„Richtfest im Haus der Digitalen Bibliothek“ überschrieb 2006 Andrea Rapp einen Artikel, in dem sie mit ihrem ehemaligen Kollegen über Zielsetzung, Arbeitsmethoden und -ergebnisse des Göttinger Digitalisierungszentrums berichtete.[1] Als eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Serviceeinrichtung entwickelte es Workflows für die Imagedigitalisierung großer Mengen, aber auch höchster Qualität, die damals durch im Double-Keying-Verfahren erstellte Volltexte ergänzt werden konnten. Es realisierte aber auch eigene Projekt wie die Digitalisierung der Gutenbergbibel, die im Jahre 2000 als erste im Internet zugänglich gemacht worden ist. Es unterstützte als Kompetenzzentrum andere Einrichtungen und vor allem auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Rat und Tat, nachhaltige Digitalisierungsaktivitäten zu planen, zu beantragen und durchzuführen. Die Aktivitäten bildeten einen wichtigen Schritt, die verteilte digitale Forschungsbibliothek zu initialisieren, die neues Paradigma für das Verhältnis von Bibliothek und Forschung werden sollte.[2] Die dynamischen Möglichkeiten, digitalisierte Quellen und historische Forschungsergebnisse zu kontextualisieren und sie mit aktuellen Forschungsprozessen zu verknüpfen, ermöglicht einen kontinuierlichen Prozess, in dem aus Forschung Bibliothek und aus Bibliothek Forschung wird.[3] Andrea Rapp hat diese Vorstellungen nicht nur aufgegriffen und weiterentwickelt. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass mit TextGrid in der Zusammenarbeit von Informatiker*innen, Fachwissenschaftler*innen und dem Institut für Deutsche Sprache in Mannheim unter Federführung der SUB Göttingen eine erste digitale Forschungsumgebung für die Geisteswissenschaften geschaffen werden konnte. Sie war das Bindeglied zu der Würzburger Gruppe um Werner Wegstein, auf deren Initiative an dieser Universität 2003 ein Kompetenzzentrum für EDV-Philologie gegründet wurde.[4] Hier wurden die wesentlichen Konzeptionen des Antrags vorbereitet, der in Göttingen im Herbst 2004 unter Federführung von Heike Neuroth für die D-Grid-Initiative des Ministerium für Bildung und Forschung erstellt worden ist.[5] Dort hatte man wohl kaum mit einem Projekt aus den Geisteswissenschaften gerechnet, das nur durch die flexible Reaktion des Referats 624 „Wissenschaft und Gesellschaft“ (Leitung: Frau Dr. Willms-Herget) im Oktober 2005 bewilligt wurde. Man hatte sich dort entschlossen, das Vorhaben „TextGrid“ (damals trug es noch nicht diesen Namen) als Pilotprojekt für eine Gridanwendung in den Geisteswissenschaften zu fördern – die sich in Deutschland entwickelnden Digital Humanities hatten ein Modellprojekt. Als die Bewilligung ausgesprochen wurde, war Andrea Rapp nach einem Jahr und 9 Monaten Tätigkeit in Göttingen im Herbst 2004 wieder an die Universität Trier zurückgegangen, hat aber sich weiter in engem Kontakt mit dem Göttinger Team bei der Weiterentwicklung von TextGrid eingebracht. Ergänzend zur Entwicklung Workbench für die Eingabe kam der Aufbau des TextGridRepository für den langfristigen Zugang der standardisierten und offenen Daten hinzu. Vor diesem Hintergrund gelang es, auf europäischer Ebene die deutsche Beteiligung am ESFRI-(European Strategy Forum on Research Infrastructures)-Projekt durch Mitwirkung bei DARAIH-EU (Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities) am europäischen Förderprogramm für digitale Forschungsinfrastrukturen teilzunehmen. Dieses geisteswissenschaftliche Projekt wurde über ein Jahrzehnt gefördert. Die Aktivitäten von TextGrid und DARIAH wurden inzwischen in Deutschland in das Konsortium Text+ (Sprach- und textbasierte Forschungsdateninfrastruktur) eingebracht, das im Rahmen der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) von der DFG gefördert wird.