Die Finanzmarktkrise als Legitimitätskrise des Kapitalismus: Überlegungen zu (allzu) menschlichem Handeln in Wirtschaft und Politik / The Financial Crisis as a Crisis of the Legitimacy of Capitalism
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Erich Weede
Zusammenfassung
Der Kapitalismus ist in Deutschland bzw. in Kontinentaleuropa schon lange unbeliebt. Zuerst haben der Wohlstand und der Sozialstaat, danach die Globalisierung und zuallerletzt die Finanzkrise dazu beigetragen. Vorübergehend profitiert der Staat mit einem Legitimitätszuwachs von der Krise der Finanzmärkte und der Volkswirtschaften, obwohl die Finanzkrise nicht in erster Linie auf Marktversagen, sondern in stärkerem Maße auf Staatsversagen zurückzuführen ist. Dabei spielten die Geldpolitik, falsche Anreize auf dem amerikanischen Immobilienmarkt und Regulierungsdefizite eine Rolle. Die Banken haben allerdings durch die Entwicklung neuer Kapitalmarktprodukte, die nur von wenigen Fachleuten und Bankern verstanden wurden, ebenfalls zur Krise beigetragen. Die Fehler von Politikern und Bankern müssen neutrale Beobachter an die Fallibilität von Menschen erinnern. Prinzipal-Agent-Probleme verstärken die Schwierigkeiten. Die Übertragung von immer mehr Aufgaben auf den Staat, die dabei implizierten Hoffnungen auf die Weisheit staatlicher Entscheidungen, den Altruismus und Paternalismus der Politiker müssen die Politik überfordern, zumal auch die Wissenschaft bei vielen wichtigen Fragen nur umstrittene Antworten bereit hält. Außerdem: Selbst wo die Wissenschaft mit einer Stimme eindeutigen Rat erteilt, fällt es Politikern schwer, sich danach zu richten.
Summary
In Germany as well as in most of Continental Europe capitalism has never been popular. At first, prosperity and the welfare state, then globalization and the financial crisis contributed to this lack of legitimacy. For some time government and the state will gain in legitimacy because of the financial and economic crisis, although the financial crisis has been caused by government failure more than by market failure. Monetary policy, distorted incentives in American real estate markets and regulatory deficits contributed to the crisis. By poorly understood innovations in capital markets bankers contributed to the crisis, too. The errors committed by politicians and bankers should remind one of the fallibility of human beings. Principal-agent-problems add another layer of complexity. Transferring ever more tasks from the private economy to government implies hopes for the wisdom of governmental decisions, for the altruism and paternalism of politicians which are likely to overburden them. Professional economists deliver only disputed and contradictory recommendations. Moreover, even where professional advice is unambiguous, politicians find it hard to heed it.
© 2009 by Lucius & Lucius, Stuttgart
Articles in the same Issue
- Vorwort
- Inhalt
- Hauptteil
- 60 Jahrgänge Ordnungstheorie und Ordnungspolitik / Sixty volumes of ORDO
- Ist ‚Freiheit’ als ‚negative Freiheit’ ausreichend bestimmt? Die Positionen Friedrich August von Hayeks und Isaiah Berlins im Kontrast sowie ein Vorschlag zur Diskussion / Is ‚Liberty’ as ‚Negative Liberty’ Appropriately Conceptualised? The Positions of Friedrich August von Hayek and Isaiah Berlin in Comparison and a Proposal for Discussion
- Walter Euckens Weg zum Liberalismus (1918-1934) / Walter Eucken’s way to liberalism (1918-1934)
- Gesellschaft und Recht bei David Hume und Friedrich A. von Hayek – Über die Zivilisierung des Egoismus durch Recht und Wettbewerb / David Hume’s and Friedrich A. von Hayek’s Theory of Society and Law. Law and Competition as Civilizers of Self Interest
- Zwischen Historismus und Neoklassik: Alexander Rüstow und die Krise in der deutschen Volkswirtschaftslehre / Between Historical School and Neoclassical Economics: Alexander Rüstow and the Crisis in German Economics
- Wirtschaftspolitik und Psychologie: Zum Forschungsprogramm der Behavioral Economics / Psychology and economic policy
- Zum Verhältnis von Recht und Ökonomie in der Wettbewerbspolitik: Eine Erwiderung auf Mestmäcker / On the Dualism of Law and Economics in the Interpretation and Application of Competition Rules
- Über die Not-Wendigkeit von Nothilfe. Eine Handvoll ordnungspolitischer Betrachtungen angesichts der neuen Staatsgläubigkeit / Emergency measures help to save the free-market system
- Finanzmarktkrise: Marktversagen oder Staatsversagen? / Financial crisis: Failure of markets or politics?
- Das Bilanzproblem der Banken – Ein Lösungsvorschlag / The bank‘s balance sheet problems: a proposal for a solution
- Lehren aus der Finanzkrise: Rolle des Staates und internationale Dimension / Lessons from the financial crisis: The role of government and the international dimension
- Die Finanzmarktkrise als Legitimitätskrise des Kapitalismus: Überlegungen zu (allzu) menschlichem Handeln in Wirtschaft und Politik / The Financial Crisis as a Crisis of the Legitimacy of Capitalism
- Krisenbewältigung und Krisenvermeidung: Lehren aus der Finanzkrise / Crisis resolution and future crisis prevention: lessons from the recent financial crisis
- Der Krise entkommen – das Geld privatisieren / Escaping the crisis – privatise money
- Finanzmarktinnovationen und Finanzkrisen: Historische Perspektive / Financial innovations and financial crisis: a historical perspective
- Krisenprävention als ordnungspolitische Aufgabe / The role of institutional economics in crisis prevention
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- Inhalt
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