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Literaturessay

  • Maximilian Terhalle

    Gastprofessor an der London School of Economics und Senior Fellow, ISPK

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Published/Copyright: September 7, 2023

Stefanie Babst: Sehenden Auges – Mut zum strategischen Kurswechsel. Frankfurt: DTV 2023, 288 Seiten

Christoph Heusgen: Führung und Verantwortung. Angela Merkels Außenpolitik und Deutschlands künftige Rolle in der Welt. Siedler Verlag: München 2023, 251 Seiten

Die eine drängt auf den „Churchill-Moment“, der andere will „auch in Zukunft“ auf das Führungsverständnis einer „international so geschätzten Führungsfigur wie Angela Merkel“ setzen. Die eine dringt so zum Charakter der Bedrohung der eigenen politischen Grundlagen vor. Der andere sieht allein ein beängstigendes, aber vorübergehendes Problem vor sich, Krieg als analytische Kategorie und politisches Instrument internationaler Politik bleibt ihm so fremd wie Frau Merkel. Verkürzt lassen sich so die Stoßrichtungen der Bücher von Stefanie Babst, 1998 bis 2020 hochrangige Beamtin der NATO, und von Christoph Heusgen, 2005 bis 2017 außenpolitischer Berater der Bundeskanzlerin, einfangen.

Beide Autoren sind „außer Dienst“, müssen sich beim Schreiben demnach nicht mehr nach politischen Vorgaben richten. Babsts spitzer Feder gelingt dies schonungsloser, ideenreicher und reflektierter als Heusgen, der, mit zwölf Jahren Beratertätigkeit näher an der Macht als jeder andere Deutsche, sprachlich etwas hölzern vergangenes Tun bewundernd nach- und forterzählt, ohne sich von der Altkanzlerin lösen zu können. Seine gedanklich-emotionale Nähe zu ihr hat fast symbiotische Züge. Das ist an der Spitze der Exekutive gewiss nichts Ungewöhnliches, in Maßen Voraussetzung. Bei der Betrachtung von Deutschlands erzwungenem Aufbruch ins strategische Denken und Handeln dient es allerdings nicht der Glaubwürdigkeit.

Babsts gut lesbares Buch Sehendes Auges – Mut zum strategischen Kurswechsel gliedert sich in fünf Abschnitte. Das erste, „Blindheit“, gibt einen Aufriss des Themas im grellen Licht des Krieges in Europa; das zweite durchleuchtet kenntnisreich das Machtsystem Putins, das dritte stellt den Außenpolitikstil des Kremlherrschers dar und arbeitet nüchtern die Gründe für das Scheitern der deutschen Russlandpolitik heraus. Im vierten Kapitel, „Strategic Foresight“, zeigt Babst auf, warum das in Berlin übergreifend genutzte Argument, man sei am 24. Februar 2022 überrascht worden, nicht glaubhaft ist. Das letzte Kapitel, „An der Kreuzung“, kategorisiert den Krieg als tatsächlich fundamentale Herausforderung für die westliche Ordnung und bietet eine überzeugende „Rollback-Putinismus“-Strategie an.

Heusgens Buch Führung und Verantwortung. Angela Merkels Außenpolitik und Deutschlands künftige Rolle in der Welt ist thematisch breiter angelegt, im Wesentlichen bedingt durch seinen chronologisch-deskriptiven und referierenden, nicht-analytischen Stil. Nach Beschreibung seiner Ernennung beleuchtet er in neun Kapiteln die zentralen nationalstaatlichen (Frankreich, Israel, USA, Russland und China) sowie institutionellen Akteure (EU, NATO). Das Muster ist stets: zunächst Beschreibung der jeweiligen Geschehnisse während seiner Amtszeit in Berlin, danach dasselbe im Spiegel seiner Zeit bei den Vereinten Nationen (2017–20), anschließend Beobachtungen aus seiner Zeit „außer Dienst“ ab 2021. Auch Heusgen bietet in seinem knappen Ausblick einzelne Handlungsempfehlungen, sozialisationsbedingt vorsichtig vorgetragen. Die immer wieder gesuchte Referenz auf Merkel unterläuft jedoch unweigerlich seinen Anspruch auf Erklärung und Operationalisierung der Zeitenwende.

