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Leichte Sprache: Verständlichkeit ermöglicht Gesundheitskompetenz

  • Christiane Maaß EMAIL logo and Isabel Rink
Published/Copyright: March 14, 2017

Zusammenfassung

Arzt-Patienten-Kommunikation ist Fachkommunikation: Experten kommunizieren mit Laien über einen fachlichen Gegenstand – über Diagnosen und Behandlungsoptionen. Viele Diagnosen stellen für die betroffenen Patienten nicht nur eine emotionale Belastung dar, sondern erfordern zugleich ihre Mitarbeit. Auf der anderen Seite hat in Deutschland ein Personenkreis im zweistelligen Millionenbereich Probleme beim Verstehen insbesondere von fachlicher Kommunikation. Medizinische Fachkommunikation in Leichter Sprache kann hier unterstützend wirken, Kommunikationsbarrieren abbauen und informierte Entscheidungen der Patienten ermöglichen.

Abstract

The communication between doctors and patients is often characterized by a knowledge divide. Doctors communicate, in their role as (medical) experts, with patients, who are mostly medical layman, about diagnoses and treatment. Some diagnoses, meanwhile, can cause severe emotional distress, while treatment often requires the patient’s cooperation. Moreover, a number beyond 20 million Germans has significant reading difficulties, especially when it comes to medical German. The authors of this paper argue that translating medical documentation into Easy-to-Read German can aid patients in the process of understanding, and help overcome language barriers that might impede decision-making and successful outcomes in treatment programs.

Leseeinschränkung und Arzt-Patienten-Kommunikation

Eine große Zahl von Menschen in Deutschland hat eine eingeschränkte Lesekompetenz. Eine detaillierte Abstufung der Schweregrade dieser Einschränkung findet sich bei Grotlüschen und Riekmann, die in ihrer Studie davon ausgehen, dass bis zu 40% der erwerbsfähigen Bevölkerung (Personen zwischen 18 und 64 Jahren) in mehr oder minder ausgeprägtem Maße davon betroffen sind [1]. Hinzu kommen Personen mit behinderungsbedingt eingeschränkter Lesekompetenz (etwa geistige Behinderung, Hörschädigung oder Demenzen [2]); allein im Bereich Demenz gehen wir von Betroffenenzahlen im sechsstelligen Bereich aus [3]. Den genannten Personenkreisen Zugehörige können insbesondere fachliche Texte nicht eigenständig lesen und verstehen.

Medizinkommunikation ist fachliche Kommunikation. Zwischen Ärzten und Patienten besteht in der Regel ein Wissensgefälle – wir sprechen von „Experten-Laien-Kommunikation“. Nicht immer sind Mediziner in der Lage, sich in einer Weise auszudrücken, die es dem Patienten ermöglicht zu verstehen [4], [5], [6]. Verschärft wird das Problem möglicherweise in der jeweiligen Situation dadurch, dass die Aufnahmefähigkeit des Patienten weiter eingeschränkt ist, z.B. weil er eine belastende Diagnose erhalten hat und diese erst verarbeiten muss. Gerade in dieser Situation sind informierte Entscheidungen des Patienten jedoch geboten. Schriftliche Informationsmaterialien in Leichter Sprache, mit denen sich die Patienten informieren, können hier hilfreich sein und die Entscheidungsfähigkeit auch dort gewährleisten, wo allgemeinsprachliche oder gar fachsprachliche Informationstexte dies nicht leisten können, weil sie von den Patienten nicht bzw. nicht hinreichend verstanden werden.

Leichte Sprache

Leichte Sprache ist eine verständlichkeitsoptimierte Sprachform des Deutschen, die in den vergangenen Jahren gezielt für Personen mit eingeschränkter Lesekompetenz entwickelt wurde: die Sätze sind kurz, es werden nur einfache grammatische Formen und leicht zugängliche Wörter verwendet, Fachwörter und unbekannte Konzepte werden erklärt; hinzu kommt ein gut wahrnehmbares Schriftbild und eine direkte Leseransprache, die Handlungsorientierung gibt [2], [7], [8], [9], [10], [11].

Inzwischen ist Leichte Sprache sogar gesetzlich verankert: Seit 2014 müssen Homepages von Bundesbehörden Informationen in Leichter Sprache vorhalten und die Novelle des Behindertengleichstellungsgesetzes vom Juli 2016 sieht vor, dass Personen mit geistiger Behinderung ab 2018 das Recht auf Behördeninformationen unterschiedlichster Art in Leichter Sprache haben [12].

Fachtexte in Leichter Sprache aufzubereiten stellt hohe Anforderungen an die Übersetzer, denn die fachlichen Inhalte müssen formal korrekt, jedoch mit reduziertem sprachlichen Inventar wiedergegeben werden. Entsprechend durchläuft das Konzept der Leichten Sprache, das aus der Praxis des Umgangs mit Behinderung entstanden ist, gegenwärtig eine Phase der Akademisierung und Professionalisierung: 2014 wurde die Hildesheimer Forschungsstelle Leichte Sprache gegründet, deren Leiterin Mitautorin dreier Bände über Leichte Sprache beim Dudenverlag ist [2], [11], [13]. An der Universität Leipzig wird der Einsatz von Leichter Sprache im Arbeitsleben erforscht [14]. Weitere Forschungsprojekte sind an unterschiedlichen Standorten im Entstehen.

