Stacie Pettyjohn/Hannah Dennis: Avoiding the Brink. Escalation Management in a War to Defend Taiwan. Washington, D.C.: Center for a New American Security (CNAS), Februar 2023
Rezensierte Publikation:
Pettyjohn Stacie Dennis: Hannah Avoiding the Brink. Escalation Management in a War to Defend Taiwan Washington, D.C. Center for a New American Security (CNAS) Februar 2023
Die Verfasser dieser Studie gehen davon aus, dass die Vereinigten Staaten in eine beispiellose multipolare nukleare Ära eintreten, die weitaus komplexer und herausfordernder ist als die des Kalten Krieges. Sie untersuchen mögliche Auslöser, Schwellenwerte und Ziele für den Einsatz chinesischer Atomwaffen sowie Optionen, wie die Vereinigten Staaten, ihre Verbündeten und Partner eine Eskalation vermeiden oder kontrollieren könnten. Die Studie stützt sich auf die Ergebnisse zweier explorativer Tabletop-Übungen (TTXs), die sich darauf konzentrierten, wie sich Chinas wachsendes Atomwaffenarsenal auf das Risiko einer nuklearen Eskalation in einem konventionellen Konflikt um Taiwan auswirken könnte. Aus den Übungen leiten die Autoren vorläufige Erkenntnisse darüber ab, wie sich eine nukleare Eskalation in einem Krieg um Taiwan entwickeln könnte. Und sie identifizieren Bereiche, in denen weiterer Forschungsbedarf besteht.
Sie gehen davon aus, dass die geplanten Erweiterungen und Verbesserungen seiner Atomstreitkräfte China demnächst ein breiteres Spektrum an Möglichkeiten bieten. Ausgestattet mit einer sicheren Zweitschlagsfähigkeit und vielfältigen nuklearen Optionen auf einem regionalen Kriegsschauplatz, könnte China bereit sein, seine Atomwaffen zu nutzen, um die Vereinigten Staaten von einem Kriegseintritt aufseiten Taiwans abzuhalten. Derzeit würden Amerikas politische Entscheidungsträger derartigen nuklearen Drohungen der VR China wegen des begrenzten Arsenals keine besondere Bedeutung beimessen. Diese Einschätzung müsse revidiert werden. Die USA müssten darüber nachdenken, welche Eskalationsverläufe stattfinden können und auch auf welche Überraschungen sie sich einzustellen haben.
Bei den beiden TTXs, die im Sommer 2022 stattfanden, trat in einem Krieg um Taiwan ein blaues Team der USA gegen ein rotes Team aus China an. Die zwei Kriegsspiele wurden als kontrollierter Vergleich konzipiert. Es ging darum, die Auswirkungen einer gewissen Variable – Größe und Zusammensetzung des Atomwaffenarsenals der Volksbefreiungsarmee (VBA) – zu bestimmen: einerseits auf die Entscheidungsfindung und Neigung des roten Teams zur absichtlichen Eskalation, andererseits auf die Fähigkeit des blauen Teams, seine Verbündeten und Partner zu verteidigen und zugleich die Eskalationskontrolle nicht zu verlieren. Man hielt die meisten anderen Faktoren konstant, veränderte aber die nukleare Streitkräftestruktur von „Rot“, um so zu ermöglichen, sich auf die Rolle von Kernwaffen zu konzentrieren. In TTX 1 hatten die Spieler für das Jahr 2027 ein fiktives Nukleararsenal von etwa 700 chinesischen Sprengköpfen unterschiedlicher Art und Reichweite des Trägersystems angenommen. TTX 2 umfasste für das Jahr 2030 ein ähnlich vielfältiges chinesisches Arsenal von über 1.000 Atomsprengköpfen.
Nach Analyse der Ergebnisse beider Übungen erweitern die Autoren die Erkenntnisse durch Recherchen in der vorhandenen Literatur über nukleare Abschreckung und Eskalation.
Den Autoren zufolge ergaben die Simulationen, dass China durch ein überlebensfähiges und vielfältigeres Atomwaffenarsenal nicht nur die Überlebenskraft seiner Zweitschlagsfähigkeit erhöhen würde, sondern auch in der Lage wäre, in begrenztem Umfang mit Atomwaffen zu drohen oder diese einzusetzen. Zu Beginn des Konflikts hielt keines der zwei Red-Teams es für notwendig, eine Atomwaffe einzusetzen, doch sprachen sich beide für nukleare Drohungen aus, um eine Beteiligung der USA zu verhindern. In einem TTX setzte Red eine Atomwaffe mit geringer Reichweite gegen Guam ein, um auf konventionelle Angriffe des blauen Teams auf das Festland zu reagieren. Die Autoren schließen daraus, dass es angesichts der Unsicherheit über Chinas Atompolitik und -doktrin wichtig wäre, eingehendere Untersuchungen zu dieser Frage vorzunehmen.