Trotz aller Verschiedenheit der beiden Bücher und ihrer Herangehensweisen lassen sich mindestens drei Verbindungslinien ziehen, die wertvolle Denkanstöße geben.

Zunächst lässt sich fragen, wie Heusgen und Babst das Scheitern von Berlins Russlandpolitik erklären. Vorab, Merkels außenpolitischer Berater erklärt es nicht. Er beschreibt selektiv einzelne Stationen der außenpolitischen Linie gegenüber Russland (Bukarest 2008, Wales 2014, Nord Stream 2 2015, Minsk 2015) und referiert Putins imperial-historische Äußerungen zur „Nicht“-Staatlichkeit der Ukraine (2021). An keiner Stelle aber lässt er erkennen, dass sich die deutsche Seite die Auswirkung ihrer Politik auf Moskau und ihrer axiomatisch operationalisierten, selbstauferlegten Eskalationsfurcht vor Russland bewusst gemacht hätte. Um diese Position zu veranschaulichen, führt er die NATO-„Unreife“ der Ukraine (2008), die sozialdemokratische Handschrift in der Russlandpolitik der Großen Koalition, das 2014 beim NATO-Gipfel in Wales vereinbarte Zweiprozentziel sowie den privatwirtschaftlichen Charakter von Nord Stream 2 an. Nord Stream 2 ist die einzige Stelle in diesem Buch, an der Heusgen seine eigene Meinung nennt. Er sagt, er hätte „dem Projekt persönlich sehr skeptisch gegenüber“ gestanden. Das ist unwahr. Heusgen hatte im November 2021, damals bereits außer Dienst, bei einer dinner speech vor über 200 Gästen in Berlin die Nord Stream 2-Politik Merkels explizit und ohne jegliche kritische Einschränkung für richtig befunden und verteidigt. Warum Angela Merkel trotz aller autoritärer Ausfälle Putins unbeirrt an ihrem Kurs festhielt, diese Frage stellt er nicht. Er scheint überzeugt: „Die im Prinzip gegenseitig positive Grundhaltung (sic!) trug die Beziehung zwischen Merkel und Putin durch 16 zum Teil schwere (sic!) Jahre. Zu keinem Zeitpunkt herrschte Sprachlosigkeit zwischen den beiden.“ Ohne sich zu wundern, dass diese Politik misslang, zeigt er sich abschließend sicher: hätte Merkel während der Corona-Zeit Zugang zu Putin gehabt, „hätte sie ihn vielleicht von seinen abenteuerlichen Plänen abbringen können.“ Impliziert dies nicht, dass Merkel keine Ahnung von Putins Plänen hatte? Es ist abstrus anzunehmen, Putin hätte sich ihr gegenüber offenbart. Merkels hohe Selbstüberschätzung (und ihre Manipulation durch Putin) wird hier sehr deutlich. Heusgens kryptisches Resümee: „Wie viele andere täuschte ich mich …“ Dass gerade diese durchgängig „positive Grundhaltung“ solch fatale Folgen ermöglichte, auch weil die eigene Position in 12 bzw. 16 Jahren nicht per klassischem red-teaming hinterfragt wurde, bleibt irritierend unkommentiert im Raum stehen. Obwohl Heusgen bei Putin zu Begriffen wie „Demütigung“ und „Rückkehr zu alter Größe“ greift, zeigt sein politischer Unglaube gegenüber der realen Kraft dieser Phänomene, dass sie und ihre inhärente Manipulierung durch den Kremlherrscher ihm unterbewusst und auch kognitiv stets fremd geblieben sind. Wie Krieg an sich.

