militärischen und politischen Wiederaufbaus bevor – was wahrscheinlich seine Abhängigkeit von Kernwaffen verstärken wird. Und solange Präsident Putin an der Macht bleibt, dürfte das Testen der Entschlossenheit des Westens, begleitet von stetigen nuklearen Zwangsandrohungen, andauern. Überdies könnten der NATO infolge erodierender Sicherheitsumfelder in Nordost- und Südwestasien neue, auch nukleare Herausforderungen erwachsen.

Erfüllt die nukleare Abschreckung der Allianz in Anbetracht dieser Verschiebungen weiterhin ihren Zweck? Verfügt das Bündnis über alles, was es braucht, und, falls nicht, welche Schritte sind notwendig? Zur Beantwortung geht dieser Artikel vier Schlüsselfragen auf den Grund: Was ist die nukleare Abschreckung der NATO? Welchen Zwecken dient sie? Erfüllt sie für jeden dieser Zwecke die Anforderungen? Was ist zu unternehmen, wenn sie es nicht tut?

2 Was ist die nukleare Abschreckung der NATO?

Das im Jahr 2022 in Madrid verabschiedete Strategische Konzept enthält eine prägnante Zusammenfassung, die den Kern der nuklearen Abschreckung umschreibt: „Die strategischen nuklearen Kräfte des Bündnisses, insbesondere die der Vereinigten Staaten, sind der oberste Garant für die Sicherheit des Bündnisses. Die unabhängigen strategischen nuklearen Kräfte des Vereinigten Königreichs und Frankreichs nehmen eine eigenständige Abschreckungsrolle wahr und tragen bedeutend zur Sicherheit des Bündnisses insgesamt bei. Die eigenständigen Entscheidungszentren dieser Verbündeten tragen zur Abschreckung bei, indem sie das Kalkül möglicher Gegner erschweren. Das nukleare Abschreckungsdispositiv der NATO beruht auch auf vorwärtsdislozierten Kernwaffen der Vereinigten Staaten in Europa und auf den Beiträgen der betreffenden Verbündeten. Die nationalen Beiträge an Flugzeugen mit dualer Einsatzfähigkeit für den NATO-Auftrag der nuklearen Abschreckung bleiben bei dieser Anstrengung von zentraler Bedeutung.“[10]

Die „betreffenden Verbündeten“ sind alle NATO-Mitglieder mit Ausnahme Frankreichs, das sich entschied, der Nuklearen Planungsgruppe (NPG) fernzubleiben, als es 2009 in die militärische Kommandostruktur der NATO zurückkehrte. Einige Verbündete lagern auf ihrem Territorium US-Kernwaffen und unterhalten doppelt einsatzfähige Jagdbomber, die auf Befehl der NPG und des US-Präsidenten Kernwaffen einsetzen würden.[11] Auf diese Weise teilen sich die Alliierten die Vorteile und Lasten der nuklearen Abschreckung (daher der Begriff „Vereinbarungen über nukleare Teilhabe der NATO“). Einige andere Verbündete nehmen am Auftrag der nuklearen Abschreckung teil, indem sie konventionelle Unterstützung für nukleare Einsätze bereitstellen.

Diese Teilhabe-Vereinbarungen, die auf das Jahr 1968 zurückgehen, sind wiederholt in sehr verschiedenen Sicherheitsumfeldern von Regierungsvertretern der NATO-Mitgliedstaaten bestätigt worden. Warum ist das so? Die kollektive nukleare Verteidigung sendet eine starke Abschreckungsbotschaft aus – nämlich, dass ein Angriff auf ein Bündnismitglied als ein Angriff auf alle angesehen wird, weshalb zahlreiche Verbündete sich an der Antwort auf einen nuklearen Angriff beteiligen werden. Durch die Anwesenheit amerikanischer Kernwaffen in Europa kann es dort keinen nuklearen Konflikt geben, der nicht zugleich die Streitkräfte und Interessen der USA involviert. Ihre Präsenz ist eine sichtbare Demonstration der „transatlantischen Verbundenheit.“ Außerdem signalisieren die Einsatzbereitschaft und die potenzielle Dislozierung und „Zurschaustellung“ der nuklearen NATO-Angriffskräfte die Entschlossenheit der Alliierten, diese Waffen einzusetzen, wenn ihre vitalen Interessen bedroht sind.

Doch nukleare Abschreckung ist weit mehr als militärische Hardware. Wichtig sind auch der vielfältige Software-Aspekt sowie die deklaratorische Politik. Zu letzterer gehören Absichtserklärungen seitens der NATO und ihrer (politischen) Führungspersönlichkeiten. Diese erklären zum Beispiel regelmäßig, dass „jeder Einsatz von Kernwaffen gegen die NATO die Art eines Konflikts grundlegend verändern würde.“[12] Absichtserklärungen der Staats- bzw. Regierungschefs der drei NATO-Mitgliedstaaten mit Kernwaffenbesitz verstärken die Botschaft.

Die Software der nuklearen Abschreckung der NATO umfasst auch nukleare Konsultativverfahren und -mechanismen. Besprechungen der Verteidigungsminister im Rahmen der Nuklearen Planungsgruppe in Friedenszeiten und Beratungen des Nordatlantikrats in Krisen- und Kriegszeiten helfen sicherzustellen, dass Entscheidungen über Kernwaffeneinsätze der politischen Kontrolle der Verbündeten unterliegen. Dies unterstreicht die Erwartung, dass ein US-Präsident die Interessen und Argumente aller Verbündeten berücksichtigt, wenn er erwägt, im Interesse eines Alliierten Kernwaffen einzusetzen. Im Krieg „kann ein Auftrag zum Einsatz von Kernwaffen nur ergehen, wenn die Nukleare Planungsgruppe der NATO ihre ausdrückliche politische Zustimmung erteilt hat und wenn der US-Präsident und der britische Premierminister die Genehmigung dazu gegeben haben.“[13]

Zur Software der Abschreckung gehören auch Konzepte und Grundsätze für den Einsatz von Kernwaffen im Krieg, operative Pläne und damit einhergehende Planungsprozesse, die zur Erarbeitung von Grundsätzen, Konzepten und Plänen benötigte Wissensbasis sowie Übungen, die Fähigkeiten, Konzepte und Verpflichtungen demonstrieren. Jede Beurteilung von Stärke und Wirksamkeit der nuklearen Abschreckung der NATO muss beides berücksichtigen, Hardware und Software.

3 Gründe zur Besorgnis

Mindestens vier Gründe sprechen dafür, dass die nukleare Abschreckung der NATO derzeit womöglich ihren Zweck nicht erfüllt.

