Protest simulieren, Affekte ausleben: Zwei aktuelle Polizeiethnographien
Rezensierte Publikationen:
Andrea Kretschmann, Simulative Souveränität: Eine Soziologie politischer Ordnungsbildung. Konstanz: Konstanz University Press 2023, 384 S., gb., 38,00 €
Stephanie Schmidt, Affekt und Polizei: Eine Ethnografie der Wut in der exekutiven Gewaltarbeit. Bielefeld: transcript 2023, 366 S., kt., 39,00 €
Die Polizeiforschung ist nicht erst mit der neuen Sichtbarkeit der Polizei (Goldsmith, 2010) und den Diskussionen um Rassismus (u. a. Hunold & Singelnstein, 2022) und Gewaltanwendung (Abdul-Rahman et al., 2023) wieder relevant geworden. Wir thematisieren in unserer Besprechung zwei Arbeiten, die sich ethnographisch und mit einem Bezug auf (teilweise spezifische) Praktiken dem polizeilichen Handeln zuwenden, und somit neue Perspektiven und aktualisierte Innenansichten auf dieses seit jeher schwer zugängliche Forschungsfeld generieren. Beide Arbeiten versprechen mit ihrem Fokus auf einerseits Wut und Affekte in der alltäglichen Polizeiarbeit (Schmidt) und andererseits auf Protestsimulationen durch die Polizei (Kretschmann) mikroanalytisch fundierte, aber kontextuell gerahmte Einblicke. Wir stellen beide Arbeiten im Folgenden getrennt vor, um im Abschluss auf Perspektiven und Anschlüsse dieser aktuellen Polizeiforschung einzugehen.
(I)
Stephanie Schmidt stellt mit „Affekt und Polizei – Eine Ethnografie der Wut in der exekutiven Gewaltarbeit“ die Ergebnisse ihrer Feldforschung bei der Bereitschafts- und Schutzpolizei u. a. in Berlin und Frankfurt sowie im Rahmen der Recherche zum G20-Gipfel in Hamburg (siehe auch Malthaner & Teune, 2023) und weiterer Hintergrundgespräche vor.
Sie untersucht polizeiliche Praktiken, denen sie sich im Sinne einer dichten Beschreibung so nah wie möglich annähern möchte. Dabei bearbeitet sie die Frage: „wie polizeiliche Weltdeutungen, organisationale Vorstellungen von Ordnung sowie die »moral worlds« (...) der polizeilichen Alltagsarbeit mit emotionalen Praktiken verwoben sind, in denen diese hergestellt und zugleich für diese wirkmächtig werden“ (Schmidt, 2023, S. 10).
Schmidt thematisiert aufbauend auf sozialwissenschaftlicher Literatur Affekte und Emotionen aus der Betonung der Akteurs-, also der emischen Perspektive. Vorstellungen von Wut und Emotion sind eingebettet in historisch situierte Diskurse (etwa Vorstellungen der Basisemotionen, die Menschen überkommen). Sie kritisiert solche, zum rein Subjektiven verkürzte, Emotions-Alltagskonzepte aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive und setzt ihnen den Ansatz des “doing anger” gegenüber. Dabei folgt sie hier vor allem Monique Scheer (2012), die diesen Ansatz aus einer Bourdieusianischen Praxistheorie heraus formuliert, und dementsprechend bestrebt ist, die üblichen Dualitäten von Innen und Außen etc. aufzulösen. Damit folgt sie einer Perspektive, die hervorhebt, „dass wir Emotionen nicht haben, sondern tun“ (Schmidt, 2023, S. 42). Schmidt betont hier weiterhin Scheer folgend, dass sie Emotionen dabei „nicht im Sinne einer intentionalen Handlung, sondern als habitualisiertes Verhalten versteht“ (Schmidt, 2023, S. 42). Diese Perspektivenverschiebung bei der Betrachtung von Emotionen ist plausibel und für die Forschung sehr gewinnbringend. Sozialtheoretisch stellt sich jedoch die Frage, wo Grenzen der Betonung von Praktiken liegen. Praxistheoretische Positionen, welche die Subjektivität vollständig „über Bord werfen“, d. h. nur noch als Ergebnis vorgängiger Praktiken begreifen, laufen Gefahr, nicht nur erkenntnistheoretische Probleme zu evozieren, sondern auch ein großes analytisches Potential – das sich gerade aus der subjektiven Rolle der Forschenden, Subjektivität in Feldforschung und insbesondere Ethnographie ergibt – zu verlieren. Dies betrifft auch die subjektive Erfahrungsdimension, sei es die kommunikativ-sinnhafte, wie auch die strategisch handelnde Dimension.
