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Roman Muzalevsky: Strategic Landscape 2050: Preparing the U.S. Military for New Era Dynamics. Carlisle, Pennsylvania: US Army War College September 2017, 104 Seiten

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Published/Copyright: June 8, 2018

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Muzalevsky Roman Strategic Landscape 2050: Preparing the U.S. Military for New Era Dynamics US Army War College September Carlisle, Pennsylvania 1 104 2017


Roman Muzalevsky unternimmt den Versuch, wesentliche Trends zu identifizieren, die in den kommenden drei Jahrzehnten die internationalen Beziehungen strukturieren dürften. Darauf aufbauend gibt er Empfehlungen für die US-amerikanischen Streitkräfte ab. Das Buch ist insofern interessant, als – ähnlich wie bei dem National Intelligence Council (NIC) – aus der Zusammenschau von Megatrends Prognosen entwickelt werden. Anders als beim Bericht des NIC zeichnet bei dieser Publikation ein einzelner Autor verantwortlich. Dadurch erhält die Arbeit einerseits einen individuelleren Charakter bei erhöhtem Risiko der Fehlbewertung, andererseits ist Muzalevsky frei von der Suche nach – meist unspezifischen – Formulierungen, die unterschiedliche Interpretationen überbrücken sollen.

So wie im NIC-Bericht, der allerdings nur den Zeitraum bis 2035 abdeckt, wird auch in diesem Beitrag davon ausgegangen, dass sich gewisse Megatrends beobachten lassen, die in den vor uns liegenden Jahrzehnten andauern und die in der Kombination die Strukturen und vor allem die Potenziale für Konflikte oder Kooperationen bestimmen werden. Der Verfasser benennt diese Trends und zeigt wahrscheinliche Kombinationen zwischen ihnen auf, die er dann in politische Entwicklungen übersetzt. Dabei spielt er auch immer wieder „wild cards“ ein, das heißt derzeit unvorhersehbare, aber dennoch mögliche Entwicklungen.

Die folgenden Megatrends werden nach Ansicht von Muzalevsky entscheidend sein:

  • Die demografische Entwicklung: Er konstatiert eine rapide Alterung der Bevölkerung in den westlichen Industriestaaten und ein ebenso rapides Bevölkerungswachstum in Afrika, im Nahen Osten und in Südasien. Die Welt im Jahr 2050 werde aus einem alten und friedlich gewordenen Kern (Nordamerika und Europa) sowie jungen und rastlosen Regionen des Nahen und Mittleren Ostens und Nordafrikas bestehen. Das Anwachsen der Anzahl an jungen Menschen im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika, die über geringe Perspektiven verfügen werden, sieht er als wesentliche Ursache für große Migrationswellen, für Kriege und für Terrorismus.

  • Die Umweltrisiken: Der Verbrauch endlicher Ressourcen wird nach Ansicht des Verfassers im Jahr 2050 enorm fortgeschritten sein und zu immer stärker spürbaren Konflikten um Ressourcen sowie zu Umweltproblemen führen. Angesichts der Bevölkerungszunahme und der Urbanisierung in Entwicklungsländern wird die Anzahl der Menschen, die in küstennahen und tief gelegenen Metropolregionen leben, im Vergleich zu heute um 50 Prozent zunehmen, was angesichts des steigenden Meeresspiegels katastrophale Folgen haben wird.

