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Sergei Karaganow: Eine schwierige, aber notwendige Entscheidung, Moskau: Magazin „Profile“, 13. Juni 2023

Published/Copyright: September 7, 2023

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Karaganow Sergei Eine schwierige, aber notwendige Entscheidung Moskau Magazin „Profile“ 13. Juni 2023


In diesem Artikel, der auch auf Englisch in Russia in Global Affairs erschienen ist, macht sich der Ehrenvorsitzende des Rats für Außen- und Verteidigungspolitik und Dekan der Fakultät für Weltwirtschaft und internationale Angelegenheiten an der Wirtschaftshochschule Moskau, Sergei Karaganow, Gedanken über den Ausgang des Ukraine-Kriegs. Im Westen schätzen viele den siebzigjährigen Politikwissenschaftler immer noch als relativ gesprächsbereit ein. Doch in diesem Artikel entpuppt er sich als der, als den ihn seine Kritiker immer wieder bezeichnet haben: als extremistischer russischer Nationalist, dessen Nervosität sich angesichts des bisherigen Kriegsverlaufs in grenzenloser Pöbelei und gefährlicher Kriegsrhetorik entlädt. Will man einen akademischen „Kriegstreiber“ am Werk sehen, dann sollte man diesen Artikel lesen.

Russland führt seit eineinhalb Jahren Krieg gegen die Ukraine in der Absicht, Bevölkerung und Territorium zu vereinnahmen, weil es angeblich die Ukraine nicht gäbe und das Gebiet von Nazis regiert werde. Dass die Bevölkerung der Ukraine das völlig anders sieht und sich das ukrainische Militär erfolgreich der Vereinnahmung widersetzt, passt in Karaganows Weltbild nicht hinein. Möglicherweise, schreibt er, könne Russland nur einen Teil des Landes behalten und es, selbst wenn es die Ukraine erobert, mehr als zehn Jahre dauern, bis die Menschen in der Ukraine von den schädlichen Ideen einer eigenen ukrainischen Nationalität „erlöst“ wären. Schuld an allem sei der eigentlich im Niedergang befindliche Westen, der die Ukraine gegen ihr Mutterland Russland aufgehetzt und aufgerüstet habe, und so die Ressourcen Russlands – das nach Ansicht des russischen Außenministeriums zu Recht als „eigene, staatliche Zivilisation“ gelte – erschöpfen wolle. Das dürfe man keinesfalls hinnehmen. Russland sei der bewaffnete Arm einer weltweiten Bewegung zur Befreiung von fünf Jahrhunderten westlicher Vorherrschaft.

Deshalb, so Karaganow, solle Russland den Krieg recht bald und siegreich mit dem Einsatz von Kernwaffen beenden. Kernwaffen seien ein Geschenk, das Gott der Sowjetunion und anderen Staaten zum Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht habe, um eine Phase der Weltgeschichte zu beenden, in der ein Krieg auf den anderen folge. Nicht in der Ukraine seien Kernwaffen einzusetzen, sondern gegen Ziele in jenen westlichen Staaten, die die Ukraine militärisch unterstützen. Russland müsse jetzt die nukleare Eskalationsleiter gegen den Westen besteigen. Die Verlagerung von Kernwaffen nach Belarus sei ein erster Schritt. Danach müssten alle Freunde Russlands aufgefordert werden, sich aus der Nähe von westlichen Einrichtungen zurückzuziehen, die wichtig seien, um den Nachschub für die Ukraine zu organisieren. Sollte dies nicht zur notwendigen Ernüchterung führen, müsse man Kernwaffen gegen jene Orte einsetzen, über die der Nachschub in die Ukraine fließe. Diese schwierige und moralisch problematische Entscheidung werde zwar auch bei Russlands wichtigstem Verbündeten China nicht auf Zustimmung treffen. Aber am Ende werde die Geschichte Russland Recht geben, denn es seien die Sieger, die Geschichte schreiben. Die Menschheit, die sich vom Joch des Westens befreien wolle, werde Russland für immer dankbar sein. Der dekadente Westen würde nicht mit nuklearen Gegenangriffen reagieren. Welcher amerikanische Präsident wolle schon Boston wegen Poznan riskieren?