Dabei ist die vorliegende Arbeit, wie noch zu zeigen sein wird, in der Umsetzung eines zugespitzt radikal praxistheoretischen Ansatzes weniger konsequent als die theoretische Hinführung erwarten lässt. Sie folgt durchaus einem etablierten interpretativen Vorgehen, was aus unserer Sicht ein Gewinn ist, da sich ihre konkrete Forschung und Umsetzung nicht auf die subjektfreie Engführung auf Praktiken beschränkt, sondern diese lediglich als Fokus der Forschung bestimmt. Schmidt verbindet den praxistheoretischen Zugang mit einer kontextuellen Einbettung, die die Diskurse um Emotion, Wut und Affekt aufgreift, indem sie knapp die Geschichte des Wutbegriffes aus der Literatur rekonstruiert (Schmidt, 2023, S. 47–56). Sie kulturalisiert den Emotionsbegriff, der sonst häufig primär der Psychologie zugeschrieben wird. Die Autorin verbindet hier weiterhin die Thematisierung und Realisierung von Wutpraktiken mit der kontextuellen Verortung im Feld und den Polizeikulturen in übergeordneten Diskursen über Ordnung und Sicherheit.
Durch eine empirisch genaue Untersuchung der Verbindung von Wut mit den Figurationen zwischen Polizist:innen und ihren jeweiligen Gegenübern (Kapitel 5), der Polizeikultur und der historisch-diskursiven Verortung des Polizierens, schafft sie eine Integration des mikroanalytisch-ethnographischen Zugangs mit gesellschaftstheoretisch relevanten Fragestellungen und eröffnet dabei auch Raum für eine kritische Perspektive. Gerade weil das Thema Wut und Affekt sehr zu Polizeikritik einlädt, nimmt Schmidt eine wissenssoziologisch-interpretative, aber engagierte, klar positionierte und differenzierte Position gegenüber polizeilichen Praktiken ein. In vielen Querverweisen, die sie mit ihren eigenen Forschungen verbindet, bezieht sie sich, vor allem auch unter Rückgriff auf bekannte Literatur zur Polizeikultur (Behr, 2006 u. a.), auf problematisierbare polizeiliche Wertvorstellungen, nutzt diese aber für einen verstehenden Zugang, der die Subjektivität, ja auch die Subjektivierung der Polizei im institutionellen Kontext herausarbeitet. Denn obwohl sie theoretisch von Praktiken spricht, stellt sie auch die spezifischen Subjektperspektiven dar. Dieser Kontext ist methodisch relevant. Schmidt zeigt die spezifischen Schwierigkeiten und Besonderheiten des Zugangs in diesem Feld auf und reflektiert ihre Forscherinnenrolle, als Begleiterin und Praktikantin bzw. Hospitantin, im polizeilichen Alltag (Kapitel 2).
Ihre aufschlussreichen Feldbeobachtungen und Interviews mit Polizist:innen verwebt sie im Text mit den theoretischen Konzepten, auf die sie zurückgreift und schafft so eine Einordnung der Empirie in den Stand der jeweils relevanten Forschungsliteratur. Dadurch liest sich das Buch sehr gut und gibt einen tiefen Einblick in die Polizeikultur.
Schmidt strukturiert ihre Darstellung entlang einer Ordnung verschiedener Thematisierungen und Gefühlspraktiken im Feld. Sie rekonstruiert zunächst, wie Polizist:innen reflektieren, dass für sie die Prämisse gilt „Wut nicht nach außen“ zu [präsentieren] (Schmidt, 2023, S. 85) und dabei emotional nicht involviert zu sein. Damit rekonstruiert sie die Beschreibungen der Polizei als professionelle emotionale Gemeinschaft, in der (Selbst-)Beherrschung als professionelles Ideal gilt (vgl. Rosenwein, 2006, zit. nach Schmidt, 2023, S. 86).