Babst hat dieses Erkenntnisproblem nicht. Sie kennt Putins opportunistischen und pragmatischen Politikstil. Ihm ist „jedes Mittel legitim“, das der eigenen Machterweiterung dient: „Einschüchterung, Erpressung, Täuschung, Cyberangriffe, Desinformationskampagnen, Spionage und … Migration.“ Plus Krieg, ob in Georgien, Syrien oder der Krim. Babst führt sechs Gründe dafür an, dass Heusgens Überraschung in der Sprache der Strategic Foresight kein schwarzer Schwan war. Die deutsche Politik basierte „auf einem nostalgisch verklärten Russlandbild“; sie entwickelte sich „primär im Kontext wirtschaftlicher Interessen“; sie basierte weiterhin – Heusgens Buch bestätigt dies eindrucksvoll – auf dem „naiven, aber auch selbstüberhöhenden Glauben, das Putin-Regime könne über enge persönliche Kontakte politisch beeinflusst werden“; Berlin ignorierte „schlicht den Zeitpunkt, an dem die strategische Partnerschaft … in eine strategische Gegnerschaft umschlug“; der „vernetzte Ansatz“ konnte Russland nichts entgegensetzen, zumal nicht in der Arktis und Afrika; und sechstens, selbst noch im Herbst 2021, „verweigerte ein Teil der politischen und wirtschaftlichen Elite die Wahrnehmung der Realität“ (Heusgens o. g. dinner speech vom November 2021 fügt sich hier nahtlos ein). Im Grunde legt Babst Berlins Unwillen offen, sich in eine radikal revisionistische Weltsicht hineinzudenken, die allen Kosten-Nutzen-Kalkülen zum Trotz anders agiert. Dass Putin mit Verve die Tradition Peters des Großen fortsetzte und Krieg als „Instrument zur Sammlung der russischen Erde“ sah – all das wurde von der kühlen Analytikerin Merkel milde belächelt. Ihre Sprachkenntnisse, glaubte sie, würden ihr helfen, Putin zu durchschauen. Doch Sprach- und Kulturverständnis sollte, wie sich herausstellte, nicht genügen; die Möglichkeit, Merkel gerade deswegen manipulieren zu können, eröffnete dem Strategen Putin großen Spielraum.

Und dann brach am 24. Februar 2022 der Krieg aus. Welche Antworten geben die Autoren darauf? An diesem Punkt zeigt sich erneut ein bemerkenswerter Unterschied zwischen Heusgen und Babst. Für Babst ist der Krieg ein kriegerischer Angriff auf die westliche Ordnung an sich. Auch Heusgen sieht die Ordnung attackiert, entwickelt aber weder eine Strategie gegenüber Russland, noch akzeptiert er, dass die Wiederherstellung der Ordnung und ihre zukünftige Absicherung im Kern auf Macht beruht. Heusgens Buch lässt nicht zwingend erkennen, dass er die machtpolitischen Voraussetzungen der gegenwärtigen Ordnung verinnerlicht hat, ohne die Diplomatie nicht wirken kann. Ein Blick in Hans Morgenthaus Klassiker Politics among Nations hätte dafür genügt.

Babst rahmt den Krieg so ein: „Im Kern geht es um nichts anderes als die Frage, ob die demokratischen Gesellschaften zukünftig in einem rechtsfreien Dschungel leben … wollten oder ob sie weiter an einer regelbasierten internationalen Ordnung … festhalten wollten.“ Das ist für sie die „strategische Kreuzung“, an der der politisch organisierte Westen jetzt steht. An dieser Kreuzung kann nur stehen, wer den Kampf, den die Ukraine gegen den Invasoren Russland führt, als Krieg versteht, der unsere vitalen Interessen berührt, indem er Russland von der Ostgrenze der NATO fernhält und zurückdrängt. Das ist in unserem ureigensten Interesse, weil Putin seine imperialen Ziele – so sehr er daran im Moment gehindert sein mag– von Anbeginn geographisch über die Ukraine hinaus gesteckt hat.

