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Jack Watling/Nick Reynolds: Ukraine at War. Paving the Road from Survival to Victory. London: Royal United Services Institute (RUSI), Juli 2022

  • Leo Bamberger

    non-resident fellow

Published/Copyright: November 29, 2022

Reviewed Publication:

Watling Jack Reynolds Nick Ukraine at War Paving the Road from Survival to Victory. London Royal United Services Institute (RUSI) Juli 2022


Die vorliegende Studie des Royal United Services Institute versucht, nach vier Monaten des Krieges in der Ukraine eine Bilanz zu ziehen und vor allem aufzuzeigen, was geschehen muss, damit es der Ukraine gelingt, die russischen Truppen zu vertreiben. Die Arbeit basiert auf Interviews, die vor und nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine geführt wurden. Sie bezieht sich weitgehend auf die Land- und Luftkriegsführung.

Die Autoren gelangen zu der Schlussfolgerung, dass zum derzeitigen Zeitpunkt die Ukrainer fest entschlossen sind, den russischen Truppen eine Niederlage auf operative Ebene zuzufügen, d. h. es ist ihr Ziel, die russischen Truppen auf die Grenzen von vor 2014 zurückzutreiben. Dieses Ziel, so die Verfasser, läge derzeit nicht im Bereich des Möglichen. Mehrere Vorteile der russischen Seite und Schwächen auf Seiten der Ukraine würden dazu führen, dass der Krieg durch Abnutzungsgefechte charakterisiert sei. Das Risiko bestehe darin, dass daraus ein langanhaltender Krieg werde, der am Ende die russische Seite begünstige.

Der Bericht zählt fünf Schwachpunkte der Ukraine auf: (1) Die russischen Fähigkeiten im Bereich der elektronischen Kriegführung verhinderten, dass die Ukrainer die russische Artillerie niederhalten können; (2) die massiert operierende russische Artillerie würde die ukrainischen Verbände in Schach halten und so verhindern, dass diese sich sammeln können, um Offensiven zu unternehmen; (3) russische Marschflugkörperangriffe hätten die ukrainische Wirtschaft und zivile Infrastruktur massiv beeinträchtigt und erhöhen die mit dem Krieg einhergehenden politischen Kosten für das Land; (4) die Ukraine hätte einen Mangel an ausgebildeten Infanteristen und Panzerführern, was die Angriffsfähigkeiten der Streitkräfte stark behindert; (5) es bestünden Mängel im Bereich der operativen und taktischen Planung.

Die internationalen Partner der Ukraine, so die Autoren, hätten es in der Hand, der Ukraine jene Fähigkeiten zu verleihen, mit deren Hilfe sie die derzeitige Dynamik umdrehen und besetzte Gebiete zurückerobern können. Es sei wenig sinnvoll, unterschiedliche Waffensysteme zu liefern, die jeweils verschiedene Logistikketten und Ausbildungsgänge zur Folge hätten. Vielmehr müsste sich die Hilfe auf eine überschaubare Zahl von Plattformen und Waffensystemen beschränken.

Die Studie nennt mehrere Bereiche, in denen die westlichen Lieferstaaten wesentliche Verbesserungen bewirken könnten: (1) Luft-Boden-Raketen zur Bekämpfung von bodengebundenen Radaranlagen (High-Speed-Anti-Radiation-Missiles) und der russischen Komplexe elektronischer Kriegführung; (2) Mehrfachraketenwerfersysteme hoher Präzision und Mobilität, um russische Logistik und Munitionslager zu zerstören; (3) Haubitzen vom Kaliber 155 mm und die entsprechende Munition, um russische Truppenkonzentrationen zu verhindern; (4) sichere Kommunikationssysteme; (5) weitere Panzerabwehrwaffen und tragbares Flugabwehrgerät; (6) gepanzerte Fahrzeuge jeglicher Art, um den Schutz der Infanterie zu verbessern; (7) ortsgebundene Luftabwehr, um weitere Angriffe mit Marschflugkörpern abzuwehren.

Die Verfasser empfehlen weiterhin ein umfangreiches Ausbildungsprogramm westlicher Staaten für ukrainische Soldaten, damit diese so schnell wie möglich mit den neuen Waffensystemen vertraut gemacht werden. Außerdem müsse ein Schwerpunkt der Ausbildung auf dem Zusammenwirken von Heer und Luftwaffe gelegt werden. Das Gefecht der verbundenen Waffen sei eine wichtige Voraussetzung für einen Sieg der Ukraine.

Die Studie erschien Anfang Juli 2022 und erregte große Aufmerksamkeit in Medien und Politik. Wie richtig die Verfasser lagen, konnte man daran ablesen, dass die USA kurz darauf mit der Lieferung von HIMARS Raketenwerfern an die Ukraine begannen, die – trotz geringer Zahl – zu einer Veränderung der militärischen Lage führten. Die Ukrainer konnten russische Munitionsdepots und Führungseinrichtungen zerstören und zwangen so die russische Armee dazu, ihre Munitionsdepots außerhalb der Reichweite der HIMARS zu verlegen. Auch lieferten die USA Luft-Boden-Raketen des Typs AGM-88 HARM, die die Ukrainer in MiG-Flugzeuge integrierten und mit Erfolg gegen die russische Elektronische Kriegführung einsetzen konnten. Auch wurden andere Mehrfachraketenwerfer westlicher Provenienz und Haubitzen geliefert, die den erwünschten Erfolg brachten. Zudem lief ein umfassendes Ausbildungssystem für ukrainische Soldaten in den USA, Großbritannien und anderen Staaten an.

https://rusi.org/explore-our-research/publications/special-resources/ukraine-war-paving-road-survival-victory

About the author

Prof. em. Dr. Leo Bamberger

non-resident fellow

Published Online: 2022-11-29
Published in Print: 2022-12-16

© 2022 bei den Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.

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