Erstens wurde das gegenwärtige nukleare NATO-Dispositiv für die unipolaren, von Entspannung geprägten 1990er-Jahre konzipiert. In den Jahren 1991 und 1992, nach Ende des Kalten Kriegs, zogen die Vereinigten Staaten im Rahmen der Presidential Nuclear Initiatives gegenüber der Sowjetunion und dann Russland fast all ihre Kernwaffen aus Europa ab (97 Prozent der Gesamtzahl)[14] und verringerten die Anzahl der Typen vorwärts dislozierter Waffen auf einen (die B61-Freifallbombe).[15] Außerdem zogen sie von all ihren Überwasserkampfschiffen Kernwaffen und von ihren Jagd-U-Booten alle nuklearen Marschflugkörper ab. Letztere wurden zum Zweck einer möglichen erneuten Dislozierung in Krisen- oder Kriegszeiten eingelagert und mit Ende ihrer Lebensdauer im Jahr 2010 ausgemustert. Seither gab es weder bei der Anzahl von Waffentypen in den Streitkräften noch bei deren Standorten nennenswerte oder sichtbare Veränderungen. Die größte Modifikation des Kernwaffenarsenals ist die Modernisierung der B61-Bombe und ihres Trägersystems. Sobald diese abgeschlossen ist, wird sie dazu beitragen, die Defizite der Durchdringfähigkeit zu beseitigen, die gegenüber der ständig verbesserten gegnerischen integrierten Luft- und Raketenabwehr (improving adversary integrated aid and missile defenses, IAMD) bestehen.[16]

Zweitens ist das Kernwaffenarsenal der NATO, anders als das russische, weitgehend unverändert geblieben. Der Direktor des russischen nuklearen Komplexes prahlte 2010, er habe den Auftrag und die finanziellen Mittel erhalten, „um für jedes militärische Problem in Europa ein nukleares Skalpell anzufertigen.“[17] Mittlerweile hat Russland seine Fähigkeiten, Kernwaffen gegen Ziele in Europa einzusetzen, modernisiert und weiter diversifiziert. Russland kann heute mit Kernwaffen, die auf luft-, land- und seegestützten Plattformen disloziert sind, das gesamte europäische Territorium erreichen.[18] Eine Denkfabrik hat 30 verschiedene Trägersysteme identifiziert, die für diesen Verwendungszweck zur Verfügung stehen.[19] Russland wird bald wieder die beherrschende Position erreichen, die es auf diesem Gebiet schon einmal, im Jahr 1980 vor Umsetzung des NATO-Doppelbeschlusses, innehatte – wenn ihm dies nicht bereits gelungen ist. In Verbindung mit weiteren seiner Cyber-, Weltraumabwehr- und anderen strategischen Fähigkeiten hat Russland, so die National Defense Strategy von 2022, „Fähigkeiten und Methoden in eine Gesamtstrategie einbezogen, die darauf abzielt …, flankiert durch eine ganze Palette von Bedrohungen gegen das Staatsgebiet der USA selbst und gegen unsere Verbündeten und Partner, geografische und zeitliche Vorteile auszunutzen.“[20] Anders formuliert: Für einen Konflikt mit den Vereinigten Staaten verfügt Russland über eine detailliert ausgefeilte Theorie des Sieges über das gesamte Spektrum (Friedens-, Krisen- und Kriegszeiten) hinweg, in dem Kernwaffen eine zentrale Rolle spielen.[21] Ergebnis ist ein nukleares Dispositiv von erheblicher militärischer Flexibilität, das auf einen Krieg mit der NATO zugeschnitten ist.

Drittens nimmt der Bedarf an nicht-strategischen US-amerikanischen Kernwaffen in Asien zu. Nordkoreas Fortschritte bei der Entwicklung und Einführung einsatzfähiger Kernwaffen stellen inzwischen für US-Verbündete im nördlichen Ostasien eine existenzielle, für US-Kräfte in der Region und selbst für das amerikanische Staatsgebiet eine zunehmend ernste Bedrohung dar. Ganz zu schweigen von China, das im Zuge seines strategischen „Aufbruchs“ den Aufwuchs und die Diversifikation seiner Atomstreitkräfte beschleunigt hat und von den Vereinigten Staaten und seinen Verbündeten als neue Gefahr erkannt wird. Die USA haben auf die veränderte Lage u. a. mit der Verpflichtung reagiert, Fähigkeiten vorzuhalten, um Kernwaffen in Krisen- oder Kriegszeiten bei Bedarf zur Unterstützung eines Verbündeten an einem beliebigen Ort der Erde vorwärts dislozieren zu können. Allerdings ist der größte Teil der vorwärts dislozierbaren, doppelteinsatzfähigen US-amerikanischen Flugzeuge (dual capable aircraft, DCA) in Europa bereits vorwärts stationiert. In dem neuen Sicherheitsumfeld mit den Risiken russischer opportunistischer Angriffe gegen die NATO in einer Zeit des sich zwischen den USA und China zuspitzenden Taiwan-Konflikts wird sich dieses Dispositiv als unzureichend erweisen.[22]

Viertens tat sich die NATO – genauso wie die Vereinigten Staaten – schwer, ihr Abschreckungsdispositiv „mit der gebotenen Schnelligkeit“ (at the speed of relevance) anzupassen.[23] Als im Anschluss an die Annexion der Krim im Jahr 2014 die Notwendigkeit offenkundig geworden war, die Abschreckung gegenüber Russland zu verstärken, ergriff die NATO schnelle, weitreichende und effektive Anpassungsmaßnahmen, um ihre konventionelle Abschreckung zu stärken. Weit langsamer kam sie voran, als es darum ging, sich auf Maßnahmen zur Anpassung und Stärkung der nuklearen Abschreckung zu verständigen und diese umzusetzen. Zu den vereinbarten Maßnahmen gehörten zum Beispiel Schritte, die gewährleisten sollen, dass konventionelle und nukleare Komponenten des Abschreckungs- und Verteidigungsdispositivs der NATO besser aufeinander abgestimmt werden.[24] Zudem sollten realistischere Übungen, ein modernisierter Planungsprozess und „eine möglichst breite Mitwirkung aller betroffenen Verbündeten an den Vereinbarungen zur nuklearen Teilhabe“ stattfinden.[25] Die regelmäßige Wiederholung dieser Verpflichtungen unterstreicht zwar das beharrliche Verfolgen dieser Ziele, wirft aber die Frage auf, ob die gewünschten Ergebnisse tatsächlich erreicht wurden. Die mehrfach aufgeschobene Verfügbarkeit der F35 für nukleare Einsatzaufträge (und der damit verbundenen B61-Bombe) erhärtet den Eindruck, dass den Bündnispartnern die gebotene Schnelligkeit schwerfällt. Vermuten lässt dies auch der in den Vereinigten Staaten anhaltende politische Dissens beim Thema, die Entwicklung und Dislozierung des seegestützten Marschflugkörpers (SLCM/N) fortzusetzen. Schließlich soll, so die Idee, dieser Marschflugkörper Schwächen in der Abschreckung eines nuklearen russischen Angriffs auf Europa ausgleichen.

Insgesamt scheint also einiges dafür zu sprechen, dass die nukleare Abschreckung der Allianz ihren Zweck nicht erfüllt. Ist dieser Eindruck berechtigt?

