Zusammenfassung
In einem fiktiven Rolleninterview reflektiert der Verfasser mit Techniken aus dem systemischen Coaching sehr persönlich den Wechsel aus zehn Jahren Lehre an der TH Köln in die bibliothekarische Praxis. Seit September 2021 leitet er die Stadtbibliothek Hannover.
Abstract
In a fictitious interview, the author uses techniques from systemic coaching to reflect on the transition from ten years of professorship at the Cologne Technical University back to librarianship. Since September 2021 he is head of the Hannover City Library.
Diese Frage wurde mir in letzter Zeit – etwa auf der BIB-ekz-Chancen-Konferenz Mitte Mai, auf dem Bibliothekar*tag in Leipzig oder auf der re:publica in Berlin und auch sonst oft gestellt. Nach 10 Jahren als Professor für Medienmanagement und Medienvermittlung[1] und Beamter auf Lebenszeit an der TH Köln bin ich im September 2021 den Weg zurück in die Praxis gegangen. Als Direktor und Fachbereichsleiter bin ich nunmehr verantwortlich für die Geschicke der Stadtbibliothek Hannover und für ca. 200 Mitarbeitende in 17 Häusern und einer Fahrbibliothek.[2]
Das Thema Zukunft der bibliothekarischen Studiengänge möchte ich als „narrative Selbstreflexion in Auszügen“ behandeln, mein Wechsel zurück in den bibliothekarischen Alltag bildet hier den roten Faden. Dabei knüpfe ich – ich habe es mir leicht gemacht – an Ausführungen an, die ich auch im Kontext meiner Ausbildung zum systemischen Coach[3]in einem der letzten BFP-Hefte getätigt habe. Unter dem Titel „Improvisationstheater Auskunft“ habe ich das Innere Team im Rahmen von Rollenreflexion(en) angesprochen:
„Für den Bühnenauftritt im Improvisationstheater Auskunft kann mithilfe des Inneren Teams die eigene Rollensouveränität gestärkt werden: Durch ein Kennen- und Verstehenlernen der einzelnen inneren Teamplayer und ihrer (auch widersprüchlichen) Aussagen gelingt es, innere Teamkonstellationen bewusster zu steuern und dem eigenen Handeln vor allem in unsicheren Situationen mehr Konsistenz im Sinne von Ordnung und Struktur zu verleihen. [...] Bisher kaum im Kontext des Auskunftsinterviews eingesetzt sind Elemente des Psychodramas. Ein solcher Einsatz – anknüpfend an das Innere Team – wäre aber lohnenswert: [Es] werden über Rolleninterviews mit fiktiven Teamplayern deren Intentionen herausgearbeitet. Über diese fiktiven Rolleninterviews bekommt [man] ein besseres Verständnis, warum [eine] entsprechende Rolle eine entsprechende Aussage trifft. [...B]ereits Schulz von Thun [proklamiert], dass alle Teamplayer:innen im Inneren Team ihre Bedeutung haben und deshalb auch beachtet werden müssen. Verständnis, Verstehen und Relevanz können im wertschätzenden szenischen Dialog mit den unterschiedlichen Rollen erarbeitet werden. [...] So können neben theaterpädagogischen und kommunikationstheoretischen auch soziodramatische Elemente genutzt werden, um die einzelne [...P]erson[en] im freien, gelingenden Spiel zu unterstützen.“[4]
Eine solche spielerische Annäherung an meinen Rollenwechsel greife ich in diesem Erfahrungsbericht auf: Mein Coach-ICH stellt im Folgenden den beiden Rollen TH-Professor-ICH und Bibliotheksdirektor-ICH Fragen zu Erwartungen, Herausforderungen und Gründen, die den Wechsel gefördert haben, aber auch zu Erfahrungen im persönlichen Veränderungsprozess.