Babst rückversichert sich bei George Kennan, bevor sie sieben Überlegungen zu einer „Rollback-Putinismus“-Strategie vorstellt. Zwei sollen hier aufgezeigt werden. Da der Sieg der Ukraine im ureigensten Interesse Berlins (und seiner NATO-Partner) liege, müsse der Westen der Bedrohung durch Russland mit allen Mitteln begegnen, die er zur Verfügung stellen kann. Dass Kiew sein „Land vollständig zurückerobern“ kann, so Babst, ist die Maxime für die Beendigung des Krieges. Dafür seien die Politikansätze von EU („primär wirtschaftlich-finanzielle Aufbauhilfe“) und NATO strikt zu trennen und die Grundsatzfrage zu beantworten, ob der „Beitritt der Ukraine (zur NATO) weiterhin von Moskaus Veto abhängig“ gemacht werden soll. Babst sagt: nein. Nur durch die Mitgliedschaft in der Allianz könne eine glaubwürdige Abschreckung gegen einen erneuten Versuch Putins geleistet werden. Berlin sei noch nicht soweit.

Die zweite Überlegung „liegt auf der Hand“, nämlich dass „wir unsere eigene militärische Wehrhaftigkeit und Resilienz nachhaltig stärken müssen.“ Babst denkt hier in erster Linie an Deutschlands Erfüllung des Zweiprozentziels. Sie sagt es nicht explizit, aber sie hat Donald Trump als möglichen nächsten US-Präsidenten im Hinterkopf und der November 2024 ist nicht mehr weit. Die Vergangenheit sollte Berlin gelehrt haben, dass Trump sich als erstes auf Deutschland kaprizieren würde. Je weiter Berlin vom NATO-Ziel entfernt bleibt, umso leichter wird Trump es an den Pranger stellen – und Putin gefährlich in die Hände spielen – können.

Heusgen legt keine politisch-militärische Strategie vor, die klare, zusammenhängende Prioritäten für das Regierungshandeln benennt, so wie Babst es überzeugend tut. In seinem kurzen Ausblick wird er allerdings zunächst unerwartet deutlich. Beim Blick auf die zwei Prozent „reibt man sich die Augen“, weil dies „immer noch nicht erreicht“ sei, obwohl „ein Krieg tobt“; ja, er wundere sich, wie die Bundesregierung „noch immer Ausreden“ finde. Dass er selbst zwischen 2014 und 2017 maßgeblich die Politik gegen das Zweiprozentziel mitgetragen hat und später in New York gewiss informiert blieb, bleibt unerwähnt. Immerhin ist sein klares Bekenntnis zu den zwei Prozent ein positiver Anfang.

Und dennoch gelingt es Heusgen nicht, den Rezensenten gänzlich davon zu überzeugen, dass er „die globale Natur des jetzt stattfindenden Ordnungskampfes“ mit ihrem machtpolitischen Charakter erfasst hat. Und dies aus drei Gründen. Zum einen sieht Heusgen die neue Verantwortung Deutschlands, der „viertstärksten Volkswirtschaft der Welt“, im Wesentlichen darin, dass Berlin seine „maßvolle, auf Ausgleich setzende Politik“ weltweit einbringt – nicht zuletzt, weil ein „Großteil“ aller Länder „fast sehnsüchtig unseren Einsatz“ erwarte (sic!). Diese deutsche Politik habe einen „hervorragenden Ruf.“ Das ist ein nicht unrichtiges Selbstbild deutscher Diplomatie, das auf zentralen, weichen Politikgebieten gelten mag. In Fragen globaler Ordnungspolitik, bei der stärkenden Überholung strategischer Bündnisse und dem militärischen Zurückdrängen einer militärischen Großmacht bewirkt dieser maßvoll ausgleichende Ansatz allerdings reichlich wenig. Denn er bietet die falschen Kategorien an. Zweitens vermag der Autor nicht zu überzeugen, weil er den entscheidenden Politikansatz, ganz der alten bundesrepublikanischen Tradition angehörig, im „Kampf um die Respektierung der durch die Vereinten Nationen vorgegebenen Grundregeln“ verortet. Er beharrt auf dieser Ansicht, obwohl er aus seiner New Yorker Zeit zur Genüge weiß, dass „Völkerrechtsverletzer in den meisten Fällen nicht zur Rechenschaft gezogen werden“ können. Sein Verständnis von ‚globalem Ordnungskampf‘ überzeugt daher wenig. Nicht weil es falsch wäre, diesen Kampf in den Gremien zu führen, sondern weil Heusgen keine Antworten darauf hat, wie er der manifesten Gefährdung der Machtgrundlagen dieser Ordnung begegnen will. Schließlich existiert in der anarchischen internationalen Politik kein Gerichtshof, der die Streitigkeiten effektiv entscheiden und die Entscheidungen durchsetzen könnte. Als Stratege müsste Heusgen bei der Kategorie und den Instrumenten der Macht ansetzen, um dem von ihm geschätzten Völkerrecht wieder Geltung zu verschaffen. Und drittens wähnt er im „Globalen Süden“ den Anker für die „Neuausrichtung“ der deutschen Außenpolitik. Dort erkennt er die Quelle der Unterstützung für die moralische Untermauerung einer neuen Weltordnung, nicht zuletzt, weil Amerika durch seine Taten zu häufig sein moralisches Ansehen korrumpiert habe. Auch das ist nicht unrichtig, macht sich aber folgenschwer das von China und Russland geteilte Narrativ im UN-Sicherheitsrat zu eigen. Amerika als Bündnispartner gegen Länder des globalen Südens auszutauschen ist ein gewagter Ansatz. Zumal der Krieg in der Ukraine ohne die USA undenkbar, ja, morgen abrupt vorbei wäre – mit Konsequenzen für Europas Sicherheit, deren Härte sich Heusgen nicht bewusst zu sein scheint. Hier hätte er das transatlantische Bündnis neu denken können im Bewusstsein, dass trotz aller Fehlschläge Washingtons Amerika die Ordnung bietet, die unsere Moral und Interessen am besten widerspiegelt. Berlin sollte alles dafür tun, dass die USA daran festhalten, dass diese Allianz, nicht zuletzt im Hegemonialkampf mit China, auch ihren Interessen dient.

