Home Library & Information Science, Book Studies Alke Dohrmann, Almut Siegel, Schöne Katrin: Sicherheitsleitfaden Kulturgut. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Zittau 2021, 213 Seiten, ISBN 978-3-949117-09-1
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Alke Dohrmann, Almut Siegel, Schöne Katrin: Sicherheitsleitfaden Kulturgut. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Zittau 2021, 213 Seiten, ISBN 978-3-949117-09-1

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Published/Copyright: October 6, 2023

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Alke Dohrmann Almut Siegel Schöne Katrin Sicherheitsleitfaden Kulturgut Bonn Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Zittau 2021 978-3-949117-09-1 1 213


Das vorliegende Buch zählt zu den Ergebnissen eines 2006 begonnenen, 2016–23 vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) weitergeführten Projekts zur Bündelung der komplexen Wissensbestände hinsichtlich des Schutzes und der Bewahrung mobilen Kulturguts. Initiatorin war die Konferenz nationaler Kultureinrichtungen (KNK), das Netzwerk der national bedeutenden, aber seit dem Beitritt der DDR nicht mehr gesamtstaatlich finanzierten Kultureinrichtungen („Leuchttürme“, sogenannte Blaubuch-Institutionen). Das Kernteam des Projekts kommt aus Mitgliedseinrichtungen der KNK, doch haben auf den jeweiligen Teilgebieten anerkannte Expertinnen und Experten mitgewirkt. Unter den 22 Autorinnen und Autoren finden sich Abteilungsleitungen großer Museen (z. B. für technische Dienste oder Restaurierung), Professorinnen, Professoren an technischen Universitäten oder Fachhochschulen (z. B. für Holzbiologie oder Lichtdesign) und selbstständige Sachverständige (z. B. Ingenieure für Arbeitsschutz oder Bauphysik).

Zentrales Ergebnis des Projekts war ein umfangreicher, mehrteiliger Fragebogen zur Risikoanalyse, der online ausgefüllt werden kann, um eine schriftliche Auswertung mit Handlungsempfehlungen für jede nicht positiv beantwortete Frage zu bekommen (www.silk-tool.de). Zu jedem Themenfeld gibt es einen Einführungstext und einen umfangreichen „Wissenspool“ (Hinweise auf weiterführende Literatur, Praxisberichte, beispielhafte Konzepttexte, Formularmuster usw.). Ein erheblicher Teil dieses „Wissenspools“ entstand erst im Projektverlauf, z. B. in Form fokussierter Fachtagungen mit Ergebnispublikationen.

Aus diesem Material wurden nun die Einführungstexte zu einem Handbuch mit detailliertem Überblickswissen auf 210 Druckseiten zusammengeführt. Dieses Handbuch ist Gegenstand der Rezension. Es liegt in gedruckter Form vor und wird vom BBK auf Anforderung kostenlos abgegeben, es kann aber auch als PDF heruntergeladen werden (https://www.bbk.bund.de/SiteGlobals/Forms/Suche/Mediathek/Mediathek_Formular.html). Die PDF-Version zeigt ihre Herkunft aus einer Webseite mit vielfältigen Möglichkeiten, mithilfe von Mausklicks oder QR-Codes innerhalb des Dokuments zu springen oder zu Angeboten der Webseite zu wechseln. Das in der gedruckten Version nur dekorativ erscheinende Daumenregister mit Piktogrammen für die 14 Kapitel dient im PDF dem Kapitelwechsel durch Mausklick. Der analog aufgewachsenen Leserschaft bietet der Band ein (als „toter Text“ angelegtes) Stichwortregister.

Der sachlich klingende Begriff „Kulturgutsicherheit“ steht für ein Panorama unterschiedlichster Szenarien, die die Existenz oder Unversehrtheit von Kulturgütern bedrohen. Diese Szenarien geben – neben einem organisatorischen Aspekt („Allgemeines Sicherheitsmanagement“) – die Gliederung des Bandes her: Brand, Flut, Diebstahl, Vandalismus, Havarien/Unfälle, Abnutzung, Klima, Licht, Schädlinge/Schimmel, Schadstoffe, Unwetter, Erdbeben, Gewalttaten. Zu jedem der dreizehn Kapitel gibt es einen etwa halbseitigen Teaser im aus dem Zeitungsdruck gewohnten Fettdruck, dem der mit Zwischenüberschriften untergliederte, ausführliche Informationstext folgt.

Alle Kapitel bemühen sich sehr darum, die oft aus sehr verschiedenen Disziplinen zusammengeführten Inhalte allgemeinverständlich vorzustellen und die Waage zwischen in die Tiefe gehenden Details und der Verflachung komplexer Sachverhalte zu halten. Dem dienen unter anderem überleitende Fragesätze und Verweise auf andere Kapitel, auf einschlägige Normen oder den „Wissenspool“. In den Text eingefügte Tabellen, Diagramme und Abbildungen von Schadensbildern veranschaulichen etliche Ausführungen.