Coach-Ich: Drehen wir die Uhr doch einmal 12 Jahre zurück. Damals bist du von der Zentralbibliotheksleitung in Mannheim über eine kurze Phase der Selbständigkeit als Berater und Trainer in der Erwachsenenbildung an die TH Köln gewechselt. Was war denn damals deine Motivation, was waren Deine Erwartungen?
TH-Prof-ICH: Ich hatte den Auftrag an mich selbst, Studierende für die Praxis auszubilden. Ich wollte auf Augenhöhe zukünftigen Kolleg*innen die Vielschichtigkeit der Tätigkeitsfelder in Öffentlichen Bibliotheken praxisnah aufzeigen; dabei auch den Spaß am konzeptionellen Denken und an der Synthese aus (Bibliotheks-)Wissenschaft und Arbeitsalltag vermitteln.
Coach-ICH: Ich greife zuerst mal das Stichwort „Ermöglichungsräume mit der Praxis“ auf – hat das funktioniert?
TH-Prof-ICH: Ich glaube in vieler Hinsicht ja, auch wenn die Kooperation v. a. mit den zahlreichen kleineren Bibliotheken in NRW sicher hätte noch enger sein können. Aber über Funktionen wie Studiengangsleitung, Praxisphasenbetreuung und v. a. über mein Engagement im BIB ist es mir gelungen, ein gutes, nachhaltigen und vielschichtige Netzwerk weit über die enge LIS-Community hinaus zu spannen. Dies kam sicher sehr oft den Studierenden zugute. So konnte ich gemeinsam mit Kolleg*innen in die TH hinein, aber auch aus dieser heraus wirken. Ein Höhepunkt war dabei die Studienreform, der 2018 ein starker ÖB-Zweig entwachsen ist.[5]
Coach-ICH: Das klingt ja recht positiv...
TH-Prof-ICH: Ja, tatsächlich waren das erfüllende Jahre. Wobei die Praxisorientierung verbunden mit meiner manchmal chaotisch wirkenden Sprunghaftigkeit (euphemistisch könnte man hier auch von gelebter Flexibilität sprechen) ihre Nachteile hat und hatte. Viele Studierende haben es gerne sehr convenient-strukturiert und auch im Kolleg*innenkreis habe ich v. a. in den ersten Jahren – als ich meine Dissertation noch nicht abgeschlossen hatte – sehr deutlich das Gefühl gehabt, (hochschulweit) eher eine Art „Professor zweiter Klasse“ zu sein. Da war ich sehr froh, dass ich gerade in „meinem“ Institut Kolleginnen hatte, die das ganz anders gesehen haben. Augenhöhe wird in wissenschaftlichen Institutionen oft beschworen, aber nicht immer gelebt. Unerwartete (und m. E. unnötige!) Hierarchien und erwartete Verhaltensweisen, die auf kaum greifbaren ungeschriebenen Gesetzen basierten, finde ich nach wie vor befremdlich.
Coach-ICH: Hat denn die Augenhöhe – kommen wir noch einmal darauf zu sprechen – mit den Studierenden funktioniert?
TH-Prof-ICH: Mit einigen sofort, mit anderen gar nicht. Aber es ist ja auch gut, dass Lehrende – und auch wir am IWS – persönlich wie fachlich so unterschiedlich sind. Heterogenität in den Eigenschaften und unterschiedliche Verhaltensweisen sind in allen Systemen – und gerade auch in ausbildenden – zwingend notwendig. Gerade den als überstrukturiert und dem Mikromanagement verschrieben geltenden Bibliothekswissenschaften hat meine Prise „kreatives Chaos“[6] ganz gut getan. In Punkto Augenhöhe hat mich aber ein neuer Schwung, den junge Kolleginnen aus dem WB-Bereich in den letzten drei Jahren in das Institut gebracht haben, vor dem Wechsel nach Hannover noch einmal sehr bereichert: Endlich hatte ich den Mut, Studierenden nach ihrer Praxisphase im 6. Semester das Du anzubieten. Das hat eine neue Leichtigkeit ins Lehren und Lernen gebracht.