3.1 Für welchen Zweck geeignet?

Zur Beantwortung dieser Frage muss man sich noch einmal bewusst machen, wozu die nukleare Abschreckung der NATO dienen soll. Im Strategischen Konzept 2022 wird ihre Intention wie folgt formuliert: „Der grundlegende Zweck der nuklearen Fähigkeit der NATO ist die Wahrung des Friedens, die Vorbeugung gegenüber Nötigung und die Abschreckung von Aggression.“ In einer ersten Näherung, der wir im Folgenden weiter auf den Grund gehen, lässt sich festhalten: Wenn das Dispositiv das Ziel der Abschreckung von Aggression erfüllt, dann erfüllt es auch die Zwecke der Vorbeugung gegenüber Erpressungen und der Wahrung des Friedens. Beginnen wir also mit der Abschreckung. Grundsätzlich lässt sich sagen: Abschreckung erfordert Fähigkeiten, Entschlossenheit und die Wahrnehmung dieser Entschlossenheit durch den Gegner. Doch sind diese Erfordernisse heute erfüllt?

Fähigkeiten

Verfügt die NATO über die notwendigen Fähigkeiten, ihre Gegner abzuschrecken und im Fall des Versagens die Abschreckung zu erneuern sowie die Bevölkerung ihrer Mitgliedstaaten davon zu überzeugen, dass nukleare Risiken nicht Wirklichkeit werden? Bewahrt hat sie sich jedenfalls die Fähigkeit, „jedem Gegner nicht annehmbare Kosten aufzuerlegen, die weit schwerer wiegen würden als die Vorteile, die er zu erzielen erhoffen könnte.“[26] Dafür unterhält sie eine stehende Flotte einsatzbereiter Flugzeuge und Waffen und speziell ausgebildeter Piloten. Bei dieser grundlegenden Voraussetzung erfüllt die Abschreckung der NATO ihren Zweck.

Aber es sind weitere Faktoren zu beachten: Verfügt die NATO über genügend Kernwaffen und Trägersysteme? Besitzt sie die richtige Mischung nuklearer Fähigkeiten? Und entspricht ihr geografischer Fußabdruck den Erfordernissen?

Verfügt die NATO über genügend Kernwaffen? Das ist die wichtigste Frage, die Präsident Putins Aufstockung und Diversifizierung des russischen Kernwaffenarsenals aufwirft. In Europa besteht heute ein beträchtliches nukleares Ungleichgewicht. Im Kalten Krieg hatte die Logik der flexiblen Reaktion den Vereinigten Staaten und der NATO ein Dispositiv diktiert, das annähernd dem der Sowjetunion und des Warschauer Pakts entsprach. Die nuklearen Strategien der beiden Seiten ähnelten sich sehr. Heute verfolgen die NATO und Russland höchst unterschiedliche militärische Strategien, die jeweils andere Atomstreitkräfte erfordern. Die NATO ist bestrebt und erwartet, einen konventionell geführten Krieg zu gewinnen. Russland muss die Risiken einer nuklearen Eskalation eingehen und sie geschickt steuern, um einen regionalen Krieg nicht zu verlieren. Die NATO benötigt daher kein taktisches nukleares Dispositiv, das dem russischen qualitativ und quantitativ entspricht. Vielmehr benötigt sie ein Dispositiv, das groß genug ist, um einen präemptiven Atomangriff zu überstehen, und es erlaubt, während fortdauernder Angriffe auf jeder Eskalationsstufe der russischen Nuklearstrategie angemessen zu reagieren: Ersteinsatz, begrenzte Schläge durch Gruppen von Einsatzkräften, wiederholte Angriffe und Angriffe mit größeren, aber weiterhin zahlenmäßig begrenzten Waffen gegen zahlreiche Ziele. Hierbei bleibt die Rolle der im Rahmen der nuklearen Teilhabe verfügbaren Kernwaffen begrenzt. Diese könnten im Fall einer weiteren erheblichen nuklearen Eskalation durch Russland nicht die strategischen Streitkräfte der drei nuklear bewaffneten NATO-Mitglieder ersetzen.

Für die Durchführung erforderlicher begrenzter Nuklearschläge in einem nicht oder nur wenig umkämpften Umfeld verfügt die NATO über genügend Kräfte. Für wiederholte nukleare Einsätze bei anhaltenden kriegerischen Handlungen hingegen reichen ihre Kräfte vermutlich nicht aus. Entscheidend ist die Verwundbarkeit der nuklearen NATO-Abschreckungskräfte. Sie lässt sich schwer einschätzen, aber man kann diese reduzieren. Die doppelt einsatzfähigen Flugzeuge, die im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO bereitstehen, können über weite Gebiete verstreut stationiert und von entlegenen Standorten aus eingesetzt werden. Ein robustes Programm zu dem Zweck, Einsätze von entlegenen Standorten aus zu üben und die entsprechenden Fähigkeiten zu demonstrieren, könnte die Abschreckung stärken und die mutmaßliche Verwundbarkeit dieser Kräfte verringern. Öffentlich sichtbare Anhaltspunkte für die Existenz eines solchen Programms gibt es nicht. Es ist allerdings bemerkenswert, dass sich die Staats- und Regierungschefs der NATO auf dem Gipfel in Madrid dazu verpflichteten, „die Wirksamkeit ihrer Übungen zu erhöhen“, um eine glaubwürdige Abschreckung zu stärken (eine Verpflichtung, die man früher schon einmal eingegangen war).[27] Die entsprechenden Kräfte ließen sich auch mit Raketenabwehrsystemen schützen – eine Option, die man bislang nicht verfolgt hat. In diesem Zusammenhang muss man jedoch darauf hinweisen, dass es äußerst schwierig wäre, die strategischen Streitkräfte aller drei atomar bewaffneten Alliierten präemptiv auszuschalten.

 Wie sicher sind Lagerorte für Kernwaffen in Deutschland? Eingang des Luftwaffenstützpunktes Büchel in der Pfalz, der von Friedensaktivisten belagert wird

Wie sicher sind Lagerorte für Kernwaffen in Deutschland? Eingang des Luftwaffenstützpunktes Büchel in der Pfalz, der von Friedensaktivisten belagert wird

Um zu beantworten, ob die NATO über genügend Atomstreitkräfte verfügt, muss man den Blick über Europa hinaus richten. Da die Gefahr von Krisen und Kriegen gegen nuklear bewaffnete Gegner in Ostasien steigt, müssen die NATO-Verbündeten damit rechnen, dass Japan, Südkorea und vielleicht weitere Staaten um das bitten werden, was Washington seit Langem versprochen hat: eine krisenbedingte Re-Dislozierung nuklearer Streitkräfte in der Region als Signal der nuklearen Entschlossenheit der USA.[28] Doch woher sollen diese Kräfte kommen? Die derzeit verfügbaren, vorwärts verlegbaren Jagdbomber sind größtenteils in Europa disloziert. Hier könnte die „grenzenlose Freundschaft“ von Russland und China besonders weitreichende Folgen für die NATO haben. Sollten die USA in Europa stationierte Flugzeuge nach Asien abziehen, könnte Präsident Putin darin eine günstige Gelegenheit sehen, die NATO unter Druck zu setzen. Daher dürfte es nicht ratsam sein, doppelt einsatzfähige Flugzeuge von Europa nach Asien zu verlegen. Für Beistand in einer potenziellen nuklearen Krisensituation in Asien sollten die Vereinigten Staaten eher die Fähigkeit von Flugzeugen verbessern, die auf US-Heimatgebiet stationiert sind. Eine Option bestünde darin, eine zusätzliche – als Atomwaffenträger zertifizierte – F35-Staffel aufzustellen und diese statt in Europa auf US-Territorium zu stationieren; dadurch würde man sich jene Flexibilität verschaffen, an der es gegenwärtig mangelt.