Die Orientierung an „Kulturgut“ und an „Kultureinrichtungen“ erinnert an den Ursprung in der KNK; mehrfach werden Archive, Bibliotheken und Museen als die anvisierten Handlungsfelder benannt. Dennoch wird in mehreren Kapiteln deutlich, dass Museen, speziell Ausstellungen, im Fokus stehen: So werden im Fall von Vandalismus „Absperrungen innerhalb der Ausstellungsräume“ sowie vorbeugend die „Prüfung und Bewertung der jeweiligen Ausstellung, einzelner Themen oder spezieller Exponate“ empfohlen (S. 67); Beispiele für Unfälle sind Gedränge der Ausstellungsgäste oder ungeschickte Nutzung des Selfie Sticks (S. 76 f.). Gelegentlich klingt zusätzlich die übliche Dominanz von Kunstmuseen durch (S. 113: „Ohne Licht sind Raumeindruck und Kunstgenuss nicht möglich.“).

Das Kapitel „Klima“ überrascht damit, alle fundamentalen Informationen gebündelt vorzutragen und das Zukunftsthema überhitzter Räume schon im Blick zu haben, aber jede Kontroverse zu vermeiden, um haustechnische Lösungen zu umschiffen. Lüftungsanlagen werden als faktische Notwendigkeit, Be- und Entfeuchtungsgeräte als oft unvermeidbar hingestellt; es fehlen sowohl die Jahrzehnte alte Polarisierung von Be- und Entfeuchtungstechnik gegenüber der Raumtemperierung entlang jahreszeitlich schwankenden Temperaturwerten als auch die aktuelle Diskussion um die angeblich neue Vorgabe von „Klimakorridoren“ statt starr vorgegebenen Klimawerten, um Energie und Emissionen einzusparen.

Im Nebeneinander geraten die Ausführungen zu Museen und Ausstellungen gern ausführlicher als jene zu Archiven und Bibliotheken. Zum Berühren historischen Kulturguts in Archiven und Bibliotheken liest man Empfehlungen zur Verfilmung, Benutzerregistrierung und zum Verbot von Speisen und Getränken (S. 92), aber nichts zur Verwendung unterschiedlicher privater Schreibgeräte. Wer gewohnt ist, den Transfer auf die eigene Arbeitssituation mitzudenken, wird auch diese Passagen mit Gewinn lesen.

Angesichts der Praxisnähe aller Autorinnen und Autoren befremden Glühlampen als Vergleichsmaßstab der verschiedenen Leuchtmittel (S. 115) und einzelne alltagssprachliche Begriffe wie „Besucherzahlen“ statt Besuchszahlen (S. 87) oder die falsche Gegenüberstellung „Besitz oder Leihgabe“ (S. 20).

Diese punktuelle Kritik schmälert Wert und Bedeutung dieser Publikation keineswegs. Im deutschen Sprachraum ist seit „Sammlungsgut in Sicherheit“ von Günter S. Hilbert (1981, 3. überarbeitete Auflage 2002) nichts Vergleichbares erschienen. Die Informationsqualität ist bemerkenswert gut, gerade auch angesichts der großen thematischen Breite. Studierende und Lehrende aller Studiengänge, die sich auf bewahrungswürdige Kulturgüter beziehen, und alle daran Interessierten haben endlich die fundierte Einstiegs- und Wiederholungslektüre auf der Höhe der aktuellen Fachdiskussion vorliegen, die etwaige Unzufriedenheiten mit dem Handbuchtext durch den hinterlegten „Wissenspool“ erschöpfend bedient. Für Beschäftigte in Archiven, Bibliotheken und Museen ist diese Überblickslektüre ein neuer Anreiz, sich endlich näher mit möglichen Bedrohungsszenarien der eigenen Sammlung auseinanderzusetzen. Durch die ähnliche Detaillierung aller dreizehn Sicherheitsrisiken werden auch berufserfahrene Beschäftigte in Kultureinrichtungen genügend Gedankenanstöße bei der Lektüre sammeln. Nicht zuletzt ist diese Handreichung einer Bundesbehörde die richtige Lektüreempfehlung für Vorgesetzte oder für kritische Mitglieder parlamentarischer Ausschüsse, die Finanzierungswünschen für Sicherheitstechnik und Schadensprävention reserviert gegenüberstehen.

Published Online: 2023-10-06
Published in Print: 2023-11-28

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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  21. Alke Dohrmann, Almut Siegel, Schöne Katrin: Sicherheitsleitfaden Kulturgut. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Zittau 2021, 213 Seiten, ISBN 978-3-949117-09-1
  22. Sven Kuttner: „Die verspätete Bibliothek“. Zehn Beiträge zur Geschichte der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München im 20. Jahrhundert, Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2021. 128 S. (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen: 67)
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