Direktor-ICH: Augenhöhe auch über eine Kultur des Dutzens zu schaffen ist aber auch nicht einfach. Das habe ich in Hannover erstmal auf der Führungsebene angeboten und eingeführt. Im Rahmen eines größeren Partizipationsprozesses versuche ich es nun auf die gesamte Mitarbeitendenschaft zu übertragen. Aus dem Berufsverband und von vielen Tagungen kenne ich das auch gar nicht anders, aber in dem System der Landeshauptstadt Hannover mit fast 200 Mitarbeitenden in der Stadtbibliothek gestaltet sich das auch durch fehlende räumliche Nähe und Regelmäßigkeiten in Begegnungen zäh. Hier finde ich aber das Dezernat, dem ich zugeordnet bin, super: Meine Dezernentin Konstanze Beckedorf, die sehr intensiv meinen Wechsel nach Hannover mit betrieben hat, fördert eine solche agil-kommunikative, niedrigschwellig-kollegiale Kultur der Zusammenarbeit sehr.
Coach-ICH: Unternehmenskultur ist ein spannendes Stichwort. Wie unterscheidet sich denn eine Hochschule von einer Kommune? Beides sind ja große Einheiten.
Direktor-ICH: Mir fehlt in der Kommune mitunter die große Autonomie, die ich an der TH Köln hatte. Nicht nur zeitlich, Homeoffice war ja nicht nur seit Corona üblich, auch die Möglichkeit, an sieben Tagen weitestgehend selbstbestimmt arbeiten zu können, die ist in einer Stadtbibliothek so nicht gegeben. Hier ist Präsenz sehr wichtig, übrigens mir auch persönlich, vieles läuft über physische Termine zwischen 8.30 und 18.30 Uhr. Über meinen Kalender wird „verfügt“, und ich bin da sehr, sehr dankbar, dass ich das beste Vorzimmer Hannovers habe; die Kolleginnen dort können sehr gut mit mir und meiner Art zu arbeiten umgehen.
TH-Prof-ICH: Ich wundere mich immer noch ganz häufig, dass das legere Miteinander, wie ich es mit Projektpartner*innen, Kolleg*innen und Studierenden aus den letzten 10 Jahren in Köln kennen gelernt habe, sich selbst bei der geschilderten angenehmen Arbeitsatmosphäre nicht 1:1 übertragen lässt. Da muss ich vieles aus meiner Rolle noch anpassen: Projekte dauern länger als ein Semester, haben einen längeren Vorlauf; Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen haben oftmals ein anderes Verständnis von Selbständigkeit und auch eine andere Motivation – zeitlich, einerseits (die Semesterstruktur spielt auch hier keine Rolle), aber auch inhaltlich.
Direktor-ICH: Das letztere verblüfft mich total. Nicht nur in dem gerade laufenden Partizipationsprozess wird mir ganz deutlich gespiegelt, dass ich zu wissenschaftlich kommuniziere, zu viele Anglizismen und Fremdwörter nutze und viel zu viel als bekannt voraussetze. Das steht in totalem Gegensatz zu dem Feedback, dass ich aus der TH in den Ohren habe, dort habe ich genau das Gegenteilige gehört: Ich sei zu spielerisch, zu nahbar, zu wenig wissenschaftlich und viel zu wenig forschend unterwegs.
TH-Prof-ICH: Gerade die letzten Punkte– dass sieht man nicht nur in den Berufungsprozessen für neue Professuren – wurden in den letzten Jahren an der Hochschule immer wichtiger, das Angewandte – dass sich noch in den Applied Sciences, dem alten Namen der TH – widergespiegelt hat, ist, so bekommt man oft den Eindruck, ebenso wie die Lehre tertiär. Der Hochschule scheint es, so mein Eindruck, immer wichtiger, sich rein über Drittmittel und Forschungsprojekte zu definieren.
