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Die Kategorien des Denkens als Gegenstand des Kulturvergleichs

Johannes F. M. Schick / Mario Schmidt / Martin Zillinger (Eds.), The Social Origins of Thought: Durkheim, Mauss, and the Category Project. New York/Oxford: Berghahn Books 2022, 330 S., eBook, 162,87 €
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Published/Copyright: March 10, 2025
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Rezensierte Publikation:

Johannes F. M. Schick / Mario Schmidt / Martin Zillinger (Hrsg.), The Social Origins of Thought: Durkheim, Mauss, and the Category Project. New York/Oxford: Berghahn Books 2022, 330 S., eBook, 162,87 €


Am 2. Februar 1846 notierte Carl Hugo Hahn, der im Auftrag der Rheinischen Missionsgesellschaft im südwestlichen Afrika tätig war, in seinem Tagebuch:

Diesen Abend sah ich mich genötigt, mit dem Sjambok zu drohen, wenn sie nicht besser die Fragen beantworten würden. „Welch ein Barbar“, würde man in Europa ausrufen, „der den Sjambok in den Gottesdienst nimmt!“ Jawohl, es ist barbarisch genug, aber dennoch will ich lieber barbarisch ihnen Gottes Wort einbleuen, als dass sie wie Stock und Stein dasitzen und nichts wissen. Sie werden’s mir in der Ewigkeit nicht danken, wenn ich mit ihnen recht zivil umgehe. (Hahn, 1984, S. 298–299)

Hahns Tagebucheintrag dokumentiert eine hierarchische Kommunikationssituation, in der religiöses Wissen unter Gewaltandrohung vermittelt wurde. Der in Zentralnamibia stationierte Missionar bediente sich dabei eines Topos, für den der in Britisch-Indien geborene Romancier und Lyriker Rudyard Kipling ein halbes Jahrhundert später den Ausdruck The White Man’s Burden in seinem gleichnamigen Gedicht prägte (Judd, 1997). Die „fortschrittlichen“ Länder des Westens hätten demnach eine moralische Verpflichtung, Opfer zu erbringen, um vermeintlich „rückständigen“ Völkern zur Zivilisation zu verhelfen – oftmals mit Methoden, die selbst als barbarisch (savage) erscheinen.

Beispiele dieser Art sind zahlreich und illustrieren, wie sich der Kulturkontakt im Zuge der europäischen Expansion häufig gestaltete (Seed, 1995; Reinhard, 2016). Die mit dem Kolonialismus einhergehende Ausweitung der regionalen Beobachtungshorizonte hat jedoch auch Reflexionsprozesse in Europa angestoßen, in denen kulturelle Alterität thematisiert wurde, ohne sie normativ zu bewerten oder praktisch beseitigen zu wollen. Spätestens im 19. Jahrhundert avancierte der Kulturvergleich zum zentralen Medium der Reflexion auf die Pluralität menschlicher Lebensformen, ein Prozess, der sowohl von stereotypen Zuschreibungen und impliziten Wertungen als auch einem ernsthaften Bemühen um Fremdverstehen geprägt war (Paul, 1996; Epple & Erhart, 2015). Der moderne Kulturbegriff verdankt sich diesem Interesse am globalen Vergleich und gewann durch die Zunahme transregionaler Verflechtungen an Relevanz (Fisch, 1992; Luhmann, 1995; vgl. auch Conrad, 2012).