Ein dritter, naheliegender Vergleich der beiden Bücher lässt sich in Hinblick auf China ziehen. Babst will nicht die beengende, verkürzende Rolle des Länderexperten einnehmen, sondern Chinas Gewicht für Russland und die USA strategisch bemessen. „Dass Chinas nukleare und konventionelle Streitkräfte mittlerweile das globale Kräftegleichgewicht verändert haben, ist eine zentrale Grundprämisse der amerikanischen Sicherheitsstrategie.“ Heusgen hingegen referiert allein die jahrelange wirtschaftspolitische Ausrichtung des Kanzleramts. So habe Merkel früh festgestellt, dass „eine Projektion der Wachstumsraten unweigerlich zu einem wirtschaftsstärkeren und damit auch politisch mächtigeren China führen“ müsse, weshalb man großes Interesse habe, „enge Beziehungen“ zu unterhalten. Die knapp 20 Besuche der Kanzlerin mit ihrem Wirtschaftsberater und einem Tross deutscher Wirtschaftskapitäne spiegeln dies wider. Die machtpolitische, hegemoniale Dimension des Faktors China aber ist bei Heusgen (und Merkel) nicht präsent. Gleichsam naiv überrascht konstatiert er, nur wenige Seiten nachdem er Merkels Weitsicht bei der Einschätzung von Chinas „Projektion der Wachstumsraten“ lobt, dass „wie bei Putin Xis kontinuierlicher Machtzuwachs international nicht vorhergesehen worden“ war. Er geht nicht ein auf die Widersprüchlichkeit von Merkels Weitsicht, die offenlegt, dass die eigenen Parameter zur Wahrnehmung und Analyse der Weltpolitik einseitig globalisierungsorientiert und kooperativ ausgerichtet waren, in keinem Fall jedoch strategisch. Heusgens Wahrnehmung nähert sich dem grotesk Gefährlichen, wenn er beginnt, Xis Arbeitseifer in bewundernder Weise zu loben: „… eines musste man Xi Jinping lassen: Er widmete sich praktisch rund um die Uhr seiner Aufgabe … [und nahm dabei] nicht mehr als einen Tag … Urlaub.“ Dass er sich nicht gefragt hat, woran Xi so energisch arbeitet und ob das vorteilhaft ist für Berlin, ist erstaunlich.