Coach-ICH: War diese Dir zugeschriebene „fehlende Wissenschaftlichkeit“ Grund dafür, dich umzuorientieren?
TH-Prof-ICH: Nein, eigentlich nicht. Ich bin durch meine Dissertation mit diesem Punkt weitestgehend im Reinen und weiß, dass ich wissenschaftlich arbeiten kann.
Direktor-ICH: ... und v. a. das Feedback in Hannover zeigt, dass ich von dieser Rolle und dem damit verbundenen wissenschaftskommunikativen Stil ja auch eher noch etwas ablegen muss.
TH-Prof-ICH: Die Gründe für den Wechsel lagen in einer zunehmenden Routine: Viele Projekte, Lehrinhalte und Themen habe ich ja, wenn auch neu und anders akzentuiert, oft sowohl im BIB wie an der TH aufgegriffen. Themen wie Auskunft, Management, strategische Positionierung und auch Elemente der Bibliothekspädagogik wollte und will ich wieder aktiv in der bibliothekarischen Praxis einsetzen. Ich wollte eine persönliche Veränderung, die einen Perspektivwechsel ermöglicht. Und besonders hat mich die Vorstellung gereizt, Stadtgesellschaft zu gestalten und langfristiger tätig zu werden, auch wieder mehr in festeren Teamstrukturen zu arbeiten und gesellschafts- wie demokratiepolitisch Akzente setzen zu können. Die solitäre Rolle in der TH war bei allen Kooperationen dann doch eine einsame Rolle, wenn auch mit vielen Freiheiten.
Coach-ICH: Da erinnere ich mich noch an eine Situation in der Coaching-Ausbildung, wo stellvertretend zwei Stühle – einer für das Bleiben an der TH und einer für den Wechsel nach Hannover – aufgestellt worden sind und zu beiden Möglichkeiten Argumente gesammelt wurden ...
TH-Prof-ICH: Ja, die Ausbildung zum systemischen Coach mit dem hohen Maß an (gesteuerter) Selbstreflektion hat nicht nur die Entscheidungsfindung bereichert, sondern auch die ersten Monate in Hannover mit den ersten Konflikten sowohl dort als auch Spannungen, die der Abschied aus Köln und aus der TH mit sich brachte, aufgefangen.
Coach-ICH: Der Job-Wechsel, war der denn so selbstverständlich und so klar?
TH-Prof-ICH: Nein, überhaupt nicht. Es sprachen viele Argumente auch gegen einen Wechsel nach Hannover. Ich war ja (und bin!) die Arbeit an der TH nicht leid, im Gegenteil. Die Lehre, viele Kolleg*innen und Kooperationspartner*innen, das Arbeiten mit den Studierenden, mein Freundeskreis und meine coole Wohnung in der Kölner Südstadt waren handfeste Argumente, zu bleiben.
Direktor-ICH: Erst im Wechsel, nach den Vorstellungsgesprächen und den Verhandlungen im Kontext des Arbeitsvertrages wurde nach und nach deutlich, wie spannend und facettenreich die Direktionsstelle wohl werden könnte. Meine Vorgängerin dort, Carola Schelle-Wolff, kenne ich seit mehreren Jahren aus dem BIB, die Stadt über verwandtschaftliche Beziehungen und viele Besuche. Und nachdem das (virtuelle) Vorstellungsgespräch so motivierend verlaufen ist und die ersten Gespräche mit der Dezernentin so konstruktiv waren, rückte die Entscheidung immer näher.
TH-Prof-ICH: Die Personalverwaltung der TH hat – ähnlich wie Kolleginnen aus Präsidium und Fakultät – den Wechsel sehr unterstützt, aber auch immer sehr wertschätzend Signale gesendet, die ein Bleiben leicht gemacht hätten. Auf der anderen Seite hat manches Verhalten aus dem eigenen Institut dazu geführt, dass Brücken nach Köln plötzlich weit weniger breit und stabil schienen...