Das Kategorienprojekt der Durkheim-Schule repräsentiert einen wichtigen Kristallisationspunkt dieses Bemühens, menschliche Pluralität im Medium des Kulturvergleichs sichtbar zu machen. Dabei wäre es ein Leichtes, Spuren im Denken Émile Durkheims (oder seiner Schüler) zu finden, die zeigen, dass sein soziologischer Blick durch problematische Vorannahmen getrübt wurde, die auf den kolonialen Kontext seiner Zeit verweisen (Meghji, 2020; Bhambra & Holmwood, 2021). Die homogenisierenden Strukturbeschreibungen außereuropäischer Gemeinwesen und ihrer symbolischen Ordnungen, die wenig Raum für interne Variationen und Konflikte lassen, der unterschwellige Evolutionismus mit seinem Postulat eines stufenförmigen Entwicklungsprozesses von „primitiven“ zu „komplexen“ Gesellschaften sowie die Ausblendung der globalen Austausch- und Machtbeziehungen, welche die „moderne“ Arbeitsteilung in Europa ermöglichten und nachhaltig prägten, können hier angeführt werden. Und dennoch: Die Durkheim-Schule bricht mit der kolonialen Episteme ihrer Zeit, insofern sie jede Kultur als in ihrem funktionalen Aufbau rational rekonstruierbar erachtet. Dies gelte nicht nur für kulturspezifische Körpertechniken und Rituale; noch die kognitiven Tiefenstrukturen fremder Gesellschaften folgten einer intelligiblen Logik, so ungewohnt diese zunächst erscheinen möge (Mauss, 2010a [1935]; Durkheim, 1994 [1912]). Mit der sich herausbildenden Ethnologie, auf deren Befunden das Kategorienprojekt aufbaut, teilen Durkheim und sein Umfeld das Anliegen, im Anderen nicht die Abwesenheit von Ordnung zu sehen, sondern aufzuzeigen, dass eine andere Ordnung besteht, die von der eigenen verschieden ist (Därmann, 2005; Dobler, 2015). Um die fremden Monde am Firmament der menschlichen Vernunft erkunden zu können, muss die Durkheim-Schule folglich den Zivilisationsbegriff konsequent im Plural verwenden (z. B. Mauss, 2010b [1926]). Nicht der Abgleich mit dem kolonialen standard of civilisation (Mazower, 2012), sondern die Untersuchung der Vielfalt menschlicher Zivilisationen steht im Zentrum ihres Erkenntnisinteresses.

Der Sammelband The Social Origins of Thought, herausgegeben von Johannes F. M. Schick, Mario Schmidt und Martin Zillinger, beleuchtet in 17 zumeist kurzen, aber substanziellen Beiträgen dieses ambitionierte Programm einer kulturvergleichenden Epistemologie. Die ideengeschichtlichen Hintergründe und zentralen Inhalte des Kategorienprojekts dürfen als vertraut gelten (z. B. Joas, 1985; Hörl, 2005; Stedman Jones, 2012). In mehreren Anläufen, letztlich jedoch unvollendet, haben Durkheim und seine Weggefährten versucht, den Nachweis zu erbringen, dass die dem Denkprozess eine Form gebenden Kategorien sozialen Ursprungs sind. Ihre Grundstruktur verhalte sich dabei homolog zur Struktur der Gesellschaft, aus der sie hervorgehen (Durkheim & Mauss, 1987 [1903]). Die reinen Verstandesbegriffe Kants, die seiner Transzendentalphilosophie zufolge nicht aus der Erfahrung stammen, sondern als denknotwendige Prinzipien vorausgesetzt werden müssen, begreift Durkheim (1994 [1912], S. 41) im Gegensatz dazu als kulturell variable „Denkinstrumente, die die menschlichen Gruppen mühsam im Lauf der Jahrhunderte geschmiedet und in denen sie den besten Teil ihres intellektuellen Kapitals angehäuft haben“. An die Stelle der kantischen Kategorientafel, die mit ihren vier Abteilungen – Quantität, Qualität, Relation und Modalität – bestehend aus jeweils drei Kategorien das Vermögen des menschlichen Verstands, Erkenntnisse zu synthetisieren und Urteile zu bilden, vollständig abbilden soll, tritt ein offener Katalog von Kategorien, der mehr an Aristoteles als an Kant erinnert. Dieser Katalog umfasst auch Raum und Zeit sowie die hierarchische Klassifikation nach Gattung und Art. Wichtiger ist jedoch, dass Durkheim im Unterschied zu sowohl Kant als auch Aristoteles die Kategorien als kulturgebunden betrachtet. Die kategorialen Tiefenstrukturen des Denkens seien relativ zu den Gesellschaftsordnungen zu verstehen, mit denen sie in einem kausalen Zusammenhang stehen.