Konzeptionelle oder analytische Parameter legt Heusgen nicht an, sondern er betrachtet das Geschehen „auf Sicht“. Für ihn ergeben sich, er nutzt den unscharfen Begriff mehrfach, schlicht „Trends“, mit denen man umgehen muss. Bemerkenswert ist hier erneut, wie wenig ihn Widersprüche zur Reflektion anleiten. Bei Xis Besuch in „Berlin 2014“ monierte Merkel in milder Form (und mit Rücksicht auf ihre wirtschaftspolitische Ausrichtung), dass Deutschlands Außenpolitik „aufgrund [ihrer] Geschichte“ stets „von Rücksichtnahme auf die zumeist kleineren Staaten in Europa“ geprägt sei und man „die Pflicht [empfinde], bei Streitigkeiten nachzugeben“. 2014? Heusgen blendet an dieser Stelle mit bedenklicher Leichtigkeit die Ignoranz des Kanzleramts gegenüber der kritischen Haltung der Polen und Balten zur Russlandpolitik aus; von historisch bedingter Rücksichtnahme diesen gegenüber war seinerzeit nichts zu spüren. Und Xis Antwort, man sei immer schon Hegemon in Asien gewesen, sieht Heusgen als akzeptabel an, weshalb er Merkels Grundansatz gegen die „nicht minder aggressive US-Politik gegenüber China“ goutiert. Unter Verkennung des Gewichts Deutschlands und der sicherheitspolitischen Implikationen für Europa bezieht der außenpolitische Berater eine Position der gewollten Äquidistanz zu China und den USA, die erneut die strategische Brisanz nicht sieht. Basierend auf seinem empirischen Erkenntnismodell „Trend“ meint er lediglich, es sei „nicht völlig abwegig … über die Orientierung der Außen- und Wirtschaftspolitik nachzudenken.“ Das ist allenfalls Strategie geleitet von der Taktung eines Lagezentrums, ohne jegliche strategische Kultur, die befähigt zur Durchdringung der Implikationen, die ein solcher Ansatz für die vitalen Interessen Deutschlands hat. Macron meinte kürzlich, die Taiwan-Frage sei nicht „unsere Krise“, sei keine Krise Europas. Trump wird gut zugehört haben. Was will Heusgen antworten, wenn Trump sagt, der Ukraine-Krieg sei nicht Amerikas Krise? Merkels Berater, so wird beim Lesen immer klarer, hat strategisch nicht erfasst (rituell vielleicht), dass Amerika essenziell für den Schutz Europas ist. Artikel 5 des NATO-Vertrags ist eine Grundregel, für deren Erhalt sich Deutschland einsetzen muss. Amerika könnte sich, wenn es dies wider kluges Verständnis des Werts von Allianzen wollte, der NATO entziehen; dann würde Deutschland „in einer anderen Welt“ leben müssen (so Außenministerin Annalena Baerbock), einer ganz anderen.

Frau Babst ist solche Leichtgewichtigkeit fremd. Nachdem sie die „zentrale Grundprämisse“, die China für die USA strategisch bildet, hervorgehoben hat, betrachtet sie klugerweise die Bedeutung, die das ungleiche Verhältnis zwischen Russland und China für die Weltpolitik hat. Materiell und ideologisch wenden sich beide Nationen gezielt gegen die westliche politische Ordnung. Mit großer Klarheit benennt sie die wirtschaftlichen Mittel der Seidenstraße, mit denen China sich strategisch den Weg ebnet, um seine Macht zu projizieren. Gleichzeitig hebt sie hervor, wie sehr China von Öl- und Gaslieferungen aus dem Nahen und Mittleren Osten abhängt (ca. 40 Prozent). Dass informelle Gruppen wie die Quad oder AUKUS auch dem Ziel dienen, eine eventuelle Seeblockade Chinas vorzubereiten, schwingt implizit mit. Anders als Heusgen, der ausklammert, dass die Spannungen zwischen Russland und China Manipulationsmöglichkeiten eröffnen, gibt Babst mehr als einen Hinweis, welche Aspekte dieses Verhältnisses die westliche Strategie konsequent ausnutzen müsste (besonders Chinas Vordringen und Festsetzen in Zentralasien, das Russland historisch als seine Einflusssphäre betrachtet). Klug verweist sie darauf, dass China russisches Öl und Gas zu seinen Bedingungen kauft: damit „schwächt [es] zugleich Russlands Verhandlungsposition in anderen Bereichen der Beziehungen – zum Beispiel im Hinblick auf Zentralasien und die Arktis.“ Dort nämlich baut und erweitert es strategisch wichtige Eisenbahnverbindungen, gegen die sich Russland wegen seiner Abhängigkeit von China nicht zur Wehr setzen kann.