Coach-ICH: Das klingt nicht nach einem Wechsel mit Leichtigkeit...
TH-Prof-ICH: Nein, es gab da noch diverse Schwierigkeiten. Vor allem dass ich den Professorentitel, der eigentlich ja auch an die Tätigkeit in Köln geknüpft ist, weiterführen durfte...
Direktor-ICH: Die Relevanz und die emotionale Belastung in diesem Prozess, die habe ich sehr unterschätzt. Mir ist einerseits der Titel wichtig als Türöffner in meiner jetzigen Position, andererseits bindet er mich nach zehn persönlich wie fachlich intensiven Jahren weiterhin an die TH Köln. Und die Stärke wie Relevanz dieser emotionalen Verbindung über diesen Titel habe ich völlig unterschätzt. Wie wichtig mir der Bezug und die Bindung an Köln ist, auch über die Beibehaltung der Berufung, das hat mich selbst doch sehr erstaunt.
Coach-ICH: Was nimmst du denn mit aus der TH Köln, und auch aus dem Prozess des Wechselns, der Veränderung? Was und wieviel bleibt von hilfreichen Eigenschaften aus dem TH-Prof-ICH? Was ist eher hinderlich?
TH-Prof-ICH: Ich freue mich, weiter lehren zu dürfen. Die Arbeit mit Studierenden, die einen fordern, hinterfragen, begleiten und irritieren möchte ich nicht missen. Der umfangreiche methodisch-konzeptionelle Werkzeugkasten aus unzähligen Projekten ist mir in Hannover ein stetiger Begleiter. Der Wille und das Wissen um die Notwendigkeit, Prozesse, Verfahren und Projekte theoretisch zu untermauern und kriteriengestützt zu reflektieren bzw. zu evaluieren bleiben mir weiterhin ein großes Anliegen.
Direktor-ICH: In der Direktion (wissenschaftlich) gestützt und entsprechend fundiert zu agieren finde ich unerlässlich, auch wenn ich mich und viele Kolleg*innen manchmal ziemlich fordere mit diesem Anspruch. Das Methoden-getriebene ist in der Praxis oft nicht anerkannt, hier fehlt es mir an einem Diskurs, wie er an der Hochschule immer gefordert worden ist. Da hat mich der Zwang zur Wissenschaftlichkeit oftmals eher genervt, da wollte ich Bibliothekswissenschaft so verstanden wissen, dass sie einhergeht mit einer praxisnahen, operativ-umsetzbaren Projektorientierung, die aber auch langfristige strategisch-politische Intentionen immer auch mit genügend Meta-Ebene verfolgt.
TH-Prof-ICH: Das Loblied des operativ-pragmatischen schnellen Agierens, das aus der Praxis und der Notwendigkeit des Faktischen in den alltäglichen Routinen der Kommune gesungen wird, scheint mir oft zu beliebig. Hier fehlt es an vielen Stellen – und da hinterfrage ich sehr oft, ob das Studium nicht doch zu wenige konzeptionell-wissenschaftliche Arbeitstechniken vermittelt hat (Schreiben, Reflektieren, kritisches Problematisieren, Methoden-Kombinationen, valide und verschriftliche Projektarbeit).
Coach-ICH: Im Britischen sagt man, dass das Gras immer dort grüner sei, wo man gerade selbst nicht stehe. Wie viel Wehmut und Sehnsucht nach der anderen, früheren Seite findet sich im Direktor-Ich?
Direktor-ICH: Das Gras im Norden der Republik ist ziemlich grün, auch im Hochsommer. Die Entscheidung war für mich die richtige. Ich glaube auch, dass solche Wechsel notwendig sind. Viel länger als eine Dekade sollten weder Professuren noch herausgehobene Leitungsfunktionen besetzt sein, der Mut zur Veränderung sollte auch aus den Systemen heraus unterstützt werden. Die Strukturen – die Professur war eine Verbeamtung auf Lebenszeit, die Direktion ist ein (selbst gewähltes) Angestelltenverhältnis – sind aber alles andere als förderlich für solche Wechsel. Beide Systeme müssten und könnten sich gerade in den Kommunen viel stärker befruchten.
