Finanzmarktkrise: Marktversagen oder Staatsversagen? / Financial crisis: Failure of markets or politics?
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Albrecht F. Michler
and H. Jörg Thieme
Zusammenfassung
Die weltwirtschaftliche Lage im ersten Halbjahr 2009 ist gekennzeichnet durch eine doppelte Last: Auf der einen Seite ist die Finanzmarktkrise keineswegs ausgestanden, die im Frühjahr 2007 im Subprimesegment der amerikanischen Hypothekenmärkte entstand und wegen der Integration der Finanzmärkte weltweit ausbreitete. Auf der anderen Seite haben gestiegene Inflationspotentiale und der faktische Anstieg der Inflationsraten ab Mitte 2004 zunächst in den USA, später auch in Europa und in Asien die Zentralbanken veranlasst, eine Phase sehr restriktiver Geldpolitik einzuleiten, die mit zeitlicher Verzögerungen deutliche realwirtschaftliche Rückschläge verursacht hat. Beide Entwicklungen überlagern sich.
Im vorliegenden Beitrag werden zunächst die verschiedenen Eskalationsstufen der Finanzmarktkrise aufgezeigt und - vor dem Hintergrund der Kriterien funktionsfähiger Finanzsysteme - die ordnungs- und prozesspolitischen Fehlentwicklungen des Finanzmarktgeschehens in den vergangenen Jahrzehnten analysiert. Sie werden als wichtigste Ursachen der monetären und realwirtschaftlichen Fehlentwicklungen identifiziert: Vielfältige staatliche Regulierungen haben Defizite der Ordnungsbedingungen der Finanzmärkte geschaffen, wodurch Wettbewerbsprozesse behindert und ineffiziente Ausweichreaktionen der Finanzmarktakteure begünstigt wurden. Hierzu haben falsche Haftungsregeln der Entscheidungsträger in den Finanzinstitutionen wesentlich beigetragen. Finanzpolitische Maßnahmen des Staates und insbesondere kurzfristige geldpolitische Prozessinterventionen der Zentralbanken haben zudem massive Fehlanreize für die Marktakteure gesetzt und Fehlanpassungen der Kreditmarktteilnehmer verursacht.
In einer kritischen Analyse werden sodann die zahlreichen Vorschläge zur Überwindung der aktuellen Finanzmarktkrise gewürdigt und Möglichkeiten zur Verbesserung der langfristigen Ordnungsbedingungen für Finanzinstitutionen und Finanzmärkte aufgezeigt. Sie können die Risiken zukünftiger Finanzmarktkrisen nicht beseitigen, wohl aber reduzieren.
Summary
In the first six month of 2009 the worldwide economic situation is characterised by a double burden: On the one hand the financial crisis is still on-going with limit signs of any recovery. The crisis which arose in the subprime segment of the US mortgage market extended due to the international integration of financial markets. On the other hand signs of increasing inflation, with the potential for more to come in the USA since middle of 2004 and later in Europe and Asia, have forced central banks to introduce a phase of very restrictive monetary policy. With time lags the monetary policy has caused significant negative real economic effects. Both developments overlap.
In this paper the different escalation stages of the financial crises are initially indicated and - against the background criteria of a functioning financial system - are followed by an analysis of the ordinal-political and process-political undesirable developments in the financial markets over the past decades. They are identified as the most important causes of the monetary and real economic undesirable trends: Varied state regulations have created deficits of the basic regulatory framework of the finance markets by which competitive processes were hindered and ineffective evasive reactions of the participants at the financial markets were rewarded. Moreover wrong liability rules of the decision makers in the financial institution have substantially contributed to these behaviours. The financial policy of many countries and in particular short-term process interventions of the monetary policy of central banks have put massive false incentive in place for the market participants and have caused mismatching within the loan market players.
In a critical analysis numerous proposals are suggested for overcoming the current financial crisis and possible options for the improvement of the long-term regulatory framework are indicated. Whilst they cannot fully remove the risks of future financial crisis, they can help reduce them.
© 2009 by Lucius & Lucius, Stuttgart
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