Dennoch ist das Kategorienprojekt mit seiner Scharnierfunktion zwischen Philosophie, Soziologie und Ethnologie in wichtigen Aspekten unerforscht (Schüttpelz, 2015). Die strukturierende Einleitung der Herausgeber setzt Orientierungspunkte, an denen sich eine vertiefte Auseinandersetzung halten kann. Zunächst wird überzeugend der kollaborative Charakter des Kategorienprojekts herausgestellt. Neben Durkheim und Marcel Mauss waren noch zahlreiche weitere Forscherpersönlichkeiten an der Ausarbeitung dieses Projekts beteiligt, darunter Henri Hubert, Robert Hertz, Antoine Bianconi, Maurice Halbwachs und Marcel Granet. Ergänzend zu den publizierten Abhandlungen, so die Herausgeber weiter, seien auch Debatten an der Société française de philosophie, informelle Treffen, Briefe und graue Literatur zu berücksichtigen, um ein umfassendes Bild zu erhalten. Eine kohärente Erzählung der Geschichte des Kategorienprojekts werde aber nicht nur durch die Einschnitte der beiden Weltkriege erschwert, sondern auch durch die eher lose Form der Kooperation. Letztlich sei das Kategorienprojekt ein Fragment geblieben: „The project had never been spelled out systematically and remains to be reconstructed as a collective effort spanning almost fifty years and including the work of a dozen scholars“ (Schick et al., S. 2).

Obwohl fragmentarisch geblieben, folgte das Kategorienprojekt nach Ansicht der Herausgeber einer stringenten Methode. In Anlehnung an eine Passage aus Durkheims Die Regeln der soziologischen Methode (1984 [1895], S. 205) wird diese als „indirektes Experiment“ beschrieben. Die Methodenwahl ergebe sich zwanglos aus der inhaltlichen Grundthese: Da die kategoriale Ordnung des Denkens aus wiederkehrenden Interaktionen hervorgehe, insbesondere aus affektiv aufgeladenen Ritualen, könne sie nicht mithilfe künstlicher Experimentalanordnungen erforscht werden, die einen punktuellen und klinischen Charakter haben. Dennoch ließen sich durch einen systematischen Vergleich zumindest indirekt die Randbedingungen so weit kontrollieren, dass die relevanten Variablen hinreichend trennscharf hervortreten und Kausalbeziehungen feststellbar werden. Herausgeber Mario Schmidt geht in seinem Einzelbeitrag noch einen Schritt weiter, indem er argumentiert, dass Gesellschaften in Situationen kollektiver Erregung oder Efferveszenz gleichsam Experimente an sich selbst durchführten. Durch diese für ein Kollektiv prägenden Erfahrungen würden bestimmte Kategorien mit quasi-universeller, allgemein anerkannter Evidenz ausgestattet.

Trotz der methodologischen Orientierung am Experiment besitzt das Kategorienprojekt einen ausgesprochen spekulativen Charakter. Mit der kollektiven Efferveszenz wird zwar ein Kausalmechanismus abstrakt benannt, doch inwiefern dieser den postulierten Zusammenhang zwischen Gesellschafts- und Denkform zu erklären vermag, bleibt mir auch nach der Lektüre der anregenden Beiträge des Bandes fraglich. Der von William Watts Miller skizzierte Vorschlag, das Konzept der Efferveszenz mit Bergson und der jüngeren Primatenforschung zu erweitern, um nicht nur die Genese kollektiver Denkgewohnheiten, sondern auch die Evolution menschlicher Sozialität als solche zu erklären, liest sich interessant. Ob dies jedoch dazu beiträgt, das Kategorienprojekt auf eine solidere Grundlage zu stellen, kann man bezweifeln. Zielführender erscheint mir der Beitrag von Susan Stedman Jones. Nicht so sehr die durch Rituale hervorgerufene Efferveszenz, sondern vielmehr eine fortwährende kollektive Arbeit – im nicht-marxistischen Sinne verstanden – produziere die in einer Gesellschaft verbreiteten Denkschablonen. Wie schon bei Aristoteles und Kant werden die Kategorien somit als Werkzeug oder Organon begriffen, an deren mühsamer und kontingenter Herstellung jedoch Generationen von Menschen beteiligt gewesen seien. Leider bleibt auch bei Stedman Jones unklar, wie genau man sich die Produktion dieser Denkwerkzeuge vorstellen soll. Von einer empirischen Untersuchung der Genese und Reproduktion klassifikatorischer Schemata, wie sie in der Konversationsanalyse (Sacks, 1989) und den Science and Technology Studies betrieben wird (Bowker & Star, 1999), ist man hier noch weit entfernt.

