Sven Kuttner: „Die verspätete Bibliothek“. Zehn Beiträge zur Geschichte der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München im 20. Jahrhundert, Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2021. 128 S. (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen: 67)
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Kuttner Sven „Die verspätete Bibliothek“. Zehn Beiträge zur Geschichte der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München im 20. Jahrhundert Wiesbaden Harrassowitz Verlag 2021 (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen: 67) 1 128
Der Band versammelt zehn Aufsätze zur Geschichte der Universitätsbibliothek München, von denen neun zwischen 2003 und 2013 erschienen sind; der abschließende Beitrag war bisher unveröffentlicht. Der Titel nimmt Bezug darauf, dass diese Einrichtung aufgrund ihrer fast vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und einem verzögerten Wiederaufbau bis um die Jahrtausendwende eine prekäre Existenz führen musste. Ohne die ‚Irrungen und Wirrungen‘ der Kriegs- und Nachkriegszeit zu untersuchen – so der Autor zu Recht – sei die ‚fraktale Bestandstektonik‘ des Hauses nicht zu verstehen (S. VIII). Immer wieder nehmen die Aufsätze Bezug auf Ladislaus Buzás, der die Bibliothek von 1968 bis 1978 leitete, der einer der besten Kenner der deutschen Bibliotheksgeschichte war und 1972 eine umfangreiche, sich bis 1799 erstreckende Hausgeschichte veröffentlichte.[1]
Eine historische Konstante der Universitätsbibliothek München war die ‚furchtbare Raumnot‘. Die Universität München geht auf die 1473 gegründete Universität Ingolstadt zurück, die 1800 nach Landshut und 1826 an die Isar verlegt wurde. In der Landshuter Zeit konnte sie erhebliche Säkularisationsgewinne verzeichnen. 1840 wurde der von Michael Gärtner errichtete Universitätsbau bezogen. Bis 1913 verdoppelte sich die Gesamtfläche, und bis 1925 entwickelte sie sich zur größten deutschen Universitätsbibliothek. Verschiedene Pläne für einen Neubau in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts scheiterten. Im ab 1943 einsetzenden alliierten Bombenkrieg gingen 90 % der Gebäudesubstanz und ein Drittel des Vorkriegsbestandes unter. 1945 wurde der Betrieb in unzweckmäßigen Behelfsräumen wieder aufgenommen. Ein Jahrzehnt ging verloren, da der Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek bis 1956 erfolglos eine Zusammenlegung plante. Erst 22 Jahre nach Kriegsende wurde der im Geist des 19. Jahrhunderts errichtete Neubau bezogen; bereits nach 20 Jahren waren die Magazinkapazitäten erschöpft. Eine Folge der verspäteten Entwicklung der Universitätsbibliothek war auch das Entstehen von fast 200 Instituts- und Seminarbibliotheken in München.
Auch das Sozialprofil des höheren Dienstes lässt Akzente der verspäteten Bibliothek erkennen. Im frühen 20. Jahrhundert waren Frauen deutlich unterrepräsentiert. Das wichtigste Studienfach war die Klassische Philologie, später kamen Germanistik und Geschichte hinzu, lediglich 10 % des höheren Dienstes hatten naturwissenschaftliche Kenntnisse. Über 80 % studierten in Bayern, davon fast 75 % an der Universität München. 90 % des höheren Dienstes erhielt seine Ausbildung in Bayern, und die allermeisten Karrieren spielten sich in diesem Bundesland ab. Der einzige nicht in Bayern ausgebildete Direktor war der Handschriften- und Zeitschriftenkenner Joachim Kirchner, der aus Frankfurt kam und vom NS-Parteiideologen Alfred Rosenberg protegiert wurde. Erst ab den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts stieg der Frauenanteil im höheren Dienst, und erst kurz vor der Jahrtausendwende erreichte eine Frau die Besoldungsstufe A15. Heute machen Frauen im höheren Dienst über 50 % aus und die Herkunft aus Bayern spielt eine deutlich geringere Rolle als zuvor.