 Eine F-35A der US-Luftwaffe kurz vor dem Andocken an ein Tankflugzeug

Eine F-35A der US-Luftwaffe kurz vor dem Andocken an ein Tankflugzeug

Was bedeutet „ausreichend“ im neuen Sicherheitsumfeld für die NATO? In diesem Punkt behauptet derzeit niemand, die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten und Partner würden ein nicht-strategisches nukleares Dispositiv benötigen, das qualitativ und quantitativ dem russischen zu entsprechen hat. Aber irgendein Konzept ist nötig, um definieren zu können, wie viel tatsächlich genug ist. So ein Konzept müsste in der NATO entwickelt werden, es muss auf der gegenwärtigen Strategie der NATO fußen, nicht auf der von 1991.

Jenseits des Problems „Hat die NATO genug?“ werfen die nuklearen Fähigkeiten der NATO zwei weitere Fragen auf: Verfügt sie über die richtige Mischung von Kernwaffen? Und sind ihre Atomstreitkräfte räumlich so verteilt, dass sie die Abschreckungsstrategie der Allianz unterstützen?

Besitzt die NATO die richtige Mischung von Kernwaffen? Von Mischung kann eigentlich keine Rede sein. Abgesehen von den strategischen Streitkräften der drei nuklear bewaffneten Mitglieder sind die einzigen weiteren nuklearen Waffen der NATO von Flugzeugen ins Zielgebiet verbrachte Freifallbomben mit variabler Sprengkraft. Dies steht in Gegensatz zu den ungefähr 30 taktischen Trägersystemen Russlands. Die militärische Schlagkraft der NATO hängt von der Fähigkeit von Flugzeugen ab, in den russischen Luftraum einzudringen und die fortgeschrittenen integrierten Luft- und Raketenabwehrsysteme Russlands auszuschalten. Das erfordert allerdings eine erhebliche Anzahl unterstützender Flugzeuge – was wiederum auf Kosten der operativen Schlagkraft auf konventioneller Kriegsebene gehen würde.[29]

Unter NATO-Experten wird derzeit kontrovers diskutiert, ob die Allianz über die angemessene Kombination von Fähigkeiten verfügt, um eine glaubhafte Bedrohung darstellen zu können. Ziel ist es, in einer Konflikteskalation der Gegenseite Kosten aufzubürden, die deren Interessenkalkül beeinflussen. Daher diskutieren alliierte Experten – vornehmlich in vertraulichen Gesprächen – verstärkt über qualitative Verbesserungen der nuklearen Abschreckung der NATO. Manche loben das Bestücken einiger strategischer U-Boote mit ballistischen Raketen mit einem Nukleargefechtskopf von reduzierter Sprengkraft als bedeutenden Beitrag zum nuklearen Gesamtdispositiv. Andere werten es als zu kleinen Schritt in Richtung dringend benötigter Flexibilität. Deswegen plädieren einige (darunter auch der Verfasser) dafür, einen nuklear bestückten, seegestützten Marschflugkörper wieder als nützliche Ergänzung in das US-Abschreckungsarsenal aufzunehmen.

Schließlich wäre zu klären, ob die Atomstreitkräfte der NATO in geeigneter Weise räumlich so verteilt sind, dass sie die Abschreckungsstrategie der Allianz unterstützen. Seit dem umfangreichen Truppenabzug vor 30 Jahren sind öffentlich keine Veränderungen bekannt geworden. Dabei hat sich in der Zwischenzeit durch die Aufnahme neuer Mitglieder im Zuge dreier Erweiterungswellen der geografische Zuschnitt des Bündnisses erheblich verändert. Dies wirft militärische Fragen über die ausreichende Zielabdeckung auf sowie politisch das Thema der gerechten Lastenverteilung.

Wie steht es mit der Software-Seite des Dispositivs – erfüllt sie ihren Zweck? 2018 deckte die National Defense Strategy Commission eine kritische Schwäche in der US-amerikanischen Nuklearstrategie auf – mit offensichtlichen Konsequenzen für die NATO. Sie befand, die Vereinigten Staaten könnten durchaus ihren nächsten größeren Krieg verlieren, und kritisierte die damals im US-Militär vorherrschenden Ansichten über wirksame Risikobegrenzung in einem regionalen Konflikt mit einem nuklear bewaffneten Gegner. Die Kommission forderte energische Anstrengungen, um besser verstehen zu können, wie Gegner der USA auf derartige Kriege vorbereitet sind, welche Risiken sowohl ungewollter als auch absichtlicher Eskalation bestehen und wie sich solche Kriege ohne katastrophale Zuspitzung deeskalieren und beenden lassen.[30] Die jüngste National Defense Strategy deutet an, dass diese Themen gegenwärtig im Rahmen von Studien näher beleuchtet werden. Das Erarbeiten eines neuen Abschreckungs- und Verteidigungskonzepts in den Jahren 2020 und 2021 sowie eines neuen Kriegsführungskonzepts mag einige nützliche Ideen hervorgebracht haben, doch das lässt sich aufgrund der Geheimhaltung nicht beurteilen.[31]

Konzeptentwicklung erfordert befähigte Konzeptentwickler. Für die Entwicklung von Grundsätzen, Konzepten und Plänen benötigt die NATO eine geeignete Wissensbasis. Alliierte Hauptstädte müssen ebenfalls einen Beitrag leisten – insbesondere die drei nuklear bewaffneten Verbündeten und die Teilhabe-Partner. Leider sind der NATO und den Hauptstädten in den 1990er-Jahren als Teil der Friedensdividende nach Ende des Kalten Kriegs diese Fähigkeiten und Kapazitäten weitgehend abhandengekommen. Heute mangelt es der NATO an der politisch-militärischen Expertise, die es braucht, um Theorien des Sieges in einer Krise, einem Konflikt in Friedenszeiten oder einem Krieg gegen einen nuklear bewaffneten Gegner zu entwickeln. Dabei geht es um Überlegungen, wie Eskalation, Deeskalation und Kriegsbeendigung unter Einbeziehung konventioneller und nuklearer Operationen leistbar wären.[32]

Erfüllt das Portfolio der NATO an nuklearen Abschreckungsfähigkeiten seinen Zweck? Die Grundvoraussetzung für eine stehende Reaktionsstreitmacht ist zweifellos erfüllt. Die Größe dieses Verbands aber bereitet zunehmend Sorge, ebenso der Mangel an operativer Flexibilität. Die Antworten der frühen 1990er-Jahre sind 2023 nicht mehr tragfähig. Die NATO benötigt sachgerechte Konzepte für die Größe und Zusammensetzung ihrer nuklearen Streitmacht, die mit ihrer gegenwärtigen Strategie – nicht mit der vor 30 Jahren entstandenen – in Einklang stehen. Sie muss dringend die Notwendigkeit quantitativer und qualitativer Anpassungen erkennen, um die für die Realisierung erforderliche analytische und politische Arbeit in Gang bringen zu können. Das Bekenntnis der Regierung Biden zur Stärkung der erweiterten Abschreckung schafft immerhin die notwendige politische Grundlage für diese nächste Arbeitsphase.