Dies drückt sich auf verschiedenen Ebenen aus, bekanntermaßen z. B. in der Uniform, deren richtiges Tragen die Polizist:innen erst lernen müssen. Mit dieser „tragen“ sie zugleich die Polizei und somit den Staat (Kapitel 3). Die Uniform erfüllt, wie Schmidt herausarbeitet, eine kommunikative Funktion, wirkt dabei aber auch subjektivierend. Vor allem aber stehen die verschiedenen sprachlichen Dimensionen von Emotion und Wut im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen. Diesen sprachlichen Dimensionen geht Schmidt nach, indem sie das Spektrum von bürokratischen Fachbegriffen über die Rolle von Erzählungen bei der Wissensvermittlung bis hin zu Praktiken des Schimpfens ausbreitet. Damit beschreibt sie Kommunikationsformen, die bei ihr als kommunikative Praktiken theoretisiert werden (Kapitel 6). Deren Einbettung in interaktiv-kommunikative Sequenzen wird immer wieder deutlich, ist aber eher ein Nebenaspekt der Analyse.
Deutlich wird, wie Schmidt nicht nur Praktiken, sondern auch die Relevanz von Wissensbeständen reflektiert. Sie zeigt, welcher Zusammenhang von Wissensbeständen und kommunikativen Praktiken in den Benennungen von Situationen, der Dokumentation von Einsätzen, von gefährlichen Orten etc. besteht. Polizist:innen konstruieren ihr Gegenüber oft als “Normalbürger”, “aggressive Gegenüber” und teils als “Assholes”. Schmidt analysiert dabei die Formen, in denen Polizist:innen die Glaubwürdigkeit ihrer Gegenüber bewerten (Kapitel 5).
Etwas überraschend ist, dass erst im letzten Drittel des Buches die Körperlichkeit (über die zuvor thematisierte Kleidung hinaus) eine größere Rolle spielt. Diese wird zunächst in der Betrachtung der Körperlichkeit bei Gesten der Beschimpfung thematisiert (S. 239), bevor der Übergang der Analyse zur Betrachtung von Gewaltsituationen erfolgt. Die späte Einführung von Körper- und Leiblichkeit, die zwar am Rande immer wieder thematisiert wird, fällt damit etwas kürzer aus, als es der Gegenstand und der praxistheoretische Zugang hätte erwarten lassen.
In der Rekonstruktion der Bedeutung von Körperlichkeit führt die Arbeit zu Fragen der Gewalt. Eine zentrale Kategorie ist dabei die Skalierung ihres Einsatzes und das Maßhalten, das für die Beamt:innen eine Herausforderung darstellt. Schmidt beschreibt hier ein Spektrum, das in den Berichten von der Entwicklung von Gelassenheit und der Fähigkeit, Situationen einzufrieren, bis hin zum koordinierten, schnellen und plötzlichen Herausstürmen von Einsatzpolizist:innen als Strategie reicht. Letzteres wird als performative Form von Aggressivität thematisiert, die strategisch eingesetzt werden soll. Immer wieder thematisieren die Polizist:innen ihre Aufgabe, „Präsenz zu zeigen und Sicherheit fühlbar zu machen“ (Schmidt, 2023, S. 160), die hier also eine körperlich performative Dimension erhält.