[6] Hier ist auch die Technische Universität Darmstadt beteiligt, an der Andrea Rapp seit 2010 am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft mit den Schwerpunkten Computerphilologie und Mediävistik die Digitale Philologie mit gleichgesinnten Kolleg*innen das Darmstädter Modell entwickelt hat.[7] Kaum jemand hat so klar wie sie erkannt und ausformuliert, dass Forschungsdaten für Menschen und Maschinen gleichermaßen nutzbar sein müssen, damit die Forschenden maschinengestützt auch die avancierten digitalen Methoden wie automatische Text- und Handschriften- oder Bilderkennung, Text und Data Mining oder Netzwerkanalyse nutzen können; das aber erfordert weitgehende Standardisierung und globale Abstimmung über Metadaten, Formate, technologische Standards und inhaltliche Kategorienbildung.[8] Es bedarf aber auch der international vernetzten Forschungs- und Informationsstruktur. Andrea Rapp ist dabei nicht bei theoretischen Erkenntnissen stehen geblieben, sondern hat sich mit Frank Scholze (Deutsche Nationalbibliothek) mit überwältigender, weltweiter Resonanz und erkennbarer Wirkung an die Öffentlichkeit gewandt, als eine der tragenden Säulen innovativer Forschungsdateninfrastruktur in Deutschland und Europa, die SUB Göttingen (Mitantragstellerin auch bei Text+), in ihrer Leistungsfähigkeit durch sachfremde Empfehlungen in einem Change-Management-Prozess für die Zentralverwaltung der Universität Göttingen gefährdet schien.[9] Ihr sei dieses Themenheft gewidmet, an dem sie auch als Ideengeberin und Mitherausgeberin beteiligt ist. Mit Grundsatzbeiträgen aus Wissenschaft, Bibliothek und Gedächtnisinstitutionen sowie zum Forschungs- und Datenmanagement ergänzt um Projektbeispiele wollen Herausgeber*innen und Beiträger*innen einen kleinen Beitrag zur großen Aufgabe der digitalen Transformation der Wissenschaft und ihrer Infrastruktureinrichtungen leisten.
Nachbemerkung
Einige Beiträge konnten aus drucktechnischen Gründen nicht mehr in diesem Heft erscheinen. Sie werden aber online bereits zitierbar zur Verfügung gestellt und in Heft 1 2024 gedruckt erscheinen. Es sind insbesondere:
Ulrike Henny-Krahmer, Christoph Müller: Zusammenarbeit von Bibliothek und Forschung für die Computational Literary Studies am Beispiel hispanoamerikanischer Romane des 19. Jahrhunderts.
Franz-Josef Holznagel, Annika Bostelmann, Karsten Labahn: Die Erschließung von Handschriften als kooperativer Prozess. Das Beispiel des „Digitalen Archivs zum Rostocker Liederbuch
Daniel Kurzawe, Regine Stein: Aufgabenprofile im Wandel: Bibliotheken in der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur
Marina Lemaire: Institutsübergreifende Kooperationen zwischen Forschung, Bibliothek und IT-Servicedienstleistern. Dos, Don’ts und andere Hindernisse.
Eva L. Wyss: Die Digitalisierung von kulturellem Erbe – beispielsweise Liebesbriefe.