Das erklärte Ziel der Herausgeber ist zugegebenermaßen ein anderes. Der Band soll in erster Linie dazu beitragen, die Geschichte des Kategorienprojekts zu erhellen. Die bisherige Forschung habe sich primär auf inhaltliche Aspekte konzentriert, wobei meist die publizierten Schriften von Durkheim und Mauss sowie deren Auslegung im Zentrum standen. „Yet, we still lack a comprehensive history of how the category project developed over time as a collaborative work of different scholars“ (Schick et al., S. 1). Auch wenn die Geschichte dieses kollaborativen Unternehmens erst noch zu schreiben sei, ließen sich annäherungsweise vier Phasen unterscheiden, welche die Entwicklungsstufen des Kategorienprojekts als ein „comparative experiment“ (Schick et al., S. 3) wiedergeben. Die Hypothesenbildung erfolgte demnach im Wesentlichen um 1903. Hubert lieferte zwar bereits 1902 am Beispiel religiöser Vorstellungen die zentralen Stichworte, doch zu einem kohärenten Programmentwurf wurden sie erst von Durkheim und Mauss in ihrem berühmten Aufsatz „Über einige primitive Formen von Klassifikation“ ausformuliert. In der zweiten Phase, die sich von 1904 bis 1906 erstreckte, wurde dieses Programm mithilfe exemplarischer Tiefenbohrungen oder „crucial experiments“ (Schick et al., S. 6) untermauert. Mauss, Hubert und Henri Beuchat bemühten sich, anhand der Kategorien Raum, Zeit, Kausalität und Substanz die forschungsleitende Hypothese zu erhärten. Am Ende dieser Phase gewann der sich im Hintergrund haltende Durkheim genügend Zuversicht in die Tragfähigkeit dieses Ansatzes, um eine Theorie der sozialen Konstitution der Kategorien zu wagen, die in Die elementaren Formen des religiösen Lebens von 1912 ihre ausführlichste Darstellung fand. Nach Durkheims Tod im Jahr 1917 arbeiteten sich seine Schüler und deren Schüler an seinem intellektuellen Erbe ab. Das Kategorienprojekt diente dabei als paradigmatische Klammer, die es einer wachsenden Zahl von Forschern in der Zwischenkriegszeit (darunter Halbwachs, Granet, Paul Fauconnet und Stefan Czarnowski) erlaubte, die Soziologie im Dialog mit der Psychologie, Geschichte und Linguistik im geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächerkanon zu verankern. Mauss rückte in dieser Phase zunehmend in die Rolle der prägenden Figur der Durkheim-Schule auf, die nach dem Tod seines Onkels für einige Zeit unbesetzt geblieben war.

Damit ist ein historisches Narrativ skizziert, an dem die zukünftige Forschung anknüpfen kann. Wer nach der Lektüre der luziden Einleitung jedoch erwartet, dass die darauffolgenden Aufsätze eine mehr oder weniger kohärente Geschichte des Kategorienprojekts liefern, wird enttäuscht sein. Dafür sind die Beiträge nicht nur zu disparat, sondern verknüpfen häufig auch ideengeschichtliche Rekonstruktionen mit inhaltlichen Interpretationen, die auf Geltungsansprüche abzielen. Einige Beiträge versuchen zudem das Durkheim‘sche Forschungsprogramm zu aktualisieren, anstatt es zu historisieren. Anne Warfield Rawls bringt etwa das Kategorienprojekt zusammen mit der Theorie gesellschaftlicher Arbeitsteilung in Anschlag, um heutige Fragen nach sozialer Gerechtigkeit (social justice) zu adressieren. In ähnlicher Weise verschwimmen die Grenzen zwischen historischer Rekonstruktion und kreativer Adaption bei Nick J. Allen und Wendy James, die in ihren lesenswerten Beiträgen die Durkheim’sche Perspektive nutzen, um Verwandtschaftskonzepte in indoeuropäischen Mythen zu interpretieren bzw. die musikalischen Praktiken sudanesischer und äthiopischer Flüchtlinge zu untersuchen.