Entschlossenheit

Nun von den Fähigkeiten zur Entschlossenheit: Erfüllt hier das Dispositiv seinen Zweck? In punkto Software anscheinend zweifellos. Denn führende Vertreter des Bündnisses haben, so etwa 2022 in Madrid, bekräftigt, dass „niemand an unserer Stärke und Entschlossenheit zweifeln sollte, jeden Zentimeter des Bündnisgebiets zu verteidigen, die Souveränität und territoriale Unversehrtheit aller Verbündeten aufrechtzuerhalten und uns gegen jeden Angreifer durchzusetzen“ und dass „das Bündnis über die Fähigkeiten und die Entschlossenheit verfügt, jedem Gegner nicht annehmbare Kosten aufzuerlegen.“[33] Im Jahr 2021 erklärten sie in Brüssel: „Wir stehen geeint und entschieden zueinander, was unsere Fähigkeit und unsere Verpflichtung betrifft, einander zu verteidigen.“[34] Sie haben regelmäßig versprochen, ihrer notwendigen Führungsverantwortung und Verpflichtung zum Aufbau eines erstklassigen Abschreckungsdispositiv gerecht zu werden. Leider haben die nationalen Hauptstädte wenig getan, um diese strategischen Botschaften konstruktiv umzusetzen.

Zudem kann man in Friedenszeiten nicht wissen, wie entschlossen das Bündnis in Krisen- und Kriegszeiten agieren wird. Man sollte davon ausgehen, dass im Fall einer mit nuklearen Risiken behafteten Krise der politische Druck und die Versuchung, den Konflikt vorerst durch Kompromisse beizulegen, erheblich zunehmen. Genauso könnte der Druck das Gegenteil bewirken. Es ist grundsätzlich sehr schwierig vorauszusagen, wie Demokratien sich in solchen Stresssituationen verhalten. Vielleicht ziehen sie sich zurück, so wie die Vereinigten Staaten 1983 aus dem Libanon nach dem Angriff auf amerikanische und französische Friedenstruppen. Vielleicht aber regieren sie aufgeputscht, möglicherweise gar bis hin zur Anwendung übermäßiger Gewalt, um, wie es Herman Kahn einst ausdrückte, „einen verhassten Feind auszulöschen.“[35]

Tatsächlich ist dieses Risikokalkül genau der wunde Punkt, an dem unsere nuklear bewaffneten Gegner ansetzen könnten. In der russischen Militärdoktrin spielen Drohungen und begrenzte Schläge gegen Ziele von kritischer Bedeutung eine zentrale Rolle, um dem Feind ein „geeignetes Maß“ an Schmerz zuzufügen und ihn zu „ernüchtern.“ Sie sollen ihm vermitteln, dass aus russischer Sicht auf dem Spiel steht, was Russland in einem regionalen Konflikt in seiner Peripherie begünstigen könnte. Russland hofft, auf diese Weise die gegnerische Entschlossenheit, einen eskalierenden Krieg zu führen, zu untergraben und die Vereinigten Staaten und/oder ihre Verbündeten zur Deeskalation zu zwingen und den Krieg zu Bedingungen zu beenden, die Moskau festlegt.[36]

 Auch Bundeskanzler Scholz spricht nicht gerne über nukleare Fähigkeiten der NATO, hier mit US-Präsident Biden im Jahr 2022

Auch Bundeskanzler Scholz spricht nicht gerne über nukleare Fähigkeiten der NATO, hier mit US-Präsident Biden im Jahr 2022

Aufseiten der NATO manifestiert sich dieses Problem darin, wie effektiv und effizient der nukleare Konsultationsprozess der NATO in Krisen- oder Kriegszeiten sein wird. Über die Fähigkeit der europäischen NATO-Staats- und -Regierungschefs, sich in einer Krise zeitnah auf gemeinsame Ratschläge an den US-Präsidenten bezüglich eines Kernwaffeneinsatzes zu verständigen, kann man nur Vermutungen anstellen. In Anbetracht der divergierenden Interessen, die durch die unmittelbare Aussicht auf einen Atomkrieg in Europa offen zutage treten würden, halten manche eine Blockade für unvermeidlich. Andere rechnen damit, dass die Verbündeten sich aus Furcht rasch auf ein Vorgehen verständigen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit dieses nukleare Risiko beenden würde. Selbst wenn es dem Bündnis nicht gelingen sollte, über den Einsatz der DCA-Flotte Einvernehmen zu erzielen, bleibt die Möglichkeit bestehen, dass eine, zwei oder alle drei Atommächte des Bündnisses militärisch handeln.

Interessanterweise hat Russlands Krieg gegen die Ukraine die politische Entschlossenheit der NATO verstärkt, wie ihr erneutes nachdrückliches Bekenntnis zur kollektiven Sicherheit und Abschreckung auf dem Gipfel von Madrid erkennen lässt. Noch wichtiger ist, dass Putins nukleare Drohungen in der westlichen Öffentlichkeit offensichtlich die Befürwortung von Atomwaffen gesteigert haben. Eine aktuelle Studie auf der Basis von Umfragedaten gelangt zu dem Ergebnis, dass „nukleare Abschreckung nach der Invasion positiver gesehen wird, die Bereitschaft, Kernwaffen einzusetzen, zugenommen hat, während die Unterstützung für den Abzug von Kernwaffen deutlich gesunken ist.“[37]

Wahrnehmung der Entschlossenheit

Abschreckung erfordert mehr als nur Entschlossenheit; sie erfordert auch, dass der Gegner diese Entschlossenheit wahrnimmt und begreift. Dies erwies sich gelegentlich als eine fatale Schwäche der Abschreckung. Die Führer der Achsenmächte haben in den 1930er- und 1940er-Jahren die Entschlossenheit der Demokratien, sich selbst zu verteidigen, falsch eingeschätzt.[38] Daher scheiterte die Abschreckung – mit verheerenden Folgen für alle, aber insbesondere für diejenigen, die sich verkalkuliert hatten.