Wer Karaganow kennt, weiß von seinem erheblichen Alkoholproblem. Es wäre allerdings zu einfach, die Drohungen damit abzutun. Denn eine solche Denkweise findet sich gewiss auch bei manch anderen Mitgliedern der russischen Elite, die der „enttäuschende“ Ausgang des Überfalls auf die Ukraine verunsichert hat. Und den Hinweis auf die Verlegung von Atomwaffen nach Belarus kann man durchaus in diesem Zusammenhang sehen. Man könnte die Verlegung allerdings auch anders interpretieren: als Vorsichtsmaßnahme, damit nach einer Niederlage Russlands in der Ukraine nicht auch noch Belarus abfallen oder von ukrainischen Truppen übernommen werden kann.

Dieser Beitrag von Karaganow zeigt klar: Der Kriegsverlauf hat ganz erheblich Russlands korrupte, kleptokratische Machtelite verunsichert, die einen brutalen großrussischen Imperialismus verfolgt, der sich nicht mit der Ukraine zufriedengeben wird. Von Ernüchterung oder Einsicht in Notwendigkeiten ist nichts zu erkennen. Und wenn in der Machtelite doch mal Kritik am Krieg laut wird, wird das „Problem“ zumeist durch das „vorzeitige und überraschende Ableben“ der betreffenden Personen behoben. Wir müssen uns darauf einstellen, dass Russlands Machtelite nicht nachgeben will und immer wieder die nukleare Karte zücken wird. Sie sieht sich darin assistiert von China, das eine sehr weitgehende internationale Umgestaltung plant und dafür Russland als Verbündeten braucht und unterstützen wird.[1] Und deshalb ist die Verbesserung der Fähigkeiten der westlichen Allianz im Bereich der nicht-strategischen Kernwaffenabschreckung so notwendig.

https://eng.globalaffairs.ru/articles/a-difficult-but-necessary-decision/

Online erschienen: 2023-09-07
Erschienen im Druck: 2023-09-04

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.

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  19. Stacie Pettyjohn/Hannah Dennis: Avoiding the Brink. Escalation Management in a War to Defend Taiwan. Washington, D.C.: Center for a New American Security (CNAS), Februar 2023
  20. Giles David Arceneaux: Nuclear Command and Control and Strategic Stability. Den Haag: The Hague Center for Strategic Studies, Februar 2023
  21. Russlands Krieg gegen die Ukraine
  22. Jack Watling/Oleksandr V. Danylyuk/Nick Reynolds: Preliminary Lessons from Russia’s Unconventional Operations During the Russo-Ukrainian War. London: Royal United Services Institute for Defence and Security Studies (RUSI), Februar 2023
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  24. China und USA
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  26. Buchbesprechungen
  27. Viping Narang/Scott D. Sagan (Hrsg.): The Fragile Balance of Terror – Deterrence in the Nuclear Age. Ithaca, NY, und London: Cornell University Press 2022, 263 Seiten
  28. Antje Nötzold: Entscheidung zur Denuklearisierung. Eine Prozessanalyse der nuklearen Abrüstung in Südafrika – Implikationen für die Non-Proliferationsforschung und -politik. Baden-Baden: Nomos Verlag 2023, 782 Seiten
  29. Siegfried Russwurm/Tanja Gönner (Hrsg.): Wie gestalten wir unsere Beziehungen zu China? Freiburg im Breisgau: Verlag Herder 2022, 144 Seiten
  30. Reinhard Bingener/Markus Wehner: Die Moskau-Connection. Das Schröder-Netzwerk und Deutschlands Weg in die Abhängigkeit. Verlag C.H. Beck, München 2023. 304 Seiten
  31. Bildnachweise
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