Allein fünf Aufsätze beschäftigen sich mit der NS-Zeit und ihren Folgen. Zwei Beiträge handeln über die Direktoren in dieser Epoche, Adolf Hilsenbeck und Joachim Kirchner. Hilsenbeck aus der Gegend von Kempten leitete die Universitätsbibliothek von 1925 bis 1938. Als VDB-Vorsitzender hieß er die Bücherverbrennung gut und bekannte sich, selbst monarchisch geprägt, auf dem Bibliothekartag 1934 unter Verweis auf die klassische Antike zu Hitler. Da er mehr an Vereins- und Gremienarbeit interessiert war, blieb seine Präsenz im Haus gering. Öffentlich bekannte er sich zum NS-Regime, was aber in der praktischen Arbeit keine große Rolle spielte. So wurde die auf dem Bibliothekartag angekündigte strenge Separierung verbotener Werke beispielsweise nur lückenhaft umgesetzt. In seiner Amtszeit war die Universitätsbibliothek kein Profiteur von NS-Raubgut; jüdische und regimekritische Benutzer wurden nicht schikaniert. Ab 1936 kamen jüngere Bibliothekare mit NSDAP-Mitgliedschaft ins Haus, engagierten sich aber nicht parteipolitisch. Gegenpol von Hilsenbeck war Walter Plöbst, der sich als gläubiger Katholik weigerte, in die NSDAP einzutreten; er wurde 1946 Direktor. In der Amtszeit von Hilsenbeck musste die Universitätsbibliothek gegen seinen Widerstand ‚Alte Kämpfer‘ der NSDAP einstellen. Sie waren für die bibliothekarische Arbeit überwiegend nicht geeignet. Von 13 Personen blieben lediglich drei länger als ein Jahr im Dienst. Insgesamt konnte die NSDAP in der Universitätsbibliothek München nicht Fuß fassen.
Aus Frankfurt kam 1941 als Nachfolger Hilsenbecks der bereits erwähnte Joachim Kirchner, der auf dem Bibliothekartag 1933 in herausgehobener Weise für Bücherverbote plädiert hatte. In seiner Geschichte der Universitätsbibliothek München ging Buzás 1972 ausführlich auf die NS-Zeit ein und war damit seiner Zeit weit voraus. Kirchner wurde hier als profilierungssüchtiger Außenseiter ohne Kenntnis des bayerischen Bibliothekswesens charakterisiert. Ihm unterliefen bibliothekarische Fehlentscheidungen, wie dies aber auch unter Hilsenbeck geschehen war. Hauptverdienst des NSDAP-Mitglieds, der am 12.7.1945 von der Militärregierung entlassen wurde, waren die angesichts des Bombenkriegs erfolgreichen Bestandsbergungen. Es muss offenbleiben, ob Kirchner seine Arbeit nach den Grundsätzen der NSDAP ausrichtete. Für den Bücherraub bei jüdischen Verlegern und Verfolgten scheint er sich nicht engagiert zu haben.
Zwei Aufsätze widmen sich dem Restbestand an Büchern der ‚Forschungsabteilung Judenfrage‘ in der Bibliothek des Historicums der Universitätsbibliothek München. Es handelt sich um 14 Regalmeter mit knapp 1000 Bänden Gebrauchsliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts. Die ‚Forschungsabteilung Judenfrage‘ gehörte zum ‚Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands‘. Zur pseudowissenschaftlichen Legitimierung des Antisemitismus sollte mit ihr die umfangreichste Bibliothek ihrer Art in Europa entstehen. Hitler stattete diese Einrichtung 1938 mit 130000 Reichsmark aus. Am Ende des Kriegs umfasste die Sammlung 35000 Titel überwiegend aus Beschlagnahmungen; ein geringerer Teil wurde antiquarisch erworben. Bei den knapp 1000 Titeln handelte es sich wohl um nicht ausgelagerten Bestand. Das Gros der Bibliothek kam vom Auslagerungsort an den von der amerikanischen Regierung betriebenen Central Collection Point in Offenbach und wurde von dort an Universitätsbibliotheken in den USA verteilt. Von 2000 bis 2004 wurden die knapp 1000 Titel bearbeitet und etwa 50 Personen- und Institutionenprovenienzen erfasst. Größere Bestände gingen auf zwei Rabbinerbibliotheken in Mainz und Koblenz zurück. Auch wenn keine Restitutionen möglich waren, ist die Aufarbeitung von NS-Raubgut ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Universitätsbibliothek München.