Im Kapitel zur Gewaltanwendung bezieht Schmidt sich auf Collins (Collins, 2008) und thematisiert das emische Konzept der Eskalationstreppe im Feld. Hier böten sich jüngst Anschlüsse an Forschungen an, die Interaktionen genauer in den Blick nehmen und polizeiliches Handeln in seiner interaktiven Realisierung genauer untersuchen (wie etwa Watson & Meehan, 2021; Nassauer, 2019; Malthaner & Teune, 2023). Was die körperlich-interaktive Dimension angeht, verbleibt Schmidt bei einer überblicksartigen Darstellung. Konkrete körperliche Wut-Praktiken, Kommunikationsformen und Interaktionen werden nicht im Detail sequenziell analysiert oder verglichen. Hier hätten sich an verkörperlichten und verräumlichten Praktiken und Interaktionen interessierte Leser:innen noch genauere, systematisierte und vertiefte Einblicke erhofft, die auch in die Unterschiede zwischen verschiedenen Polizei-/Subkulturen etwas mehr Klarheit hätten bringen können (Unterschiede zwischen Bereitschafts- und Schutzpolizei werden durchaus thematisiert und im Überblick über die Kapitel auch beständig mitgeführt – ohne sie jedoch systematischer an den Praktiken auszuarbeiten). Hier bleibt die Detailtiefe eher auf der Ebene der allgemeinen Rekonstruktion und Exemplifizierung mit (durchaus treffenden) Narrativen und Beobachtungen. Verbalisierende Passagen und detaillierte Transkripte, die die Interaktion zeigen, kommen indes nur an wenigen Stellen zum Tragen.
Schmidt gibt in ihrem Buch einen sehr gelungenen, breiten Überblick über die spezifische Kultur der Polizei mit dem Fokus auf Emotionalität bis hin zum Gewalthandeln von Polizist:innen. Sie zeigt, wie die Beteiligten mit dem Auftrag der “neutralen” Gewaltausübung umgehen, wie sie ihn umzusetzen versuchen, wie sie aber auch Emotionalität und Gewalthandeln miteinander in Beziehung setzen – zum Teil als strategisches Handeln, vor allem aber eingeschrieben in eingeübte, sozialisierte und erlernte Praktiken der Subjekte.
(II)
Andrea Kretschmann untersucht in „Simulative Souveränität: Eine Soziologie politischer Ordnungsbildung“ polizeiliche Protestsimulationen. Bei dem sich weltweit seit ca. 20 Jahren herausbildenden und stetig ausweitenden Phänomen trainieren, erproben, testen und innovieren polizeiliche Einheiten protest policing in überwiegend eigens dafür erbauten städtischen Simulationsräumen. Sie argumentiert, dass durch Protestsimulationen eine neue Form polizeilichen und damit staatlichen Handlungswissens produziert wird. Ausgehend von einem an Foucault und Bourdieu angelehnten Verständnis von Staatlichkeit „als Produkt eines ungerichteten und inkohärenten Gefüges heterogener Elemente“ (Kretschmann, 2023, S. 333) stellt sie die These auf, dass bei Protestsimulationen eine neue Form von Souveränität – genannt simulative Souveränität – über kulturelle Praktiken konstituiert wird. Dabei wird basierend auf symbolischen Konstruktionen „narrativ und letztlich imaginativ und fiktiv“ (Kretschmann, 2023, S. 176) staatliches Handlungswissen produziert. Die kulturellen Praktiken der situativen Simulation ähneln, so die Autorin, zuweilen Inszenierungen, Theateraufführungen oder dem Spiel, die die Eigenschaft eint, dass sie (mehr oder weniger) abgeschlossene Sinnbereiche konstituieren. Anders als statistische Verfahren konstituieren dadurch simulative Wissensproduktionen eine ganz eigene soziale Grammatik. Sie sind ausgerichtet an einem Möglichkeitshorizont des potenziell Zukünftigen, gehen von dynamischen Prozessen aus, die sich stetig in ein Bedrohungsszenario verwandeln (könnten) und konstituieren sinnliches Wissen (Kretschmann, 2023, S. 342). Da die Polizei in den Simulationen (mit wenigen Ausnahmen) den Fokus auf eine sich stetig steigernde Risikobewältigung legt, gipfelt die Darstellung des Protests stets in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Überzeugend arbeitet Kretschmann dabei heraus, dass die Polizei bei diesen Trainings Vorstellungen von Protest und Protestierenden praktisch homogenisiert. Protest wird als potenziell und über die Zeit hinweg zwangsläufig gefährlich und Protestierende als gefährliche “Andere” konstruiert. In den “künstlichen” Szenarien schaffe Polizei, so Kretschmann, eine neue Praxis für den Einsatz, die die Realität von tatsächlichen Protesten tendenziell überrollt und absorbiert (Kretschmann, 2023, S. 346).