About the author

Prof. em. Dr. Drs. h.c. Elmar Mittler
Literaturverzeichnis
Enders, Markus; Liebetruth, Martin; Rapp, Andrea (2005): Richtfest im Haus der Digitalen Bibliothek. Methoden, Verfahren, Werkzeuge. In: Tradition und Zukunft – die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen – eine Leistungsbilanz zum 65. Geburtstag von Elmar Mittler, hg. von Margo Bargheer und Klaus Ceynowa. Göttingen: Universitätsverlag Göttingen, 9–24.Search in Google Scholar
Mittler, Elmar (1997a): Verteilte digitale Forschungsbibliothek – ein neues Paradigma für das Verhältnis von Bibliothek und Forschung? In: Bibliothek und Wissenschaft, 30, 141–49. Verfügbar unter http://webdoc.sub.gwdg.de/pub/sub/2007/mitt97-digitale.pdf.Search in Google Scholar
Mittler, Elmar (1997b): Verteilte digitale Forschungsbibliothek. Ein neuer Förderbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In: Von Gutenberg zum Internet, hg. von Sabine Wefers. Frankfurt am Main: Klostermann (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie: Sonderhefte: 68), 81–88.Search in Google Scholar
Neuroth, Heike; Kerzel, Marina; Schmunk, Stefan (2023): Die Kambrische Explosion der digitalen Geisteswissenschaften. In: Computer im Musenhain. Von träumenden Büchern und der Aura des Digitalen, hg. von Sabine Bartsch, Luise Borek und Philipp Hegel. Darmstadt: TUPrints (Festschriften der Technischen Universität Darmstadt: 1), 155–71. DOI:10.26083/tuprints-00024712.Search in Google Scholar
Rapp, Andrea (2023): Kulturgutbesitz und digitale Weltbibliothek. Bibliotheken als Dritte Orte und Nicht-Orte. In: BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis, 47 (1), 18–21. DOI:10.1515/bfp-2022-0086.10.1515/bfp-2022-0086Search in Google Scholar
Wegstein, Ernst; Rapp, Andrea; Jannidis, Fotis (2015): TextGrid. Eine Geschichte. In: TextGrid: Von der Community – für die Community. Eine virtuelle Forschungsumgebung für die Geisteswissenschaften, hg. von Heike Neuroth, Andrea Rapp und Sibylle Söring. Glückstadt, 23–35. DOI:10.2314/GBV:623322471.Search in Google Scholar
Gastherausgeberinnen und -herausgeber des Themenschwerpunkts

Andrea Rapp
Technische Universität Darmstadt
Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft
Residenzschloss 1
D-64283 Darmstadt
Andrea.rapp@tu-darmstadt.de

Prof. Dr. Malte Rehbein
Universität Passau
Lehrstuhl für Digital Humanities
Innstr. 41
D-94032 Passau
malte.rehbein@uni-passau.de

Antje Theise
Bibliotheksdirektor
Universität Rostock | Universitätsbibliothek
Schwaansche Str. 3b
D-18055 Rostock
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© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.
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- Pettegree, Andrew; der Weduwen, Arthur: The Library. A fragile history. London: Profile Books, 2021. 518 S., 29 Abb. im Text, 12 + 11 Taf., Paperback. ISBN: 978-1-78816-3439; eISBN: 978-1-78816-344-6. ₤ 19,99
- Gernot U. Gabel: Bibliotheken in Großbritannien: Beiträge zur Bibliotheksgeschichte: Festgabe zum 80. Geburtstag überreicht von Gisela Gabel-Jahns. Hürth, Edition Gemini, 2021. ISBN 978-3-922331-57-5
- René Tanner, Adrian K. Ho, Monika Antonelli, Rebekkah Smith Aldrich (Ed.): Libraries and Sustainability. Programms and Practices for Community Impact. Chicago: ALA Editions, 2022. 156 S., (softcover), ISBN: 978-0-8389-3794-5, $49.99
- Margaret M. Merga: School Libraries Supporting Literacy and Wellbeing. London: Facet Publishing, 2022. XXV, 198 Seiten. ISBN 978-1-78330-584-1 (Paperback) GBP 50,–
- Handbuch IT in Bibliotheken. Unter einer CC-BY 3.0 DE-Lizenz im Internet unter https://it-in-bibliotheken.de (mit Datum der letzten Änderung: 17. Mai 2023).
- Alke Dohrmann, Almut Siegel, Schöne Katrin: Sicherheitsleitfaden Kulturgut. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Zittau 2021, 213 Seiten, ISBN 978-3-949117-09-1
- Sven Kuttner: „Die verspätete Bibliothek“. Zehn Beiträge zur Geschichte der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München im 20. Jahrhundert, Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2021. 128 S. (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen: 67)
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