Drei Beiträge beschäftigen sich mit der Zeit nach 1945. In die Jahre von 1959 bis 1962 fiel die sogenannte Wieder-Buzás-Kontroverse. Der 1912 in Schlesien geborene Joachim Wieder war sieben Jahre in sowjetischer Gefangenschaft. Er propagierte im Sinne konservativer Modernekritik der Nachkriegszeit das Berufsbild des Gelehrtenbibliothekars. Buzás, der 1944 in Ungarn in die Waffen-SS eingetreten war, vertrat dagegen das Konzept des Dienstleistungsbibliothekars, der vom Zwang fachwissenschaftlicher Produktivität befreit sei. Die in Fachzeitschriften ausgetragene Kontroverse, bei der vor allem Wieder Unterstützung von Kollegen fand, ist auch vor dem Hintergrund persönlicher Animositäten zu sehen.
Auf Buzás geht auch eine Sammlung von unveröffentlichten Arbeiten und Materialien zur Geschichte der Universitätsbibliothek München zurück, darunter ein Geheft mit 53 Kuriosa aus den Jahren 1969 bis 1978, das Buzás für die Ausbildung nutzte. Darunter finden sich seltsame Benutzeranfragen und -beschwerden, Kaufangebot, bibliotheksinterne Vorgänge, Fundstücke oder Kuriosa aus Einstellungsgesprächen, wie sie jede wissenschaftliche Bibliothek kennt. Buzás steht auch im Mittelpunkt des letzten Aufsatzes, der über die Affäre um Horst Holzer handelt, Professor der Soziologie in München und DKP-Mitglied. Er ist das prominenteste Opfer des Radikalenerlasses in Bayern und verließ 1980 den Staatsdienst. Buzás als Bibliothekspatriarch alten Schlages hielt nichts von der studentischen Protestbewegung der Zeit und ließ offensichtlich die Katalogkarten der Werke Holzers entfernen, was kritische Presseberichte nach sich zog. Die DKP schenkte der blamierten Universitätsbibliothek daraufhin Holzers Bücher in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion. Eine VDB-AG mit dem Namen Behinderung der Informationsfreiheit bzw. von Informationszugang untersuchte in der Folge auch den Fall Holzer, stellte aber keine Zensur fest.
Quellennachweise der Erstdrucke der einzelnen Aufsätze stehen am Ende des Bandes. Die zehn Beiträge stellen verschiedene Facetten der Geschichte der Universitätsbibliothek München im 20. Jahrhundert dar und ergänzen damit auch die 1972 von Ladislaus Buzás veröffentlichte Bibliotheksgeschichte. Er selbst spielt hier immer wieder eine große Rolle in seinem Wirken als Direktor des Hauses. Da die einzelnen Aufsätze teils aufeinander aufbauen, kommt es immer wieder zu Wiederholungen gerade bei den Einleitungen. Trotzdem handelt es sich bei diesem Aufsatzsammelband zum Fallbeispiel der Universitätsbibliothek München um einen wertvollen Beitrag zur deutschen Bibliotheksgeschichte des 20. Jahrhunderts.
© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
Artikel in diesem Heft
- Titelseiten
- Editorial
- Editorial
- Themenschwerpunkt: Digitale Forschung und Bibliothek
- Der Digital Turn in den Geisteswissenschaften und seine Implikationen für Gedächtniseinrichtungen
- Bibliothek als Labor der Wissenschaft – Metamorphose einer Metapher
- Forschungsnahe Bibliotheksdienste. Eine Standortbestimmung
- Bibliotheken als Reallabor der Wissenschaft – Konzeption und Aktivitäten der Bayerischen Staatsbibliothek
- Die Kunst das Unmögliche zu versuchen und dabei nicht zu scheitern
- Die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg als Partner der Wissenschaft im digitalen Wandel
- Die Bibliothek des biologischen, technischen und kulturellen Wissens – Warum brauchen wir eine integrierte Sammlungsinfrastruktur?