Theoretisch schließt die Autorin an die Kultursoziologie und die politische Soziologie an. Zur Einordnung des Phänomens greift sie darüber hinaus auf Befunde und Konzepte der Polizei- und der Risiko- und Katastrophenforschung zurück. Basierend auf sich über drei Jahre andauernde Ethnographien in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Nordirland, der Auswertung von Feldnotizen, Foto- und Videodaten und Dokumenten arbeitet Kretschmann die Genese des Phänomens, dessen Charakteristika und Bedeutung für das Politische heraus. Dabei versteht sie Simulation, angelehnt an Deleuze und Guattari (1992), als Assemblage, also als „heterogenes Ensemble von unterschiedlichen [...] miteinander relationierten Aspekten [...], die [...] je unterschiedlichen Rationalitäten verhaftet sein können“ (Kretschmann, 2023, S. 343). Ausgehend von der Theoretisierung der Simulationen als Assemblage bearbeitet sie schrittweise die wichtigsten Elemente der Assemblage – Raum, Skript, Protest- und Polizeidarstellung. Ihr Buch schließt mit der Ausarbeitung der sozialen Grammatik der Simulation und einer gesellschaftstheoretischen Einordnung des Phänomens.
Besonders positiv hervorheben wollen wir die Tiefe und Breite der Ethnographie und deren Auswertung. Vor dem Hintergrund eines Forschungsfeldes, welches aus der inneren Handlungslogik heraus einem Zugang von Außen meist abweisend, zumindest jedoch kritisch gegenübersteht, stellt die Generierung eines solchen Datenkorpus eine besonders nennenswerte Leistung dar. Dass dieser von der Autorin überaus gewinnbringend in eine analytische Tiefe übersetzt wird, geht auch auf die geschickte Umsetzung der “institutional ethnography”-Herangehensweise (neben weiteren) zurück. So schafft es die Autorin, die sich über drei Jahre hinziehende, in vier Ländern stattfindenden Ethnographien, kontextsensibel(isierend) fruchtbar zu machen. Indem sie in der Analyse außersituationale Bedingungen (z. B. Gesetze und Diskurse) integriert, wodurch es zu einer verschränkenden Betrachtung von Mikro-, Meso- und Makrodimension kommt, gelingt es ihr, Gemeinsamkeiten und länderspezifische Unterschiede herauszuarbeiten. Damit leistet diese Arbeit einen wichtigen Beitrag zur vergleichenden Polizeiforschung im Allgemeinen (de Maillard & Roché, 2022) und der vergleichenden Forschung zu protest policing im Besonderen.
Darüber hinaus arbeitet Kretschmann in den Abschnitten des Buchs, in denen es um die Vollzugswirklichkeit der (Protest-/Polizei-)Praxis geht, praktische Spannungsfelder heraus, die in die komplexen Ausgestaltungsanforderungen und -bewältigungen während der Protestübungen tiefe Einblicke bieten. Diese Spannungsfelder beinhalten die Frage des Status der Simulation (Spiel vs. Ernst), der Beziehung der Simulierenden zu dem Akt (Nähe vs. Distanz) und den verkörperten und kommunikativ zum Einsatz gebrachten Mitteln dieser Aushandlung (z. B. Komik). Dadurch zeigt die Autorin auf, wie die Ambivalenzen und Widersprüche der Simulationen von den Akteur:innen selbst verhandelt werden. Indem sie hier aufzuzeigen vermag, wie die Polizei durch die Simulation nicht nur eine bestimmte Form des Protests und protest policing selbst entwirft und damit verwirklicht, sondern auch sich selbst definiert, sichert, sich unweigerlich selbst erschafft (Kretschmann, 2023, S. 240), leistet die Autorin wichtige Erkenntnisse zur Debatte um die praktische Begründung und Vermittlung von Polizeikultur (Behr, 2006 u. a.).