Leichte Sprache und Patienteninformation

In der Medizinkommunikation gibt es bislang noch keine Rechtsansprüche auf Leichte Sprache, wohl aber erste Erkenntnisse und Praxisprojekte. So hat der Klarigo Verlag für Patienteninformation in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Leichte Sprache mehrere Patienteninformationsbroschüren in Leichter Sprache aufgelegt. Das folgende Beispiel ist der Broschüre „Pulmonal-arterielle Hyperotonie“ entnommen:

Ausgangstext:

Wenn Sie bei sich eine signifikante Gewichtsabnahme oder -zunahme beobachten, informieren Sie Ihren Arzt [15].

Zieltext:

Beobachten Sie Ihren Körper ganz genau:
Wiegen Sie jetzt viel weniger?
Oder viel mehr?
Dann sprechen Sie mit Ihrem Arzt [15].

Aus einem einzigen kompakten Satzgefüge wurden in Leichter Sprache vier Einzelsätze; die komplexen Komposita wurden in verbale Strukturen umgewandelt. Fachbegriffe werden in Leichter Sprache erläutert, wie im folgenden Beispiel der Terminus „Rigor“ aus dem Text „Parkinson“, der im Ausgangstext ohne Erläuterung steht [16]:

Vielleicht fühlen sich Ihre Arme und Beine steif an.
Oder Ihre Muskeln schmerzen.
Das nennt Ihr Arzt: Rigor.

Dadurch wird das Anlegen von Wissensbeständen ermöglicht und die Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit erleichtert. Setzt der Arzt dann im Gespräch mit dem Patienten das Fachwort ein, so ist der Patient in der Lage, selbst angelesenes Wissen aufzurufen.

Neben Informationsmaterialien, die der Patient zu Hause eigenständig lesen und mit denen er sich auf das nächste Arztgespräch vorbereiten kann, sind weitere Einsatzmöglichkeiten denkbar, beispielsweise in der situierten Kommunikation zwischen Arzt und Patient: Leichte-Sprache-Handreichungen stellen sprachlich optimierte Textbausteine dar, die in der mündlichen Interaktion durch den Arzt bzw. das medizinische Personal eingesetzt werden können. Wilkes entwirft situational angepasstes Kommunikationsmaterial in Leichter Sprache zum Thema „Geburt“: einerseits eine Informationsbroschüre und andererseits ein Kartensystem für den Einsatz während des Geburtsvorgangs [17]. Das Kartensystem ist dafür ausgelegt, mit gehörlosen Patientinnen während der Geburt ohne Dolmetscher zu kommunizieren. Es arbeitet mit einfachsten Textbausteinen und Zeichnungen. Siehe Abbildung 1.

Abbildung 1: 2. Stadium – Austreibungsphase. Teil 2 von der Geburt nach Wilkes [17].
Abbildung 1:

2. Stadium – Austreibungsphase. Teil 2 von der Geburt nach Wilkes [17].

Leichte Sprache und Gesundheit

Nur wenn die Patienten ihren Arzt bzw. das medizinische Personal verstehen, kann die Interaktion gelingen. Patienten sollen Behandlungspläne mittragen oder einem Eingriff zustimmen, sie sollen bestimmte Gewohnheiten abstellen oder ihren Körper beobachten und mit ihrem Arzt darüber kommunizieren. Das ist jedoch nur möglich, wenn die Sprachform, mit der sich das medizinische Personal an die Patienten richtet, in einer Form gehalten ist, die von diesen verstanden, kognitiv verarbeitet und mit vorhandenen Wissensbeständen verknüpft werden kann; wenn also Kommunikation auf „Augenhöhe“ stattfindet. Erst dann kann bei den Patienten Akzeptanz für die angestrebten Behandlungen erzielt werden und erst dann können sie die ihnen zugedachte Rolle aktiv und erfolgreich ausführen. Leichte Sprache ist für einen großen Personenkreis – in Deutschland ist eine Adressatenzahl im zweistelligen Millionenbereich betroffen [2] – hier das Mittel der Wahl. Die Texte in Leichter Sprache müssen situationsangemessen erstellt werden. Dafür benötigen die Übersetzer und Redakteure die Mithilfe der Akteure im medizinischen Bereich, da sie detaillierte Informationen über mögliche Einsatzarten der Texte benötigen, um adäquates Material erstellen zu können.


Korrespondenz: Prof. Dr. Christiane Maaß, Forschungsstelle Leichte Sprache, Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation, Universität Hildesheim, Universitätsplatz 1, 31141 Hildesheim

  1. Conflicts of interest: Alle Autoren tragen Verantwortung für den gesamten Inhalt dieses Artikels und haben der Einreichung des Manuskripts zugestimmt. Finanzierung: Die Autoren erklären, dass sie keine finanzielle Förderung erhalten haben. Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass kein wirtschaftlicher oder persönlicher Interessenkonflikt vorliegt. Ethisches Statement: Für die Forschungsarbeit wurden weder von Menschen noch von Tieren Primärdaten erhoben.

  2. Conflicts of interest: All authors have accepted responsibility for the entire content of this submitted manuscript and approved submission. Funding: Authors state no funding involved. Conflict of interest: Authors state no conflict of interest. Ethical statement: Primary data for human nor for animals were not collected for this research work.

Literatur

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Online erschienen: 2017-03-14
Erschienen im Druck: 2017-03-01

©2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License.

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Downloaded on 19.2.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/pubhef-2016-2148/html
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