Diese Wahrnehmung könnte sich auch heute als Achillesferse der nuklearen Abschreckung der NATO erweisen. Versetzen wir uns einmal in Präsident Putins Denkmuster: Zu welchen richtigen und falschen Einschätzungen mag er gelangen, wenn er die nukleare Entschlossenheit der NATO durch den Filter seiner vorgefassten Ansichten über die Schwächen von Demokratien und ihrer politischen Entscheidungsträger beurteilt? Seit über zehn Jahren hat er seine nuklearen und sonstigen Drohungen gegen die NATO ständig verstärkt. Reagiert hat die NATO auf Russlands nukleare Drohgebärden jedoch nicht. Während Russland über 90 Prozent seiner nuklearen Trägersysteme durch neue und leistungsfähigere Varianten ersetzt hat, hat die NATO bis dato keine neuen Fähigkeiten eingeführt. Es ist zehn Jahre her, dass Russland erstmals gegen den INF-Vertrag verstoßen hat – und die NATO debattiert noch immer über die geeignete Mischung aus offensiven und defensiven Reaktionen. Putin spricht laut und häufig über den Einsatz von Kernwaffen gegen den Westen, während man in vielen NATO-Hauptstädten nicht einmal über die Fähigkeiten der NATO sprechen oder politisch auf Russlands Androhungen nuklearer Anschläge reagieren möchte. Dies gilt insbesondere für die Nationen, die in die nukleare Teilhabe einbezogen und innenpolitisch dem Druck eingeschworener Atomwaffengegner ausgesetzt sind.

Was hält Putin wohl von der nuklearen Entschlossenheit der NATO? Gibt es irgendwelche Anzeichen im Verhalten der NATO, die seine offensichtliche Einschätzung verändern könnten? Derzeit geht Putin davon aus, die NATO soweit „ernüchtern“ zu können, dass sie in einem Konflikt klein beigibt. Steht in seinen Augen für die NATO so viel auf dem Spiel, dass sie bereit wäre, sich auf die nuklearen Risiken einzulassen, die er einzugehen gewillt ist? Wir können nur hoffen, dass die entschiedene Reaktion der NATO auf den Ukraine-Krieg und ihre Entschlossenheit, ungeachtet der nuklearen Drohungen Russlands ihre Interessen und die der Ukraine zu verteidigen, sich heilsam auf mögliche Fehleinschätzungen Putins auswirken. Und es ist zu hoffen, dass die erheblichen Fortschritte der NATO bei der Modernisierung und Stärkung ihrer nichtnuklearen Abschreckung dazu beitragen, diesen Effekt zu verstärken.

3.2 Ist die NATO fit genug, nukleare Erpressungen Russlands zurückzuweisen?

Genügt das NATO-Nukleardispositiv dem Anspruch, nukleare Erpressung durch Russland abzuwenden? Wie oben dargelegt, muss die Antwort zunächst bejaht werden. Wenn Abschreckung glaubwürdig ist, kann man Drohungen eines Gegners getrost ignorieren. Das verhindert Versuche der Erpressung zwar nicht. Aber es nimmt der Drohung ihren Zwangscharakter, der Adressat muss sich nicht nötigen lassen. Gescheiterte Erpressungsversuche könnten den Aggressor sogar veranlassen, seine Strategie zu ändern und von Drohung auf Kooperation umzustellen, wenn er meint, auf diese Weise seine Interessen durchsetzen zu können.

Allerdings gibt es ein großes Problem. Denn in einem Bündnis von mehr als 30 Staaten kann sich die Anfälligkeit für nukleare Erpressung unterscheiden. Wegen räumlicher Nähe oder historischer Feindschaft fühlen sich womöglich einige Partner verwundbarer als andere. Damit auch sie das Gefühl von Sicherheit erhalten, müssen sie die nukleare Abschreckung der NATO als wirksam und glaubwürdig empfinden. Regelmäßige Gipfelkommuniqués bestätigen diese Sicherheitsgarantien. Doch die ebenso regelmäßig darin geäußerten Verpflichtungen, die nukleare Abschreckung der NATO weiter anzupassen und zu stärken, deuten an, dass das Sicherheitsgefühl abhängt von den tatsächlichen Fortschritten.

3.3 Ist die NATO fit, um den Frieden zu wahren?

Erfüllt das nukleare Dispositiv der NATO den Zweck, den Frieden zu wahren? Erinnern wir uns: Ist die nukleare Abschreckung glaubwürdig, wird der Frieden nicht gebrochen. Für die Sicherung des Friedens aber sind zwei weitere Punkte zu untersuchen.

Erstens hat die nukleare Abschreckung der NATO den großen Krieg, der Europa heute erschüttert, nicht verhindert. Die nukleare Abschreckung der NATO hatte keinen Einfluss auf Putins Entscheidung, einen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu führen. Schließlich gab es keine nukleare Sicherheitsgarantie der NATO oder der USA für die Ukraine. Andererseits dürfte die nukleare Abschreckung der NATO Russland durchaus darin gehindert haben, den Krieg auf die NATO auszuweiten.

Der künftige politische Diskurs wird nicht unbedingt auf solche Subtilitäten eingehen. Einige behaupten bereits jetzt, dieser Krieg habe die Begründungen der Abschreckung untergraben. So schrieb Peter Watkins: „Der russisch-ukrainische Krieg scheint das moralische Argument für die nukleare Abschreckung in zwei wichtigen Hinsichten zu schwächen. Erstens ist er ein konkretes Beispiel dafür, dass die nukleare Abschreckung einen Schutzschirm aufspannt, unter dem ein bösartiges Regime begrenzte Kriege führen kann … Zweitens spricht die Tatsache, dass ein solcher Krieg überhaupt geschehen konnte – und die staatlichen Handlungen und die Rhetorik, die damit einhergehen – dafür, dass die nukleare Abschreckung als eine Art sich selbst ausbalancierendes System womöglich instabiler ist, als ihre Verfechter bislang behaupteten. Daher ist ein Versagen dieses Systems wahrscheinlicher – mit äußerst gefährlichen Folgen. Die wesentlichen Punkte des moralischen Kalküls zugunsten der nuklearen Abschreckung bleiben gültig, aber die Elemente sind schwächer.“[39] Diese Fragen sind eingehender zu untersuchen. Die langfristigen Lehren aus diesem Aspekt des Ukraine-Kriegs aber waren bei Verfassen dieses Beitrags im Frühjahr 2023 weitgehend unvorhersehbar und werden es für unbestimmte Zeit noch bleiben.

Zweitens haben die Staats- und Regierungschefs der NATO einen Zusammenhang hergestellt zwischen der Wahrung des Friedens und einem nuklearen Dispositiv, das „defensiv und verhältnismäßig“ ist.[40] Das in Madrid verabschiedete Strategische Konzept enthält keine Erklärung dieser zwei Begriffe und auch keine Metrik, mit der sich abschätzen ließe, wie nahe das vorhandene Dispositiv einer oder beiden Voraussetzungen kommt.

4 Zusammenfassung

Insgesamt erfüllt das nukleare Dispositiv der NATO seinen grundlegenden Anspruch: Es droht auf glaubwürdige Weise mit einer kollektiven nuklearen Reaktion auf einen nuklearen Angriff Russlands. Dies kann zugleich die Glaubwürdigkeit russischer Drohungen mit nuklearen Waffen schwächen. Größte Stärke des Dispositivs ist die einhellige nukleare Entschlossenheit, die das Bündnis signalisiert.