Ferner ist festzuhalten, dass die besondere Qualität der Arbeit im Bestreben liegt, eine sozialtheoretische, wie gesellschaftstheoretische Konzeptualisierung des Phänomens vorzunehmen. Auch wenn es bereits einige Untersuchungen gibt, die sich mit simulativem Protest auseinandersetzen, fehlte es bislang an einer sozialtheoretischen Erörterung, die vermag, das Soziale der Simulation abstrakt zu fassen. Auch wenn u. E. nach die sozialtheoretische Auseinandersetzung mit Protestsimulationen einige Leerstellen aufweist, wie wir unten darlegen, ist die grundlegende Konzeptualisierung des Protests als sozial kontingente Assemblage mit innerer und äußerer Funktionsweise und besonderer Charakteristika überzeugend hergeleitet. Indem sie die simulative Form der Wissensproduktion mit der klassischen Form statischen Wissens kontrastiert, wird von Kretschmann argumentativ überzeugend aufgezeigt, dass gegenwärtig eine “Kulturalisierung von Staatlichkeit” zu beobachten ist, die sich im Phänomen der Simulation manifestiert. Damit nimmt sie ausgehend von der sozialtheoretischen Einordnung eine nachvollziehbare Plausibilisierung gesellschaftstheoretischer Einordnung des Phänomens vor.
Gleichzeitig ist anzumerken, dass in dem Werk das Verständnis der Simulation als Assemblage und auch deren Operationalisierung zwar plausibel ist, der analytische Anspruch, der damit einhergeht, jedoch nur bedingt eingelöst wird. Durch den Assemblagebegriff fasst Kretschmann die verschiedenen Aspekte der Simulation „unter einem konzeptionellen Dach“, „von hier aus ihre gemeinsame Wirkungsweise in den Blick zu nehmen“ (Kretschmann, 2023, S. 24, eigene Hervorh.) gelingt ihr jedoch nur bedingt. Dies ist zunächst einmal dem Umstand geschuldet, dass die Teilaspekte der Assemblage voneinander getrennt bearbeitet werden und auch jene einzelnen Abschnitte, bei denen das Zusammenwirken der Aspekte beleuchtet wird, es kaum vermögen, die analytische Trennung aufzulösen.
Einen weiteren Grund für das weitestgehende Ausbleiben der verschränkenden Analyse sehen wir in der theoretischen wie analytischen Operationalisierung der Assemblagebestandteile. Hier führt die Autorin eine implizite Trennung zwischen formalisierten/materialisierten Herstellungsleistungen und situativen Praktiken ein. Die Analyse des Raums (Kapitel 3), genauso wie die Analyse der Skripte (Kapitel 4; Ablauftexte der Simulation), wird von Kretschmann als formalisierte, bzw. materialisierte Wirklichkeit behandelt, wobei deren Zustandekommen vor dem Hintergrund einer Nutzungsorientierung (bei Raum explizit, u. a. S. 87) analysiert wird. Dabei steht die Frage im Zentrum, welche Imaginarien und Regeln des protest policings hier eingeschrieben bzw. materiell manifest gemacht werden. Indem Raum als „Schauplatz“ (u. a. S. 86) und die Skripte als textliche Struktur (S. 141) gefasst werden, wird eher deskriptiv die formale Ordnung des simulativen protest policings betrachtet. Dem stehen die Analysen der situativen Praxis der Simulation von Protest (Kapitel 5) und Polizei (Kapitel 6) gegenüber. Bei diesen werden, wie oben bereits aufgeführt, durch den Analysefokus auf die Praxis überaus spannende Erkenntnisse der komplexen Aushandlungen ambivalenter Anforderungen an die Handelnden generiert. Wie das Verhältnis von formalisierter(/materialisierter) und praktischer Wirklichkeitsherstellung ist, ist eine Frage, die sich vor allem Forschung zu stellen hat, die sich mit staatlicher Herrschaft beschäftigt. Sie wird von der Autorin indes weitestgehend offengelassen.