Durch die Lektüre des Bandes erfährt man dennoch unzählige Details zum Verhältnis Durkheims zu seinen Schülern sowie zur Rezeption seiner Arbeiten sowohl bei Zeitgenossen als auch Nachgeborenen. Ein Höhepunkt war für mich der Beitrag von Nicolas Sembel, der auf frühere, bislang nur auf Französisch vorliegende Arbeiten aufbaut. Durch die Auswertung der Ausleihregister verschiedener Bibliotheken – in diesem Text mit Fokus auf die prägenden Jahre in Bordeaux – und den Abgleich mit zitierten Werken in den Publikationen von Durkheim und Mauss gelingt es Sembel, Rückschlüsse auf deren Arbeitspraktiken zu ziehen. Dabei wird deutlich, wie systematisch Durkheim unveröffentlichte Dissertationen, Fachzeitschriften aus unterschiedlichsten Disziplinen und die Arbeiten der britischen Anthropologie durchforstete, um empirische Daten zu sammeln, die für seine soziologische Modellbildung als nützlich erschienen. Der Aufsatz deutet zudem an, auch wenn dies im Vergleich weniger greifbar wird, wie kongenial die Zusammenarbeit von Mauss und Durkheim war – ein Umstand, der nach Ansicht von Sembel in den gemeinsamen Publikationen nur unzureichend zum Ausdruck komme.

Eine Prosopographie und damit verbundene feld- oder netzwerktheoretische Rekonstruktion der Durkheim-Schule, wie sie inzwischen für die französische Soziologie der Nachkriegszeit vorliegt (Steinmetz, 2023), bleibt trotz der verdienstvollen Beiträge des Bandes weiterhin ein Forschungsdesiderat. Zudem wäre der Anachronismus deutlicher herauszuarbeiten, der das Kategorienprojekt von Anfang an zu unterminieren drohte. Die komparative Erschließung der Pluralität menschlicher Denkformen erfolgte nämlich zu einer Zeit, als diese Pluralität durch den sich global ausweitenden Kolonialismus westlicher Mächte zunehmend unter Druck geriet oder bereits in Auflösung begriffen war. Dies dürfte den Herausgebern nicht entgangen sein. Zumindest mutet das Titelbild wie ein Metakommentar zum Kategorienprojekt an, das zwischen den Buchdeckeln verhandelt wird. Die Zeichnung auf dem Cover zeigt eine Zeremonie der Wadawurrung, ein indigener Stamm im Südosten Australiens, und wurde in den 1880er Jahren vom Kwatkwat-Künstler Tommy McRae angefertigt.[1] Eingereiht zwischen den tanzenden Wadawurrung befindet sich eine Figur mit weißer Hautfarbe, die – abgesehen von ihrem Hut – die lokale Kleidung und Körperbemalung trägt und als initiiertes Gruppenmitglied am Ritual teilnimmt. Das Schiff im Hintergrund verweist auf die europäische Herkunft des Mannes, während der Titel Buckley Ran Away from Ship die Identität des akkulturierten Fremden offenbart: Es handelt sich um William Buckley, der 1803 als britischer Sträfling nach Australien kam. Nach seiner Flucht aus der Gefangenschaft lebte er über drei Jahrzehnte unter den Wadawurrung und nahm ihre Lebensweise an, ohne dass seine Herkunft dadurch unsichtbar wurde. Das Bild zeigt eindrücklich, dass die Kulturen der Welt zu Durkheims Zeiten bereits begonnen hatten, sich wechselseitig zu durchdringen. Auch wenn diese Durchdringung, anders als in der Geschichte Buckleys, häufig einer erzwungenen Öffnung glich, fanden zahlreiche Austausch- und Interaktionsprozesse statt, die alle beteiligten Gesellschaften und deren Kategorienhaushalt nachhaltig veränderten.