Aber das Dispositiv spiegelt auch wider, dass derzeit noch viel zu hohe Risiken akzeptiert werden. In quantitativer Hinsicht ist das kleine Arsenal verwundbar durch Präemptivschläge und dadurch, dass eine krisenhafte Entwicklung in Asien zu seinem teilweisen Abzug führen kann. Qualitativ hat das Dispositiv seine einstige Vielfalt eingebüßt. Die Anforderungen an Größe und Ausgestaltung des heutigen Arsenals gehen auf die frühen 1990er-Jahre zurück und berücksichtigen nicht die geografische Ausdehnung des Bündnisses von heute und die von Russland ausgehende Bedrohung. Bei der Software fehlt es an der Bereitschaft und Fähigkeit, robuste Konzepte zu entwickeln. Bemühungen, bestehende Konzepte zu aktualisieren, haben bislang keine öffentlich vermittelbare, auf die neue russische Herausforderung zugeschnittene Definition eines Siegs der Allianz hervorgebracht. Am meisten beunruhigt, dass Moskau womöglich die nukleare Zurückhaltung der NATO als Mangel an Entschlossenheit interpretiert. Da die Allianz all diese Risiken bislang getrennt voneinander stillschweigend hingenommen hat, fragt sich, ob ihre politischen Führungspersonen sich dieser Gefahren überhaupt bewusst sind.

4.1 Was muss getan werden?

Um ihre quantitativen Defizite abzubauen, braucht die NATO ein leitendes Konzept, anhand dessen sich die optimale Größe des nuklearen Arsenals bestimmen lässt. Dieses Konzept muss auf das gegenwärtige Sicherheitsumfeld zugeschnitten sein. Auf jeden Fall sollten mehr Teilnehmer auf die eine oder andere Weise an der kollektiven Abschreckung der Allianz durch Kernwaffen mitwirken können. Die Mitwirkung kann jeweils unterschiedlich sein und sollte sich an erprobten Praktiken orientieren: Das kann die Stationierung von US-Kernwaffen und das Beschaffen und Betreiben doppelt verwendbarer Flugzeuge bedeuten oder nur die Bereitstellung konventioneller Unterstützung für nukleare Einsätze. Neue Praktiken sind ebenfalls denkbar, zum Beispiel dass ein Land doppelt, d. h. auch nuklear verwendbare Flugzeuge beschafft und betreibt, aber in Friedenszeiten keine Nuklearwaffen auf seinem Territorium beherbergt.

Um die qualitativen Missstände zu beheben, benötigt die NATO Kriterien für die Bewertung von Fähigkeiten, die es im gegenwärtigen Sicherheitsumfeld am dringendsten braucht. Sie sollte sich damit auseinandersetzen, ob und wie neue Fähigkeiten die Abschreckung, das Sicherheitsempfinden der europäischen Staaten und die strategische Stabilität stärken. Dabei sind auch neue Trägersysteme für Kernwaffen in Betracht zu ziehen, so etwa taktische, konventionell wie nuklear verwendbare luftgestützte ballistische Raketen großer Reichweite oder eindringfähige Marschflugkörper mit nuklearen Gefechtsköpfen geringer Sprengkraft. Angebracht wäre ferner eine Verbesserung der seegestützten Fähigkeiten durch Trägersysteme, die in einer nuklearen Krisensituation eine rasche Reaktion ermöglichen. Solange für diesen Bereich keine verbindlichen Beschlüsse vorliegen, sollten die politischen Entscheidungsträger der NATO-Mitglieder alle technischen Möglichkeiten samt ihrer Beschränkungen vorbehaltlos prüfen.

Um Zweifel an ihrer nuklearen Entschlossenheit zu zerstreuen, muss die Allianz eine Reihe „kostspieliger Signale“ an Russland senden. In der Spieltheorie hilft ein kostspieliges Signal, die Fehlwahrnehmung zu korrigieren, dass ein Spieler bluffen könnte. Es demonstriert die Bereitschaft, Kosten zu tragen, die ein unentschlossener Spieler scheuen würde (bzw. ein Risiko einzugehen, das letzterer nicht eingehen würde).[41] Damit Putin die nukleare Entschlossenheit der NATO klar und deutlich versteht, muss die NATO für die Anpassung an das neue Umfeld einige schwierige Entscheidungen treffen. Hier hilft die Erinnerung daran, dass der hart errungene Doppelbeschluss der NATO von 1979 zu einer grundlegenden Neuausrichtung der sowjetischen Strategie führte und zu der Bereitschaft, über Rüstungskontrolle zu verhandeln.[42] Indem sich die NATO mit neuen Risiken abgefunden hat, statt ihr nukleares Dispositiv mit der gebotenen Schnelligkeit anzupassen, hat sie bislang leider keine kostspieligen Signale an Moskau gesandt. Im Gegensatz dazu gab es zumindest auf der konventionellen Ebene zahlreiche und substanzielle Signale der Entschlossenheit.

Der Gipfel von Madrid hat anscheinend endlich Bemühungen angestoßen, diese Defizite zu beheben. In ihrem neuen Strategischen Konzept haben die Staats- und Regierungschefs der NATO sich eindeutig verpflichtet, „alle erforderlichen Schritte zu unternehmen … um eine glaubwürdige Abschreckung weiter beizubehalten, ihre strategische Kommunikation zu stärken, die Wirksamkeit ihrer Übungen zu erhöhen und strategische Risiken zu mindern.“[43] Doch der Unwille vieler Politiker, öffentlich über Nuklearpolitik und das nukleare Dispositiv der NATO zu sprechen, erschwert weiterhin Fortschritte bei der Neukonzipierung der nuklearen Abschreckung in Europa. Es gibt keine detaillierten schriftlichen Dokumente, die analysiert und öffentlich diskutiert werden könnten. So bleibt zu hoffen, dass die nuklearen Gefahren, mit denen die um neue Mitglieder erweiterte Allianz konfrontiert ist, die Verantwortlichen in der NATO und den Hauptstädten motivieren, aus der Vergangenheit zu lernen und Hemmnisse zu überwinden. Es gilt, schnellere Fortschritte zu machen und greifbare neue Ergebnisse zu erreichen – ganz nach der Devise des US-Verteidigungsministers Lloyd Austin: „Wir leben in einem entscheidenden Jahrzehnt … im alten Trott weiterzumachen ist keine Option.“[44]

4.2 Lehren der Vergangenheit beherzigen

Die Aufgabe, die nukleare Abschreckung der NATO optimal anzupassen und zu stärken, gibt vielen Mitgliedern Gelegenheit, sich entscheidend einzubringen. Viele Verbündete könnten dazu beitragen, neue Hardware- und Software-Lösungen zu finden. Dazu gehören auch die neuen NATO-Mitglieder, denen bei der Definition neuer Rahmenbedingungen des internen und externen NATO-Diskurses ohnehin eine wichtige Rolle zukommt.

