Mark Cozard/Jeffrey Engstrom/Scott W. Harold/Timothy R. Heath/Sale Lilly/Edmund J. Burke/Julia Brackup/Derek Grossman: Gaining Victory in Systems Warfare – China’s Perspective on the U.S.-China Military Balance. Santa Monica, CA: The RAND Corporation 2023
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Cozard Mark Engstrom Jeffrey Harold Scott W. Heath Timothy R. Lilly Sale Burke Edmund J. Brackup Julia Grossman Derek Gaining Victory in Systems Warfare – China’s Perspective on the U.S.-China Military Balance Santa Monica, CA The RAND Corporation 2023
Diese Analyse der RAND Corporation versucht eine Vorstellung davon zu vermitteln, welches Kriegsbild im heutigen China vorherrscht und was es für eine militärische Auseinandersetzung mit den USA bedeuten könnte. Wie schätzen die maßgeblichen Denker in Politik und Militär das Wesen eines künftigen Krieges ein, wie die eigenen Kräfte und die der USA? Und was kann man daraus schließen über die Risikobereitschaft Chinas in möglichen Krisen, wie etwa bei einer Auseinandersetzung wegen Taiwan?
Das generelle Verständnis der Volksrepublik China (VR China) und der Volksbefreiungsarmee (VBA) basiere, so die Autoren dieser im Jahr 2021 verfassten, aber erst jetzt veröffentlichen Arbeit, im Wesentlichen auf Konzepten der systemischen Kriegsführung. Diese begreife moderne Kriegsführung als Konfrontation zwischen gegensätzlichen operativen Systemen, nicht zwischen militärischen Verbänden, Waffen, Diensten oder gar Plattformen, wie es in früheren Epochen der Fall war. Solche Systemansätze besäßen zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit US-amerikanischen Konzepten, so z. B. mit der netzzentrierten Kriegsführung. Tatsächlich aber seien sie eingebettet in die marxistisch-leninistische Theorie und Auslegung von Militärwissenschaft.
Mindestens seit Mitte der 1990er-Jahre, so die Studie, verfolge die VBA sehr genau die Abläufe und Faktoren für Erfolg oder Misserfolg von Kriegen. Ihre Analysen hätten ergeben, dass Informatisierung und Intelligentisierung die maßgeblichen Faktoren für Dominanz auf dem Schlachtfeld darstellen. Informationstechnologie und vernetzte Streitkräfte sowie Automatisierung und künstliche Intelligenz seien die wichtigsten Kampfkraftverstärker. Diese Überlegungen hätten bereits weitgehend Eingang in die Reform militärischer Strategien und Doktrinen gefunden und radikale Veränderungen in Organisation, Ausbildungs- und Übungspraxis der VBA bewirkt. Ziel des systemischen Ansatzes sei es, die Bedingungen zu formulieren, unter denen Kriege sich gewinnen lassen, auch gegen einen Gegner wie die USA.
Die Studie befasst sich dann mit der Frage, wie sich die chinesischen Streitkräfte selbst einschätzen und welche Prozesse der Identifikation und Beseitigung von Problemen zu beobachten sind. Auch wenn detaillierte Diagnosen nicht veröffentlicht werden, so die Autoren, werden die wichtigsten Erkenntnisse dieser Selbsteinschätzung weit verbreitet und regelmäßig wiederholt. Das gehe hervor aus Xi Jinpings Reden, aus Weißbüchern sowie Lehrmaterialien und politischen Arbeitssitzungen der VBA. Für Außenstehende seien diese Äußerungen, weil sie Kurzausdrücke verwenden, zwar schwer verständlich, gäben aber doch zuverlässige Hinweise auf ein System, das sich ständig einer kritischen Selbstüberprüfung unterzieht. Zu dieser gehören z. B. die Formel von den „Zwei Unvereinbaren“ (die derzeitigen Fähigkeiten der Volksbefreiungsarmee entsprechen nicht den Anforderungen der modernen Kriegsführung) und von den „Fünf Unfähigen“ (die weitverbreitete Unfähigkeit der operativen Befehlshaber der VBA, genaue Urteile zu fällen, übergeordnete Absichten zu verstehen, operative Entscheidungen zu treffen, Truppen zu entsenden und mit unerwarteten Situationen umgehen).