Zudem, so ein weiteres Ergebnis, sahen die roten Teams zu Beginn eines Taiwan-Konflikts wenig Vorteile im Einsatz von Atomwaffen. Da China seine konventionellen mit nuklearen Fähigkeiten erweitert, fühlten sie sich nicht unter Druck gesetzt, Atomwaffen schon zu Konfliktbeginn einzusetzen, waren aber bereit, damit zu drohen. Die Autoren empfehlen daher, Eskalationsdynamiken und Möglichkeiten zur Beendigung eines Krieges ausgiebiger zu analysieren.
Ein weiterer, interessanter Befund sei, dass keines der beiden blauen Teams glaubte, sein Gegner werde seine nuklearen Drohungen wahrmachen. Viele Blue-Spieler schienen übermäßiges Vertrauen in die Eskalationsdominanz der USA zu setzen, weil diese über ein größeres Atomwaffenarsenal und eine sichere Zweitschlagsfähigkeit verfügen. Sie konnten nur schwer glauben, dass Rot in Anbetracht seiner aktuellen und früheren Doktrin die nukleare Schwelle überschreiten würde. Aber, so die Verfasser, China benötige keine nukleare Parität, um einen begrenzten nuklearen Einsatz zu erwägen. Die roten Teams seien bereit gewesen, einen begrenzten Einsatz von Atomwaffen in Betracht zu ziehen, weil sie nicht annahmen, dass Blau auf gleiche Weise mit einer Atomwaffe antworten würde. Die Verfasser empfehlen daher, dass Amerika seine Einschätzung von Atomwaffen und Abschreckung überdenkt. Noch geprägt vom Erbe der bipolaren Ära des Kalten Krieges und Chinas veralteter politischer Einstellung zu Kernwaffen, könne diese traditionelle Haltung zu Missverständnissen und Fehleinschätzungen führen.
Die Verfasser schreiben auch, dass die Zerstörung wichtiger konventioneller Fähigkeiten des Gegners eine Eskalation auslösen könnte. Ein konventioneller Kampf gäbe sowohl den Vereinigten Staaten als auch China den Anreiz, das gegnerische Territorium anzugreifen. Aber solche Angriffe würden „blaue“ bzw. „rote“ Linien überschreiten und das Risiko bergen, dass eine Seite nuklear eskaliert. Die Autoren empfehlen daher eine bessere Integration von nuklearer und konventioneller Strategie in den US-Planungen. Nur dann ließe sich eine Eskalation bewusst steuern.
Im Fall eines Krieges über Taiwan, so ein weiterer Befund der Planspiele, bestehe eine gewisse Asymmetrie der Optionen der USA und Chinas, die tendenziell China begünstige. Die Truppen der USA seien über das Meer, das alliierte Territorium sowie einzelne pazifische US-Gebiete verstreut. Außerhalb der Invasionsstreitkräfte befänden sich die wichtigsten militärischen Ziele zumeist auf dem chinesischen Festland; allein dies bedeute ein erhebliches Eskalationsrisiko, denn Angriffe auf das Kernland bedeuten immer eine besondere, neue Qualität. Diese Asymmetrie biete China daher mehr abgestufte konventionelle und nukleare Optionen als den Vereinigten Staaten, da es wichtige militärische Ziele angreifen könne, ohne das US-Heimatland zu treffen. Auch diesem Aspekt empfehlen die Autoren mehr Beachtung zu schenken.
Anders als die oben besprochene Studie des Center for Global Security Research beim Lawrence Livermore National Laboratory geht diese Untersuchung des CNAS die nukleare Dimension eines möglichen Krieges über Taiwan an und fragt nach Risiken und Eskalationsverläufen. Die hier vorgelegten Ergebnisse sind natürlich nur vorläufiger Natur. Sie lassen aber erkennen, dass in den amerikanischen Thinktanks wieder das „Undenkbare“ gedacht wird, weil man nur so vor Überraschungen gefeit ist.
https://www.cnas.org/publications/reports/avoiding-the-brink
© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.
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