TH-Prof-ICH: Bei allem Respekt für Kolleg*innen, die promoviert aus dem WB-Zweig in Leitungsfunktionen von kommunalen Bibliotheken wechseln, sollten kommunale Entscheidungsträger*innen viel stärker entsprechende höherqualifizierende Abschlüsse (vom Master in der Kreuzqualifikation bis hin zur Promotion) gezielt on the job fördern. Nur so wird es zukünftig weiterhin möglich sein, dass langjähriges Erfahrungswissen aus der Tätigkeit in Öffentlichen Bibliotheken auch auf Direktionseben zum Einsatz kommen kann. Und ich finde das essenziell.
Direktor-ICH: Ich lerne Hannover immer noch kennen, und auch wenn viele administrative Mühlen langsam mahlen und ich das Gefühl habe, digital um ein Jahrhundert zurückversetzt worden zu sein in den Möglichkeiten des kollaborativen Arbeitens ...
BIB-ICH: Ja, die Wirklichkeit ist auch in Großstädten so, wie es das Positionspapier von 2019 zur prekären Digital-Situation der Öffentlichen Bibliotheken beschreibt, wenn nicht noch schlimmer![7]
Direktor-ICH: ... so ist die Stadt, die ja einen eher durchschnittlichen Ruf hat, kulturell und politisch spannend. Vieles wirkt trotz bevorstehender großer Sparmaßnahmen, die sicher auch uns Bibliotheken als freiwillige Aufgabe stark treffen werden, fast wie ‚elektrisiert‘ und im Aufbruch. Neben meinem hervorragenden Führungsteam habe ich viele motivierte Kolleg*innen, die sich in bestem Sinne wirklich gut mit ihrem Job identifizieren, und viele Akteur*innen in der Landeshauptstadt arbeiten engagiert daran, diese zu verändern, zu modernisieren und lebendiger zu gestalten. Das macht tatsächlich Lust, zu bleiben, frei nach dem hannoverschen Motto von Schwitters „Vorwärts nach weit!“[8] Und wenn ich es dabei schaffe, viele Eigenschaften aus dem Coach-ICH (das Zuhören, das Hinterfragen, das sich auf unterschiedliche Gegenüber und deren Perspektiven nahbar einlassen) als reflektierenden Filter gut mit dem etwas distanziert-solitärem Professoren-ICH zu verschränken, dann kann ich glaube ich auf die Frage „Und? Wie läuft es so in Hannover?“ nicht nur mit „Gut“ antworten, sondern auch ein „Und es wird immer besser!“ gerne ergänzen.
Über den Autor / die Autorin

Literaturverzeichnis
Becker, Tom (2022): Improvisationstheater Auskunft. In: BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis, 46 (1), 108–27. Verfügbar unter https://doi.org/10.1515/bfp-2022-0002.Search in Google Scholar
BIB (Hrsg.) (2019): Positionspapier zur prekären Digital-Situation der Öffentlichen Bibliotheken. Verfügbar unter https://b-u-b.de/detail/positionspapier-zur-prekaeren-digital-situation-der-oeffentlichen-bibliotheken.Search in Google Scholar
Schwitters, Kurt (1920): Hannover. In: Der Sturm, 11 (3).Search in Google Scholar
Becker, Tom (2014): Potenziellen Funktionen des Wissensmanagements in Öffentlichen Bibliotheken. Eine szenario-basierte Delphi-Studie mit Wissensexperten aus britischen und deutschen Großstadtbibliotheken. [Dissertation] Köln/Berlin. Verfügbar unter http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/becker-thomas-2014-04-29/PDF/becker.pdf.Search in Google Scholar
© 2022 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
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