Die Verfasser befassen sich im nächsten Schritt mit der Frage, was dies für die Risikoeinschätzungen in einem potenziellen Großmachtkonflikt, insbesondere in einem militärischen Konflikt über Taiwan, ergibt. Aus Sicht der VR China könnte, so die Studie, ein solcher Konflikt durchaus Xis „China-Traum“ gefährden oder, schlimmer noch, die Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei Chinas untergraben. Die Autoren halten es daher durchaus für möglich, dass nicht nur Amerika, sondern auch China zu dem Schluss gelangt, dass ein Krieg mit der jeweils anderen Seite langwierig, verlustreich und in seinen langfristigen strategischen Konsequenzen nicht zu überschauen wäre.
Die Studie versucht zu ergründen, wie die VBA das militärische Kräfteverhältnis analysiert und bewertet. Sie konzentriert sich auf die strategische und operative Ebene des Krieges und auf die gesamte VBA, weniger auf bestimmte Waffensysteme oder Fähigkeiten. Die VBA schätze sich derzeit schwächer ein als die USA, weil sie in den bestimmenden Schlüsselbereichen der zukünftigen Kriegsführung lediglich begrenzte Fortschritte erzielt habe. Das gelte vor allem für die Informatisierung und für systembasierte Operationen. Bei Waffensystemen und -technologien habe China zwar qualitative und quantitative Verbesserungen erreichen können, doch in vielen Bereichen gäbe es nach wie vor erhebliche Defizite, die bereits Xi Jinpings Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten.
Während Xis Amtszeit habe die VR China eine Reihe neuer militärstrategischer Richtlinien verabschiedet und eine der größten militärischen Reorganisations- und Reformbemühungen seit Ende der Mao-Ära angestoßen, was die VBA gezwungen habe, sich mit einer Reihe von Problemen auseinanderzusetzen. Diese betrafen die Zuverlässigkeit der Volksbefreiungsarmee, der Planungs- und Führungsfähigkeit ihrer Kommandeure, ihrer allgemeinen operativen Leistungskraft sowie ihrer Fähigkeit, Streitkräfte zu mobilisieren und einzusetzen. Bei der Bewältigung dieser Probleme hätte sich die VBA einer Reihe von schwerwiegenden Problemen in ihrer Organisationskultur stellen müssen. Notwendige Verbesserungen seien nicht zügig umgesetzt worden und würden aufgrund der Organisationskultur der VBA und der Komplexität der Herausforderungen vermutlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Ein differenziertes Verständnis von Pekings Sicht auf die Volksbefreiungsarmee sei daher vonnöten. Xis Fokus auf die Probleme und Schwächen der VBA habe seine Bereitschaft zur Anwendung von militärischer Gewalt angesichts der damit verbundenen Risiken gedämpft. Zwar habe Peking inzwischen wieder mehr Vertrauen in die VBA, doch seien in den Bereichen, auf die Xi und andere hingewiesen haben, noch zentrale Mängel bei den für zukünftige Kriege entscheidenden Fähigkeiten erkennen.
Diese umfangreiche Studie ist ein interessanter Beitrag zur Einschätzung der militärischen Bedrohung durch China in Ostasien und der Risikobereitschaft von Präsident Xi Jinping. Sie wird gewiss nicht ohne Kritik bleiben, insbesondere nachdem Peking in den vergangenen Monaten eine deutlich angriffslustigere Rhetorik gewählt hat. Die Quintessenz der Argumentation der Studie lautet: Weil Xi Jinping sich derart kritisch mit den Problemen der VBA befasst, wird er im Ernstfall zögern, mit Chinas Streitkräften die USA herauszufordern. Es bleibt zu hoffen, dass diese Prognose stimmt.
© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.
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