Bei der Lösung einiger besonderer Probleme müssen allerdings die Vereinigten Staaten die Führungsrolle übernehmen. Die Regierung Biden hat bereits eine Reihe wichtiger Zusagen gemacht, um Hardware und Software der erweiterten Abschreckung sowohl in Europa als auch in Asien zu verbessern. Sie hat die zeitnahe Verfügbarkeit des F35-Bombers und des Schweren Bombers B21 für nukleare Aufträge zugesichert und unterstützt zudem die Beschaffung des luftgestützten Marschflugkörpers Long-Range Stand-Off (LRSO). Ferner hat sie versichert, neue strategische Entwicklungen für US-amerikanische und alliierte Streitkräfte vorzunehmen sowie langfristige Abschreckungskampagnen zu konzipieren und umzusetzen. Sie hat sich außerdem bekannt zu ihrer Führungsrolle bei der Stärkung der nuklearen Abschreckung, die auf dem NATO-Gipfel von Madrid beschlossen wurde. Gleichzeitig aber hat sie das Projekt eines neuen, nuklear bestückten seegestützten Marschflugkörpers (SLCM/N) von der Beschaffungsliste gestrichen.

Während diese Anstrengungen fortgesetzt werden, sollten alle sich auf einige Lehren aus den ernüchternden Erfahrungen der letzten Dekade besinnen. Erstens: Trotz wiederholter Zusicherungen von höchster politischer Ebene, sich insbesondere der nuklearen Abschreckung zuzuwenden, hat sich der Fokus auf die Anpassung der konventionellen Abschreckung und auf den Wettbewerb in den neuen militärischen Domänen verlagert. Deshalb kam es beim Vorhaben, die nukleare Abschreckung der NATO zu modernisieren und zu verstärken, zu einer Reihe von Fehlstarts. Das kann sich das Bündnis nicht mehr leisten. Solange die nuklearen Bedrohungen anhalten, darf die höchste politische Führungsebene diese Aufgabe nicht aus den Augen verlieren und nicht erneut schwanken, sobald die gegenwärtige Krise überstanden ist.

Zweitens erfordert es operative (auch quantifizierbare) Kriterien, um zwischen Fortschritt und Zielerreichung zu unterscheiden. Ohne solche Kriterien blicken viele nur auf das vom Ausgangspunkt Erreichte statt auf die Wegstrecke, die bis zum Ziel noch vor ihnen liegt. Die politischen Entscheidungsträger der NATO müssen feststellen können, ob Reformprozesse zu den angestrebten greifbaren und erheblichen Veränderungen führen. Das gilt sowohl für die praktische Umsetzung der nuklearen Abschreckung innerhalb der NATO als auch für die Wahrnehmung ihrer Entschlossenheit in Moskau und andernorts. Daher werden neue und verbesserte analytische Werkzeuge wie Wargaming und Net Assessment benötigt. Im Jahr 2012 und erneut 2022 erklärte die Allianz, ihr Abschreckungs- und Verteidigungsdispositiv erfülle seinen Zweck, ohne dies zu erklären. Beim nächsten Mal sollte sie eine präzisere Antwort haben. Notwendige Erfolgskriterien und Metriken lassen sich aus theoretischen Analysen heutiger Krisen für das gesamte Konfliktspektrum ableiten.

Drittens muss die NATO öffentlich vermitteln, dass sie ihre nukleare Abschreckung ernst nimmt. Diese Aufgabe obliegt vor allem den Hauptstädten ihrer europäischen Mitglieder. Die Scheu einiger Verbündeter vor einer offenen Diskussion über die nukleare Abschreckungsstrategie und das nukleare Abschreckungsdispositiv der NATO hat in der Vergangenheit immer wieder dieses Thema verdrängt. Das mag innenpolitische Kontroversen verhindert haben, hat aber die Wirksamkeit der Abschreckung gefährdet. Ein freimütiger Umgang mit der NATO-Abschreckungsstrategie würde eine nützliche Botschaft nuklearer Entschlossenheit sowohl an die Öffentlichkeiten in den verbündeten Staaten als auch an Moskau schicken.

Nachdem die NATO 2012 und 2022 ihre nukleare Abschreckung als zweckdienlich befunden hat, muss sie die Situation im Jahr 2023 und auch das kommende Jahrzehnt unter die Lupe nehmen. An Hardware besitzt die Allianz einen Großteil dessen, was sie benötigt. Doch ihr fehlt die Flexibilität eines wirklich breit gefächerten Arsenals sowie die Flexibilität, bei einem Krisenfall im nördlichen Ostasien durch Verlegung taktischer Kernwaffen Unterstützung zu leisten. Bei der Software kann sie zahlreiche Stärken aufweisen, so etwa innere Einigkeit und Botschaften ihrer Entschlossenheit. Doch könnte und sollte das Bündnis mehr unternehmen, um Fehleinschätzungen seiner nuklearen Entschlossenheit auszuschließen.

Die NATO hat viele der seit Langem bestehenden Herausforderungen mit politischer Entschlusskraft und mittlerweile auch einer gewissen Dynamik in Angriff genommen. Doch mit Blick auf die Zukunft erfordert anhaltender Fortschritt, wichtige Lehren aus der Vergangenheit ernst zu nehmen. Dazu gehört insbesondere, dass die oberste politische Führungsebene der nuklearen Abschreckung dauerhaft ihre volle Aufmerksamkeit widmet.

Über den Autor / die Autorin

Dr. Brad Roberts

Direktor

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Online erschienen: 2023-09-07
Erschienen im Druck: 2023-09-04

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.

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  1. Titelseiten
  2. Editorial
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  19. Stacie Pettyjohn/Hannah Dennis: Avoiding the Brink. Escalation Management in a War to Defend Taiwan. Washington, D.C.: Center for a New American Security (CNAS), Februar 2023
  20. Giles David Arceneaux: Nuclear Command and Control and Strategic Stability. Den Haag: The Hague Center for Strategic Studies, Februar 2023
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  24. China und USA
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  27. Viping Narang/Scott D. Sagan (Hrsg.): The Fragile Balance of Terror – Deterrence in the Nuclear Age. Ithaca, NY, und London: Cornell University Press 2022, 263 Seiten
  28. Antje Nötzold: Entscheidung zur Denuklearisierung. Eine Prozessanalyse der nuklearen Abrüstung in Südafrika – Implikationen für die Non-Proliferationsforschung und -politik. Baden-Baden: Nomos Verlag 2023, 782 Seiten
  29. Siegfried Russwurm/Tanja Gönner (Hrsg.): Wie gestalten wir unsere Beziehungen zu China? Freiburg im Breisgau: Verlag Herder 2022, 144 Seiten
  30. Reinhard Bingener/Markus Wehner: Die Moskau-Connection. Das Schröder-Netzwerk und Deutschlands Weg in die Abhängigkeit. Verlag C.H. Beck, München 2023. 304 Seiten
  31. Bildnachweise
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