- Erschließung handschriftlicher Dokumente zwischen Fachwissen, Citizen Science und KI
- Sammlung, digitale Erschließung und Archivierung von Migrationskorrespondenzen: Bibliotheken und Bürgerwissenschaften als zentrale Akteure im digitalen Arbeitsprozess
- Forschungsdatenmanagement als Service an Universitätsbibliotheken
- Rezensionen
- Pettegree, Andrew; der Weduwen, Arthur: The Library. A fragile history. London: Profile Books, 2021. 518 S., 29 Abb. im Text, 12 + 11 Taf., Paperback. ISBN: 978-1-78816-3439; eISBN: 978-1-78816-344-6. ₤ 19,99
- Gernot U. Gabel: Bibliotheken in Großbritannien: Beiträge zur Bibliotheksgeschichte: Festgabe zum 80. Geburtstag überreicht von Gisela Gabel-Jahns. Hürth, Edition Gemini, 2021. ISBN 978-3-922331-57-5
- René Tanner, Adrian K. Ho, Monika Antonelli, Rebekkah Smith Aldrich (Ed.): Libraries and Sustainability. Programms and Practices for Community Impact. Chicago: ALA Editions, 2022. 156 S., (softcover), ISBN: 978-0-8389-3794-5, $49.99
- Margaret M. Merga: School Libraries Supporting Literacy and Wellbeing. London: Facet Publishing, 2022. XXV, 198 Seiten. ISBN 978-1-78330-584-1 (Paperback) GBP 50,–
- Handbuch IT in Bibliotheken. Unter einer CC-BY 3.0 DE-Lizenz im Internet unter https://it-in-bibliotheken.de (mit Datum der letzten Änderung: 17. Mai 2023).
- Alke Dohrmann, Almut Siegel, Schöne Katrin: Sicherheitsleitfaden Kulturgut. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Zittau 2021, 213 Seiten, ISBN 978-3-949117-09-1
- Sven Kuttner: „Die verspätete Bibliothek“. Zehn Beiträge zur Geschichte der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München im 20. Jahrhundert, Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2021. 128 S. (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen: 67)
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- Der Digital Turn in den Geisteswissenschaften und seine Implikationen für Gedächtniseinrichtungen
- Bibliothek als Labor der Wissenschaft – Metamorphose einer Metapher
- Forschungsnahe Bibliotheksdienste. Eine Standortbestimmung
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- Die Kunst das Unmögliche zu versuchen und dabei nicht zu scheitern
- Die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg als Partner der Wissenschaft im digitalen Wandel
- Die Bibliothek des biologischen, technischen und kulturellen Wissens – Warum brauchen wir eine integrierte Sammlungsinfrastruktur?
- Erschließung handschriftlicher Dokumente zwischen Fachwissen, Citizen Science und KI
- Sammlung, digitale Erschließung und Archivierung von Migrationskorrespondenzen: Bibliotheken und Bürgerwissenschaften als zentrale Akteure im digitalen Arbeitsprozess
- Forschungsdatenmanagement als Service an Universitätsbibliotheken
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- Pettegree, Andrew; der Weduwen, Arthur: The Library. A fragile history. London: Profile Books, 2021. 518 S., 29 Abb. im Text, 12 + 11 Taf., Paperback. ISBN: 978-1-78816-3439; eISBN: 978-1-78816-344-6. ₤ 19,99
- Gernot U. Gabel: Bibliotheken in Großbritannien: Beiträge zur Bibliotheksgeschichte: Festgabe zum 80. Geburtstag überreicht von Gisela Gabel-Jahns. Hürth, Edition Gemini, 2021. ISBN 978-3-922331-57-5
- René Tanner, Adrian K. Ho, Monika Antonelli, Rebekkah Smith Aldrich (Ed.): Libraries and Sustainability. Programms and Practices for Community Impact. Chicago: ALA Editions, 2022. 156 S., (softcover), ISBN: 978-0-8389-3794-5, $49.99
- Margaret M. Merga: School Libraries Supporting Literacy and Wellbeing. London: Facet Publishing, 2022. XXV, 198 Seiten. ISBN 978-1-78330-584-1 (Paperback) GBP 50,–
- Handbuch IT in Bibliotheken. Unter einer CC-BY 3.0 DE-Lizenz im Internet unter https://it-in-bibliotheken.de (mit Datum der letzten Änderung: 17. Mai 2023).
- Alke Dohrmann, Almut Siegel, Schöne Katrin: Sicherheitsleitfaden Kulturgut. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Zittau 2021, 213 Seiten, ISBN 978-3-949117-09-1
- Sven Kuttner: „Die verspätete Bibliothek“. Zehn Beiträge zur Geschichte der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München im 20. Jahrhundert, Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2021. 128 S. (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen: 67)