Anders als Heusgen denkt die Autorin strategisch über den Krieg in der Ukraine nach und über Fragen, die Peking sich systematisch stellt: „Mit welchen Mitteln versuchen [westliche Staaten], das Putin-Regime zu treffen? Wie groß ist die Geschlossenheit der Verbündeten? Wie hoch die Widerstandskraft ihrer Gesellschaften und Wirtschaftssysteme? Wie schnell gelingt es ihnen, sich aus der energiepolitischen Abhängigkeit von Russland zu befreien?“ Babst erörtert diese Fragen, weil sie „in das strategische Kalkül Pekings mit Blick auf die eigenen Ambitionen gegenüber Taiwan und die konfliktreiche Beziehung mit Amerika einfließen.“

Solche Fragen leiten sich nicht aus empirischer Trendbeobachtung und reaktivem Politikstil ab, sondern setzen ein realistisches Verständnis voraus, das Machtstreben, gerade von revisionistischen Akteuren, als unverbrüchliches Axiom anerkennt. Heusgen hingegen wiederholt unverkennbar bewundernd, mit welcher Detailkenntnis sich Merkel „Themen“ genähert und Lösungen gesucht habe. Dadurch haben sie und Heusgen allerdings stets den großen strategischen Blick verloren und konnten den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Dass es in Berlin, so lässt sich hinzufügen, nur ein vielzitiertes Umsetzungs-, aber kein Erkenntnisproblem gab, erweist sich einmal mehr als Fehlannahme.

Bei den Themen Russland und China werden die zentralen Unterschiede der zwei Bücher sehr deutlich. Heusgen sieht Deutschland recht allgemein vor „großen Herausforderungen“ stehen. Zu ihrer „Bewältigung“ meint er erfahrungsgesättigte Beruhigung vermitteln zu können, weil „wir auf dem aufbauen können, was Angela Merkel in den letzten anderthalb Jahrzehnten auf die Beine gestellt hat.“ Mit anderen Worten offeriert er à la Merkel ein sicherheitspolitisches „Sie kennen mich.“ Aus der Sicht des Rezensenten ist Babst scharfsinniger und überzeugender. Sie durchdringt den strategischen Charakter der Bedrohung durch Russland und China. Sie zeigt auf, dass in der Tat das Ganze, die Substanz der westlichen Gemeinschaft, betroffen ist. Deshalb kann es nicht bei ritueller Selbstvergewisserung oder dem Rückgriff auf ganzheitlich gescheiterte sicherheitspolitische Ansätze bleiben. Vielmehr müssen die Allianz und ihre befreundeten Staaten (in Asien) gefragt werden: Hat der Westen „den Willen zur strategischen Gestaltung“ dieser „außergewöhnlichen Zeiten“?

Heusgen hat dem Leser mit seinem Buch bereits eine klare Idee von den kommenden Erinnerungen Merkels geliefert. Frau Babst hat dabei die zentralen Kritikpunkte dieser Memoiren vorweggenommen. Churchill vs. Merkel? Die Antwort ist eindeutig.

Über den Autor / die Autorin

Prof. a. D. Dr. Maximilian Terhalle

Gastprofessor an der London School of Economics und Senior Fellow, ISPK

Online erschienen: 2023-09-07
Erschienen im Druck: 2023-09-04

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.

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  31. Bildnachweise
Downloaded on 31.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/sirius-2023-3010/html
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