Wir halten Kretschmann entgegen, dass durch eine handlungstheoretische Auseinandersetzung mit der Trias Raum, Körper, Wissen das Verhältnis von formaler und praktischer Ordnungsbildung konzeptionell und analytisch fruchtbar gemacht werden könnte. An einer sozialtheoretischen Auseinandersetzung mit Wissen und Körper fehlt es dem Buch insgesamt. Dies ist umso erstaunlicher, stellt doch die Autorin die zentrale These auf, dass die Simulationen eine neue Form staatlichen Handlungswissen generieren, das „in erster Linie als sinnlich [was auf die Bedeutung des Körpers verweist] qualifiziert werden kann“ (Kretschmann, 2023, S. 7). Raum wird von der Autorin demgegenüber zwar stark gemacht, jedoch allein als “Schauplatz” behandelt, wodurch deren praktische und situative Herstellungsleistung aus dem Blick gerät. Wir argumentieren, dass über die Betrachtung der wechselseitigen Herstellung von Raum und Handeln, wie etwa mit Löws relationalem Raumverständnis (2001) und ausgehend vom kommunikativen Konstruktivismus, mit dem sich das Verhältnis von Wissen (u. a. Skript), Materialität (u. a. Raum) und Körper (u. a. Sinnlichkeit) bearbeiten ließe (Knoblauch, 2017), die komplexe Wirklichkeit der Simulation als Assemblage vertieft werden könnte. Doch diese Einwände sind nur weiterführende Fragen und Auseinandersetzungen, die zurückgehen auf die Neugier und das Interesse an dem Forschungsgegenstand, welche Kretschmanns wertvollen empirischen, analytischen und theoretischen Erkenntnisse in uns geweckt haben.
Zusammenfassung
Beide Bücher präsentieren spannende Einblicke in die gegenwärtige Polizeipraxis aus ethnographischer Perspektive. Sie eint das Interesse an einer mikrosoziologischen Perspektive, die die Emotionen über ihre Körperlichkeit und ihre praktische Realisierung, wie auch die Simulationen in ihrer Performativität als situativ verortetes Geschehen ernst nehmen. Hier treffen sich beide Ansätze und bauen jeweils auf Theorien auf, die eine starke Positionierung vornehmen. Insbesondere bei Schmidt ist diese im Grunde verortet in klassischer interpretativer Forschung, der sie einen praxistheoretischen Twist gibt. Ähnliches gilt für Kretschmann, sie argumentiert kultursoziologisch, gibt ihrer Analyse jedoch durch die Zentralstellung des Assemblagebegriffs eine postmoderne Wendung, die vielversprechend eingebettet ist. An Stellen setzen die von den Autor:innen gewählten Ansätze – unserer Ansicht nach richtigerweise – wichtige Dimensionen der Analyse auf die Agenda, also insbesondere situierte Praxis, Raum, (emotionale) Körper und Materialität. Darüber hinaus gibt es bei beiden Forschungen noch Potential für weitere Anknüpfungspunkte, die bisher nur skizziert sind. Schmidt etwa verweist relativ knapp auf Collins und auch auf Goodwins “professional vision”, gibt diese jedoch vor allem zusammenfassend wieder, ohne die Potentiale hier vollends auszuschöpfen. Kretschmann hingegen verweist in der Erläuterung der Bedeutungszunahme von Simulationen in der polizeilichen Praxis zwar auf internationale Literatur, die die Bedeutung globaler Ereignisse (besonders 9/11) betonen, setzt den Fokus jedoch auf europäische Entwicklung durch die Neoliberalisierung von Stadt- und Kriminalpolitik. Dadurch lässt sie viele Anknüpfungspunkte, etwa an global/postkolonial orientierten Theorien (wie etwa Nekropolitik, siehe z. B. Mbembe, 2019) und Analysen, außen vor. Gleichzeitig muss erneut betont werden, dass vor dem Hintergrund des extrem schwierigen Feldzugang in das Forschungsfeld der Polizei, in dem Forschende häufig mit dem arbeiten müssen, was sie bekommen können, beide Bücher ein Eintauchen in die Welt der Polizeipraxis erlauben, dessen weiterführende theoretische Einbettung eine sehr lesenswerte Leistung darstellt. Während es Kretschmann gelingt, ausgehend von einer mikroanalytischen Untersuchung, die makrostrukturelle Umformung/Ergänzung staatlichen Handlungswissens über den Begriff der “simulativen Souveränität” zu fassen, welche durch eine Kulturalisierung von Staatlichkeit gekennzeichnet ist, bietet Schmidt mit der Rekonstruktion des Verständnisses der normativen Ordnung aus historischer wie auch aus polizeilicher Akteursperspektive auch hier eine Verortung der situierten Wissensbestände und Praktiken mit makro-theoretischen Fragen an. Damit sind für all diejenigen, die sich anhand empirisch-interpretativer Analysen dem Forschungsgegenstand Polizei annähern wollen, beide Werke eine große Bereicherung.