  • Die ungleiche Verteilung als Folge der ökonomischen Transformation: Muzalevsky prognostiziert eine grundlegende Verschiebung der ökonomischen Gewichtung in der Welt: China und die USA werden sich zu den beiden größten Ökonomien entwickeln, gefolgt von Indien, Brasilien, Russland, Indonesien und Mexiko. Ob Russland, Brasilien, Mexiko und Indonesien tatsächlich einen derartigen Sprung machen werden, darf allerdings bezweifelt werden. Richtig dürfte die Vermutung des Verfassers sein, dass das internationale System weniger kooperativ sein wird oder zumindest auf eine Weise kooperiert, die nicht dem heutigen Multilateralismus gleichkommt. Es werden neue Narrative des individuellen und sozialen Lebens in den Vordergrund treten, die nicht den westlichen Vorstellungen einer an Individualität und Freiheit orientierten Gesellschaft entsprechen. Diese Entwicklung sei die Folge des abnehmenden wirtschaftlichen Gewichtes der westlichen Welt. Europa und Nordamerika stellten heute nur noch 40 Prozent des Weltbruttosozialprodukts her (eine Aussage, die falsch ist, tatsächlich sind es 50 Prozent), im Jahre 2050 würden es nur noch 21 Prozent sein. China vereinigte dann über 20 Prozent des globalen Bruttosozialproduktes auf sich und besonders Osteuropas Ökonomien würden extrem wachsen. Auch 2050 werde es noch Entwicklungsländer geben, 70 Prozent aller weltweit Beschäftigten werden in diesen tätig sein. Muzalevsky sagt auch voraus, dass der internationale Handel und die internationale Arbeitsteilung im Zuge der Verbreitung moderner Produktionstechnologien (3-D-Drucker) zurückgehen werden. Zudem werde sich die Konkurrenz um Energieträger zu einer wesentlichen Ursache internationaler Konflikte entwickeln.

  • Technologische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft: Der Verfasser versucht die Auswirkungen der Einführung und Weiterentwicklung einer Reihe von Technologien, die sich derzeit in der Entwicklung befinden, vorherzusagen und prognostiziert weitere Quantensprünge in der Informations-, Kommunikations- sowie Biotechnologie und im Bereich der Genmanipulation, in der Nanotechnik, in der Robotik und vor allem hinsichtlich der künstlichen Intelligenz.

  • Die Auswirkungen neuer Technologien auf die Kriegführung: Wie sehr neue Technologien aus den oben genannten Bereichen die Waffentechnik und die Kriegführung verändern werden, zeigt Muzalevsky auf. Eine Technisierung des Krieges deute sich bereits jetzt an. In erster Linie werde es immer mehr automatisierte Waffen- und Aufklärungssysteme geben. Besonders bedenklich sei die Aussicht, dass mehr und mehr selbststeuernde Waffensysteme eingeführt werden.

Vergleichbar dem NIC-Bericht wendet der Autor die Megatrends auf die Analyse unterschiedlicher Regionen an und versucht auf dieser Basis Entwicklungstrends vorauszusagen. Auch er stellt vor allem den Nahen und Mittleren Osten sowie Ostasien in den Mittelpunkt.

Besonders interessant sind die Ausführungen zu den „wild cards“. Zwar können an dieser Stelle nicht alle genannt werden, verwiesen sei aber auf die folgenden drei, die von besonderem Interesse sind:

  • Was passiert, wenn in 50 Jahren ein gewaltiger Tsunami jene Küstenregionen heimsucht, in denen sich Millionen von Menschen in urbanen Zentren konzentrieren? Es könnte zu einem millionenfachen Sterben und einer Naturkatastrophe bislang unbekannten Ausmaßes kommen.

  • Was passiert, wenn China, die absehbar größte Volkswirtschaft der Welt, an seinen inneren Widersprüchen zerbricht, die Wirtschaft kollabiert und das Land in Bürgerkriegen zerfällt?

  • Was passiert, wenn eines Tages künstliche Intelligenz soweit entwickelt ist, dass damit ausgestattete autonome Waffensysteme ihr Eigenleben entwickeln und zu dem Schluss kommen, die Welt wäre eine bessere, wenn man die Menschen bekämpfte?

Derartige hochinteressante Visionen, über die bislang die Unterhaltungsbranche nachgedacht hat, könnten aber laut Muzalevsky in zwei bis drei Jahrzehnten Realität werden. Ob das tatsächlich der Fall sein wird, lässt sich nicht wirklich voraussagen. Aber der Hinweis auf die sich abzeichnenden Megatrends und Entwicklungen alleine ist schon hilfreich, um politisch auf diese rechtzeitig reagieren zu können. Muzalevsky präsentiert einen insgesamt interessanten Bericht, der faszinierende Szenarien entwirft. Allerdings sollte er die ökonomischen Prognosen nochmals überarbeiten, denn viele Ausgangsdaten stimmen nicht und viele Vorhersagen beruhen auf Projektionen, die schon lange ihre Gültigkeit verloren haben.

Published Online: 2018-6-8
Published in Print: 2018-6-5

© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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