Dies führte zu folgendem Paradox: Genau in dem Moment, als ein systematischer Kulturvergleich historisch möglich wurde, erwies er sich zugleich als unmöglich. Die europäische Expansion lieferte nicht nur die ethnologischen Daten, auf denen das Kategorienprojekt basierte, sondern schuf auch kulturübergreifende Verflechtungen, die Gesellschaften weltweit veränderten. Mit der zunehmenden Interaktionsdichte zwischen den Weltregionen stieß jedoch auch die komparative Methode an ihre Grenzen. Mauss versuchte in der Zwischenkriegszeit die französische Kolonialverwaltung davon zu überzeugen, ihre Beamten ethnologisch zu schulen, um weniger invasiv zu regieren und so die lokalen Kulturen zu bewahren (Kurasawa, 2013). Dennoch wirkte das Kategorienprojekt zunehmend anachronistisch. Die Taxonomie menschlicher Denkformen, die Durkheim und seinen Schülern vorschwebte, passte letztlich in eine Zeit, in der die Welt noch nicht durch globale Imperien und weltumspannende Wertschöpfungsketten in Bewegung versetzt worden war. So verfehlte das Kategorienprojekt genau jenen historischen Moment, dem es seine Entstehung verdankte.

Literatur

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Online erschienen: 2025-03-10
Erschienen im Druck: 2025-03-05

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Articles in the same Issue

  1. Frontmatter
  2. Frontmatter
  3. Editorial
  4. Symposium
  5. Zur Geschichte gesellschaftlicher Klassifikationen
  6. Durkheims Kategorienprojekt und die Kollektivierung der Klassiker
  7. Die Kategorien des Denkens als Gegenstand des Kulturvergleichs
  8. Essay
  9. Was Sie schon immer über Solidarität wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten
  10. Themenessay
  11. Kunst des Perspektivwechsels. Öffentliche Wissenschaften zwischen gönnerhafter Vernunftanwendung und empathischem Wissenstransfer
  12. Doppelbesprechung
  13. Protest simulieren, Affekte ausleben: Zwei aktuelle Polizeiethnographien
  14. Zum Verhältnis von Soziologie und Krise – Zur Standortbestimmung in herausfordernden Zeiten
  15. Einzelbesprechung Geschichte der Sozialphilosophie und Soziologie
  16. Peter Fischer, Kosmos und Gesellschaft: Wissenssoziologische Untersuchungen zur Frühen Moderne. Weilerswist: Velbrück 2023, 323 S., br., 49,90 €
  17. Einzelbesprechung Kapitalismus
  18. Sarah Lenz / Martina Hasenfratz (Hrsg.), Capitalism unbound: Ökonomie, Ökologie, Kultur. Mit Illustrationen von Maren Flößer. Frankfurt/New York: Campus Verlag 2021, 342 S., gb., 54,00 €
  19. Einzelbesprechung Normative Entscheidungstheorie
  20. Uwe Schimank, Entscheiden: Ein soziologisches Brevier. Wiesbaden: Springer VS 2022, 176 S., eBook, 22,99 €
  21. Einzelbesprechung Organisationssoziologie
  22. André Armbruster / Christina Besio (Hrsg.), Organisierte Moral: Zur Ambivalenz von Gut und Böse in Organisationen. Wiesbaden: Springer VS 2021, 473 S., eBook, 69,99 €
  23. Einzelbesprechung Sozialstrukturanalyse
  24. Christoph Weischer, Stabile UnGleichheiten: Eine praxeologische Sozialstrukturanalyse. Wiesbaden: Springer VS 2022, 786 S., eBook, 44,99 €
  25. Einzelbesprechung Soziologie des Wertens und Bewertens
  26. Reiner Keller / Martin Blessinger, Positionierungsmacht: Über Formierung und Regierung der Marktakteure. Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2023, 162 S., br., 29,00 €
  27. Einzelbesprechung Visuelle Soziologie
  28. Sebastian W. Hoggenmüller, Globalität sehen: Zur visuellen Konstruktion von »Welt«. Frankfurt/New York: Campus 2022, 236 S., br., 39,95 €
  29. Rezensentinnen und Rezensenten des 1. Heftes 2025
  30. Eingegangene Bücher (Ausführliche Besprechung vorbehalten)
Downloaded on 12.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/srsr-2024-2086/html
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