Literatur
Abdul-Rahman, L., Espín Grau, H., Klaus, L., & Singelnstein, T. (2023). Gewalt im Amt: Übermäßige polizeiliche Gewaltanwendung und ihre Aufarbeitung. Campus Verlag. 10.12907/978-3-593-45438-2Suche in Google Scholar
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Malthaner, S., & Teune, S. (Hrsg.). (2023). Eskalation: G20 in Hamburg, Protest und Gewalt (1. Aufl.). Hamburger Edition.10.38070/9783868549997Suche in Google Scholar
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© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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Artikel in diesem Heft
- Frontmatter
- Frontmatter
- Editorial
- Symposium
- Zur Geschichte gesellschaftlicher Klassifikationen
- Durkheims Kategorienprojekt und die Kollektivierung der Klassiker
- Die Kategorien des Denkens als Gegenstand des Kulturvergleichs
- Essay
- Was Sie schon immer über Solidarität wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten
- Themenessay
- Kunst des Perspektivwechsels. Öffentliche Wissenschaften zwischen gönnerhafter Vernunftanwendung und empathischem Wissenstransfer
- Doppelbesprechung
- Protest simulieren, Affekte ausleben: Zwei aktuelle Polizeiethnographien
- Zum Verhältnis von Soziologie und Krise – Zur Standortbestimmung in herausfordernden Zeiten
- Einzelbesprechung Geschichte der Sozialphilosophie und Soziologie
- Peter Fischer, Kosmos und Gesellschaft: Wissenssoziologische Untersuchungen zur Frühen Moderne. Weilerswist: Velbrück 2023, 323 S., br., 49,90 €
- Einzelbesprechung Kapitalismus
- Sarah Lenz / Martina Hasenfratz (Hrsg.), Capitalism unbound: Ökonomie, Ökologie, Kultur. Mit Illustrationen von Maren Flößer. Frankfurt/New York: Campus Verlag 2021, 342 S., gb., 54,00 €
- Einzelbesprechung Normative Entscheidungstheorie
- Uwe Schimank, Entscheiden: Ein soziologisches Brevier. Wiesbaden: Springer VS 2022, 176 S., eBook, 22,99 €
- Einzelbesprechung Organisationssoziologie
- André Armbruster / Christina Besio (Hrsg.), Organisierte Moral: Zur Ambivalenz von Gut und Böse in Organisationen. Wiesbaden: Springer VS 2021, 473 S., eBook, 69,99 €
- Einzelbesprechung Sozialstrukturanalyse
- Christoph Weischer, Stabile UnGleichheiten: Eine praxeologische Sozialstrukturanalyse. Wiesbaden: Springer VS 2022, 786 S., eBook, 44,99 €
- Einzelbesprechung Soziologie des Wertens und Bewertens
- Reiner Keller / Martin Blessinger, Positionierungsmacht: Über Formierung und Regierung der Marktakteure. Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2023, 162 S., br., 29,00 €
- Einzelbesprechung Visuelle Soziologie
- Sebastian W. Hoggenmüller, Globalität sehen: Zur visuellen Konstruktion von »Welt«. Frankfurt/New York: Campus 2022, 236 S., br., 39,95 €
- Rezensentinnen und Rezensenten des 1. Heftes 2025
- Eingegangene Bücher (Ausführliche Besprechung vorbehalten)
Artikel in diesem Heft
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